Geschichte · Klasse 7–10 · aktualisiert
Historischer Fall: Geschichte methodisch untersuchen
Du untersuchst den 17. Juni 1953 als historischen Fall: Grenzen setzen, Belege prüfen, Ursachen erklären und begründete Urteile bilden.
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Kurz gesagt
Ein historischer Fall ist ein begrenztes Geschehen, das du genau untersuchst. Du legst Ort, Zeit, Gegenstand und Leitfrage fest, prüfst unterschiedliche Materialien und begründest deine Erklärung. Dabei zeigst du auch, was offenbleibt.
Warum geht ein Protest weiter, obwohl die Führung nachgibt? Dieser Frage gehst du am Beispiel Ost-Berlins im Juni 1953 nach. Dabei lernst du, zwischen einem Beleg und deiner eigenen Erklärung zu unterscheiden.
Deine Lernziele
Hake ab, was du schon kannst. Löst du alle Aufgaben eines Abschnitts, hakt Mela das Ziel für dich ab.
5 Abschnitte
Ein historischer Fall ist ein begrenztes Geschehen, das du besonders genau untersuchst. Dafür bestimmst du vier Dinge: Ort, Zeit, Gegenstand und Leitfrage. Der Gegenstand sagt, was du untersuchst. Die Leitfrage legt fest, was du darüber herausfinden möchtest.
Unser Ort ist Ost-Berlin, unsere Zeit der 16./17. Juni 1953. Gegenstand ist die Fortsetzung der Proteste trotz eines Zugeständnisses der Parteiführung. Ein Zugeständnis bedeutet hier, einer Forderung entgegenzukommen. Die Leitfrage lautet: Warum beendete die Rücknahme der Normenerhöhung den Protest nicht? Eine Arbeitsnorm legt fest, welche Leistung Arbeiter erbringen sollen.
Ost-Berlin gehörte zur DDR, der Deutschen Demokratischen Republik, dem ostdeutschen Staat. Die SED, die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands, bestimmte dessen Politik. Um den Fall zu erklären, brauchen wir auch diesen größeren Zusammenhang. Trotzdem untersuchen wir damit nicht jeden Protestort in der DDR. Die hier vorgestellten Arbeitsschritte sind ein Vorschlag, keine feste Regel für jede Untersuchung.
Definition
Leitfrage
Die Leitfrage bestimmt, was du mit deiner Untersuchung herausfinden willst. Sie hilft dir, passende Belege auszuwählen.
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Bei einem historischen Text unterscheidest du drei Ebenen. Quellenangaben nennen zum Beispiel den Urheber, das Datum und die Textart. Die Quellenaussage ist das, was im Text steht. Deine Schlussfolgerung erklärt, was du daraus ableitest. Sie braucht eine Begründung.
Ein Beispiel ist die politische Erklärung zur Arbeitsnorm vom 16. Juni 1953 aus Ost-Berlin. Ihr Urheber war das Politbüro, ein Führungsgremium der SED. Ein kurzer Auszug daraus lautet: „Es wird vorgeschlagen, die von den einzelnen Ministerien angeordnete obligatorische Erhöhung der Arbeitsnormen als unrichtig aufzuheben.“ Obligatorisch bedeutet verpflichtend. Der Satz belegt einen Vorschlag zur Änderung. Er beweist für sich genommen noch nicht dessen Umsetzung. Die Vermutung, die Führung wolle Unterstützung zurückgewinnen, ist eine eigene Deutung ihrer Absicht.
Auch bei einem Gegenstand musst du die Ebenen trennen. Eine Museumsaufnahme zeigt ein erhaltenes, unregelmäßig abgebrochenes Schildstück. Darauf sind Teile heller Buchstaben auf dunklem Grund und unten links eine runde Öffnung zu sehen. Die Aufnahme zeigt den Gegenstand, nicht den Abriss.
Das Museum ordnet das Schildstück Ost-Berlin und der Zeit 1952–1953 zu. Nach seinen Angaben gehörte es zum Staatlichen Komitee für Materialversorgung. Demonstranten rissen die Tafel während des Aufstands am 17. Juni ab. Diese Angaben kannst du nicht allein aus der Form des Bruchstücks ablesen. Zusammen mit ihnen belegt es eine Handlung gegen ein staatliches Schild. Wer es abriss und welche Ziele alle Beteiligten hatten, bleibt offen.
Merke: Trenne das Sichtbare oder Geschriebene von den Angaben zur Herkunft und deiner eigenen Deutung. Ein Vorschlag im Text beweist noch keine Umsetzung.
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Rekonstruieren heißt, aus geprüften Spuren eine begründete Beschreibung und Erklärung des Geschehens zu entwickeln. Verschiedene Materialien helfen bei verschiedenen Fragen: Ein später geschriebener Überblick ordnet den Ablauf und nennt Forderungen. Die Erklärung des Politbüros zeigt die Reaktion und Sprache der Führung. Das Schildstück ergänzt eine Spur einer Protesthandlung. Keine Materialart beantwortet allein alle Fragen.
1952/53 verstärkten wirtschaftliche Probleme und politische Unterdrückung die Unzufriedenheit in der DDR. Höhere Arbeitsnormen bei gleichbleibendem Lohn erhöhten den Druck. Am 16. Juni streikten Bauarbeiter der Ost-Berliner Stalinallee. Die SED korrigierte die Normenerhöhung noch an diesem Tag. Dennoch ging der Protest weiter. Am 17. Juni erfasste der Aufstand viele Orte und Betriebe. Beteiligte forderten auch freie Wahlen, den Rücktritt der Regierung und die Freilassung politischer Gefangener, also wegen politischer Gründe eingesperrter Menschen.
Die Beteiligten hatten unterschiedliche Handlungsmöglichkeiten. Bauarbeiter konnten streiken und demonstrieren. Die SED-Führung konnte ihre Normenpolitik ändern. Sowjetische Kommandanten waren militärische Befehlshaber aus der Sowjetunion, einem damaligen Staat. Sie verfügten über militärische Macht und verhängten den Ausnahmezustand, also besondere Regeln militärischer Kontrolle. Sowjetische Truppen unterdrückten den Aufstand mit militärischer Gewalt. DDR-Sicherheitskräfte unterstützten sie dabei. Verhaftungen folgten. Sowjetische Stellen und DDR-Gerichte verurteilten Menschen zum Tod und ließen sie hinrichten.
Ein gemeinsames Rechercheprojekt hat 55 Todesopfer im Zusammenhang mit dem Aufstand und seinen Folgen nachgewiesen. Dazu gehören auch spätere Hinrichtungen, Todesfälle in Haft und getötete Angehörige der DDR-Sicherheitsorgane. Die Zahl bedeutet nicht, dass alle am 17. Juni erschossen wurden oder weitere ungeklärte Fälle ausgeschlossen sind.
Strukturen sind länger bestehende Bedingungen des Handelns. Hier gehören die Herrschaft der SED und die wirtschaftliche Krise dazu. Die Normenerhöhung war ein unmittelbarer Auslöser des Protests. Die politischen Forderungen und der weitere Protest sprechen dagegen, sie als einzige Ursache anzusehen. Diese Erklärung verbindet Forderungen und Bedingungen. Eine zeitliche Reihenfolge allein beweist keine Ursache.
| Ebene | Beitrag zur Erklärung |
|---|---|
| Auslöser | Die höhere Arbeitsnorm bei gleichem Lohn erhöhte den Druck. |
| Länger bestehende Bedingungen | Wirtschaftliche Probleme und politische Unterdrückung verstärkten die Unzufriedenheit. |
| Weiterer Verlauf | Trotz der Korrektur ging der Protest weiter; Beteiligte stellten politische Forderungen. |
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Eine Perspektive ist eine Sichtweise auf ein Geschehen. Die SED-Führung verlangte Unterstützung für Partei und Regierung. Beteiligte am Protest verlangten dagegen Veränderungen an der politischen Ordnung, etwa freie Wahlen. Dabei muss nicht jeder Protestierende dieselben Forderungen geteilt haben.
Im Schlussabsatz ihrer Erklärung verwendete die SED-Führung die feindselige Bezeichnung „feindlichen Provokateure“. Damit stellte sie vermeintliche Gegner als Menschen dar, die absichtlich Unruhe auslösten. Die Bezeichnung zeigt die Sicht der Führung. Sie beweist nicht, dass äußere Feinde den Aufstand steuerten.
Ein Sachurteil beurteilt einen Sachverhalt anhand begründeter Kriterien im damaligen Zusammenhang. Du kannst zum Beispiel fragen, ob die Korrektur der Arbeitsnormen den Konflikt löste. Ein begründetes Sachurteil lautet: Sie reichte zur Beendigung des Konflikts nicht aus. Dafür sprechen der weitere Protest und die politischen Forderungen.
Ein Werturteil nennt zusätzlich die eigenen Wertmaßstäbe. Ein möglicher Maßstab ist das Recht auf friedlichen Protest. Zusammen mit politischer Selbstbestimmung, also dem Recht, über die politische Ordnung mitzuentscheiden, trägt es dieses Werturteil: Gemessen an diesen Rechten ist die militärische Unterdrückung der weitgehend friedlichen Erhebung abzulehnen. Auch ein Werturteil braucht geprüfte Kenntnisse über das Geschehen.
Merke: Nenne beim Sachurteil dein Kriterium und die Belege. Lege beim Werturteil zusätzlich offen, an welchen Werten du dich orientierst.
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Unser Fall zeigt: Ein einzelnes Zugeständnis beendet einen Konflikt nicht notwendig. Er beweist aber nicht, dass Zugeständnisse immer wirkungslos sind. Ebenso steht ein einzelnes Schildstück nicht für jede Protesthandlung an jedem Ort.
Auch die zeitliche Grenze unserer Untersuchung ist keine Grenze aller Ereignisse. In Jena gab es beispielsweise am 10. und 11. Juli 1953 weitere Arbeitsniederlegungen. Das belegt spätere Proteste. Es beweist nicht, dass Abläufe und Beweggründe an jedem Ort gleich waren.
Für weiter reichende Erklärungen brauchst du zusätzliche Fälle. Untersuche zunächst jeden anhand seiner Belege. Vergleiche dann mit gemeinsamen Fragen: Welche Forderungen gab es? Welche Handlungsmöglichkeiten bestanden? Welche Zugeständnisse wurden gemacht? Was geschah anschließend? So kannst du Gemeinsamkeiten und Unterschiede prüfen. Ein ähnliches Ergebnis allein beweist noch keine gleichen Ursachen.
Beispiel: Was zeigen die späteren Arbeitsniederlegungen in Jena?
- 1In Jena legten Arbeiter am 10. und 11. Juli 1953 erneut die Arbeit nieder.
- 2Damit ist belegt, dass es nach den untersuchten Junitagen weitere Proteste gab.
- 3Ob ihre Beweggründe denen in Ost-Berlin entsprachen, müsste ein Vergleich prüfen.
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Alles auf einen Blick
Historischer Fall
Eingrenzung
Ort, Zeit, Gegenstand und Leitfrage machen aus einem großen Thema einen untersuchbaren Fall.
Belege
Trenne Angaben zur Herkunft, Aussagen des Materials und eigene Schlussfolgerungen.
Erklärung
Verbinde Ablauf, Beteiligte, Handlungsmöglichkeiten und länger bestehende Bedingungen.
Urteile
Vergleiche Sichtweisen, begründe dein Sachurteil und nenne beim Werturteil deine Maßstäbe.
Grenzen
Ein Einzelfall beweist keine allgemeine Regel. Weitere Fälle müssen anhand gemeinsamer Fragen verglichen werden.
Musteraufgabe · Schritt für Schritt
Einen Änderungsvorschlag vorsichtig auswerten
- 1Aufgabe: Prüfe, was der oben wiedergegebene Auszug aus der Erklärung des Führungsgremiums der SED belegt.
- 2Angaben festhalten: Der Text stammt von einem Führungsgremium der SED und ist eine politische Erklärung zur Arbeitsnorm.
- 3Aussage bestimmen: Das Gremium schlägt vor, die verpflichtende Erhöhung der Arbeitsnormen aufzuheben.
- 4Deutung kennzeichnen: Die Führung wollte vermutlich Unterstützung zurückgewinnen. Das ist eine Erklärung ihrer Absicht, kein Wortlaut des Auszugs.
- 5Grenze nennen: Ob der Vorschlag umgesetzt wurde, beweist dieser Satz allein nicht.
Fehler finden
Prüfe die Aussagen zur Museumsaufnahme des Schildstücks In einer Zeile steckt ein Fehler. Tippe sie an.
Fehler in Zeile 2Die zweite Aussage verwechselt den erhaltenen Gegenstand mit dem damaligen Vorgang. Richtig: Die Museumsaufnahme zeigt den Gegenstand, nicht den Abriss.
Lückentext
Wähl in jeder Lücke das passende Wort und prüf dann deine Antworten.
Die SED korrigierte die Normenerhöhung am 1953. Den Vorschlag zur Aufhebung der verpflichtenden Normenerhöhung formulierte die . Der hier behandelte zusätzliche Fall zu den Arbeitsniederlegungen vom 10. und 11. Juli 1953 betrifft .
Karteikasten
Erst selbst überlegen, dann umdrehen.
Übung mit Feedback