Geschichte · Klasse 9–10 · aktualisiert
Geschichte des Antisemitismus: Formen und Folgen
Du unterscheidest Formen der Judenfeindschaft, erklärst Ausgrenzung und Verfolgung und lernst, antisemitische Behauptungen kritisch zu untersuchen.
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Kurz gesagt
Antisemitismus ist Judenfeindschaft. Religiöse und moderne rassistische Begründungen konnten nebeneinander bestehen. Die Nationalsozialisten machten Antisemitismus zur Grundlage staatlicher Verfolgung und ermordeten im Holocaust etwa sechs Millionen europäische Juden.
Wie wird aus einem Vorurteil eine Begründung für Ausgrenzung und Gewalt? Du untersuchst unterschiedliche Formen der Judenfeindschaft und fragst nach den Verantwortlichen. Dabei gehört auch jüdische Teilhabe zur Geschichte: Juden gestalteten Kultur, Religion und gesellschaftliches Leben mit.
Deine Lernziele
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4 Abschnitte
Antijudaismus bezeichnet religiös begründete Judenfeindschaft, besonders in christlichen Traditionen. Mit religiöser Ablehnung verbanden sich auch Vorurteile über das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben von Juden.
Der moderne Antisemitismus im 19. Jahrhundert erklärte Juden zunehmend zu einer angeblich unveränderlichen rassischen oder nationalen Fremdgruppe. Diese rassistischen Vorstellungen waren falsch und keine wissenschaftlichen Tatsachen. Ihre Verbreiter behaupteten, jüdische Menschen seien aufgrund ihrer Herkunft grundsätzlich fremd.
Die Unterscheidung betrifft die Begründungen der Feindschaft. Sie trennt keine sauber aufeinanderfolgenden Epochen: Religiöse und rassistische Feindbilder konnten gleichzeitig bestehen und sich überlagern.
Definition
Feindbild
Ein Feindbild stellt eine Gruppe pauschal als bedrohlich oder schuldig dar. Es beschreibt Vorurteile seiner Verbreiter, keine nachgewiesenen Eigenschaften der Betroffenen.
Merke: Unterscheide religiöse und rassistische Begründungen. Das Auftreten moderner Formen bedeutete nicht das Verschwinden religiöser Judenfeindschaft.
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Im Mittelalter beschränkten kirchliche und weltliche Vorschriften, welche Berufe Juden ausüben und wo sie wohnen durften. Weltlich bedeutet hier: von nichtkirchlichen Herrschaftsträgern ausgehend. Solche Regeln drängten Betroffene in begrenzte Arbeitsbereiche. Gerade diese erzwungene Lage konnte anschließend als vermeintlicher Beweis für Vorurteile dienen. Verantwortlich für die Ausgrenzung waren die Regeln und ihre Träger, nicht die Betroffenen.
Während der Pest im 14. Jahrhundert beschuldigte man Juden wahrheitswidrig, Brunnen vergiftet zu haben. Diese falschen Anschuldigungen förderten Pogrome, also gewaltsame Angriffe auf Juden. Die Anschuldigung erklärt nicht die Pest. Sie hilft zu verstehen, wie eine Krise gegen eine Minderheit genutzt wurde.
Seit dem späten 19. Jahrhundert verbreiteten antisemitische Parteien und Publizisten rassistische Feindbilder und Verschwörungserzählungen. Publizisten sind Verfasser öffentlich verbreiteter Texte. Verschwörungserzählungen geben einer angeblich heimlich handelnden Gruppe die Schuld an Entwicklungen. Solche falschen Schuldzuweisungen konnten politischen Anhängern ein gemeinsames Feindbild geben und sie mobilisieren, also zum politischen Handeln bewegen.
Ausgrenzung, Vorurteile und falsche Krisendeutungen konnten sich gegenseitig verstärken. Das war keine feste Abfolge, die in jedem historischen Fall gleich verlief.
Beispiel: Berufsbeschränkungen als Verstärkung von Vorurteilen
- 1Kirchliche und weltliche Regeln begrenzten im Mittelalter die beruflichen Möglichkeiten von Juden.
- 2Die dadurch erzwungenen Arbeitsbereiche konnten anschließend als vermeintliche Bestätigung von Vorurteilen erscheinen.
- 3Die Erklärung setzt bei den ausgrenzenden Regeln an. Sie gibt den Betroffenen nicht die Schuld an ihrer Verfolgung.
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Zur Geschichte gehört auch die Emanzipation, also der Weg zur rechtlichen Gleichstellung. In Frankreich beschloss die Nationalversammlung am 27. September 1791 staatsbürgerliche Rechte für Juden. Im Deutschen Reich galt 1871 die rechtliche Gleichstellung der Konfessionen, also der religiösen Bekenntnisse. Diese rechtlichen Veränderungen beseitigten gesellschaftliche Vorurteile nicht automatisch. Juden gestalteten zugleich Kultur, Religion und gesellschaftliches Leben mit.
Seit dem späten 19. Jahrhundert verbreiteten antisemitische Parteien und Publizisten rassistische Feindbilder. Ein Beispiel ist der Publizist Otto Glagau. Er gab Juden fälschlich die Schuld am Gründerkrach, einer Wirtschaftskrise von 1873. Seine Schuldzuweisung vereinfachte die Krise und konnte politische Anhänger mobilisieren. Sie belegt keine jüdische Steuerung der Wirtschaft.
1933 machten die Nationalsozialisten Antisemitismus zum Leitprinzip staatlicher Verfolgung. Sie entzogen Juden Rechte und verboten ihnen die Ausübung von Berufen. Die Nürnberger Gesetze von 1935 und die Novemberpogrome von 1938 stehen für weitere Entrechtung und Gewalt. Die Gleichstellung von 1871 blieb also nicht dauerhaft bestehen.
Im Krieg folgten Deportationen, also gewaltsame Verschleppungen, und systematischer Massenmord. Die Nationalsozialisten ermordeten im Holocaust, auch Shoah genannt, etwa sechs Millionen europäische Juden. Diese Entwicklung war nicht seit dem Mittelalter unvermeidlich. Konkrete Entscheidungen und Täterhandlungen führten zur Eskalation. Judenfeindschaft bestand auch nach 1945 weiter.
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 1791 | Frankreich: Die Nationalversammlung beschließt staatsbürgerliche Rechte für Juden. |
| 1871 | Deutsches Reich: rechtliche Gleichstellung der Konfessionen. |
| 1933 | Die Nationalsozialisten machen Antisemitismus zum Leitprinzip staatlicher Verfolgung. |
| 1935 | Nürnberger Gesetze. |
| 1938 | Novemberpogrome. |
Merke: Rechtliche Gleichstellung und gesellschaftliche Vorurteile konnten gleichzeitig bestehen. Die spätere Verfolgung entstand durch Entscheidungen und Handlungen von Tätern.
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Bei einer antisemitischen Behauptung unterscheidest du zwei Fragen: Was behauptete ihr Verbreiter? Und was lässt sich historisch belegen? Ein Feindbild kann Auskunft über seinen Verbreiter geben. Es ist kein Beweis für die behaupteten Eigenschaften der angegriffenen Menschen.
Frage nach dem Urheber, seinem Publikum, der Behauptung und ihren Folgen. Beim Vergleich der falschen Pestanschuldigung mit Glagaus falscher Deutung des Gründerkrachs erkennst du eine Gemeinsamkeit: Schwierige Zusammenhänge wurden auf die angebliche Schuld einer Minderheit verkürzt. Dennoch bleiben Zeit, religiöser beziehungsweise moderner politischer Zusammenhang und die Medien der Verbreitung verschieden. Eine ähnliche Schuldzuweisung macht die Fälle nicht gleich.
Auch nach 1945 bestanden Formen der Judenfeindschaft fort. Sekundärer Antisemitismus bezeichnet Formen, die sich auf den Holocaust und seine Erinnerung beziehen. Ein Beispiel ist der Vorwurf an Juden, an die Verbrechen der Nationalsozialisten zu erinnern.
Der Autor Michael Höttemann nennt mehrere Ansätze zur Erklärung solcher Feindschaft. Einer davon ist Schuldabwehr: Menschen weisen die Auseinandersetzung mit Schuld zurück. Dieser Ansatz erklärt nicht pauschal die Motive aller Deutschen oder jeder einzelnen Äußerung. Bei einem Urteil musst du deshalb sagen, was ein Beispiel zeigt und was sich daraus nicht ableiten lässt.
Merke: Benenne eine falsche Anschuldigung als falsch und ordne sie ihrem Verbreiter zu. Untersuche ihre Funktion, statt sie als Erklärung für die behaupteten Eigenschaften der Betroffenen zu verwenden.
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Alles auf einen Blick
Geschichte des Antisemitismus
Begründungen
Religiöse und moderne rassistische Judenfeindschaft sind unterscheidbar, konnten aber nebeneinander bestehen.
Verstärkung
Ausgrenzende Regeln und falsche Krisendeutungen konnten Vorurteile und Gewalt fördern.
Gleichstellung
Mehr Rechte beseitigten gesellschaftliche Vorurteile nicht automatisch; Juden gestalteten Kultur, Religion und Gesellschaft mit.
Verantwortung
Die Nationalsozialisten ermordeten im Holocaust etwa sechs Millionen europäische Juden. Die Eskalation beruhte auf Entscheidungen und Täterhandlungen.
Fortbestehen
Nach 1945 bestanden auch Formen der Judenfeindschaft mit Bezug auf die Erinnerung an den Holocaust.
Untersuchung
Ein Feindbild informiert über seine Verbreiter, nicht über angebliche Eigenschaften der Verfolgten.
Musteraufgabe · Schritt für Schritt
Glagaus falsche Krisendeutung Schritt für Schritt untersuchen
- 1Aufgabe: Erkläre die mögliche politische Funktion von Otto Glagaus falscher Schuldzuweisung zum Gründerkrach von 1873.
- 2Urheber und Anlass benennen: Der Publizist Glagau deutete eine Wirtschaftskrise.
- 3Behauptung einordnen: Er gab Juden fälschlich die Schuld. Seine Anschuldigung ist keine sachliche Erklärung der Krise.
- 4Funktion erklären: Die Verkürzung auf eine angeblich schuldige Minderheit konnte politische Anhänger mobilisieren.
- 5Grenze festhalten: Die Anschuldigung belegt keine jüdische Steuerung der Wirtschaft. Aus der möglichen Wirkung folgt auch kein Nachweis, dass jeder Leser dadurch zum Anhänger wurde.
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Prüfe die Aussagen zur rechtlichen Gleichstellung In einer Zeile steckt ein Fehler. Tippe sie an.
Fehler in Zeile 2Das Jahr des französischen Beschlusses wurde mit dem deutschen Gleichstellungsschritt verwechselt. Richtig: Die französische Nationalversammlung beschloss die staatsbürgerlichen Rechte am 27. September 1791.
Lückentext
Wähl in jeder Lücke das passende Wort und prüf dann deine Antworten.
Im Deutschen Reich galt die rechtliche Gleichstellung der Konfessionen. Die Nürnberger Gesetze stammen aus dem Jahr . Die Novemberpogrome fanden statt.
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