Geschichte · Klasse 9–10 · aktualisiert
Historische Narration schreiben: Anleitung
Du lernst, historische Zusammenhänge belegt zu erzählen, Unsicherheit zu zeigen und Erklärungen mit mehreren Faktoren zu schreiben.
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Kurz gesagt
Eine historische Narration ist eine Erzählung, die vergangenes Geschehen anhand von Quellen zu einem Zusammenhang verbindet. Sie unterscheidet Belege von Schlussfolgerungen, macht Unsicherheit sichtbar und begründet Ursachen.
Eine Geschichte kann überzeugend klingen und trotzdem falsche Zusammenhänge herstellen. Beim historischen Schreiben reicht eine spannende Reihenfolge deshalb nicht aus. Du prüfst, was belegt ist, aus welchem Blickwinkel erzählt wird und welche Fragen offenbleiben.
Deine Lernziele
Hake ab, was du schon kannst. Löst du alle Aufgaben eines Abschnitts, hakt Mela das Ziel für dich ab.
4 Abschnitte
Eine historische Narration verbindet Ereignisse verschiedener Zeiten zu einer Geschichte. Beginne mit einer Leitfrage: Welche Entwicklung möchtest du erklären? Sammle dazu Befunde, also feststellbare Angaben aus deinen Quellen. Halte Personen, Orte, Zeiten und passende Belegstellen fest. Ordne anschließend die Unterpunkte und entscheide, in welcher Reihenfolge du sie erzählst.
Prüfe dabei zwei Dinge: Passt die zeitliche Reihenfolge? Und ist der sachliche Zusammenhang belegt? Das Wort „danach“ beschreibt eine Abfolge. Mit „weil“ behauptest du dagegen eine Ursache. Dass ein Ereignis auf ein anderes folgt, genügt dafür nicht.
Das zeigt ein Fall aus Athen, einer Stadt der griechischen Antike. Dem Philosophen Platon missfielen die politischen Verhältnisse nach der Wiederherstellung der Demokratie 403 v. Chr. Sein Lehrer Sokrates wurde 399 v. Chr. hingerichtet. Das erschütterte Platon tief und war ein Wendepunkt seines Lebens. Die spätere Hinrichtung kann aber keine bereits bekannte Ursache seiner früheren Kritik gewesen sein. Bei Jahreszahlen vor Christus liegt 403 vor 399.
Prüfe auch, was eine Person zu einem bestimmten Zeitpunkt wissen konnte. Eine falsche zeitliche Zuordnung heißt Anachronismus. Unterscheide die Zeit des Geschehens von der Zeit, in der jemand darüber schrieb. Ein heutiger Begriff in deiner Erklärung ist nicht schon allein deshalb ein Anachronismus.
Definition
Historische Narration
Eine Erzählung, die vergangenes Geschehen auf der Grundlage von Quellen zu einem zeitlich und sachlich nachvollziehbaren Zusammenhang verbindet.
Merke: Eine zeitliche Abfolge belegt noch keine Ursache. Prüfe Verbindungen genauso sorgfältig wie einzelne Angaben.
Teste dich
Unterscheide beim Schreiben drei Arten von Aussagen. Ein Befund hält fest, was du am Material feststellen kannst. Eine Schlussfolgerung deutet solche Befunde und muss begründet werden. Eine offene Frage benennt, was sich mit den verfügbaren Belegen nicht entscheiden lässt. Zuerst erfasst du den Befund, danach deutest du ihn.
Ein Beleg dafür, dass ein Verfasser etwas behauptet, ist noch kein Beweis dafür, dass es so geschehen ist. Prüfe, wer den Text wann und mit welcher Absicht verfasst hat. Vergleiche seine Angaben mit weiteren Quellen. Manche Fragen lassen sich dadurch klären, andere bleiben offen.
Auch eine nachgewiesene Fälschung kann etwas belegen: Sie kann Auskunft über ihren Fälscher geben. Sie bestätigt aber nicht schon die Geschichte, die sie als echt ausgibt. Der Aussagewert hängt also auch davon ab, welche Frage du stellst.
In deinen Notizen kannst du Belegstelle, Schlussfolgerung und offene Frage getrennt festhalten. Im fertigen Text erklärst du die Verbindung: Worauf stützt sich dein Schluss? Was trägt der Beleg nicht? Eine unbelegte Vermutung wird nicht dadurch zu einer belegten Aussage, dass du „vielleicht“ davorsetzt.
Beispiel: Beispieltext, ausgedacht: einen lückenhaften Bericht prüfen
- 1Übungsbefund: Von einem Bericht ist nur ein Teil erhalten.
- 2Begründete Schlussfolgerung: Der erhaltene Teil erlaubt keine vollständige Wiedergabe des ursprünglichen Berichts.
- 3Offene Frage: Welche Aussagen standen im fehlenden Teil? Du ergänzt sie nicht aus deiner Vorstellung.
Teste dich
Eine Perspektive ist ein Blickwinkel. Frage bei einem Bericht nach dem Verfasser, seinen Interessen, seinen Kenntnissen und seinem Verhältnis zu den beschriebenen Personen. Auch deine Leitfrage beeinflusst, welche Befunde du für deine Erzählung auswählst. Mache diese Auswahl nachvollziehbar und prüfe andere Sichtweisen.
Über Platons Leben wurden Geschichten verbreitet, die ihn verherrlichen sollten. Andere sollten ihn verspotten oder schlechtmachen. Solche Absichten erschweren es, herauszufinden, was tatsächlich geschehen ist. Gib die Sicht einer Gruppe deshalb als deren Sicht wieder. Die Bewunderung seiner Anhänger ist kein Beweis dafür, dass ihre Geschichten zutreffen.
Platon schrieb auch Dialoge, also literarische Gespräche. In ihnen sind Ort und Zeit oft genau angegeben. Trotzdem sind sie keine echten Gesprächsprotokolle. Der dort auftretende Sokrates verbindet historische mit idealisierten Zügen: Platon gestaltet ihn auch nach seinen Vorstellungen. Deshalb lässt sich häufig schwer trennen, welche Gedanken von Platon und welche vom historischen Sokrates stammen.
Unsicherheit muss genau benannt werden. Schreibe etwa, welche Zuordnung unklar bleibt und warum. Unterscheide außerdem die Meinung einer damaligen Person von deinem eigenen Urteil. Heutige Wertmaßstäbe dürfen nicht uneingeschränkt auf die Vergangenheit übertragen werden.
Merke: Nenne, wessen Sicht du wiedergibst. Erkläre bei Unsicherheit, welche Aussage betroffen ist und woran die sichere Antwort scheitert.
Teste dich
Eine monokausale Erklärung führt ein Geschehen auf eine einzige Ursache zurück. Eine multikausale Erklärung untersucht mehrere Ursachen oder Faktoren. Faktoren sind hier Bedingungen, Interessen oder Überzeugungen, die zum Geschehen beitragen. Mehrere Namen oder Ereignisse aufzuzählen genügt nicht: Du musst ihren Beitrag erklären.
Benenne zuerst genau die Entwicklung, die du erklären willst. Markiere dann die bisher behauptete einzige Ursache. Suche weitere belegte Faktoren. Frage bei jedem: Wie ermöglichte, förderte oder begrenzte er das Handeln? Wie hing er mit anderen Faktoren zusammen? Füge keinen Grund hinzu, nur weil er plausibel klingt.
Platons Reise nach Syrakus, einer Stadt auf Sizilien, eignet sich dafür. Er brach 366 v. Chr. auf, obwohl er zunächst starke Bedenken hatte. Der Herrscher Dionysios II. hatte ihn auf Veranlassung von Platons Freund Dion eingeladen. Dion wollte eine maßgebliche Stellung am Hof erreichen. Platon hoffte, zusammen mit Dion Einfluss auf den jungen Herrscher zu gewinnen und seine politischen Vorstellungen zu erproben. Günstigstenfalls wollte er eine Herrschaft von Philosophen verwirklichen. Dion war optimistischer als Platon.
Für eine Erklärung kannst du die Einladung, Dions Bemühungen und Platons politische Hoffnung miteinander verbinden. Unterscheide dabei ihre Rollen: Die Einladung eröffnete den konkreten Weg zur Reise; Platons Hoffnung erklärt, was er dort erreichen wollte. Das ist eine begründete Verknüpfung der Angaben. Eine genaue Rangfolge ihres Einflusses lässt sich daraus nicht sicher ablesen.
Gewichte Faktoren nur so weit, wie deine Belege es erlauben. Mehrere Faktoren müssen nicht gleich wichtig sein. Prüfe am Ende erneut, welche Aussage unmittelbar belegt ist, welche deine Schlussfolgerung bleibt und was offenbleibt.
Definition
Multikausale Erklärung
Eine Erklärung mit mehreren Ursachen oder Faktoren. Sie begründet, wie diese zum untersuchten Geschehen beitragen und zusammenhängen.
Merke: Nicht die Zahl der genannten Faktoren macht eine Erklärung überzeugend, sondern ihre belegten Beiträge und Verbindungen.
Teste dich
Alles auf einen Blick
Historische Narration schreiben
Zusammenhang
Ordne Befunde zeitlich und begründe sachliche Verbindungen.
Aussagen
Trenne belegte Angaben, begründete Schlussfolgerungen und offene Fragen.
Perspektive
Zeige, wessen Sicht du wiedergibst und welche Interessen sie prägen.
Unsicherheit
Benenne die betroffene Aussage und die Grenze deiner Belege.
Ursachen
Erkläre die Beiträge mehrerer belegter Faktoren und gewichte sie nur mit Begründung.
Musteraufgabe · Schritt für Schritt
Platons Reiseentscheidung mit mehreren Faktoren erklären
- 1Aufgabe: Erkläre, warum Platon trotz anfänglicher Bedenken nach Syrakus aufbrach.
- 2Befunde sammeln: Dion veranlasste die Einladung durch Dionysios II. Platon hoffte, zusammen mit Dion seine politischen Vorstellungen beim jungen Herrscher zu erproben.
- 3Verbindungen erklären: Die Einladung eröffnete den konkreten Weg zur Reise. Platons politische Hoffnung erklärt, was er durch die Reise erreichen wollte.
- 4Überarbeiten: Die Reise lässt sich nicht schon durch das Nennen der Einladung ausreichend erklären. Hinzu kommen Dions Bemühungen und Platons Hoffnung auf politischen Einfluss.
- 5Grenze benennen: Die Angaben erlauben keine sichere Rangfolge der Faktoren. Platon hatte zunächst starke Bedenken; Dions größerer Optimismus darf ihm nicht zugeschrieben werden.
Fehler finden
Prüfe die Aussagen zu Platons politischer Kritik In einer Zeile steckt ein Fehler. Tippe sie an.
Fehler in Zeile 3Die dritte Aussage vertauscht die zeitliche Reihenfolge. Richtig: Die Hinrichtung lag zeitlich nach der Wiederherstellung der Demokratie. Sie kann keine bereits bekannte Ursache von Platons früherer Kritik gewesen sein.
Lückentext
Wähl in jeder Lücke das passende Wort und prüf dann deine Antworten.
Nach der Wiederherstellung der Demokratie in Athen missfielen Platon die politischen Verhältnisse. Zu seiner Reise nach Syrakus brach er auf. Eine Erklärung, die ein Geschehen auf eine einzige Ursache zurückführt, heißt .
Karteikasten
Erst selbst überlegen, dann umdrehen.
Übung mit Feedback