Geschichte · Klasse 7–10 · aktualisiert
Nationale Identität: Entstehung und Wirkung
Du lernst, wie nationale Zugehörigkeit entsteht, wie Erinnerungen ein Wir schaffen und wie nationale Vorstellungen verbinden oder ausgrenzen.
0 von 10 Aufgaben gelöst
Kurz gesagt
Nationale Identität ist das Bewusstsein oder Gefühl, zu einer Nation zu gehören. Gemeinsame Erinnerungen, Erzählungen und Symbole können diese Zugehörigkeit stärken. Sie ist veränderlich und kann Menschen verbinden oder ausgrenzen.
Bei einer Siegerehrung erklingt eine Nationalhymne. Viele Menschen fühlen sich verbunden, obwohl sie einander nicht kennen. Wie entsteht dieses Wir, und wer darf dazugehören?
Deine Lernziele
Hake ab, was du schon kannst. Löst du alle Aufgaben eines Abschnitts, hakt Mela das Ziel für dich ab.
5 Abschnitte
Deine Identität umfasst Vorstellungen darüber, wer du bist und wohin du gehörst. Dazu zählen persönliche Eigenschaften und Zugehörigkeiten zu Gruppen. Eine Nation ist eine große Menschengruppe, die sich durch bewusste Gemeinsamkeiten verbunden sieht, etwa durch Sprache, Geschichte oder eine Verfassung. Eine Verfassung legt die grundlegenden Regeln eines Staates fest.
Nationale Identität bedeutet, sich einer Nation zugehörig zu fühlen oder sich als ihr Mitglied zu verstehen. Sie ist eine Form kollektiver Identität: Menschen sehen Gemeinsamkeiten, die sie als Gruppe verbinden und von anderen unterscheiden.
Der Nationalismusforscher Benedict Anderson bezeichnet Nationen als vorgestellte Gemeinschaften. Ihre Mitglieder kennen einander nicht alle persönlich. Trotzdem stellen sie sich eine gemeinsame Zugehörigkeit vor. Vorgestellt bedeutet hier geschaffen, nicht falsch.
Nationale Zugehörigkeit ist nicht deine einzige mögliche Zugehörigkeit. Du kannst dich zugleich mit einem Ort, einer Region und einer Nation verbunden fühlen. Auch mehrere nationale Zugehörigkeiten können zusammenkommen, etwa eine deutsche und eine amerikanische. Identität kann sich im Laufe des Lebens verändern.
Definition
Kollektive Identität
Das Bewusstsein oder Gefühl, zu einer Gruppe zu gehören und Gemeinsamkeiten mit ihren Mitgliedern zu teilen.
Teste dich
Gemeinsame Erzählungen wählen Ereignisse aus der Vergangenheit aus und geben ihnen eine Bedeutung für die Nation. Sie vermitteln, woran sich Menschen erinnern sollen und was als gemeinsam gilt. Die Kulturwissenschaftler Aleida und Jan Assmann erklären: Durch die bewusste Auswahl und Verbindung von Erinnerungen entsteht gemeinsame Identität.
Feiertage machen solche Erinnerungen sichtbar. In Deutschland erinnert der 3. Oktober an die Wiedervereinigung von 1990. Symbole sind Zeichen, die für etwas stehen. Eine Nationalhymne kann nationale Zugehörigkeit ausdrücken, etwa bei olympischen Siegerehrungen. Ein gemeinsames Zeichen beweist aber weder persönliche Bekanntschaft noch, dass alle Menschen gleich denken.
Auch Symbole verändern ihre Bedeutung. Nach dem Historiker Thomas Nipperdey rückte in der deutschen Öffentlichkeit nach 1871 reale Macht gegenüber dem Feiern von Dichtern und Denkern in den Vordergrund. Das deutsche Schwert wurde zunehmend zum Symbol. Nipperdey unterscheidet dabei ausdrücklich die Öffentlichkeit von der Diplomatie, also den Beziehungen und Verhandlungen zwischen Staaten.
Medien verbreiten nationale Erzählungen. Bücher und Filme erreichen viele Menschen. In den Vereinigten Staaten von Amerika, kurz USA, wurden Cowboys zu Symbolen einer vereinfachten Geschichte des Wilden Westens. Bücher, Filme, Kunst und Fotografie verbreiteten Bilder von Freiheit und Gerechtigkeit. Solche Erzählungen sind keine vollständige Wiedergabe der Vergangenheit.
Beispiel: Cowboys als nationales Bild
- 1Bücher und Filme verbreiteten Cowboybilder, die Freiheit und Gerechtigkeit versprachen.
- 2Die Cowboys wurden dadurch zu Vorbildern für Jugendliche.
- 3Das Bild vereinfacht die Siedlungsgeschichte. Prüfe deshalb, was eine Erzählung hervorhebt und was sie ausblendet.
Merke: Gemeinsame Erinnerungen entstehen durch Auswahl und Deutung. Ein verbreitetes Bild ist deshalb noch kein vollständiges Bild der Vergangenheit.
Teste dich
Bei einer staatsbürgerlichen Vorstellung von Nation stehen gemeinsame politische Regeln, Rechte und die gewollte Verbindung im Mittelpunkt. Zugehörigkeit wird vor allem politisch bestimmt. Eine ethnisch-kulturelle Vorstellung betont dagegen gemeinsame Herkunft, Sprache und Kultur. Ethnisch meint hier die Zuordnung zu einer Gruppe über eine angenommene gemeinsame Abstammung. Bei einer stark auf Abstammung ausgerichteten Vorstellung entscheidet die Geburt über die Zugehörigkeit.
Der politische Denker Sieyès beschrieb im Januar 1789 die Nation als Menschen unter einem gemeinsamen Gesetz und mit derselben gesetzgebenden Versammlung. Eine solche Versammlung beschließt Gesetze. Sein Schwerpunkt lag damit auf gemeinsamen politischen Regeln.
Dagegen beruhte die deutsche Politik zur nationalen Zugehörigkeit in der Kaiserzeit auf dem Bild einer Nation gleicher ethnischer Herkunft. Unterschiedlichen Gruppen wurden dabei bestimmte Eigenschaften zugeschrieben. Solche Zuschreibungen sagen nicht, wie jeder einzelne Mensch tatsächlich ist.
Die beiden Vorstellungen setzen also unterschiedliche Schwerpunkte: gemeinsame politische Zugehörigkeit oder gemeinsame Herkunft und Kultur. Die Unterscheidung hilft dir, Aussagen über Nationen zu untersuchen. Sie bedeutet nicht, dass ein gemeinsames Gesetz bereits die vollständige Gleichberechtigung aller Menschen beweist.
| Vorstellung | Schwerpunkt |
|---|---|
| Staatsbürgerlich | Gemeinsame politische Regeln und eine gewollte Verbindung |
| Ethnisch-kulturell | Gemeinsame Herkunft, Sprache und Kultur |
Teste dich
Nationale Gefühle können Zusammenhalt und gegenseitige Hilfe stärken. Sie können aber auch dazu dienen, Menschen als nicht zugehörig zu behandeln. Deshalb solltest du fragen: Wer wird angesprochen? Welche Gemeinsamkeit zählt? Wer erlebt Benachteiligung?
Ein Beispiel bieten Footballspieler in den USA. Seit 2017 knieten Spieler während der Nationalhymne als Protest gegen die Diskriminierung von Afroamerikanern und gegen die staatliche Missachtung des Gleichheitsprinzips. Afroamerikaner sind Amerikaner mit afrikanischer Herkunft. Diskriminierung bedeutet, Menschen wegen ihrer Gruppenzugehörigkeit zu benachteiligen.
Die Spieler nutzten den Moment eines nationalen Symbols für ihren Protest. Ihr Protest richtete sich gegen Benachteiligung und die Missachtung gleicher Rechte. Aus dem Knien allein lässt sich deshalb keine Ablehnung jeder nationalen Zugehörigkeit ableiten. Das Beispiel zeigt einen Streit darüber, ob ein gemeinsames Gleichheitsversprechen tatsächlich gilt.
Für deine Untersuchung unterscheidest du also das Versprechen gemeinsamer Zugehörigkeit von der Erfahrung ungleicher Behandlung. Ein nationales Wir kann Zusammenhalt ausdrücken, obwohl Menschen innerhalb dieses Wir benachteiligt werden.
Merke: Frage nicht nur, wer zum nationalen Wir gehören soll. Prüfe auch, ob die Menschen gleichberechtigt behandelt werden.
Teste dich
Nationale Identität bezeichnet das Bewusstsein oder Gefühl nationaler Zugehörigkeit. Patriotismus bedeutet emotionale, also gefühlsmäßige Verbundenheit mit der Heimat oder dem Vaterland; häufig bezieht er sich auf die Nation. Nationalismus ist eine Denkhaltung oder politische Bewegung, die die Nation zum wichtigen Maßstab politischen Handelns macht. Dazu kann das Ziel gehören, eine Nation in einem eigenen Staat zu verbinden.
Nationalismus hatte unterschiedliche Formen. Der demokratische Nationalismus der Französischen Revolution verband sich mit Menschen- und Bürgerrechten sowie Selbstbestimmung. Der sogenannte integrale Nationalismus des späten 19. Jahrhunderts stellte die eigene Nation über andere und lehnte die Gleichberechtigung der Nationen ab. Integral bedeutet hier, dass die Nation als übergeordneter Wert gelten sollte.
Im Alltag wird Patriotismus häufig als Verbundenheit ohne Abwertung anderer verstanden. Nationalismus meint dann meist eine übersteigerte und aggressive Haltung. Diese klare Trennung ist in der Wissenschaft umstritten.
Das Politiklexikon der Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt einen positiven Patriotismus als Bekenntnis zu Demokratie und Menschenrechten. Es warnt zugleich, dass Patriotismus in nationale Überheblichkeit übergehen kann. Eine sozialpsychologische Studie von 1997 kam zu dem Ergebnis, dass sich Patriotismus und Nationalismus anhand von Untersuchungen unterscheiden ließen. Patriotismus sei dabei mit Toleranz gegenüber anderen Gruppen und Minderheiten vereinbar. Der Historiker Dieter Langewiesche bezweifelt dagegen anhand historischer Forschung eine klare Zweiteilung in guten Patriotismus und schlechten Nationalismus.
Unterscheide deshalb zunächst Zugehörigkeit, gefühlsmäßige Bindung und politische Ziele. Prüfe danach die konkrete Haltung: Erkennt sie gleiche Rechte anderer an, oder stellt sie die eigene Nation über andere? Die Begriffe allein beantworten diese Frage nicht.
| Begriff | Kern |
|---|---|
| Nationale Identität | Bewusstsein oder Gefühl nationaler Zugehörigkeit |
| Patriotismus | Gefühlsmäßige Bindung an Heimat oder Vaterland, häufig an die Nation |
| Nationalismus | Denkhaltung oder Bewegung mit der Nation als politischem Maßstab |
Teste dich
Alles auf einen Blick
Nationale Identität
Zugehörigkeit
Nationale Identität ist eine Form kollektiver Identität und kann sich verändern.
Erinnerung
Erzählungen, Symbole und Medien geben ausgewählten Ereignissen gemeinsame Bedeutung.
Nationsvorstellungen
Gemeinsame politische Regeln setzen einen anderen Schwerpunkt als Herkunft, Sprache und Kultur.
Gleichberechtigung
Ein gemeinsames nationales Wir schließt Benachteiligung innerhalb der Gruppe nicht aus.
Begriffe
Zugehörigkeit, emotionale Bindung und politische Ziele lassen sich unterscheiden; ihre Übergänge sind oft fließend.
Musteraufgabe · Schritt für Schritt
Beispieltext, ausgedacht: Zwei Regeln für Zugehörigkeit vergleichen
- 1Aufgabe: Vergleiche zwei Aussagen. Aussage A verbindet nationale Zugehörigkeit mit gemeinsamen politischen Regeln und dem Willen zum Zusammenleben. Aussage B verbindet sie mit gemeinsamer Abstammung.
- 2Maßstab bestimmen: A fragt nach politischer Verbindung. B fragt nach Herkunft.
- 3Zuordnen: A passt zur staatsbürgerlichen Vorstellung. B passt zu einer auf Abstammung ausgerichteten ethnisch-kulturellen Vorstellung.
- 4Folge erklären: Nach A ist Herkunft nicht das entscheidende Merkmal. Nach B entscheidet die Abstammung darüber, wer dazugehört.
- 5Grenze beachten: Aus der Regel A allein folgt noch kein Beweis, dass alle Menschen im Alltag gleichberechtigt behandelt werden.
Fehler finden
Prüfe die Aussagen über persönliche Zugehörigkeiten In einer Zeile steckt ein Fehler. Tippe sie an.
Fehler in Zeile 2Der Fehler liegt im Wort „einzige“. Richtig: Nationale Zugehörigkeit ist eine mögliche Zugehörigkeit neben weiteren, etwa lokalen und regionalen Bindungen.
Lückentext
Wähl in jeder Lücke das passende Wort und prüf dann deine Antworten.
Der deutsche Feiertag am 3. Oktober erinnert an die Wiedervereinigung von . Sieyès beschrieb die Nation im Januar als Menschen unter einem gemeinsamen Gesetz und mit derselben gesetzgebenden Versammlung. Nach Nipperdey wurde nach 1871 in der deutschen Öffentlichkeit zunehmend das zum Symbol nationaler Macht.
Karteikasten
Erst selbst überlegen, dann umdrehen.
Übung mit Feedback