Geschichte · Klasse 11–13 · aktualisiert
Holocaust im Abitur: Wissen, Analyse und Urteil
Du erklärst die Eskalation des Holocaust, untersuchst Verantwortung und entwickelst mit historischen Belegen ein begründetes Abitururteil.
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Kurz gesagt
Holocaust und Shoah bezeichnen den Völkermord an etwa sechs Millionen europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland, seine Verbündeten und Mitwirkenden. Im Abitur erklärst du die Entwicklung, analysierst Materialien und begründest differenzierte Urteile.
Eine zeitliche Reihenfolge erklärt noch nicht, warum Menschen Verbrechen planten und ausführten. Dafür musst du Entscheidungen, beteiligte Institutionen und konkrete Handlungen untersuchen. Du lernst außerdem, was ein historisches Dokument belegt und wo seine Aussagekraft endet.
Deine Lernziele
Hake ab, was du schon kannst. Löst du alle Aufgaben eines Abschnitts, hakt Mela das Ziel für dich ab.
4 Abschnitte
Holocaust und Shoah bezeichnen denselben Völkermord: Das nationalsozialistische Deutschland, seine Verbündeten und Mitwirkenden ermordeten etwa sechs Millionen europäische Juden. Shoah ist ein hebräisches Wort für Katastrophe oder Untergang. Das Wort Holocaust stammt aus dem Griechischen und bezeichnete ursprünglich ein religiöses Brandopfer. Manche lehnen diese Verbindung ab. Der Völkermord war kein religiöses Opfer.
Ab 1933 grenzte das nationalsozialistische Regime, kurz NS-Regime, jüdische Menschen mit Gesetzen, Boykotten und Gewalt aus. Boykotte sollten Menschen davon abhalten, etwa in jüdischen Geschäften einzukaufen. Die Nürnberger Gesetze von 1935 und nachfolgende Verordnungen verschärften die bereits bestehende Entrechtung. Bei den Novemberpogromen 1938 griffen Täter reichsweit jüdische Menschen, Synagogen, Geschäfte und Wohnungen an. Synagogen sind jüdische Gebetshäuser. Die NS-Führung billigte diese Gewalt. Weder Entrechtung noch Gewalt begannen erst mit diesen beiden Stationen.
Mit dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 begann der Zweite Weltkrieg in Europa. Durch die Besatzung gerieten weitere jüdische Menschen unter deutsche Herrschaft. Ab 1939/40 entstanden dort Ghettos, also abgegrenzte Wohngebiete, in denen Juden zwangsweise leben mussten. Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 steigerten deutsche Einheiten die Massenerschießungen bis zur Ermordung ganzer jüdischer Gemeinden. Die Sowjetunion war der angegriffene Staat. Ab Ende 1941 betrieben die Täter eigens eingerichtete Tötungszentren. 1942 weitete sich der systematische Mord aus; die Verbrechen dauerten bis 1945.
Diese Stationen zeigen eine Eskalation, also eine zunehmende Verschärfung der Verfolgung. Sie bilden keine zwangsläufige oder überall gleiche Reihenfolge. Die Jahresangabe 1939 kennzeichnet den Beginn der Kriegsphase mit Ghettos und Deportationen, also zwangsweisen Verschleppungen. Sie bedeutet nicht, dass jede Maßnahme an jedem Ort sofort 1939 begann. Menschen trafen Entscheidungen und handelten; die Jahreszahlen allein erklären den Verlauf nicht.
Definition
Entrechtung
Entrechtung bedeutet, Menschen Rechte zu entziehen. Die Nürnberger Gesetze verschärften 1935 die bereits bestehende Entrechtung jüdischer Menschen.
Beispiel: Eine Station genau einordnen
- 1Die Novemberpogrome 1938 waren reichsweite offene Gewalt gegen jüdische Menschen und ihre Einrichtungen.
- 2Die NS-Führung billigte diese Gewalt.
- 3Die Station zeigt eine Verschärfung. Gewalt hatte bereits vorher zur Verfolgung gehört.
Teste dich
Die NS-Ideologie verbreitete rassistische Feindbilder. Ihre Vorstellung, jüdische Menschen bildeten eine einheitliche feindliche Gruppe, war falsch. Wenn du von einer ideologischen Rechtfertigung der Verfolgung liest, ist damit der Rechtfertigungsversuch der Täter gemeint. Er macht ihre Behauptungen weder wahr noch ihre Handlungen berechtigt.
Die Diktatur beseitigte Schutz und Gegenmacht. Behörden erfassten Menschen, organisierten ihre Entrechtung und wirkten an Deportationen mit. Der Krieg vergrößerte den deutschen Herrschaftsraum und erweiterte die Möglichkeiten zur Gewalt. Diese Faktoren wirkten zusammen. Dennoch entstand der Massenmord durch menschliche Entscheidungen und Handlungen, nicht durch einen selbstständig ablaufenden Mechanismus.
Die NS-Propaganda sollte Meinung und Verhalten beeinflussen. Nach dem United States Holocaust Memorial Museum, einem Museum zur Geschichte des Holocaust, förderte sie Hass und Gleichgültigkeit gegenüber der Verfolgung. Dabei musst du drei Ebenen unterscheiden: die beabsichtigte Beeinflussung, die allgemeine gesellschaftliche Wirkung und die Reaktion eines bestimmten Menschen. Eine beabsichtigte Wirkung belegt noch keine individuelle Reaktion. Dafür brauchst du zusätzliche Belege zum Verhalten und Wissen dieser Person.
Am 20. Januar 1942 berieten Vertreter der SS, der Partei und verschiedener Ministerien auf der Wannsee-Konferenz über die weitere Durchführung und Ausweitung des bereits begonnenen Völkermords. SS bedeutet Schutzstaffel; sie war eine nationalsozialistische Organisation, die Verbrechen organisierte und verübte. Der Konferenzteilnehmer Heydrich beanspruchte die leitende Zuständigkeit. Die Konferenz diente der Koordination, also der Abstimmung des Vorgehens. Sie war weder der erstmalige Mordbeschluss noch der Beginn jeder Beteiligung von Behörden. Eine Übersicht mit den Stationen 1933–1942 endet deshalb vor dem Ende der Verbrechen: Diese dauerten bis 1945.
Merke: Ideologie, Diktatur, Behörden und Krieg erklären Bedingungen und Zusammenhänge. Verantwortlich handelten Menschen. Eine Aufzählung von Faktoren ersetzt keine Untersuchung ihrer Entscheidungen.
Teste dich
Adolf Hitler und die NS-Führung trugen die zentrale politische Verantwortung. SS und Polizei organisierten und verübten Verbrechen. Ministerien, Behörden und Bahnmitarbeiter ermöglichten Deportationen. Einzelne Menschen denunzierten Verfolgte, meldeten sie also bei den Verfolgungsorganen, oder profitierten von geraubtem Eigentum. Andere Menschen halfen Verfolgten. Die Sammelbezeichnung Zuschauer verdeckt diese unterschiedlichen Handlungen.
Für ein Verantwortungsurteil untersuchst du die konkrete Handlung und die Funktion einer Person. Du prüfst außerdem ihr nachweisbares Wissen, ihre Möglichkeiten und ihre Risiken. Nicht alle wussten dasselbe. Dieser Unterschied begründet weder eine pauschale Unschuld noch eine gleiche Schuld aller. Auch die Zugehörigkeit zu einer Institution ersetzt keine personenspezifischen Belege.
Verfolgte Menschen hatten Beziehungen, Fähigkeiten und Zukunftspläne. Anne Frank wurde 1929 in Frankfurt am Main geboren. Nach dem Umzug nach Amsterdam lernte sie Niederländisch, fand Freunde und besuchte eine Schule. Die deutsche Besatzung der Niederlande ab 1940 schränkte ihr Leben zunehmend ein. Sie musste eine Schule für jüdische Kinder besuchen. 1942 ging ihre Familie ins Versteck; Helfer unterstützten die Versteckten.
Anne schrieb dort Tagebuch und Kurzgeschichten, begann einen Roman und sammelte Sätze aus Büchern. Nach einem Radioaufruf zur Aufbewahrung von Kriegsdokumenten arbeitete sie ihre Tagebücher zu einer zusammenhängenden Erzählung um. Sie wollte Schriftstellerin oder Journalistin werden. Ihr Schreiben zeigt eine eigene Tätigkeit und Zukunftsabsicht unter extrem eingeschränkten Bedingungen. Es bedeutet nicht, dass sie ihre Verfolgung hätte frei verhindern können.
Im August 1944 wurden die Versteckten verhaftet. Nach Deportationen starb Anne 1945 im Lager Bergen-Belsen. Nach dem Anne-Frank-Haus ist der Anlass des Polizeizugriffs ungeklärt. Du darfst diese Lücke nicht durch eine unbelegte Behauptung über einen bestimmten Verantwortlichen schließen.
Merke: Unterscheide politische Leitung, organisatorische Mitwirkung und konkrete persönliche Handlungen. Unterschiedliches Wissen verlangt genaue Prüfung und ersetzt kein Verantwortungsurteil.
Teste dich
Beginne mit der Fragestellung und einem klaren Kriterium. Ein Kriterium ist der Gesichtspunkt, nach dem du urteilst, etwa organisatorische Beteiligung. Beschreibe das Material mit Fundstellen, ordne es historisch ein und wäge Belege sowie Grenzen ab. Daraus entwickelst du dein Urteil.
Hier untersuchst du Auszüge aus dem Besprechungsprotokoll der Wannsee-Konferenz vom 20. Januar 1942. Adolf Eichmann, der die Besprechung zusammenfasste, hielt ihre Ergebnisse fest. Der interne Text richtete sich an beteiligte staatliche und parteiliche Stellen. Die erhaltene 16. von 30 Ausfertigungen trägt den Vermerk „Geheime Reichssache!“. Das Original liegt im Politischen Archiv des Auswärtigen Amts unter der Signatur R 100857, Bl.166–188. Die folgenden Auszüge verwenden die originalgetreue Abbildung, das Faksimile, des Hauses der Wannsee-Konferenz, gedruckte Seiten 1–3 und PDF-Seiten 1–3.
Das Protokoll ist eine Täterquelle. Der Ausdruck „Endlösung der Judenfrage“ verschleiert die Verfolgungs- und Vernichtungspolitik. Er bezeichnet kein tatsächlich bestehendes Problem. Die rassistische Vorstellung einer einheitlichen jüdischen Feindgruppe ist falsch. Die folgenden Zitate dienen der kritischen Untersuchung dieser Tätersprache. Sie zeigen Absichten und Sichtweisen ihrer Verfasser, nicht die Erfahrungen der Verfolgten.
Die Abschrift löst Zeilenumbrüche und Silbentrennungen auf und gibt die SS-Runen als „SS“ wieder. Die alte Rechtschreibung bleibt erhalten. Eckige Auslassungszeichen kennzeichnen Kürzungen. Q1a bis Q3 sind redaktionelle Bezeichnungen. Die Tabelle enthält nur ausgewählte Einträge; ihre Überschriften sind redaktionell ergänzt. Die drei Einträge stehen im Original nicht unmittelbar hintereinander.
Q1a: Beginn des Originalauszugs von gedruckter Seite 1, Überschrift und Beginn der Teilnehmerliste.
Besprechungsprotokoll.
I. An der am 20.1.1942 in Berlin, Am Großen Wannsee Nr. 56/58, stattgefundenen Besprechung über die Endlösung der Judenfrage nahmen teil:
Ende des Originalauszugs Q1a. Die zugehörige Auswahl aus der Teilnehmerliste findest du als Tabelle Q1b in diesem Abschnitt.
Vor Q2 und Q3 helfen heutige Worterklärungen: Zentralinstanzen sind die zentralen Behörden und Dienststellen. Parallelisierung der Linienführung bedeutet hier, ihr Vorgehen aufeinander abzustimmen. Federführung meint die beanspruchte leitende Zuständigkeit. SD bedeutet Sicherheitsdienst. Er war ein Nachrichtendienst innerhalb der SS, der Schutzstaffel. Er beobachtete politische Gegner und sammelte Informationen über sie. Diese Erläuterungen gehören nicht zum Originalwortlaut.
Q2: Beginn des Originalauszugs von gedruckter Seite 2, Abschnitt II, letzter Satz.
Der Wunsch des Reichsmarschalls, ihm einen Entwurf über die organisatorischen, sachlichen und materiellen Belange im Hinblick auf die Endlösung der europäischen Judenfrage zu übersenden, erfordert die vorherige gemeinsame Behandlung aller an diesen Fragen unmittelbar beteiligten Zentralinstanzen im Hinblick auf die Parallelisierung der Linienführung.
Ende des Originalauszugs Q2.
Q3: Beginn des Originalauszugs von gedruckter Seite 3, erster Absatz.
Die Federführung bei der Bearbeitung der Endlösung der Judenfrage liege ohne Rücksicht auf geographische Grenzen zentral beim Reichsführer-SS und Chef der Deutschen Polizei (Chef der Sicherheitspolizei und des SD).
Ende des Originalauszugs Q3.
Nun verknüpfst du die Belege: Q1b nennt drei staatliche Dienststellen. Q2 verlangt gemeinsame Befassung und Abstimmung. Q3 formuliert einen zentralen Leitungsanspruch im SS- und Polizeiapparat. Zusammen belegen die Stellen arbeitsteilige organisatorische Beteiligung über die unmittelbar Mordenden hinaus. Sie halten aber zunächst Aussagen und Ansprüche fest. Ob einzelne Maßnahmen tatsächlich so umgesetzt wurden, erfordert weitere Belege. Für ein vollständiges Urteil über persönliche Schuld oder das Wissen jedes Deutschen reicht das Protokoll nicht aus. Es dokumentiert auch keinen erstmaligen Mordbeschluss: Der Massenmord lief bereits.
Ein Sachurteil nach dem Kriterium organisatorischer Beteiligung lautet deshalb: Die genannten Ministerien und die geforderte Abstimmung zeigen die Einbeziehung weiterer Institutionen in die Vernichtungspolitik. Ein Werturteil legt dagegen seinen Wertmaßstab offen: Nach dem heutigen Maßstab gleicher Menschenwürde ist Mitwirkung an rassistischer Verfolgung zu verurteilen. Auch dabei müssen Funktionen, Handlungen, Wissen und Möglichkeiten unterschieden werden.
Für die Erinnerung lässt sich daraus eine begründete Forderung ableiten: Sie sollte Verbrechen und beteiligte Institutionen ebenso sichtbar machen wie einzelne Menschen mit ihren Beziehungen und Lebensplänen. Das Protokoll und Anne Franks Lebensgeschichte eröffnen dafür unterschiedliche Zugänge. Dies ist eine heutige, hier entwickelte Wertung. Sie beschreibt weder eine bestimmte Gedenkveranstaltung noch die tatsächliche Wirkung heutiger Erinnerungsarbeit.
| Person/Funktion im Original | Zugeordnete Dienststelle im Original |
|---|---|
| Staatssekretär Dr. Stuckart | Reichsministerium des Innern |
| Staatssekretär Dr. Freisler | Reichsjustizministerium |
| Unterstaatssekretär Luther | Auswärtiges Amt |
Merke: Q1b: Drei getrennte Einträge aus dem Wannsee-Protokoll, gedruckte Seite 1, Faksimile des Hauses der Wannsee-Konferenz. Die Tabellenüberschriften sind redaktionell ergänzt; die Zellen enthalten Originalwortlaut.
Definition
Quellenreichweite
Die Quellenreichweite bezeichnet, welche Aussagen ein Material tragen kann. Ein festgehaltener Zuständigkeitsanspruch belegt noch nicht seine vollständige Umsetzung.
Teste dich
Alles auf einen Blick
Holocaust (Abitur)
Eskalation
Ausgrenzung und Entrechtung verschärften sich bis zum Völkermord; Entscheidungen trieben diese Entwicklung voran.
Zusammenwirken
Ideologie schuf Feindbilder, Diktatur beseitigte Schutz, Behörden organisierten Verfolgung und Krieg erweiterte den Gewaltrahmen.
Verantwortung
Untersuche konkrete Handlungen, Funktionen, Wissen, Möglichkeiten und Risiken.
Quellenkritik
Das Wannsee-Protokoll belegt organisatorische Beteiligung und Leitungsansprüche, aber nicht das Wissen aller Deutschen.
Urteil
Verknüpfe Belege mit einem klaren Kriterium und benenne Grenzen. Lege bei einem Werturteil deinen Maßstab offen.
Musteraufgabe · Schritt für Schritt
Die geforderte Abstimmung in Q2 untersuchen
- 1Aufgabe: Erkläre, welchen Beitrag Q2 zur Untersuchung organisatorischer Verantwortung leistet. Die folgenden Schritte sind eine redaktionelle Auswertung.
- 2Kriterium festlegen: Untersucht wird die organisatorische Beteiligung an der Verfolgungs- und Vernichtungspolitik.
- 3Beleg bestimmen: Q2 auf gedruckter Seite 2 verlangt die gemeinsame Behandlung durch beteiligte Zentralinstanzen und die Abstimmung ihres Vorgehens.
- 4Historisch einordnen: Die Besprechung fand während des bereits laufenden Massenmords statt. Ihre Verwaltungssprache verschleiert den verbrecherischen Zusammenhang.
- 5Sachurteil formulieren: Die geforderte Abstimmung spricht für eine über die unmittelbar Mordenden hinausreichende organisatorische Beteiligung.
- 6Grenze nennen: Die Forderung nach Zusammenarbeit belegt für sich genommen noch nicht, wie jede einzelne Person sie tatsächlich umsetzte.
Fehler finden
Prüfe die Aussagen zur Propagandawirkung In einer Zeile steckt ein Fehler. Tippe sie an.
Fehler in Zeile 2Die zweite Aussage setzt eine Absicht mit einem Wirkungsnachweis gleich. Richtig: Eine beabsichtigte Wirkung belegt noch keine individuelle Reaktion.
Lückentext
Wähl in jeder Lücke das passende Wort und prüf dann deine Antworten.
Die gesetzliche Ausgrenzung jüdischer Menschen durch das NS-Regime begann ab . Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion erfolgte im Juni . Die Verbrechen des Holocaust dauerten bis .
Karteikasten
Erst selbst überlegen, dann umdrehen.
Übung mit Feedback