Geschichte · Klasse 9–11 · aktualisiert
Dekolonisation: Ursachen, Wege und Folgen
Du lernst Ursachen der Dekolonisation kennen, vergleichst Indien und Indonesien und erklärst, warum koloniale Strukturen fortbestehen konnten.
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Kurz gesagt
Dekolonisation bedeutet den Abbau kolonialer Herrschaft. Die große Unabhängigkeitswelle lag zwischen 1945 und 1975. Ein Unabhängigkeitstag markiert einen politischen und rechtlichen Einschnitt, beendet aber nicht sämtliche Abhängigkeiten.
Kann ein Land unabhängig werden und trotzdem von seiner Kolonialzeit geprägt bleiben? Um das zu verstehen, unterscheidest du politische Entscheidungen von länger dauernden Veränderungen. Indien und Indonesien zeigen dir unterschiedliche Wege zur Unabhängigkeit.
Deine Lernziele
Hake ab, was du schon kannst. Löst du alle Aufgaben eines Abschnitts, hakt Mela das Ziel für dich ab.
4 Abschnitte
Dekolonisation bezeichnet den Abbau kolonialer Herrschaft: Eine fremde Macht verliert ihre Herrschaft über ein abhängiges Gebiet. Dabei handelt es sich um einen Prozess, nicht bloß um ein einzelnes Ereignis.
Die große Unabhängigkeitswelle lag zwischen 1945 und 1975. Widerstand gegen Kolonialherrschaft und der Aufbau politischer Bewegungen hatten bereits früher begonnen. Du darfst deshalb den Beginn dieser Welle nicht mit dem Beginn jedes Widerstands gleichsetzen.
Ein Unabhängigkeitstag markiert einen rechtlichen und politischen Einschnitt. Er bedeutet jedoch nicht, dass an diesem Tag sämtliche Abhängigkeiten verschwinden. Um Dekolonisation zu erklären, untersuchst du deshalb auch die Entwicklungen vor und nach diesem Datum.
Definition
Dekolonisation
Der Prozess, in dem koloniale Herrschaft abgebaut wird. Ein einzelner Unabhängigkeitstag erfasst diesen Prozess nicht vollständig.
Merke: Unterscheide den rechtlich-politischen Einschnitt von der länger dauernden Veränderung von Abhängigkeiten.
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Im Ersten Weltkrieg wurden Menschen aus Kolonien für den Krieg mobilisiert, also für den Kriegseinsatz herangezogen. Ihre Erfahrungen mit europäischen Mächten und enttäuschte Erwartungen an Reformen stärkten die Kritik an kolonialer Herrschaft. Die Weltwirtschaftskrise verschärfte bestehende Spannungen.
Der Zweite Weltkrieg schwächte die europäischen Kolonialmächte. Japanische Siege erschütterten deren Anspruch, unbesiegbar zu sein. Antikoloniale Bewegungen, die gegen Kolonialherrschaft kämpften, nutzten diese Veränderungen. Die Schwächung der Kolonialmächte und das Handeln der Bewegungen vor Ort gehören deshalb zusammen in eine Erklärung.
Hinzu kamen internationale Machtverschiebungen und politischer Druck. Die Generalversammlung der Vereinten Nationen, kurz UN, bekräftigte 1960 mit der Resolution 1514 das Selbstbestimmungsrecht kolonialisierter Völker. Eine Resolution ist ein förmlicher Beschluss. Selbstbestimmung bedeutet hier, dass Völker über ihre politische Zukunft selbst entscheiden dürfen.
Die Erklärung von 1960 gehörte zu einem bereits laufenden Wandel. Sie kann keine Ursache für eine Unabhängigkeit gewesen sein, die schon vor 1960 erreicht worden war. Auch insgesamt erklärt ein einzelner Beschluss nicht das Zusammenwirken von Bewegungen vor Ort, Kriegsfolgen und internationalem Druck.
Merke: Verbinde die Bedingungen mit dem Handeln: Geschwächte Kolonialmächte eröffneten Möglichkeiten, die antikoloniale Bewegungen nutzten.
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In Britisch-Indien, dem britisch beherrschten Gebiet, stritten verschiedene politische Kräfte über die Zukunft. Die Politiker Gandhi und Nehru vertraten den Indian National Congress, eine politische Organisation. Der Politiker Jinnah stand für die Muslimliga, eine andere politische Organisation. Die Mobilisierung vieler Menschen für politisches Handeln und Verhandlungen prägten den Weg. Im August 1947 gingen die Unabhängigkeit und die Teilung in die Staaten Indien und Pakistan zusammen. Flucht und schwere Gewalt begleiteten die Teilung.
Bewaffnete Banden griffen Gruppen fliehender Menschen an. Ein amtlicher britischer Bericht vom September 1947 nennt Angriffe auf nichtmuslimische Flüchtlinge bei Lahore und auf muslimische Flüchtlinge in Ostpunjab. Der britische Berichterstatter J. S. H. Shattock beschrieb außerdem Massaker, also die Ermordung vieler Menschen: Täter aus den Gruppen der Sikh und Jat töteten im August und September 1947 Muslime. Diese britischen Amtsberichte geben bestimmte zeitgenössische Sichtweisen wieder, keine vollständige Sicht aller Betroffenen. Die Verantwortung konkreter Täter bedeutet keine Schuld sämtlicher Angehöriger ihrer Religion oder Gruppe.
In Indonesien erklärten die Politiker Sukarno und Hatta am 17. August 1945 nach Japans Kapitulation die Unabhängigkeit. Kapitulation bedeutet die Aufgabe des militärischen Widerstands. Die Niederlande erkannten die Unabhängigkeit zunächst nicht an. Krieg und Verhandlungen folgten. Internationaler Druck trug 1949 zu einer Einigung bei. Am 27. Dezember 1949 übertrugen die Niederlande die Souveränität, also die eigenständige Staatsgewalt, an die Vereinigten Staaten von Indonesien. Das Gebiet Westneuguinea blieb zunächst ausgeschlossen. Sukarno wurde erster Präsident dieses Staates. Die Unabhängigkeitserklärung von 1945 und die Übertragung von 1949 waren verschiedene Schritte.
Im indonesischen Unabhängigkeitskrieg 1945–1949 übten die niederländischen Streitkräfte systematisch extreme Gewalt aus. Soldaten richteten Menschen ohne Gerichtsverfahren hin, misshandelten und folterten Gefangene und brannten Häuser und Dörfer nieder. Damit waren auch Bewohner dieser Siedlungen betroffen. Die Verantwortung lag bei den Streitkräften als Organisation und bei der niederländischen Regierung, die die Republik Indonesien besiegen wollte. Indonesische Kämpfer führten einen Guerillakrieg, einen Krieg mit beweglichen bewaffneten Gruppen. Auch andere bewaffnete Parteien übten extreme Gewalt aus. Das entschuldigt die Taten keiner Seite. Verantwortlich waren konkrete bewaffnete Akteure und staatliche Stellen, nicht ganze Völker.
In beiden Fällen handelten einheimische Bewegungen unter veränderten internationalen Bedingungen. Indonesiens Weg verband bewaffneten Kampf mit Verhandlungen. Indien ist wegen der Gewalt während der Teilung kein gewaltfreier Gegenfall. Das Schaubild zur Lektion fasst solche Wege in einer heutigen Übersicht zusammen; es ist kein Bildzeugnis aus der damaligen Zeit. Seine Unterscheidung zwischen Indien und Indonesien zeigt weder einen einheitlichen Weg für alle Länder noch das vollständige Ende kolonialer Prägungen.
Beispiel: Gandhis Weg und das Ergebnis unterscheiden
- 1Gandhis Begriff „Satyagraha“ bezeichnete das Festhalten an der Wahrheit als Lebenspraxis.
- 2Dazu gehörten Gewaltfreiheit, Selbstkontrolle und gewaltfreier politischer Widerstand.
- 3Diese Haltung eines politischen Akteurs beschreibt nicht den gesamten Verlauf: Unabhängigkeit und Teilung Indiens gingen 1947 mit schwerer Gewalt einher.
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Staatliche Unabhängigkeit eröffnete neue Handlungsmöglichkeiten. Trotzdem konnten Verwaltungsregeln, Grenzen, Wirtschaftsbeziehungen und gesellschaftliche Vorstellungen aus der Kolonialzeit fortbestehen. Eine solche Kontinuität, also ein Fortbestehen, musst du für den einzelnen Fall nachweisen.
Ein Weg war die weitere Beschäftigung vorhandenen Personals. Nach 1947 blieben britische Offiziere in den neuen Armeen Indiens und Pakistans, um den Übergang zu unterstützen. Der britische Offizier Robert Lockhart wurde Indiens erster Armeechef, der britische Offizier Frank Messervy der erste Pakistans. Die staatliche Trennung bedeutete keinen sofortigen vollständigen Personalaustausch.
Ein weiterer Weg war die Übernahme eingeübter Vorstellungen von Herrschaft. Der Autor Harald Fischer-Tiné erklärt dies am indonesischen Präsidenten Sukarno. Dessen „gelenkte Demokratie“ von 1957–1966 knüpfte nach Fischer-Tinés Deutung an eine koloniale Vorstellung an: Der Staat müsse die Bevölkerung streng von oben führen, weil er sie für politisch unreif halte. Diese Abwertung war eine Herrschaftsvorstellung, keine Tatsache über die Bevölkerung. Neue Führungskräfte konnten solche Vorstellungen übernehmen und damit weitertragen.
Du kannst also zwei Mechanismen unterscheiden: Menschen blieben in staatlichen Einrichtungen tätig, und neue Machthaber übernahmen ältere Herrschaftsvorstellungen. Damit ist nicht bewiesen, dass sämtliche kolonialen Strukturen unverändert fortbestanden. Politischer Wandel und das Fortbestehen einzelner Strukturen konnten zusammen auftreten.
Merke: Ein belegtes Fortbestehen von Personal oder Vorstellungen erklärt einen bestimmten Zusammenhang. Es beweist nicht, dass nach der Unabhängigkeit alles unverändert blieb.
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Alles auf einen Blick
Dekolonisation
Prozess
Dekolonisation reicht über einen einzelnen Unabhängigkeitstag hinaus.
Ursachen
Kriegsfolgen, antikoloniale Bewegungen und internationaler Druck wirkten zusammen.
Indien
Unabhängigkeit und Teilung gingen im August 1947 zusammen; schwere Gewalt begleitete die Teilung.
Indonesien
Auf die Unabhängigkeitserklärung von 1945 folgten Krieg und Verhandlungen; die Souveränitätsübertragung von 1949 schloss Westneuguinea zunächst aus.
Fortbestehen
Vorhandenes Personal und übernommene Herrschaftsvorstellungen konnten koloniale Strukturen weitertragen. Das muss für jeden Fall geprüft werden.
Musteraufgabe · Schritt für Schritt
Zwei Schritte zur Unabhängigkeit Indonesiens unterscheiden
- 1Aufgabe: Erkläre, warum die Unabhängigkeitserklärung und die niederländische Souveränitätsübertragung verschiedene Ereignisse waren.
- 2Ersten Schritt bestimmen: Sukarno und Hatta erklärten am 17. August 1945 die Unabhängigkeit. Die Niederlande erkannten sie zunächst nicht an.
- 3Entwicklung dazwischen erklären: Krieg und Verhandlungen folgten. Internationaler Druck trug 1949 zur Einigung bei.
- 4Zweiten Schritt bestimmen: Am 27. Dezember 1949 übertrugen die Niederlande die Souveränität an die Vereinigten Staaten von Indonesien, zunächst ohne Westneuguinea.
- 5Ergebnis formulieren: Die Erklärung durch indonesische Politiker war noch keine niederländische Anerkennung. Auch der spätere Schritt erfasste zunächst nicht Westneuguinea.
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Fehler in Zeile 2Der Fehler ist die Gleichsetzung staatlicher Trennung mit vollständigem Personalaustausch. Richtig: Die staatliche Trennung bedeutete keinen sofortigen vollständigen Personalaustausch.
Lückentext
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Im August 1947 gingen Unabhängigkeit und Teilung Britisch-Indiens in Indien und zusammen. Die Souveränitätsübertragung an die Vereinigten Staaten von Indonesien erfolgte am 27. Dezember , zunächst ohne Westneuguinea. Die Resolution 1514 zum Selbstbestimmungsrecht kolonialisierter Völker beschloss die UN-Generalversammlung .
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