Geschichte · Klasse 7–10 · aktualisiert
Arbeiterbewegung: Entstehung, Ziele und Wandel
Du lernst, warum die Arbeiterbewegung entstand, wie sie sich organisierte und wie politische Konflikte und gesellschaftlicher Wandel sie veränderten.
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Kurz gesagt
Die Arbeiterbewegung entstand im Zusammenhang mit der Industrialisierung. Arbeiter kämpften für bessere Lebensbedingungen und politische Rechte. Dazu nutzten sie Proteste, Selbsthilfe, Gewerkschaften und Parteien.
Lange arbeiten und trotzdem kaum genug zum Leben haben: Diese Erfahrung teilten viele frühe Industriearbeiter. Gemeinsam wollten sie ihre Lage verbessern. Doch über ihre Ziele und den Weg dorthin waren sie sich nicht einig.
Deine Lernziele
Hake ab, was du schon kannst. Löst du alle Aufgaben eines Abschnitts, hakt Mela das Ziel für dich ab.
5 Abschnitte
Mit der Industrialisierung breitete sich die Herstellung von Waren in Fabriken mit Maschinen aus. Dabei entstand eine große Gruppe abhängiger Lohnarbeiter. Sie besaßen kein eigenes Kapital, also etwa Geld oder Fabriken, mit denen sie selbst ein Unternehmen betreiben konnten. Für ihren Lebensunterhalt waren sie auf bezahlte Arbeit angewiesen.
Ehemalige Landarbeiter, Bauern und Handwerker machten in den frühen Fabriken ähnliche Erfahrungen: Maschinen bestimmten den Arbeitsrhythmus, und die Fabrikherren übten große Macht aus. Hinzu kamen schlechte Lebensbedingungen in den Arbeitervierteln der schnell wachsenden Städte und politische Unterdrückung.
Diese gemeinsamen Erfahrungen begünstigten den Zusammenschluss. Arbeiter wollten ihre Lebensbedingungen verbessern und politische Rechte erkämpfen. Die Arbeiterbewegung entstand also nicht bloß, weil es Maschinen gab. Entscheidend waren auch die Arbeitsbedingungen, die soziale Not und fehlende politische Rechte.
Definition
Arbeiterbewegung
Zur Arbeiterbewegung gehören Proteste abhängig Beschäftigter und ihre Zusammenschlüsse in Vereinen, Gewerkschaften und Parteien. Sie strebten bessere Lebensbedingungen und politische Rechte an.
Merke: Gemeinsame Erfahrungen mit Not, Abhängigkeit und Unterdrückung begünstigten gemeinsames Handeln.
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Protest ist eine Handlung, mit der Menschen ihre Unzufriedenheit zeigen und Veränderungen fordern. Zur frühen Arbeiterbewegung gehörten etwa Bittschriften und Streiks. Bei einem Streik legen Beschäftigte gemeinsam die Arbeit nieder. Protest konnte auch ohne feste Organisation stattfinden.
Selbsthilfe bedeutete, gemeinsam praktische Unterstützung zu schaffen. Dazu gehörten Hilfskassen und Genossenschaften. In einer Genossenschaft schließen sich Menschen zusammen, um etwa Wohnungen oder Waren gemeinsam bereitzustellen. Arbeiterbildungsvereine und Sportvereine gehörten ebenfalls zur Arbeiterbewegung.
Gewerkschaften vertreten die Interessen von Beschäftigten in Betrieben. Sie setzen sich etwa für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen ein. Arbeiterparteien sind dagegen politische Organisationen. Sie wollen politische Entscheidungen beeinflussen. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts waren Sozialdemokratie und Gewerkschaftsbewegung in Deutschland eng miteinander verbunden. Trotzdem waren Partei und Gewerkschaft unterschiedliche Organisationsformen.
Die Bewegung forderte unter anderem Wahlrechte, die Freiheit, sich zu versammeln und zusammenzuschließen, sowie das Streikrecht. Zu ihren sozialen Zielen gehörten Arbeitsschutz, bessere Wohnungen und Bildung. Eine Protesthandlung und eine Organisation sind dabei nicht dasselbe: Ein Streik ist eine Handlung, eine Gewerkschaft ein Zusammenschluss.
Beispiel: Selbsthilfe beim Wohnen
- 1Wohnungsbaugenossenschaften gehören zu den Selbsthilfeorganisationen der Arbeiterbewegung.
- 2Hier schließen sich Menschen zusammen, um gemeinsam Wohnraum bereitzustellen.
- 3Das unterscheidet diese Selbsthilfe von der gewerkschaftlichen Forderung nach höheren Löhnen im Betrieb.
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In Deutschland entstanden zunächst unterschiedliche Arbeiterparteien. 1863 wurde der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein gegründet. 1869 entstand die Sozialdemokratische Arbeiterpartei. Beide vereinigten sich 1875 in Gotha zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands. Aus ihr ging 1890 die Sozialdemokratische Partei Deutschlands, kurz SPD, hervor.
Der Erste Weltkrieg stellte die Bewegung vor einen schweren Konflikt. Ende Juli 1914 demonstrierten Hunderttausende Anhänger der deutschen Sozialdemokratie gegen die Kriegsgefahr. Dennoch stimmten die sozialdemokratischen Abgeordneten im Reichstag, dem deutschen Parlament, am 4. August wie die anderen Parteien den Kriegskrediten zu. Damit bewilligten sie Geld für den Krieg. Im sogenannten Burgfrieden wurden innenpolitische Konflikte für die Kriegsdauer zurückgestellt.
1917 wurden die innerparteilichen Kriegsgegner aus der SPD ausgeschlossen. Danach standen sich die Mehrheitssozialdemokratie und die Unabhängige Sozialdemokratie gegenüber. Aus früheren Zusammenschlüssen war damit keine dauerhaft einheitliche Bewegung geworden.
| Jahr | Station |
|---|---|
| 1863 | Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins |
| 1869 | Gründung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei |
| 1875 | Vereinigung beider Parteien zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands |
| 1890 | Aus der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands geht die SPD hervor. |
| 1917 | Nach dem Ausschluss der Kriegsgegner stehen sich zwei sozialdemokratische Parteien gegenüber. |
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Die Arbeiterbewegung wollte die Lage der Arbeiter verbessern. Doch wie weit sollte die Veränderung reichen? Und wie sollte sie erreicht werden? Ein revolutionärer Weg zielte auf eine grundlegende Umwälzung der politischen und gesellschaftlichen Ordnung. Ein reformorientierter Weg setzte auf schrittweise Verbesserungen, etwa durch politische Mitwirkung und Verhandlungen. Streit bestand also sowohl über den Weg als auch über die künftige Ordnung.
Karl Marx und Friedrich Engels waren Denker der sozialistischen Strömung der Arbeiterbewegung. Sie kritisierten die Abhängigkeit der Arbeiter im Kapitalismus. In dieser Wirtschaftsordnung befinden sich etwa Fabriken in privatem Besitz. Marx und Engels strebten dagegen die gesellschaftliche Verfügung über Produktionsmittel an, also etwa über Fabriken und Maschinen. Ihr Ziel war schließlich eine Gesellschaft ohne Klassen, deren Stellung durch Besitz oder Besitzlosigkeit bestimmt wird.
Nach der Deutung des Historikers Wolfgang Leonhard betonten Marx und Engels zunächst die gewaltsame Revolution. Seit den 1870er-Jahren rückten sie jedoch die Möglichkeit einer friedlichen Umgestaltung in den Vordergrund. Ihre Vorstellung vom Weg zur Veränderung blieb also nicht unverändert.
Unterschiedliche Vorstellungen zeigten sich auch in der deutschen Novemberrevolution 1918. Der Politiker Philipp Scheidemann von der Mehrheitssozialdemokratie rief die Republik aus. Der sozialistische Politiker Karl Liebknecht verkündete eine sozialistische Republik und forderte die Macht für Arbeiter- und Soldatenräte, also Vertretungen von Arbeitern und Soldaten.
In der Weimarer Republik, der deutschen Republik nach dem Ersten Weltkrieg, gehörte die SPD von 1919 bis 1921 zu einem Regierungsbündnis. Dieses trat für die parlamentarische Demokratie ein: Eine gewählte Volksvertretung sollte die Politik mitbestimmen. Die Forderung nach Macht für die Räte setzte auf eine andere politische Ordnung. Zugleich hielten Gewerkschaften und Sozialdemokratie noch in der Weimarer Republik am Ziel einer grundlegenden Veränderung der Wirtschaftsordnung fest, obwohl sie im Alltag weitgehend mit Reformen arbeiteten. Reform und weitreichendes Zukunftsziel schlossen sich somit nicht unbedingt aus.
Definition
Reform
Eine Reform verändert bestehende Verhältnisse schrittweise. Ein revolutionärer Weg zielt dagegen auf eine grundlegende Umwälzung der Ordnung.
Merke: Unterscheide das langfristige Ziel vom gewählten Weg: Wer Reformen unterstützt, muss deshalb ein weitergehendes Ziel nicht aufgeben.
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Politische Mitwirkung eröffnete der Arbeiterbewegung Möglichkeiten, die staatliche Ordnung mitzugestalten und zu verteidigen. 1920 trat die Arbeiterschaft im ganzen Deutschen Reich gegen den Kapp-Lüttwitz-Putsch in einen Generalstreik. Ein Putsch ist der Versuch, die Staatsmacht gewaltsam an sich zu reißen. Bei einem Generalstreik wird die Arbeit in vielen Bereichen gemeinsam niedergelegt. Die Putschisten scheiterten am Widerstand der Arbeiterschaft und der Beamten in den Ministerien. Dieser Fall zeigt, dass Arbeiterprotest auch eine bestehende politische Ordnung schützen konnte.
Verfolgung konnte dagegen Organisationen zerstören und politische Arbeit verhindern. Die Nationalsozialisten verboten Gewerkschaften und alle Parteien außer ihrer eigenen Partei, der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei. Sie verfolgten politische Gegner. Damit nahmen sie der Arbeiterbewegung ihre Möglichkeiten, sich frei zu organisieren und politisch mitzuwirken.
Nach 1945 veränderten sich in den meisten westeuropäischen Staaten die Lebensbedingungen und Bindungen der Arbeiterbewegung. Für Deutschland wird dieser Wandel mit dem sogenannten Wirtschaftswunder verbunden, einer Zeit starken wirtschaftlichen Wachstums. Für Gewerkschaften und Sozialdemokratie gewann schrittweise das Ziel an Bedeutung, den Kapitalismus sozial zu gestalten. Das Ziel, ihn zu überwinden, verlor an Gewicht.
Beim Wandel nach 1945 in Westeuropa sind wirtschaftliche Lage und Zugehörigkeitsgefühl zu unterscheiden. Die industrielle Massenproduktion schuf weiterhin eine gemeinsame wirtschaftliche Lage für große Teile der Lohnarbeiter. Daraus entstand aber immer weniger ein gemeinsames Bewusstsein als Arbeiterklasse. Elektronische Technik und die wachsende Bedeutung von Dienstleistungen schwächten traditionelle Arbeitergemeinschaften. Gemeinsame Erfahrungen und ein gemeinsames Zugehörigkeitsgefühl wurden weniger selbstverständlich. Beurteilst du diesen Wandel, musst du daher mehrere Seiten beachten: politische Handlungsmöglichkeiten, Verfolgung und Veränderungen des Alltags.
Merke: Die Geschichte der Arbeiterbewegung war kein gerader Weg zu mehr Einfluss. Politische Mitwirkung, Verfolgung und neue Lebensbedingungen veränderten ihre Möglichkeiten und Ziele.
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Alles auf einen Blick
Arbeiterbewegung
Entstehung
Gemeinsame Erfahrungen mit Not, Abhängigkeit und fehlenden Rechten begünstigten Zusammenschlüsse.
Formen
Protest, Selbsthilfe, Gewerkschaften und Parteien erfüllten unterschiedliche Aufgaben.
Entwicklung
Arbeiterparteien konnten sich vereinigen, aber durch politische Konflikte auch auseinanderbrechen.
Wege
Reformen und eine grundlegende Umwälzung waren unterschiedliche Wege zur Veränderung.
Wandel
Politische Mitwirkung eröffnete Möglichkeiten; Verfolgung zerstörte Organisationen. Nach 1945 veränderten neue Arbeitsbedingungen in Westeuropa traditionelle Arbeitergemeinschaften.
Musteraufgabe · Schritt für Schritt
Den Konflikt um die Kriegskredite untersuchen
- 1Aufgabe: Erkläre, warum die Entscheidungen der deutschen Sozialdemokratie im Sommer 1914 einen Konflikt erkennen lassen.
- 2Ausgangspunkt bestimmen: Ende Juli demonstrierten Hunderttausende Anhänger gegen die Kriegsgefahr.
- 3Entscheidung gegenüberstellen: Am 4. August bewilligten die sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten wie die anderen Parteien Geld für den Krieg.
- 4Ergebnis formulieren: Die Zustimmung der Abgeordneten stand im Gegensatz zum vorherigen Protest der Anhänger. Die beiden Handlungen belegen unterschiedliche politische Entscheidungen.
- 5Grenze beachten: Aus dieser Gegenüberstellung allein kannst du noch nicht erklären, aus welchen einzelnen Gründen die Abgeordneten zustimmten.
Fehler finden
Prüfe die Aussagen zu den frühen Arbeiterparteien In einer Zeile steckt ein Fehler. Tippe sie an.
Fehler in Zeile 3Die letzte Aussage verwechselt die Vereinigung von 1875 mit dem späteren Hervorgehen der SPD. Richtig: Aus der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands ging 1890 die SPD hervor.
Lückentext
Wähl in jeder Lücke das passende Wort und prüf dann deine Antworten.
Der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein wurde gegründet. Ende Juli demonstrierten Hunderttausende Anhänger der deutschen Sozialdemokratie gegen die Kriegsgefahr. Die innerparteilichen Kriegsgegner wurden aus der SPD ausgeschlossen.
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