Geschichte · Klasse 7–10 · aktualisiert
Gleichgewichtspolitik: Bismarcks Bündnissystem
Du lernst, wie Bismarck Deutschlands Stellung durch Bündnisse sichern wollte, wo das System an Grenzen stieß und was sich nach 1890 änderte.
0 von 9 Aufgaben gelöst
Kurz gesagt
Bismarcks Gleichgewichtspolitik sollte die Machtstellung des Deutschen Reiches sichern und einen Krieg möglichst verhindern. Bündnisse sollten Frankreich isolieren und Russland an Deutschland binden. Gegensätze zwischen den Partnern machten das System jedoch unsicher.
Mehrere Freunde zu haben, hilft wenig, wenn diese miteinander streiten. Vor einem ähnlichen Problem stand Bismarck mit seinen Bündnispartnern. Du untersuchst, wie er unterschiedliche Interessen ausgleichen wollte und warum Verträge keinen sicheren Frieden garantierten.
Deine Lernziele
Hake ab, was du schon kannst. Löst du alle Aufgaben eines Abschnitts, hakt Mela das Ziel für dich ab.
4 Abschnitte
Otto von Bismarck war von 1871 bis 1890 erster Reichskanzler, also Regierungschef, des Deutschen Reiches. Nach dem Sieg über Frankreich 1871 wollte er die neue deutsche Machtstellung sichern. Andere europäische Staaten fürchteten, Deutschland könnte weitere Gebiete erobern. Bismarck erklärte deshalb, das Reich erhebe keine weiteren Gebietsansprüche.
Mit Bündnissen wollte Bismarck einen Krieg möglichst verhindern und Frankreich isolieren. Das bedeutete: Frankreich sollte möglichst keine Verbündeten finden. Besonders wichtig war ihm, Russland von einem Bündnis mit Frankreich abzuhalten. Sonst drohte Deutschland ein Zweifrontenkrieg: Es hätte gleichzeitig gegen Frankreich und Russland kämpfen müssen.
Die europäischen Großmächte, also besonders mächtige Staaten, sollten Beziehungen unterhalten, die ein Bündnis gegen Deutschland erschwerten. Deutschland sollte dabei möglichst nicht zu fest an einen einzelnen Partner gebunden sein. Der Historiker Thomas Nipperdey deutet Bismarcks Ziel als Erhaltung und Sicherung der deutschen Machtposition, nicht als Erweiterung des Reiches.
Definition
Gleichgewichtspolitik
Bismarck wollte die Interessen der europäischen Mächte durch Bündnisse ausgleichen. Damit wollte er Deutschlands Stellung sichern und einen Krieg möglichst verhindern.
Merke: Bismarcks Friedenssicherung und deutsche Machtinteressen gehörten zusammen. Seine Bündnisse sollten zugleich Frankreich isolieren.
Teste dich
Bismarck setzte auf mehrere Verträge mit unterschiedlichen Aufgaben. Das Dreikaiserabkommen von 1873 verband Deutschland, Österreich-Ungarn und Russland. Österreich-Ungarn war ein von einem Kaiser regierter Staat. Die drei Staaten vereinbarten, sich bei militärischen Angriffen miteinander zu verständigen. Von deutscher Seite sollte das Abkommen vor allem Russland von einem Bündnis mit Frankreich abhalten.
1879 schlossen Deutschland und Österreich-Ungarn den Zweibund. Griff Russland einen der beiden Partner an, musste der andere militärisch helfen. Diese Pflicht galt nicht, wenn Deutschland oder Österreich-Ungarn selbst angriff. Bei einem Angriff einer anderen Macht war zumindest wohlwollende Neutralität vorgesehen: Der Partner sollte sich aus dem Krieg heraushalten und dem angegriffenen Verbündeten freundlich gegenüberstehen.
1881 folgte der geheime Dreikaiserbund zwischen Deutschland, Österreich-Ungarn und Russland. Geriet einer der drei Staaten in einen Krieg mit einer Macht außerhalb des Bündnisses, sollten die beiden anderen wohlwollend neutral bleiben. Das sollte den Frieden zwischen den drei Partnern sichern. 1882 kam Italien zum Bündnis Deutschlands mit Österreich-Ungarn hinzu: Der Dreibund war ein Verteidigungsbündnis gegen Frankreich.
Nach dem Zerbrechen des Dreikaiserbunds 1885/86 schlossen Deutschland und Russland 1887 den geheimen Rückversicherungsvertrag. Dieses Neutralitätsabkommen sollte einen deutschen Zweifrontenkrieg gegen Russland und Frankreich verhindern. Die Verträge hatten also verschiedene Aufgaben: militärische Hilfe zusagen, Partner aus Kriegen heraushalten und Frankreich von Verbündeten fernhalten.
Beispiel: Warum Italien sich 1882 dem Dreibund anschloss
- 1Italien verfolgte koloniale Interessen in Libyen, einem Gebiet in Nordafrika: Es wollte dort seinen Einfluss ausweiten.
- 2Dadurch geriet Italien mit Frankreich in Konflikt, das ebenfalls starke Interessen in Nordafrika hatte.
- 3Italien näherte sich deshalb Deutschland und Österreich-Ungarn an. Der Dreibund richtete sich als Verteidigungsbündnis gegen Frankreich.
Teste dich
Verträge beseitigten die unterschiedlichen Interessen der Staaten nicht. Das zeigte schon die Krieg-in-Sicht-Krise von 1875. Damals drohte ein deutscher Angriff auf Frankreich. Russland machte deutlich, dass es Frankreich bei einem deutschen Überfall militärisch helfen würde – trotz des Dreikaiserabkommens. Frankreichs Isolierung war also nicht gesichert.
Auch Österreich-Ungarn und Russland standen sich mit widersprüchlichen Interessen gegenüber. Besonders auf dem Balkan, einer Region im Südosten Europas, gab es Spannungen. Während der Bulgarischen Krise griff Österreich-Ungarn 1885 auf Serbiens Seite ein, ohne dies mit Russland abzusprechen. Nach den dadurch entstandenen Verstimmungen zerbrach der Dreikaiserbund 1885/86.
Manche Vereinbarungen verfolgten sogar gegensätzliche Ziele. Bismarck förderte 1887 die Mittelmeerentente, eine Verständigung zwischen Großbritannien, Italien, Spanien und Österreich-Ungarn. Sie sollte die bestehenden Verhältnisse im Mittelmeerraum erhalten und das Osmanische Reich vor russischem Ausgreifen schützen, also vor einer Ausweitung russischen Einflusses. Der ebenfalls 1887 geschlossene Rückversicherungsvertrag erkannte dagegen russische Interessen an den türkischen Meerengen und in Bulgarien an. Meerengen sind schmale Wasserwege zwischen Meeren. Darin lag ein Widerspruch: Die eine Vereinbarung sollte Russland begrenzen, die andere erkannte russische Interessen an.
Auch Bismarcks Verzicht auf weitere Gebietsansprüche darfst du nicht unbegrenzt verallgemeinern. Der Historiker Jürgen Osterhammel unterscheidet Deutschlands Eintritt in die Kolonialpolitik 1884 von einer unter Bismarck bewusst noch nicht betriebenen Weltpolitik. Kolonialpolitik bedeutet hier, Herrschaft über Gebiete außerhalb Europas anzustreben. Weltpolitik meinte den Anspruch auf eine den bestehenden Weltmächten ebenbürtige Stellung. Bismarcks Bündnisse boten Schutz, aber keine sichere Lösung für jeden Konflikt.
Merke: Prüfe bei einem Bündnis nicht nur die Zusagen. Frage auch, ob die Interessen seiner Partner zusammenpassen.
Teste dich
1890 wurde Bismarck entlassen. Kurz darauf lehnte der deutsche Kaiser Wilhelm II. Russlands Wunsch ab, den Rückversicherungsvertrag zu verlängern. Die deutsch-russischen Beziehungen verschlechterten sich. Russland und Frankreich schlossen 1892 eine militärische Vereinbarung und 1894 einen offiziellen Bündnisvertrag. Damit verbanden sich gerade jene beiden Staaten, deren Bündnis Bismarck hatte verhindern wollen.
Auch der Dreibund wurde schwächer: Italien schloss 1902 ein geheimes Neutralitätsabkommen mit Frankreich. Zugleich forderte Deutschland Großbritannien durch den Bau einer starken Kriegsflotte heraus. Das trug dazu bei, dass Großbritannien seine bisherige Zurückhaltung gegenüber festen Bündnissen aufgab. 1904 verband es sich mit Frankreich; 1907 kam Russland zur Entente hinzu. Entente bedeutet hier eine Verständigung zwischen Staaten.
Der Historiker Jörg Fisch erklärt Deutschlands zunehmende Isolation mit den Zielen der späteren deutschen Weltpolitik nach Bismarck. Deutschland wollte in Europa die führende Macht sein und zugleich weltweit eine Großbritannien ebenbürtige Stellung erreichen. Fisch deutet dieses gleichzeitige Streben als Selbstisolierung: Deutschland erschwerte durch seine eigenen politischen Ziele die Zusammenarbeit mit anderen Mächten. Im Inland wurde es dagegen überwiegend als Einkreisung wahrgenommen: Andere Mächte schienen sich gegen Deutschland zusammenzuschließen.
Deutschland war dennoch nicht ohne Verbündete. Der Zweibund mit Österreich-Ungarn bestand fort. Insgesamt verfestigten sich die europäischen Bündnisse zu zwei feindlichen Gruppen. Sie konnten Gegner zwar abschrecken. Die Rücksicht auf Bündnispartner schränkte aber auch eigene Entscheidungen ein, und regionale Konflikte konnten einen großen Krieg auslösen.
| Jahr | Veränderung |
|---|---|
| 1890 | Wilhelm II. lehnt die Verlängerung des Rückversicherungsvertrags ab. |
| 1894 | Russland und Frankreich schließen einen offiziellen Bündnisvertrag. |
| 1902 | Italien schließt ein geheimes Neutralitätsabkommen mit Frankreich. |
| 1904 | Großbritannien verbindet sich mit Frankreich. |
| 1907 | Russland tritt der Entente bei. |
Teste dich
Alles auf einen Blick
Gleichgewichtspolitik
Ziel
Bismarck wollte Deutschlands Machtstellung sichern und einen Krieg möglichst verhindern.
Frankreich
Seine Isolierung sollte besonders ein Bündnis mit Russland und damit die Gefahr eines deutschen Zweifrontenkriegs verhindern.
Verträge
Militärische Hilfe und wohlwollende Neutralität erfüllten unterschiedliche Aufgaben im Bündnissystem.
Grenzen
Gegensätze zwischen Österreich-Ungarn und Russland sowie widersprüchliche Vereinbarungen machten das System unsicher.
Kurswechsel
Nach 1890 verschlechterten sich die deutsch-russischen Beziehungen; Russland und Frankreich wurden Bündnispartner.
Isolation
Der deutsche Flottenbau trug zur Annäherung Großbritanniens an Frankreich und Russland bei. Deutschland blieb mit Österreich-Ungarn verbündet.
Musteraufgabe · Schritt für Schritt
Die Ablehnung der Vertragsverlängerung einordnen
- 1Aufgabe: Erkläre, warum die Entscheidung von 1890 Bismarcks bisherigem Ziel widersprach.
- 2Ziel bestimmen: Bismarck wollte Russland von einem Bündnis mit Frankreich abhalten und einen deutschen Zweifrontenkrieg verhindern.
- 3Entscheidung nennen: Wilhelm II. lehnte 1890 kurz nach Bismarcks Entlassung Russlands Wunsch ab, den Rückversicherungsvertrag zu verlängern.
- 4Entwicklung verfolgen: Die deutsch-russischen Beziehungen verschlechterten sich. Russland und Frankreich vereinbarten 1892 militärische Zusammenarbeit und schlossen 1894 einen offiziellen Bündnisvertrag.
- 5Urteil formulieren: Die Verbindung zu Russland wurde aufgegeben. Das spätere französisch-russische Bündnis widersprach Bismarcks Ziel. Aus dieser Abfolge allein folgt aber nicht, dass eine einzige Entscheidung alle späteren Veränderungen verursachte.
Fehler finden
Prüfe die Aussagen zu den Vereinbarungen von 1887 In einer Zeile steckt ein Fehler. Tippe sie an.
Fehler in Zeile 3Die dritte Aussage verwechselt Ablehnung mit Anerkennung. Richtig: Der Rückversicherungsvertrag erkannte russische Interessen an den türkischen Meerengen und in Bulgarien an.
Lückentext
Wähl in jeder Lücke das passende Wort und prüf dann deine Antworten.
Deutschland und Österreich-Ungarn schlossen den Zweibund . Der geheime Rückversicherungsvertrag zwischen Deutschland und Russland entstand . Italien lockerte den Dreibund durch sein geheimes Neutralitätsabkommen mit Frankreich von .
Karteikasten
Erst selbst überlegen, dann umdrehen.
Übung mit Feedback