Geschichte · Klasse 7–10 · aktualisiert
Geschichte der Gewerkschaften in Deutschland
Du lernst, warum Gewerkschaften entstanden, wie sie Arbeitsbedingungen veränderten und welche Rolle sie in West- und Ostdeutschland spielten.
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Kurz gesagt
Gewerkschaften vertreten die Interessen von Beschäftigten. Während der Industrialisierung schlossen sich Arbeiter zusammen, um ihre schlechte Lage zu verbessern. Mit Organisation, Streiks und Verhandlungen setzten sie sich für bessere Löhne und Arbeitsbedingungen ein.
Wer bestimmt, wie viel du später verdienst und wie viel Urlaub du bekommst? Gewerkschaften verhandeln darüber mit Arbeitgebern. Ihre Geschichte zeigt, wie Beschäftigte gemeinsam Veränderungen erreichten und wie politische Herrschaft ihre Möglichkeiten begrenzte.
Deine Lernziele
Hake ab, was du schon kannst. Löst du alle Aufgaben eines Abschnitts, hakt Mela das Ziel für dich ab.
4 Abschnitte
Während der Industrialisierung wuchs die Arbeit in Fabriken. Maschinen bestimmten dort den Arbeitsrhythmus. Die wachsende Arbeiterbevölkerung lebte und arbeitete unter schlechten Bedingungen und erhielt meist niedrige Löhne. Auch Handwerker gerieten durch die Konkurrenz industriell hergestellter Waren unter Druck.
Die Arbeiter hatten unterschiedliche Erfahrungen und Fähigkeiten. Gemeinsam waren vielen jedoch schlechte Lebensbedingungen und geringe Möglichkeiten, ihre Interessen durchzusetzen. Im engen Zusammenleben der Arbeiterquartiere entstand ein stärkeres Zusammengehörigkeitsgefühl. Viele empfanden ihre Lage als ungerecht und wollten sie verändern.
Gewerkschaften wurden zu einer Form dieses Zusammenschlusses. Sie vertraten Beschäftigte und kämpften für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen. Zur breiteren Arbeiterbewegung gehörten auch Parteien, Bildungsvereine und Einrichtungen zur gemeinsamen Selbsthilfe. Diese hatten unterschiedliche Aufgaben: Arbeiterparteien waren politische Organisationen, Bildungsvereine dienten dem gemeinsamen Lernen. Eine Gewerkschaft war weder eine politische Partei noch ein Bildungsverein, sondern eine Interessenvertretung für Beschäftigte.
Für gemeinsames Handeln brauchten Arbeiter Rechte: Sie wollten Vereine bilden, sich versammeln und streiken dürfen. Koalitionsfreiheit bedeutet hier das Recht, sich zur Vertretung gemeinsamer Arbeitsinteressen zusammenzuschließen. Staatliche Verbote und Unterdrückung erschwerten solche Zusammenschlüsse.
Definition
Gewerkschaft
Eine Gewerkschaft ist ein freiwilliger Zusammenschluss von Beschäftigten. Sie vertritt ihre Interessen bei Löhnen und Arbeitsbedingungen über einzelne Betriebe hinaus.
Beispiel: Wie gemeinsame Erfahrungen verbinden konnten
- 1In frühen Fabriken bestimmten Maschinen den Arbeitsrhythmus.
- 2In engen Arbeiterquartieren lebten Menschen mit ähnlichen Schwierigkeiten zusammen.
- 3Gemeinsame Erfahrungen und der Wunsch nach Veränderung waren wichtige Grundlagen der Arbeiterbewegung.
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Während der Revolution 1848/49 entstanden erste Gewerkschaften auf nationaler Ebene. Sie waren auf einzelne Berufsgruppen begrenzt. 1865 wurde in Leipzig der Allgemeine Deutsche Cigarrenarbeiter-Verein gegründet. Er gilt als erste zentral organisierte Gewerkschaft in Deutschland: Die örtliche Arbeit wurde in einer gemeinsamen Organisation zusammengeführt.
Nach dem Scheitern der Revolution verloren Gewerkschaften wieder an Stärke und wurden erneut unterdrückt. Reformen von 1869 beziehungsweise 1871 ermöglichten durch die Koalitionsfreiheit ihre Entwicklung zu Vertragspartnern von Unternehmerverbänden, also Zusammenschlüssen von Arbeitgebern. Rechte und Handlungsmöglichkeiten mussten jedoch gegen staatliche Eingriffe verteidigt werden.
Ein schwerer Bruch folgte unter der Hitler-Diktatur, in der politische Freiheit unterdrückt wurde. Nationalsozialisten sperrten viele Gewerkschaftsführer in Konzentrationslager, also Lager, in denen sie Menschen gefangen hielten. Am 2. Mai 1933 besetzten Nationalsozialisten die Gewerkschaftshäuser. Anschließend wurden die Gewerkschaften zerschlagen. Ihr Vermögen ging an die Deutsche Arbeitsfront, eine Organisation der Nationalsozialisten mit vielen Mitgliedern.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Gewerkschaften wieder aufgebaut. 1949 fand in München der Gründungskongress des Deutschen Gewerkschaftsbundes, kurz DGB, statt. Sein erster Vorsitzender Hans Böckler wollte Beschäftigte ohne Bindung an eine bestimmte Partei unter einem starken Dachverband zusammenführen. Ein Dachverband verbindet mehrere Organisationen, hier Gewerkschaften. In Ostdeutschland entwickelte sich der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund, kurz FDGB, dagegen zu einer von der herrschenden Partei gesteuerten Organisation.
Anfang 1990 wurde der FDGB aufgelöst. Im Zusammenhang mit der deutschen Wiedervereinigung bauten die DGB-Gewerkschaften neue örtliche und regionale Strukturen in Ostdeutschland auf. Sie gewannen zunächst mehrere Millionen Mitglieder. Nach dem Zusammenbruch der ostdeutschen Industrie schieden viele davon wieder aus.
Merke: Die Gewerkschaftsgeschichte verlief nicht als ununterbrochener Aufstieg. Auf Zusammenschlüsse und neue Rechte folgten auch Unterdrückung und Zerschlagung.
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Gewerkschaften finanzieren sich durch Mitgliedsbeiträge und organisieren gemeinsames Handeln. Bei einem Streik legen Beschäftigte gemeinsam die Arbeit nieder, um Druck auszuüben. Ein Tarifvertrag ist eine Vereinbarung zwischen einer Gewerkschaft und einem Arbeitgeber oder Arbeitgeberverband. Er kann etwa Lohn, Arbeitszeit und Urlaub regeln. Ein Tarifvertrag ist kein Gesetz und gilt nicht ohne Weiteres für jeden Beschäftigten.
Das Zusammenspiel zeigt der Streik in Schleswig-Holstein 1956/57. Die IG Metall, eine Gewerkschaft der Metallbranche, verlangte für gewerbliche Arbeiter sechs Wochen Lohnfortzahlung bei Krankheit sowie mehr Urlaub und Urlaubsgeld. Gewerbliche Arbeiter verrichteten nach der damaligen Einteilung vor allem körperliche und handwerkliche Arbeiten. Angestellte erledigten vor allem kaufmännische oder Büroarbeiten. Beide Gruppen arbeiteten für Arbeitgeber, wurden bei Krankheit aber unterschiedlich behandelt.
Nach gescheiterten Verhandlungen und einer Urabstimmung, einer Abstimmung der Gewerkschaftsmitglieder über den Streik, begann am 24. Oktober 1956 der Streik. Gut organisierte Werften, also Betriebe zum Bau von Schiffen, und Maschinenfabriken bildeten den Ausgangspunkt. Die Gewerkschaft weitete den Streik aus und unterstützte Streikende finanziell. Er dauerte rund 16 Wochen. Im Februar 1957 entstand ein verbesserter Kompromiss, also ein Ergebnis, bei dem nicht alle Forderungen erfüllt wurden. Weiterhin stimmte eine Mehrheit dagegen. Nach den Regeln der Gewerkschaft reichte das aber nicht zur Fortsetzung: Dafür war eine Dreiviertelmehrheit erforderlich.
Das Ergebnis brachte einen Lohnausgleich von 90 Prozent des Nettolohns. Nettolohn ist der Lohn nach Abzug von Steuern und Beiträgen zu Sozialversicherungen. Warte- und Karenztageregelungen begrenzten die Zahlung: Sie erfolgte nicht vorbehaltlos ab dem ersten Krankheitstag. Hinzu kamen Verbesserungen bei Urlaub und Bezahlung während des Urlaubs. Eine vollständige Gleichstellung mit Angestellten war damit noch nicht erreicht. 1957 folgte ein Gesetz zur wirtschaftlichen Sicherung der Arbeiter bei Krankheit. Nach der historischen Untersuchung des Kieler Stadtarchivs orientierte sich der Gesetzgeber am Streikergebnis. Erst das 1970 in Kraft getretene Lohnfortzahlungsgesetz beseitigte die Karenztage.
Gesetze schufen auch Rechte zur Mitbestimmung, also zur Mitwirkung der Beschäftigten an Entscheidungen. Dabei sind zwei Einrichtungen zu unterscheiden: In der privaten Wirtschaft vertritt der Betriebsrat die Beschäftigten auf Betriebsebene. Der Aufsichtsrat überwacht dagegen die Geschäftsführung eines Unternehmens. Er führt nicht selbst das tägliche Geschäft.
Die Montanmitbestimmung von 1951 betraf erfasste Kapitalgesellschaften des Bergbaus und der Eisen- und Stahlindustrie mit mehr als 1.000 Beschäftigten. Kapitalgesellschaften sind rechtlich eigenständige Unternehmen, an denen sich Eigentümer durch Kapitalanteile beteiligen. Für diese Unternehmen sah das Gesetz gleich viele Vertreter der Arbeitnehmer und der Anteilseigner im Aufsichtsrat sowie ein zusätzliches neutrales Mitglied vor. Anteilseigner besitzen Anteile am Unternehmen. Gewerkschaften hatten für dieses Gesetz auch mit Streik gedroht.
1972 erweiterte die Reform des Betriebsverfassungsgesetzes die Rechte von Betriebsräten. Bei Stilllegung, Verkleinerung oder Zusammenlegung von Betrieben konnten sie nun auch einen Sozialplan erzwingen. Ein Sozialplan soll wirtschaftliche Nachteile für Beschäftigte ausgleichen oder mildern. Er bedeutet nicht, dass der Betriebsrat jede Unternehmensentscheidung verhindern kann. Die Reform gab ihm also kein Recht, jede Betriebsstilllegung zu verhindern, und übertrug ihm auch nicht die tägliche Geschäftsführung.
Definition
Mitbestimmung
Mitbestimmung umfasst Rechte der Beschäftigten oder ihrer Vertreter, an unternehmerischen Entscheidungen mitzuwirken. Betriebsrat und Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat handeln auf unterschiedlichen Ebenen.
Merke: Organisation ermöglicht gemeinsames Handeln. Ein Streik schafft Druck, Verhandlungen können zu einem Tarifabschluss führen. Ein Gesetz erlässt der Gesetzgeber.
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Der Deutsche Gewerkschaftsbund, kurz DGB, ist ein Dachverband. Das bedeutet: Er verbindet mehrere Gewerkschaften. Die einzelnen Gewerkschaften vertreten Beschäftigte und verhandeln mit Arbeitgebern über Tarifverträge. Nach deutschem Recht gehört zur Aufgabe einer Gewerkschaft, ihre Entscheidungen unabhängig von Einflüssen Dritter zu treffen. Dazu passt das Ziel einer parteipolitisch nicht gebundenen Gewerkschaftsorganisation beim Wiederaufbau.
Der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund, kurz FDGB, entwickelte sich anders. Er war nach dem Krieg im sowjetisch besetzten Teil Deutschlands zunächst als parteiübergreifende Organisation gegründet worden. In der DDR, dem ostdeutschen Staat, geriet er unter die Kontrolle der dort herrschenden Partei. Unabhängigere Gewerkschafter wurden aus ihren Ämtern entfernt. Nach dem gescheiterten Aufstand vom 17. Juni 1953 wurden weitere unabhängigere Gewerkschafter abgesetzt. Der FDGB wurde damit endgültig zu einer parteigesteuerten Organisation mit vielen Mitgliedern. Sein Name allein sagt also wenig über seine tatsächliche Unabhängigkeit aus.
Der DGB besteht weiterhin. Seine am 17. Oktober 2026 geprüfte Organisationsseite nennt acht Mitgliedsgewerkschaften. Für den 31. Dezember 2025 weist seine Statistik rund 5,43 Millionen Mitglieder in diesen Gewerkschaften aus. Das ist eine Zahl für diesen Stichtag, kein tagesaktueller Mitgliederstand vom Oktober 2026.
Ein datiertes Beispiel zeigt, was Gewerkschaften weiterhin tun: Am 14. Februar 2026 erzielten Gewerkschaften und die Tarifgemeinschaft deutscher Länder, die Arbeitgeberseite, eine Tarifeinigung für den öffentlichen Dienst der Länder. Gemeint sind Beschäftigte bei den Bundesländern. Der DGB berichtete darüber am 16. Februar. Vereinbart wurde unter anderem eine erste Erhöhung der Bezahlung um 2,8 Prozent, mindestens 100 Euro, ab 1. April 2026. Daraus folgt kein gleicher persönlicher Anspruch für jeden Beschäftigten.
Für die Übertragung auf Beamte verlangte die DGB-Meldung ausdrücklich Änderungen der Besoldungsgesetze, also der Gesetze über die Bezahlung von Beamten. Diese Forderung belegt noch nicht, dass solche Änderungen später beschlossen wurden. Auch hier bleiben Tarifvereinbarung und Gesetz verschiedene Schritte.
| Vergleich | DGB | FDGB in der DDR |
|---|---|---|
| Organisation | Dachverband mehrerer Gewerkschaften | Entwicklung zur parteigesteuerten Organisation mit vielen Mitgliedern |
| Verhältnis zu Parteien | Ziel beim Wiederaufbau: keine Bindung an eine bestimmte Partei | Kontrolle durch die herrschende Partei |
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Alles auf einen Blick
Geschichte der Gewerkschaften
Entstehung
Gemeinsame schlechte Lebens- und Arbeitsbedingungen förderten den Zusammenschluss von Arbeitern.
Wendepunkte
Auf erste Gewerkschaften auf nationaler Ebene während der Revolution 1848/49 folgten Unterdrückung, die Zerschlagung 1933 und der Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg.
Arbeitskampf
Organisation und Streiks konnten Verhandlungen unterstützen. Ein Tarifabschluss war noch kein Gesetz.
Mitbestimmung
Betriebsrat und Aufsichtsrat sind unterschiedliche Einrichtungen mit unterschiedlichen Aufgaben.
Organisationen
Der DGB ist ein Dachverband. Der FDGB entwickelte sich in der DDR zur parteigesteuerten Organisation.
Musteraufgabe · Schritt für Schritt
Den schrittweisen Erfolg des Streiks in Schleswig-Holstein erklären
- 1Aufgabe: Erkläre, wie Organisation, Streik, Verhandlung und Gesetz 1956/57 zusammenwirkten.
- 2Organisation erkennen: Die IG Metall konnte auf gut organisierte Werften und Maschinenfabriken aufbauen. Sie weitete den Streik aus und unterstützte Streikende finanziell.
- 3Arbeitskampf einordnen: Nach gescheiterten Verhandlungen begann der Streik. Die gemeinsame Arbeitsniederlegung übte Druck aus.
- 4Ergebnis prüfen: Der Kompromiss brachte 90 Prozent des Nettolohns unter Warte- und Karenztageregelungen sowie Verbesserungen beim Urlaub. Das war noch keine vollständige Gleichstellung mit Angestellten.
- 5Gesetz unterscheiden: 1957 folgte ein Gesetz zur wirtschaftlichen Sicherung der Arbeiter bei Krankheit. Nach der historischen Untersuchung des Kieler Stadtarchivs orientierte sich der Gesetzgeber am Streikergebnis.
- 6Urteil formulieren: Der Arbeitskampf trug zu Verbesserungen bei. Tarifabschluss und Gesetz waren jedoch getrennte Schritte; der Streik erließ selbst kein Gesetz.
Fehler finden
Prüfe die Aussagen zur Montanmitbestimmung von 1951 In einer Zeile steckt ein Fehler. Tippe sie an.
Fehler in Zeile 2Die zweite Aussage verwechselt Betriebsrat und Aufsichtsrat. Richtig: Für die erfassten Kapitalgesellschaften des Bergbaus und der Eisen- und Stahlindustrie mit mehr als 1.000 Beschäftigten sah das Gesetz gleich viele Vertreter beider Seiten im Aufsichtsrat sowie ein zusätzliches neutrales Mitglied vor.
Lückentext
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Die Besetzung der Gewerkschaftshäuser durch Nationalsozialisten erfolgte am 2. Mai . Der Gründungskongress des DGB fand 1949 in statt. Der Tarifabschluss nach dem Streik in Schleswig-Holstein 1956/57 brachte unter Warte- und Karenztageregelungen einen Lohnausgleich von Prozent des Nettolohns.
Karteikasten
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