Geschichte · Klasse 9–13 · aktualisiert
Postkoloniale Geschichte einfach erklärt
Du untersuchst koloniale Macht, Handlungsmöglichkeiten der Beherrschten und Nachwirkungen. Dabei lernst du, Deutungen mit Belegen zu prüfen.
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Kurz gesagt
Postkoloniale Geschichte untersucht koloniale Herrschaft, ihre Nachwirkungen und die Beziehungen zwischen Herrschern und Beherrschten. „Postkolonial“ bezeichnet deshalb mehr als die Zeit danach. Ob eine koloniale Verbindung fortwirkte, muss am einzelnen Fall belegt werden.
Wie hängen geraubte Kunstgegenstände, Karten und eine Klage gegen Abgaben mit kolonialer Macht zusammen? An solchen Fällen kannst du verschiedene Formen von Herrschaft untersuchen. Du lernst auch, Handlungsmöglichkeiten der Beherrschten zu erkennen und die Grenzen einer Erklärung zu bestimmen.
Deine Lernziele
Hake ab, was du schon kannst. Löst du alle Aufgaben eines Abschnitts, hakt Mela das Ziel für dich ab.
4 Abschnitte
Eine postkoloniale Perspektive fragt, wie koloniale Macht wirkte und welche Folgen sie über die unmittelbare Herrschaft hinaus hatte. Sie untersucht außerdem Verflechtungen: Beziehungen zwischen kolonial beherrschten Gebieten und den Ländern, von denen die Herrschaft ausging. Diese Herrschaftszentren werden auch Metropolen genannt.
Das Wort „postkolonial“ meint daher nicht bloß einen späteren Zeitabschnitt. Politische Unabhängigkeit kann einen wichtigen Einschnitt bilden. Frühere wirtschaftliche Beziehungen, Einrichtungen oder Denkweisen müssen dadurch aber nicht sofort verschwinden. Was fortbestand und was sich veränderte, musst du für den jeweiligen Fall prüfen.
Die Perspektive hilft dir, Fragen zu stellen. Sie liefert noch keinen Beweis für eine Antwort. Eine vermutete Nachwirkung braucht historische Belege.
Definition
Postkoloniale Perspektive
Ein Blick auf Geschichte, der koloniale Macht, ihre Nachwirkungen und die Beziehungen zwischen Herrschern und Beherrschten untersucht.
Merke: Eine hilfreiche Frage ist noch kein Beleg. Auch eine postkoloniale Erklärung muss am einzelnen Fall geprüft werden.
Teste dich
Koloniale Macht konnte sich auf Gewalt und auf die Verfügung über Güter stützen. 1897 eroberten britische Truppen das Königreich Benin. Nach der Eroberung wurde sein König Oba Ovonramwen nach Calabar verbannt. Der königliche Palast wurde geplündert. Die Gewalt traf damit die politische Selbstständigkeit des Königreichs und nahm dem königlichen Hof seine Kunstgegenstände.
Geraubte Gegenstände wurden nach London gebracht und dort verkauft; weitere gelangten über Handelsverbindungen in Museen. Hier lässt sich ein konkreter Zusammenhang erklären: Militärische Gewalt ermöglichte die Wegnahme. Anschließend wurden die Gegenstände als Waren gehandelt und zu Museumsbesitz.
Wirtschaftlicher Zwang zeigte sich auch in Huejotzingo. Dort verlangten spanische Amtsträger belastende Tribute, also Abgaben, von der Bevölkerung. Ein Bildkodex, eine Aufzeichnung mit Bildern, von 1531 verzeichnet unter anderem abgegebene Steine, Ziegel, Lebensmittel und gewebte Stoffe. Das beschreibt die Bibliothek Library of Congress. Durch die verlangten Lieferungen verfügten die Amtsträger über Erzeugnisse und Leistungen der Bevölkerung. Es handelte sich um eingeforderte Abgaben, nicht bloß um freiwilligen Warentausch.
Auch Wissen konnte kolonialer Herrschaft dienen. In Britisch-Indien, dem britisch beherrschten Indien, nutzte die Ostindienkompanie als koloniale Organisation örtliche Archive, also Sammlungen von Dokumenten, sowie Karten und Fachleute. Indische Gelehrte, Übersetzer und Vermesser wirkten an diesem Wissen mit.
Sprache konnte Eingriffe rechtfertigen: Koloniale Einteilungen stellten Gesellschaften als angeblich zivilisiert oder rückständig gegenüber. Damit wurden Menschen aus der Sicht der Herrschenden aufgewertet oder abgewertet. Solche Zuschreibungen waren keine neutralen Eigenschaften der Beherrschten.
| Form der Macht | Belegtes Handeln | Zusammenhang |
|---|---|---|
| Gewalt | Britische Truppen eroberten 1897 Benin. | Eroberung und Plünderung entzogen dem Hof Kunstgegenstände. |
| Wirtschaft | Spanische Amtsträger verlangten in Huejotzingo Abgaben. | Sie verfügten dadurch über Erzeugnisse und Leistungen. |
| Wissen | Die Ostindienkompanie nutzte örtliche Dokumente und Fachleute. | Lokales Wissen wurde Teil des kolonialen Wissens. |
Teste dich
Kolonial beherrschte Menschen waren nicht bloß Empfänger von Befehlen. In Britisch-Indien beteiligten sich indische Gelehrte, Übersetzer und Vermesser am Wissen, das die Ostindienkompanie nutzte. Ihre Mitwirkung zeigt eine Verflechtung. Sie beweist aber nicht, dass diese Fachleute dieselbe Macht wie die Kompanie hatten.
Die Bevölkerung von Huejotzingo wehrte sich 1531 rechtlich gegen belastende Abgaben spanischer Amtsträger. Sie bat ihren früheren Verbündeten Cortés um Hilfe für eine Klage. Diese richtete sich gegen Mitglieder des obersten Gerichts von Neuspanien, dem spanischen Herrschaftsgebiet, wegen der Belastungen und der Nutzung ihrer Einkünfte. Der Bildkodex hielt Leistungen und Forderungen fest. Diese Angaben fassen die Beschreibung der Library of Congress zusammen; sie sind kein hier wiedergegebenes persönliches Zeugnis eines Betroffenen.
Die Klage zeigt eine Möglichkeit zur Gegenwehr innerhalb ungleicher Herrschaft. Dass die Bevölkerung einen Rechtsweg nutzen konnte, bedeutet nicht, dass damit die Machtunterschiede verschwanden. Unterscheide deshalb zwischen einer Handlungsmöglichkeit und gleicher Macht.
Auch Nachahmung kann unterschiedlich wirken. Mimikry meint hier Nachahmung innerhalb kolonialer Machtverhältnisse. Die Autorin Ulrike Schaper erläutert dazu Überlegungen von Homi Bhabha, von dem dieser Erklärungsansatz stammt: Nachahmung kann eine koloniale Ordnung bestätigen, sie aber auch verändern oder ihre Autorität schwächen. Autorität meint hier die Anerkennung einer Herrschaft als maßgeblich. Der Ansatz beschreibt eine Möglichkeit, kein Gesetz, nach dem jede Nachahmung Widerstand wäre.
Beispiel: Mitwirkung in Britisch-Indien einordnen
- 1Beobachtung: Indische Gelehrte, Übersetzer und Vermesser wirkten am kolonialen Wissen mit.
- 2Deutung: Die Ostindienkompanie und örtliche Fachleute waren durch die Wissensarbeit verbunden.
- 3Grenze: Aus dieser Mitwirkung folgt keine gleiche Machtstellung.
Merke: Mitwirken, einen Rechtsweg nutzen und gleichberechtigt herrschen sind unterschiedliche Dinge.
Teste dich
Beginne mit einer Beobachtung und ihrem Beleg. Erkläre danach den Zusammenhang: Durch welche Handlungen konnte eine bestimmte Folge entstehen? Prüfe auch andere Ursachen, Gegenbelege und Veränderungen. So begrenzt du dein Urteil auf das, was tatsächlich nachweisbar ist.
Beim Benin-Fall verbindet eine belegte Kette die Eroberung von 1897 mit dem Handel und dem späteren Museumsbesitz. Das stützt die Deutung als koloniale Nachwirkung. Zugleich gab es Veränderungen: Die Staatlichen Museen zu Berlin beschrieben in ihrer Mitteilung vom 25. August 2022 die Übertragung des Eigentums an Nigeria. Eigentumsübertragung bedeutet, dass der rechtliche Eigentümer wechselt. Sie bedeutet nicht, dass sämtliche Gegenstände gleichzeitig dorthin transportiert wurden. Der Eigentumswechsel zeigt hier einen Bruch mit dem bisherigen Besitzverhältnis.
Dieser Fall erklärt nicht die Herkunft aller Museumsgegenstände oder sämtliche späteren Ungleichheiten. Auch die Wahl der Erklärung ist zu prüfen: Wer nur Sprache und Denkweisen betrachtet, kann Besitz und wirtschaftliche Zwänge unterschätzen. Wer nur wirtschaftliche Interessen betrachtet, hat damit noch nicht jede sprachliche Zuschreibung erklärt.
Die Übersichtsgrafik dieser Erklärung zeigt Kurven und einen Einschnitt bei der politischen Unabhängigkeit. Sie ist ein modernes Lernschema, keine historische Originalquelle. Die Kurven sind keine Messwerte. Sie zeigen auch keinen für alle Länder gleichen Verlauf. Das Schema verdeutlicht eine mögliche Fortsetzung früherer Beziehungen, Einrichtungen oder Denkweisen trotz politischer Unabhängigkeit. Ob eine solche Fortsetzung tatsächlich vorlag, braucht Belege zum einzelnen Fall. Ebenso ist die dort genannte Mimikry als Möglichkeit zu verstehen: Nachahmung kann Herrschaft bestätigen oder verändern.
Merke: Prüfe Beobachtung, Beleg und Zusammenhang. Suche dann nach anderen Ursachen, Gegenbelegen und Veränderungen.
Definition
Eigentumsübertragung
Das rechtliche Eigentum wechselt. Daraus folgt noch nicht, dass der Gegenstand zugleich an einen anderen Ort gebracht wird.
Teste dich
Alles auf einen Blick
Postkoloniale
Perspektive
Postkoloniale Geschichte untersucht Herrschaft, Verflechtungen und mögliche Nachwirkungen.
Macht
Gewalt, Verfügung über Güter, Wissen und sprachliche Zuschreibungen konnten koloniale Herrschaft stützen.
Handlungsmöglichkeiten
Mitwirkung und rechtliche Gegenwehr bedeuteten nicht automatisch gleiche Macht.
Prüfung
Eine Deutung braucht Belege für den Zusammenhang und muss Veränderungen sowie andere Ursachen berücksichtigen.
Grenze
Ein Lernschema oder ein einzelner Fall erklärt nicht sämtliche späteren Ungleichheiten.
Musteraufgabe · Schritt für Schritt
Was belegt die Eigentumsübertragung von 2022?
- 1Aufgabe klären: Prüfe, welche Veränderung die Berliner Eigentumsübertragung von Benin-Objekten an Nigeria belegt.
- 2Beobachtung nennen: Die Staatlichen Museen zu Berlin beschrieben am 25. August 2022 die Übertragung des Eigentums.
- 3Begriff klären: Damit wechselte der rechtliche Eigentümer. Ein gleichzeitiger Transport sämtlicher Gegenstände ist dadurch nicht belegt.
- 4Urteil formulieren: Der Eigentumswechsel zeigt einen Bruch mit dem bisherigen Besitzverhältnis. Er beseitigt nicht die historische Verbindung zur Eroberung und zum Handel.
Fehler finden
Prüfe die Aussagen zur Übersichtsgrafik In einer Zeile steckt ein Fehler. Tippe sie an.
Fehler in Zeile 2Die zweite Aussage verwechselt das Lernschema mit gemessenen Daten. Richtig: Die Kurven sind keine Messwerte.
Lückentext
Wähl in jeder Lücke das passende Wort und prüf dann deine Antworten.
Der Bildkodex aus Huejotzingo, der unter anderem abgegebene Lebensmittel und Stoffe verzeichnet, stammt von . Geraubte Kunstgegenstände aus dem Königreich Benin wurden nach der Eroberung nach gebracht und dort verkauft. Die Kompanie nutzte örtliche Archive und Karten; an ihrem kolonialen Wissen wirkten Gelehrte, Übersetzer und Vermesser mit.
Karteikasten
Erst selbst überlegen, dann umdrehen.
Übung mit Feedback