Geschichte · Klasse 9–10 · aktualisiert
Totalitarismus: Merkmale, Modelle und Vergleich
Du lernst, was Totalitarismus bedeutet, wie sich drei Modelle unterscheiden und wie du historische Diktaturen ohne Gleichsetzung vergleichst.
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Kurz gesagt
Totalitarismus bezeichnet diktatorische Herrschaft mit dem Anspruch, Menschen umfassend zu kontrollieren und zu unterwerfen. Verschiedene Modelle untersuchen diesen Anspruch und seine Mittel. Der Anspruch beweist noch keine vollständige Kontrolle.
Eine Regierung beansprucht umfassende Macht. Bedeutet das schon, dass sie das Leben aller Menschen tatsächlich kontrolliert? Mit dem Begriff Totalitarismus untersuchst du solche Machtansprüche. Dabei lernst du auch, warum ähnliche Herrschaftsmittel verschiedene Diktaturen nicht gleich machen.
Deine Lernziele
Hake ab, was du schon kannst. Löst du alle Aufgaben eines Abschnitts, hakt Mela das Ziel für dich ab.
4 Abschnitte
Totalitarismus ist ein Begriff zur Untersuchung diktatorischer Herrschaft. Er bezeichnet einen umfassenden Anspruch der Machthaber: Sie wollen über die beherrschten Menschen verfügen und sie unterwerfen. Der Begriff hilft, diesen Anspruch und die eingesetzten Herrschaftsmittel genauer zu untersuchen.
Zu den typischen untersuchten Mitteln gehören Ideologie, die Konzentration der Macht, Informationskontrolle und Terror. Ideologie meint hier verbindliche politische Vorstellungen. Machtkonzentration bedeutet, dass Entscheidungsmacht bei einer beherrschenden Stelle zusammenläuft. Informationskontrolle betrifft die Verfügung über Nachrichten und deren Verbreitung. Terror bezeichnet hier Gewalt und Einschüchterung als Herrschaftsmittel.
Entscheidend ist die Unterscheidung zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Wenn Machthaber umfassende Kontrolle verlangen, ist damit noch nicht nachgewiesen, dass sie diese Kontrolle tatsächlich erreichen.
Definition
Analytischer Begriff
Ein Begriff, mit dem du etwas gezielt untersuchst. Totalitarismus lenkt den Blick auf umfassende Herrschaftsansprüche und die dafür eingesetzten Mittel.
Beispiel: Beispieltext, ausgedacht: eine Behauptung über Nachrichten prüfen
- 1In einer Übungsnotiz steht: Eine diktatorische Führung beansprucht die Kontrolle über Nachrichten.
- 2Damit ist ein Herrschaftsanspruch beschrieben.
- 3Ob die Führung Nachrichten tatsächlich vollständig kontrolliert, müsste gesondert nachgewiesen werden.
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Ein Modell hebt bestimmte Merkmale hervor, damit du Herrschaft untersuchen kannst. Die Modellentwickler Friedrich und Brzeziński bündeln sechs Merkmale: eine verbindliche Ideologie, eine Massenpartei, terroristische Polizeikontrolle, Kontrolle der Massenkommunikation, Kontrolle der Waffen und eine zentral gelenkte Wirtschaft. Eine Massenpartei ist eine Partei mit sehr vielen Mitgliedern. Massenkommunikation meint die Verbreitung von Informationen an viele Menschen. Dieses Modell ist keine verbindliche Checkliste für jede Diktatur.
Der Modellentwickler Kielmansegg setzt einen anderen Schwerpunkt. Er untersucht ein Monopol der Entscheidungsmacht, also die alleinige Verfügung darüber. Hinzu kommen eine prinzipiell unbegrenzte Reichweite politischer Entscheidungen und prinzipiell unbegrenzte Sanktionen. Sanktionen sind hier Strafen und andere Zwangsmaßnahmen. „Prinzipiell unbegrenzt“ bedeutet: Dem Zugriff sind dem Grundsatz nach keine Grenzen gesetzt. Es bedeutet nicht, dass jede denkbare Maßnahme tatsächlich eingesetzt wird.
Die Denkerin Hannah Arendt untersucht Ideologie und Terror als Angriff auf menschliche Vielfalt und die Fähigkeit, aus eigener Initiative gemeinsam zu handeln. Nach ihrer Deutung kann die Herrschaft Menschen als Gegner festlegen, unabhängig davon, ob sie tatsächlich Widerstand leisten. Arendts Begriff „objektiver Gegner“ beschreibt diese Zuschreibung durch die Machthaber. Er ist keine Selbstbeschreibung der Verfolgten und kein Beleg für ihr Verhalten.
Die Modelle unterscheiden sich also in ihrem Schwerpunkt: Friedrich und Brzeziński bündeln Herrschaftsmerkmale, Kielmansegg untersucht Macht und Zugriffsmöglichkeiten, Arendt die Wirkung von Ideologie und Terror auf menschliches Handeln. Eine unveränderte Merkmalsliste kann Veränderungen der Herrschaft übersehen.
| Modell | Schwerpunkt |
|---|---|
| Friedrich und Brzeziński | Sechs Merkmale, darunter Partei, Polizei, Kommunikation, Waffen und Wirtschaft |
| Kielmansegg | Entscheidungsmacht sowie prinzipiell unbegrenzte Reichweite und Sanktionen |
| Arendt | Ideologie und Terror als Angriff auf Vielfalt und selbstständiges gemeinsames Handeln |
Merke: Nenne das verwendete Modell. Unterschiedliche Schwerpunkte können zu unterschiedlichen Einordnungen führen.
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Autoritäre Herrschaft ist ebenfalls diktatorisch. Sie kann aber begrenzte eigenständige Räume in der Gesellschaft zulassen. Das macht sie nicht demokratisch. Eine begrenzte Freiheit bedeutet auch nicht, dass Menschen diese Freiheit verlässlich vor Gericht durchsetzen können.
Der Forscher Linz prägte einen Vergleich anhand mehrerer Merkmale: Wie viel gesellschaftliche Vielfalt besteht? Wie stark bindet die Herrschaft Menschen an ihre Ideologie? Wie stark betreibt sie gelenkte Mobilisierung? Damit ist gemeint, dass Machthaber Menschen zu politischer Beteiligung nach ihren Vorgaben bewegen. Diese Fragen helfen, autoritäre Herrschaft vom umfassenden Unterwerfungsanspruch totalitärer Herrschaft abzugrenzen.
Für ein begründetes Urteil musst du außerdem Modell und Zeitraum nennen. Bei der Einordnung späterer kommunistischer Diktaturen setzen Forscher unterschiedliche Schwerpunkte: Wer massenhaften Terror zum entscheidenden Merkmal macht, prüft etwas anderes als jemand, der vor allem den umfassenden Kontrollanspruch untersucht. Eine Einordnung darf deshalb Veränderungen im Laufe der Zeit nicht übergehen.
Definition
Eigenständige Räume
Bereiche der Gesellschaft mit begrenzten Möglichkeiten, unabhängig von den Machthabern zu handeln. In autoritären Systemen sind solche Möglichkeiten keine verlässlich einklagbare Freiheit.
Merke: Begründe deine Einordnung mit Merkmalen und einem untersuchten Zeitraum. Begrenzte Freiräume allein machen eine Diktatur nicht demokratisch.
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Ein Vergleich braucht denselben Prüfmaßstab für beide Fälle. Du kannst etwa untersuchen, wie eine Partei Macht konzentriert. Anschließend prüfst du Unterschiede bei Zielen, Verfolgung, Zeitraum und gesellschaftlichen Bedingungen. Ähnliche Herrschaftsmittel beweisen keine Gleichheit der Diktaturen oder ihrer Verbrechen.
Der Historiker Jürgen Kocka verglich Nationalsozialismus und Stalinismus. Seine Deutung von 1988 gehört in die damalige Debatte über historische Vergleiche. Er nennt unter anderem gemeinsame Herrschaftsmerkmale: die Ausschaltung rechtsstaatlicher Sicherungen, das Machtmonopol einer Partei, eine verbindliche Staatsideologie und die gelenkte Beteiligung großer Menschenmengen. Rechtsstaatliche Sicherungen schützen Menschen davor, dass Machthaber ohne rechtliche Grenzen gegen sie vorgehen.
Zugleich unterscheidet Kocka Ziele und Begründungen der Gewalt. Die nationalsozialistischen Machthaber verfolgten eine rassistische Zielsetzung der Vernichtung. Die Begründung stalinistischer Gewalt beschreibt er dagegen als klassenbezogen und auf eine erzwungene Entwicklung der Gesellschaft ausgerichtet. Klassenbezogen heißt hier: Menschen wurden nach ihrer zugeschriebenen gesellschaftlichen Stellung eingeordnet. Kocka berücksichtigt außerdem unterschiedliche gesellschaftliche Voraussetzungen. Diese Unterscheidung erklärt nicht vollständig sämtliche Opfergruppen oder Gewalttaten.
Gewalt zu erklären heißt nicht, sie zu rechtfertigen. Verantwortlich bleiben die jeweiligen nationalsozialistischen beziehungsweise stalinistischen Täter. Ein Vergleich darf weder ihre Verantwortung verwischen noch das Leiden von Menschen in eine Rangfolge bringen.
Merke: Vergleiche mit denselben Fragen, aber erhalte die Unterschiede. Kockas Deutung ist keine vollständige Erklärung aller Verfolgten und Gewalttaten.
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Alles auf einen Blick
Totalitarismus
Begriff
Totalitarismus untersucht umfassende diktatorische Herrschaftsansprüche und ihre Mittel.
Anspruch
Angestrebte Kontrolle ist von tatsächlich erreichter Kontrolle zu unterscheiden.
Modelle
Friedrich und Brzeziński bündeln Merkmale, Kielmansegg untersucht Zugriffsmöglichkeiten, Arendt den Angriff auf menschliche Vielfalt und gemeinsames Handeln.
Abgrenzung
Autoritäre Systeme können begrenzte eigenständige Räume zulassen, ohne demokratisch zu sein.
Vergleich
Gemeinsame Maßstäbe helfen beim Untersuchen; Unterschiede und konkrete Täterverantwortung bleiben bestehen.
Musteraufgabe · Schritt für Schritt
Kielmanseggs Begriff der Sanktionen vorsichtig anwenden
- 1Aufgabe: Erkläre, ob prinzipiell unbegrenzte Sanktionen bereits den Einsatz jeder denkbaren Strafe beweisen.
- 2Begriff klären: Sanktionen sind hier Strafen und andere Zwangsmaßnahmen.
- 3Modell zuordnen: Kielmansegg untersucht prinzipiell unbegrenzte Sanktionen als eine Größe der Herrschaft.
- 4Aussage begrenzen: Unbegrenzte Zugriffsmöglichkeiten sind von tatsächlich eingesetzten Maßnahmen zu unterscheiden.
- 5Ergebnis: Das Modell beschreibt fehlende grundsätzliche Grenzen. Welche Maßnahmen Machthaber tatsächlich einsetzen, muss gesondert untersucht werden.
Fehler finden
Prüfe die Aussagen zu Arendts Gegnerbegriff In einer Zeile steckt ein Fehler. Tippe sie an.
Fehler in Zeile 2Die falsche Aussage vertauscht, wer die Zuschreibung vornimmt. Richtig: Bei Arendt beschreibt „objektiver Gegner“ eine Zuschreibung durch die Machthaber.
Lückentext
Wähl in jeder Lücke das passende Wort und prüf dann deine Antworten.
Die Verbindung von verbindlicher Ideologie, Massenpartei und zentral gelenkter Wirtschaft gehört zum Modell von . Die prinzipiell unbegrenzte Reichweite politischer Entscheidungen untersucht . Den Angriff auf die Fähigkeit zum spontanen gemeinsamen Handeln betont .
Karteikasten
Erst selbst überlegen, dann umdrehen.
Übung mit Feedback