Geschichte · Klasse 5–10 · aktualisiert
Geschlechtergeschichte: Perspektiven und Methoden
Du lernst, wie Geschlechtergeschichte Regeln und Möglichkeiten untersucht und wie du Aussagen über die Vergangenheit mit Belegen prüfst.
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Kurz gesagt
Geschlechtergeschichte untersucht, welche Bedeutung Geschlecht früher für das Leben der Menschen hatte. Sie fragt, wie Regeln und Erwartungen ihre Möglichkeiten prägten. Dabei betrachtet sie auch das Verhältnis der Geschlechter zueinander.
Welche Berufe konnte eine Frau früher erlernen? Welche Erwartungen galten für Männer? Mit solchen Fragen untersuchst du, wie Geschlecht das Leben von Menschen prägte. Dabei musst du zwischen einer geschriebenen Regel und dem tatsächlichen Leben unterscheiden.
Deine Lernziele
Hake ab, was du schon kannst. Löst du alle Aufgaben eines Abschnitts, hakt Mela das Ziel für dich ab.
4 Abschnitte
Frauengeschichte macht das Leben und Handeln von Frauen sichtbar. Sie erweitert damit eine Geschichte, in der lange vor allem Männer im Mittelpunkt standen.
Geschlechtergeschichte fragt zusätzlich nach Beziehungen: Welche Bedeutung hatte die Unterscheidung nach Geschlecht für Regeln, Erwartungen und Möglichkeiten? Beide Blickrichtungen können sich ergänzen.
Auch Männer werden dabei untersucht. Ihr Verhalten gilt nicht einfach als selbstverständlicher Maßstab für alle Menschen. Forscher fragen, welche Erwartungen an Männer ihr Verhalten prägten.
Definition
Frauengeschichte
Eine Blickrichtung auf Geschichte, die das Leben, Handeln und die Bedeutung von Frauen untersucht.
Merke: Frauengeschichte und Geschlechtergeschichte können zusammenarbeiten. Geschlechtergeschichte untersucht auch Beziehungen zwischen den Geschlechtern.
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Du kannst Geschlecht als Werkzeug für Fragen an die Vergangenheit nutzen. Der Fachausdruck dafür lautet „historische Analysekategorie“. Du fragst dann: Welche Unterschiede machte eine Gesellschaft zwischen Menschen aufgrund ihres Geschlechts? Welche Folgen hatte das für ihr Leben?
Dabei setzt du nicht voraus, dass Frauen oder Männer von Natur aus für bestimmte Aufgaben geeignet seien. Du untersuchst, welche Regeln und Erwartungen Menschen damals mit Geschlecht verbanden. Solche Erwartungen heißen Geschlechterrollen. Sie konnten sich je nach Zeit und Ort unterscheiden.
In den 1920er Jahren entwickelte sich in Großstädten, vor allem in Berlin, die Lebensweise der „neuen Frau“. Dazu gehörten meist kurze Haare und lockere Kleidung. Diese Lebensweise wurde vor allem von Künstlerinnen, Journalistinnen und weiteren Frauen aus vermögenderen Gesellschaftsschichten gelebt, also aus wohlhabenderen Gruppen. Die meisten Frauen auf dem Lande lebten weiter überwiegend nach traditionellen Lebensweisen, also nach schon länger üblichen Gewohnheiten.
Geschlechtergeschichte ist eine Art, Fragen zu stellen, kein einzelnes Thema wie die Geschichte des Sports. Neuere Entwicklungen beziehen nicht nur das weibliche und das männliche Geschlecht ein.
Beispiel: Was zeigt die Frisur der „neuen Frau“?
- 1In den 1920er Jahren trugen „neue Frauen“ in Großstädten, vor allem in Berlin, meist kurze Haare.
- 2Mit ihrem Aussehen und ihrer Lebensweise versuchten sie, sich von bisherigen Gewohnheiten zu unterscheiden.
- 3Das erlaubt keine Aussage über alle Frauen: Die meisten Frauen auf dem Lande lebten weiter überwiegend nach traditionellen Lebensweisen.
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Maria Otto war eine Frau mit juristischer Ausbildung: Sie hatte sich mit Recht und Gesetzen beschäftigt. Ihr Berufsweg in Bayern zeigt, wie du eine Regel, eine Handlung und eine Entscheidung miteinander vergleichen kannst.
Eine Norm ist eine Regel oder Erwartung. Eine bayerische Regel schloss Frauen vom Vorbereitungsdienst aus. Das war eine praktische Ausbildungsphase für einen juristischen Beruf. Seit Oktober 1916 durfte Otto zwar praktisch mitarbeiten. Diese Beschäftigung ersetzte zunächst aber nicht die offizielle Aufnahme in die Ausbildung.
Am 17. September 1919 beantragte Otto beim Bayerischen Staatsministerium der Justiz die Zulassung zum Vorbereitungsdienst und zur Staatsprüfung, also zu einer staatlichen Prüfung. Dieses Ministerium war die zuständige staatliche Behörde. Otto berief sich auf die neuen Verfassungsrechte. Eine Verfassung legt grundlegende Regeln eines Staates fest; Verfassungsrechte sind darin festgelegte Rechte. Das Ministerium lehnte ihren Antrag ab. Nach seiner Antwort änderten die neuen Verhältnisse nichts am Ausschluss vom Richteramt, also von der Arbeit als Richter.
Handlungsspielraum bedeutet, was jemand unter den damaligen Bedingungen tun konnte. Otto konnte praktisch mitarbeiten und eine Zulassung beantragen. Die Ablehnung zeigt eine Grenze ihrer Möglichkeiten. Macht zeigt sich hier daran, dass das Ministerium über die Zulassung entschied. Seine Ablehnung beweist nicht, dass Frauen für den Beruf ungeeignet waren.
| Was untersuchst du? | Was zeigt Ottos Fall in Bayern? |
|---|---|
| Regel | Frauen waren vom Vorbereitungsdienst ausgeschlossen. |
| Handlungsspielraum | Otto arbeitete praktisch mit und beantragte die Zulassung. |
| Macht | Das Ministerium entschied über die Zulassung und lehnte den Antrag ab. |
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Historische Quellen sind zum Beispiel erhaltene Regeln, Anträge oder Briefe aus der untersuchten Zeit. Du fragst: Wer verfasste den Text? Was sollte er erreichen? Was steht darin, und was lässt sich daraus nicht erkennen?
Die Verfassung des Deutschen Reichs, des damaligen deutschen Staates, vom 11. August 1919 enthielt grundlegende Regeln des Staates. Artikel 109, zweiter Absatz, lautet: „Männer und Frauen haben grundsätzlich dieselben staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten.“ Staatsbürgerlich meint hier die Rechte und Pflichten als Bürger des Staates. Der Satz ist nur ein Absatz des Artikels.
Die Wörter „grundsätzlich“ und „staatsbürgerlichen“ gehören zur Regel. Du darfst sie nicht weglassen und daraus gleiche Rechte in jedem Lebensbereich machen. Der Absatz belegt eine rechtliche Regel. Er ist kein Bericht darüber, wie Menschen tatsächlich lebten. Er beweist für sich genommen weder gleiche Bezahlung noch eine gleiche Verteilung von Hausarbeit oder politischer Macht. Daraus folgt aber auch nicht, dass die Regel wirkungslos war.
Auch Ottos Antrag hat Grenzen: Sie wollte damit ihre Zulassung erreichen. Er beschreibt nicht das Leben aller Frauen. Der Fall betrifft eine Frau mit juristischer Ausbildung in Bayern. Für Aussagen über andere Menschen oder die Umsetzung von Regeln brauchst du weitere Belege. Diese Unterrichtsseite nutzt für Ottos Antrag und die Antwort eine moderne Wiedergabe historischer Dokumente. Die ursprünglichen Schriftstücke wurden für diese Seite nicht selbst eingesehen.
Merke: Eine Regel zeigt, was gelten sollte. Um ihre Umsetzung zu untersuchen, brauchst du zusätzliche Belege zum tatsächlichen Leben.
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Alles auf einen Blick
Geschlechtergeschichte
Blickrichtungen
Frauengeschichte und Geschlechtergeschichte können sich ergänzen.
Fragen
Geschlecht hilft dir, damalige Regeln, Erwartungen und Möglichkeiten zu untersuchen.
Handeln
Eine Person konnte Möglichkeiten nutzen und zugleich auf Grenzen stoßen.
Macht
Frage danach, wer eine Entscheidung treffen konnte.
Belege
Unterscheide zwischen einer rechtlichen Regel und ihrer Umsetzung im Leben.
Musteraufgabe · Schritt für Schritt
Maria Ottos Antrag Schritt für Schritt untersuchen
- 1Aufgabe: Erkläre, welche Möglichkeiten und Grenzen Ottos Antrag in Bayern zeigt.
- 2Handlung bestimmen: Otto beantragte die Zulassung zum Vorbereitungsdienst und zur Staatsprüfung. Sie berief sich dabei auf die neuen Verfassungsrechte.
- 3Entscheidung prüfen: Das zuständige Ministerium lehnte den Antrag ab. Es konnte über ihre Zulassung entscheiden.
- 4Ergebnis begründen: Otto nutzte die Möglichkeit, eine Forderung zu stellen. Die Ablehnung zeigt eine Grenze ihres Handlungsspielraums.
- 5Aussage begrenzen: Der Fall betrifft eine Frau mit juristischer Ausbildung in Bayern. Er beschreibt nicht die Möglichkeiten aller Frauen.
Fehler finden
Prüfe die Aussagen zum Verfassungsabsatz In einer Zeile steckt ein Fehler. Tippe sie an.
Fehler in Zeile 2Die zweite Aussage verwechselt eine Regel mit einem Beleg für ihre Umsetzung. Richtig: Der Absatz belegt für sich genommen keine gleiche Bezahlung.
Lückentext
Wähl in jeder Lücke das passende Wort und prüf dann deine Antworten.
In den 1920er Jahren entwickelte sich die Lebensweise der „neuen Frau“ in Großstädten, vor allem in . Die hier betrachtete Verfassung des Deutschen Reichs trägt das Datum 11. August . Über Maria Ottos Antrag auf Zulassung zum Vorbereitungsdienst entschied das .
Karteikasten
Erst selbst überlegen, dann umdrehen.
Übung mit Feedback