Geschichte · Klasse 7–10 · aktualisiert
Nationalismus: Entstehung, Formen und Folgen
Du lernst, was Nation und Nationalismus bedeuten, wie nationale Gemeinschaften entstehen und wie du ihre Ziele und Folgen beurteilst.
0 von 9 Aufgaben gelöst
Kurz gesagt
Nationalismus macht die Nation zum wichtigen Maßstab politischen Handelns. Er kann Zusammenhalt und Selbstbestimmung fördern, aber auch Menschen ausgrenzen und Gewalt rechtfertigen. Deshalb musst du Ziele und Folgen genau prüfen.
Bei einem Länderspiel vertreten Sportler auch ihre Nation. Doch was verbindet Menschen, die sich persönlich gar nicht kennen? Du untersuchst, wie dieses Zusammengehörigkeitsgefühl entsteht und wann daraus politische Mitbestimmung oder Ausgrenzung wird.
Deine Lernziele
Hake ab, was du schon kannst. Löst du alle Aufgaben eines Abschnitts, hakt Mela das Ziel für dich ab.
4 Abschnitte
Eine Nation ist eine große Gemeinschaft von Menschen, die sich zusammengehörig fühlen. Dabei können gemeinsame Geschichte, Sprache, Kultur oder eine Verfassung wichtig sein. Eine Verfassung legt die grundlegenden Regeln eines Staates fest. Nicht jede Nation setzt dieselbe Herkunft oder Sprache voraus. Eine Nation kann auch ohne eigenen Staat gedacht werden.
Ein Staat ist eine politische und rechtliche Ordnung. Zu ihm gehören ein Gebiet, Staatsangehörige und Einrichtungen, die verbindliche Regeln setzen und durchsetzen. Ein Nationalstaat versteht sich als politische Organisation einer Nation. Sein Leitbild verbindet nationale Gemeinschaft und staatliches Gebiet. Das bedeutet nicht, dass alle Bewohner dieselbe Sprache oder Religion haben. Auch ein Nationalstaat kann Minderheiten umfassen, also Gruppen, die sich etwa durch Sprache oder nationale Zugehörigkeit von der Mehrheit unterscheiden.
Patriotismus bedeutet gefühlsmäßige Verbundenheit mit der Heimat oder dem Vaterland und bezieht sich häufig auf die Nation. Nationalismus macht die Nation zum Maßstab politischen Handelns. Er will ihre Mitglieder verbinden und strebt einen eigenen, unabhängigen Staat für sie an oder stärkt einen bestehenden Nationalstaat.
Im Alltag meint Nationalismus meist eine überhebliche oder aggressive Haltung. In der Forschung wird das Wort auch weiter gefasst. Das Politiklexikon der Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt einen positiven Patriotismus als Einsatz für Demokratie und Menschenrechte, warnt aber vor Überheblichkeit. Der Historiker Dieter Langewiesche hält eine klare Trennung zwischen gutem Patriotismus und schlechtem Nationalismus aufgrund historischer Forschung für nicht haltbar. Prüfe deshalb das konkrete Handeln.
Definition
Nationalstaat
Ein Staat, der sich als politische Organisation einer Nation versteht. Er bezeichnet eine staatliche Ordnung und nicht bloß ein Zusammengehörigkeitsgefühl.
Merke: Nation bezeichnet eine Gemeinschaft, Nationalstaat eine staatliche Ordnung. Patriotismus und Nationalismus bezeichnen Haltungen oder politische Orientierungen.
Teste dich
Nationale Gemeinschaften haben eine Geschichte. Ihre Mitglieder beziehen sich auf tatsächliche oder vermeintliche Gemeinsamkeiten. Manche Gemeinsamkeiten entstehen erst während der Bildung einer Nation. So wurden Regeln für die deutsche Sprache in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vereinheitlicht.
Der demokratische Nationalismus entstand in der Französischen Revolution. Er verband die Nation mit Menschen- und Bürgerrechten, Selbstbestimmung und der Vorstellung, dass politische Macht vom Volk ausgehen soll. Menschen sollten sich nicht bloß einem Herrscher verbunden fühlen, sondern einer politischen Gemeinschaft.
Der Nationalismusforscher Anderson nennt die Nation eine vorgestellte politische Gemeinschaft. Damit meint er eine geschaffene Gemeinschaft, keine falsche. Menschen können sich verbunden fühlen, obwohl sie einander nicht persönlich kennen. Gemeinsame Erinnerungen, Werte und Zeichen helfen dabei. Diese Vorstellungen können sich verändern und für politische Ziele genutzt werden.
Schulen und Behörden verbreiten nationale Zugehörigkeitsvorstellungen. Auch Denkmäler, Feiertage und Medien tragen dazu bei. Der Sozialwissenschaftler Michael Billig betont die beiläufige Wirkung im Alltag: etwa durch Flaggen, Herkunftsangaben auf Produkten oder Nachrichten, die zwischen Inland und Ausland unterscheiden. Solche Zeichen können wirken, ohne dass Menschen sich bewusst mit nationalen Vorstellungen beschäftigen. Nationale Vorstellungen werden also nicht nur bei großen politischen Feiern weitergegeben.
Beispiel: Gemeinschaft bei einem Sportereignis
- 1Bei olympischen Siegerehrungen und Fußballländerspielen werden Nationalhymnen gespielt.
- 2Die Sportler vertreten dabei auch ihre Nation.
- 3Solche gemeinsamen Zeichen können nationale Verbundenheit sichtbar machen.
Merke: Eine Nation ist historisch gewachsen und veränderlich. Gemeinsame Sprache oder Erinnerungen sind nicht einfach seit jeher unverändert vorhanden.
Teste dich
Nationalismus kann Zusammenhalt und gegenseitige Unterstützung stärken. Er kann politische Gleichheit und Selbstbestimmung fordern. Gleichzeitig kann er Menschen ausschließen oder die eigene Nation über andere stellen. Ein Nationalstaat garantiert deshalb weder Demokratie noch gleiche Rechte für alle Bewohner.
Untersuche vier Fragen: Wer darf politisch mitbestimmen? Wessen Selbstbestimmung wird anerkannt? Wer wird ausgegrenzt oder benachteiligt? Wird Gewalt gerechtfertigt oder ausgeübt? Selbstbestimmung bedeutet hier, dass eine nationale Gemeinschaft über ihre politische Ordnung selbst entscheiden kann. Ein Freiheitsversprechen allein beantwortet diese Fragen noch nicht.
Der integrale Nationalismus des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts setzte die Nation über andere Werte. Er lehnte die Gleichberechtigung aller Nationen ausdrücklich ab und stellte die eigenen Interessen über die anderer Nationen. Seine Ausrichtung nach außen war aggressiv. Das unterscheidet ihn vom demokratischen Nationalismus mit seinem Anspruch auf Rechte und Selbstbestimmung.
Nach dem Ersten Weltkrieg entstanden neue oder erweiterte Staaten mit weiterhin großen Minderheiten. Finnland gewährte der schwedischen Minderheit Autonomie, also das Recht, bestimmte eigene Angelegenheiten selbst zu regeln. In den übrigen Nationen griffen Minderheitenschutzbestimmungen in der Regel nicht. Das betraf etwa die Besetzung von Stellen und die Sprache in Schulen oder vor Gericht.
Ein extremes Beispiel für gewaltsame Ausgrenzung ist der Nationalsozialismus, die rechtsradikale Bewegung der Nationalsozialisten. Die Nationalsozialisten herrschten in Deutschland in einer Diktatur. Sie verbanden extremen Nationalismus mit Rassismus und dem Streben nach weiterer Herrschaft über Gebiete. Rassismus teilte Menschen dabei nach angeblicher Abstammung in höher- und minderwertige Gruppen ein. Nationalsozialisten verfolgten Gegner und Minderheiten und ermordeten Juden. Ihre Behauptungen über den unterschiedlichen Wert von Menschen und ihr Antisemitismus, also ihre Feindschaft gegen Juden, sollten Gewalt und Vernichtung rechtfertigen.
| Maßstab | Prüffrage |
|---|---|
| Teilhabe | Wer darf politisch mitbestimmen? |
| Selbstbestimmung | Wird auch anderen Gemeinschaften eine eigene politische Entscheidung zugestanden? |
| Ausgrenzung | Wer wird ausgeschlossen oder schlechter behandelt? |
| Gewalt | Wer rechtfertigt oder verübt Gewalt gegen wen? |
Merke: Beurteile Versprechen und tatsächliches Handeln getrennt. Zusammenhalt innerhalb einer Nation sagt noch nichts über den Umgang mit anderen aus.
Teste dich
Staatsbürgerliche Nationsvorstellungen stellen die politische Zugehörigkeit in den Mittelpunkt. Gemeinsame Gesetze, Rechte und die gewollte Verbindung der Bürger sind entscheidend. Unterschiedliche Herkunft muss diese Zugehörigkeit nicht verhindern.
Ethnisch-kulturelle Nationsvorstellungen betonen dagegen eine als gemeinsam verstandene Herkunft, Sprache oder Kultur. „Ethnisch“ bezieht sich hier auf eine angenommene gemeinsame Abstammung und Gruppenzugehörigkeit. Bei einer Vorstellung, die Abstammung und Geburt zum entscheidenden Maßstab macht, reicht der Wunsch eines Menschen nach Zugehörigkeit nicht aus.
Diese beiden Vorstellungen helfen beim Vergleichen. In der Wirklichkeit können sie sich mischen. Auch eine politisch begründete Nation kann Menschen ausschließen. Du darfst deshalb weder jedem Land eine unveränderliche Form zuordnen noch aus dem Namen einer Vorstellung schon auf gleiche Rechte schließen.
Der chinesische politische Denker Liang Qichao forderte 1902–1905, vorhandene Eigenschaften des Volkes zu verbessern und Fehlendes von anderen Nationen zu übernehmen. Zugleich wollte er Eigenschaften bewahren, die er selbst als besonders großartig, edel und vollkommen bewertete. Seine Forderungen zeigen: Die Betonung eigener Kultur kann sich mit dem Wunsch verbinden, von anderen zu lernen. Seine positive Bewertung nationaler Eigenschaften ist dabei seine Sicht, kein Beweis einer Überlegenheit.
| Frage | Staatsbürgerlich | Ethnisch-kulturell |
|---|---|---|
| Was verbindet? | Politische Zugehörigkeit und gemeinsame Gesetze | Als gemeinsam verstandene Herkunft, Sprache oder Kultur |
| Wie wird Zugehörigkeit begründet? | Durch eine gewollte politische Verbindung | Etwa durch Abstammung oder kulturelle Gemeinsamkeiten |
Merke: Vergleiche die Regeln der Zugehörigkeit und ihre Folgen. Die beiden Vorstellungen können sich mischen; ihre Bezeichnung ersetzt kein Urteil.
Teste dich
Alles auf einen Blick
Nationalismus
Begriffe
Nation ist eine Gemeinschaft, Nationalstaat eine staatliche Ordnung.
Haltungen
Eine klare Trennung zwischen gutem Patriotismus und schlechtem Nationalismus ist umstritten.
Entstehung
Nationale Gemeinschaften entwickeln sich historisch und werden durch Einrichtungen, Erinnerungen und Zeichen verbreitet.
Urteil
Prüfe Teilhabe, Selbstbestimmung, Ausgrenzung und Gewalt.
Vergleich
Politische Zugehörigkeit und gemeinsame Herkunft oder Kultur sind unterschiedliche Begründungen einer Nation, die sich mischen können.
Musteraufgabe · Schritt für Schritt
Finnlands Umgang mit einer Minderheit beurteilen
- 1Aufgabe: Beurteile, was die Autonomie der schwedischen Minderheit in Finnland nach dem Ersten Weltkrieg über Selbstbestimmung aussagt.
- 2Sachverhalt festhalten: Finnland gewährte der schwedischen Minderheit das Recht, bestimmte eigene Angelegenheiten selbst zu regeln.
- 3Maßstab anwenden: Diese Autonomie gab der Minderheit einen eigenen Entscheidungsspielraum.
- 4Begrenztes Urteil formulieren: Die Regel unterstützte Selbstbestimmung. Sie allein beantwortet aber noch nicht alle Fragen nach Teilhabe, Ausgrenzung und Gewalt.
Fehler finden
Prüfe die Aussagen zu Nation und Nationalstaat In einer Zeile steckt ein Fehler. Tippe sie an.
Fehler in Zeile 2Die zweite Aussage verwechselt eine staatliche Ordnung mit einem Gefühl. Richtig: Ein Nationalstaat bezeichnet eine staatliche Ordnung, die sich als politische Organisation einer Nation versteht.
Lückentext
Wähl in jeder Lücke das passende Wort und prüf dann deine Antworten.
Der demokratische Nationalismus entstand in der . Regeln für die deutsche Sprache wurden in der Hälfte des 19. Jahrhunderts vereinheitlicht. Nach dem Ersten Weltkrieg gewährte Finnland der Minderheit Autonomie.
Karteikasten
Erst selbst überlegen, dann umdrehen.
Übung mit Feedback