Geschichte · Klasse 7–10 · aktualisiert
Selbstbild und Fremdbild in Geschichte analysieren
Du lernst, Selbstbild, Fremdbild, Othering und Feindbild zu unterscheiden und historische Zuschreibungen vorsichtig zu prüfen.
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Kurz gesagt
Ein Selbstbild beschreibt die eigene Person oder Gruppe, ein Fremdbild andere. Beide wählen Merkmale aus und bewerten sie. Historische Aussagen zeigen deshalb zunächst eine Sichtweise; sie beweisen nicht, dass die beschriebenen Menschen wirklich so waren.
Wie beschreibt eine Gruppe sich selbst, und wie spricht sie über andere? Dabei können sehr unterschiedliche Bilder entstehen. Du lernst, wertende Wörter zu erkennen und zwischen einer Aussage über Menschen und einem Beleg für ihr tatsächliches Verhalten zu unterscheiden.
Deine Lernziele
Hake ab, was du schon kannst. Löst du alle Aufgaben eines Abschnitts, hakt Mela das Ziel für dich ab.
4 Abschnitte
Ein Selbstbild ist das Bild, das jemand von sich selbst oder seiner eigenen Gruppe zeichnet. Ein Fremdbild beschreibt andere Menschen oder Gruppen. Beide Bilder wählen bestimmte Merkmale aus und bewerten sie. Ein Fremdbild muss die anderen nicht zu Feinden erklären.
Othering bezeichnet einen Vorgang: Eine Gruppe stellt ihr eigenes Wir als normal hin und grenzt andere als fremd davon ab. Damit kann sie begründen, warum andere weniger gelten oder ausgeschlossen werden sollen. Othering ist ein späterer Begriff zur Untersuchung solcher Vorgänge. Du darfst deshalb nicht unterstellen, dass historische Verfasser selbst diesen Begriff benutzten.
Ein Feindbild stellt eine andere Gruppe als bedrohlichen Gegner dar. Es ist eine zugespitzte Form der Abgrenzung. Nicht jedes Othering ist bereits ein Feindbild.
Definition
Zuschreibung
Eine Zuschreibung liegt vor, wenn jemand einer Person oder Gruppe bestimmte Eigenschaften zuordnet. Ob diese Eigenschaften tatsächlich zutreffen, musst du gesondert prüfen.
Beispiel: Beispieltext, ausgedacht: eine Gruppe grenzt sich ab
- 1Eine Gruppe behauptet: „Unsere Lebensweise ist normal. Die anderen passen nicht zu uns.“
- 2Die Gruppe macht die eigene Lebensweise zum Maßstab und grenzt andere davon ab. Das kannst du als Othering untersuchen.
- 3Die anderen werden hier noch nicht als bedrohliche Gegner beschrieben. Für ein Feindbild fehlt diese Zuschreibung.
Teste dich
Beginne mit der Frage: Wer bezeichnet wen? Suche dann das genaue Wort, das eine Eigenschaft zuordnet oder eine Gruppe bewertet. Eine solche Textstelle ist dein Beleg. Halte sie von deiner Deutung getrennt: Der Beleg zeigt den Wortlaut, deine Deutung erklärt seine Bedeutung.
Das folgende Beispiel stammt aus einer Untersuchung der Historiker Rainer Gries und Silke Satjukow über Propaganda. Propaganda ist hier politische Werbung, die ein bestimmtes Bild vermitteln soll. In ihrer Untersuchung beschreiben die Historiker, wie der eigene Staat positiv dargestellt wurde. Gegner erschienen dagegen als einheitliche Bedrohung. So entstand ein Gegenbild: Die Abwertung der Gegner stand dem positiven Bild der eigenen Seite gegenüber.
Gries und Satjukow geben ein Beispiel aus der Ostberliner Wochenpost von 1961 wieder. Die Zeitung bezeichnete Jugendliche als „gekaufte“ Provokateure, also als Leute, die absichtlich Streit hervorrufen sollten. Das Wort „gekaufte“ unterstellte, dass sie dafür bezahlt worden seien. Es belegt diese Unterstellung, aber nicht eine tatsächliche Bezahlung. Nach der Analyse von Gries und Satjukow sollte die Zuschreibung die Abgrenzung gegen den Westen stützen. Das Zeitungsoriginal wurde für diese Erklärung nicht selbst geprüft.
| Schritt | Deine Frage |
|---|---|
| Zuschreibung finden | Wer schreibt wem welche Eigenschaft zu? |
| Beleg sichern | Welches genaue Wort trägt die Wertung? |
| Gegenbild prüfen | Welches Bild der eigenen Seite steht der Beschreibung anderer gegenüber? |
Merke: Ein wertendes Wort belegt zunächst die Zuschreibung. Ein Gegenbild musst du ebenfalls am Text oder an gesichertem Wissen über seine Entstehung begründen.
Teste dich
Die Perspektive ist der Blickwinkel, aus dem jemand Menschen oder Ereignisse betrachtet. Die eigene gesellschaftliche Stellung kann dabei eine Rolle spielen. Prüfe außerdem, an wen sich ein Text richtet und welche Absicht er erkennen lässt. Wertende Sprache kann ein positives Selbstbild oder ein abwertendes Fremdbild tragen.
Der Historiker Thomas Kroll gibt eine Äußerung von Freiherr vom Stein aus dem Jahr 1831 wieder. Stein gehörte zur politischen Elite, also zu einer politisch besonders einflussreichen Gruppe. Er schrieb den unteren Gesellschaftsgruppen „Neid und die Habsucht“ zu. Mit Habsucht ist starkes Streben nach Besitz gemeint. Diese Wörter werten die beschriebenen Menschen moralisch ab: Sie stellen deren Haltung als schlecht hin.
Hier kannst du den Blickwinkel eines Angehörigen der politischen Elite und seine abwertende Sprache erkennen. Die genauen Adressaten, also die angesprochenen Leser, und eine konkrete Absicht lassen sich mit dem kurzen Wortlaut allein nicht sicher bestimmen. Auch ein positives Selbstbild Steins ist damit noch nicht wörtlich belegt. Du darfst es nicht als seine Aussage ergänzen.
Der Literaturforscher Peter Boerner erklärt, dass verschiedene Bilder eines Volkes nebeneinander bestehen oder einander im Laufe der Zeit ablösen können. Solche Bilder enthalten Beobachtungen, Meinungen und persönliche Bewertungen. Deshalb darfst du nicht aus einem Fremdbild auf eine einheitliche Sicht aller Menschen schließen.
Merke: Blickwinkel, Wortwahl, Leser und Absicht gehören zusammen. Was du nicht belegen kannst, bleibt offen.
Teste dich
Die Aussagekraft einer Quelle hängt davon ab, welche Frage du an sie stellst. Eine Quelle ist hier ein überlieferter Text, den du untersuchst. Er kann zeigen, wie sein Verfasser andere beschrieb. Damit ist noch nicht bewiesen, dass die beschriebenen Menschen tatsächlich so waren.
Prüfe, wann und unter welchen Umständen der Text entstand, an wen er sich richtete und wie er überliefert wurde. Überlieferung bedeutet hier: Auf welchem Weg ist der Text für uns zugänglich geworden? Die Äußerung Steins ist hier durch Krolls Wiedergabe zugänglich, das Wochenpost-Beispiel durch Gries und Satjukow. Die beiden Originale wurden für diese Erklärung nicht unabhängig geprüft. Diese Grenze musst du bei deinem Urteil nennen.
Vergleiche außerdem andere Blickwinkel. Eine abwertende Aussage ist kein Beweis dafür, dass eine ganze Gruppe die behaupteten Eigenschaften besitzt. Ebenso beweist eine Propagandaaussage allein nicht, dass das Publikum sie vollständig übernahm. Für die Sicht des Verfassers und für die Wirkung auf die Leser brauchst du unterschiedliche Belege.
Ein begründetes Urteil nennt deshalb beides: Was lässt sich mit dem Text zeigen, und welche Frage bleibt offen?
Definition
Aussagekraft
Die Aussagekraft beschreibt, was du mit einem Text für eine bestimmte Frage belegen kannst und wo seine Grenzen liegen.
Merke: Eine Zuschreibung kann als Zuschreibung gut belegt sein, während ihre Wahrheit und ihre Wirkung auf Leser offenbleiben.
Teste dich
Alles auf einen Blick
Selbstbild und Fremdbild
Begriffe
Selbstbilder beschreiben die eigene Seite, Fremdbilder andere; Feindbilder zeichnen andere als bedrohliche Gegner.
Othering
Ein als normal gesetztes Wir grenzt andere als fremd ab. Das kann Ungleichheit und Ausschluss rechtfertigen.
Belege
Trenne den genauen Wortlaut von deiner Deutung und deinem Wissen über die Entstehung.
Blickwinkel
Gesellschaftliche Stellung, wertende Sprache und erkennbare Absichten prägen ein Bild.
Grenzen
Eine Zuschreibung beweist weder den Charakter einer Gruppe noch ihre vollständige Übernahme durch Leser.
Musteraufgabe · Schritt für Schritt
Steins Wortwahl Schritt für Schritt untersuchen
- 1Aufgabe: Erkläre, was Steins von Kroll wiedergegebene Wörter „Neid und die Habsucht“ über sein Fremdbild zeigen.
- 2Zuordnung: Stein gehörte zur politischen Elite. Seine Zuschreibung richtet sich gegen die unteren Gesellschaftsgruppen.
- 3Beleg und Deutung: Die genannten Wörter stellen deren Haltung als schlecht hin. Sie tragen deshalb ein moralisch abwertendes Fremdbild.
- 4Grenze: Der Wortlaut belegt Steins Zuschreibung. Er beweist nicht den Charakter aller Armen und nennt für sich genommen keine konkrete Absicht.
- 5Urteil: Das Beispiel eignet sich zur Untersuchung von Steins Sichtweise. Das historische Original wurde für diese Erklärung nicht selbst geprüft.
Fehler finden
Prüfe die Aussagen zum Wochenpost-Beispiel In einer Zeile steckt ein Fehler. Tippe sie an.
Fehler in Zeile 2Die zweite Aussage verwechselt eine Unterstellung mit einem Nachweis. Richtig: Das Wort „gekaufte“ belegt eine unterstellte Bezahlung der Jugendlichen.
Lückentext
Wähl in jeder Lücke das passende Wort und prüf dann deine Antworten.
Die von Kroll wiedergegebene Äußerung Steins stammt aus . Die Ostberliner Wochenpost bezeichnete 1961 als „gekaufte“ Provokateure. Wenn eine Gruppe ihr Wir als normal setzt und andere als fremd abgrenzt, ohne sie als bedrohliche Gegner darzustellen, ist das .
Karteikasten
Erst selbst überlegen, dann umdrehen.
Übung mit Feedback