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Zwei-Grad-Ziel
Das Zwei-Grad-Ziel beschreibt das Ziel der internationalen Klimapolitik, die globale Erwärmung auf weniger als zwei Grad Celsius bis zum Jahr 2100 gegenüber …
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Kern des Zwei-Grad-Ziels
Das Zwei-Grad-Ziel ist ein Ziel der internationalen Klimapolitik. Die globale Erwärmung soll bis 2100 auf weniger als 2 °C gegenüber dem Niveau vor Beginn der Industrialisierung begrenzt werden. Das Ziel wurde politisch festgelegt, beruht aber auf wissenschaftlichen Erkenntnissen über die wahrscheinlichen Folgen der Erwärmung. Häufig wird daher auch von einer Zwei-Grad-Grenze gesprochen, die nicht überschritten werden soll.
Eine scharfe Grenze zwischen „tolerablem“ und „gefährlichem“ Klimawandel gibt es nicht. Bei 2,01 °C tritt keine plötzliche Katastrophe ein. Zwei Grad gelten eher als Wegmarke, ab der Unsicherheiten, Risiken und die Gefahr unkontrollierbarer Folgen für Gesellschaften deutlich zunehmen.
Das Ziel geht auf den Ökonomen William D. Nordhaus zurück, der es 1975 und 1977 formulierte. Der WBGU brachte die Zwei-Grad-Grenze ab 1995 in den politischen Prozess ein. Deutschland und später die Europäische Union übernahmen sie als klimapolitische Leitlinie. Auf der UN-Klimakonferenz in Cancún wurde sie im Dezember 2010 erstmals offiziell anerkannt. Im Übereinkommen von Paris vereinbarten die Staaten 2015 außerdem, Anstrengungen für eine Begrenzung auf 1,5 °C zu unternehmen.
Wissenschaftliche Begründung und Folgen
Das Zwei-Grad-Ziel soll eine „gefährliche anthropogene Störung des Klimasystems“ verhindern. Als anthropogen bezeichnet man eine vom Menschen verursachte Veränderung. Der IPCC veranschaulichte die zunehmenden Risiken mit der burning-embers-Grafik („Brennende Glut“). Sie zeigt, dass Risiken mit steigender Temperatur zunehmen und keine eindeutige Schwelle besitzen.
Auch bei Einhaltung des Ziels wären zahlreiche Folgen nur gemildert. Gletscher würden weiter schmelzen, und der Meeresspiegel würde selbst nach einem vollständigen Emissionsstopp noch Hunderte Jahre steigen. Bei 2 °C werden über der Arktis deutlich höhere Durchschnittstemperaturen erwartet. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Arktis um 2100 im Sommer eisfrei ist, würde gegenüber einer Begrenzung auf 1,5 °C von 30 % auf 100 % steigen.
Eine Studie aus dem Jahr 2018 schätzte, dass die ökonomischen Schäden bei 2 °C wahrscheinlich um mehr als 20 Billionen US-Dollar höher lägen als bei 1,5 °C. Die zusätzlichen Kosten für das 1,5-Grad-Ziel wurden auf etwa 300 Milliarden Dollar geschätzt; daraus ergab sich ein Nutzen-Kosten-Verhältnis von etwa 70. Bei 2,5–3 °C könnten zusätzliche Schäden von 15–25 % des Pro-Kopf-Bruttoweltproduktes entstehen, bei 4 °C mehr als 30 %.
Die „Heißzeitstudie“ von 2018 warnte, dass auch bei Einhaltung der Zwei-Grad-Grenze kritische Prozesse ausgelöst werden könnten. Eine weitere Erwärmung auf dauerhaft 4–5 °C über dem vorindustriellen Niveau und ein Meeresspiegelanstieg um 10–60 Meter wären dann möglich. Unklar sei, ob das Klimasystem bei etwa 2 °C stabilisiert werden könne oder in ein dauerhaftes „Supertreibhaus-Klima“ weiter abrutsche.
Emissionsbudget und notwendige Reduktionen
Für die Einhaltung des Ziels ist vor allem die Gesamtmenge der ausgestoßenen Treibhausgase entscheidend. Etwa die Hälfte der CO₂-Emissionen wird von Biosphäre und Ozeanen aufgenommen; dies führt unter anderem zur Versauerung der Meere. Die andere Hälfte verbleibt über viele hundert Jahre in der Atmosphäre. Die mit dem Zwei-Grad-Ziel vereinbare Gesamtmenge abzüglich der bereits ausgestoßenen Menge heißt verbleibendes CO₂-Budget.
Die Erwärmung seit etwa 1850 lag 2018 im langjährigen Mittel bei etwa 1,0 °C. Nach Angaben der WMO war 2020 die globale Temperatur 1,2 K (± 0,1 K) höher als im Zeitraum 1850–1900. Nach einem WBGU-Budgetansatz von 2009 hätten die weltweiten Treibhausgasemissionen bis 2050 um mindestens 50 %, in Industrieländern um 80–95 % gegenüber 1990 sinken müssen. In der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts müssten die weltweiten Emissionen auf null fallen.
2015 lag die Konzentration des Kohlendioxidäquivalents der wichtigsten Treibhausgase bei 485 ppm. Für eine 50-prozentige Wahrscheinlichkeit der Zieleinhaltung hätte sie höchstens 450 ppm, für 70 % höchstens 400 ppm betragen dürfen. UNEP gab 2010 unter anderem folgende Bedingungen für eine Wahrscheinlichkeit von über 50 % an: Der Rückgang der globalen Emissionen hätte zwischen 2015 und 2021 beginnen müssen; 2020 hätten sie bei 40–48,3 Milliarden Tonnen liegen müssen; bis 2050 hätten sie gegenüber 2000 um 48–72 % beziehungsweise gegenüber 2005 um mindestens 90 % sinken müssen.
Derzeit werden jährlich etwa 36 Milliarden Tonnen CO₂ ausgestoßen. Die Verbrennung aller bekannten technisch und wirtschaftlich förderbaren fossilen Reserven würde etwa 2.800 Milliarden Tonnen CO₂ freisetzen. Für eine Wahrscheinlichkeit von 75 % durfte das Budget von 2000 bis 2050 höchstens 1.000 Milliarden Tonnen betragen. Da 2000–2006 bereits 234 Milliarden Tonnen ausgestoßen wurden, lag das verbleibende Budget unter 766 Milliarden Tonnen. Bei gleichbleibenden Emissionen wäre es 2027 erschöpft gewesen; bei einem Risiko von nur 20 % bereits drei Jahre früher, bei einem Risiko von 50 % hätte es bis 2039 gereicht.
Modellrechnungen zeigen den Einfluss verspäteter Maßnahmen: Bei einer Verzögerung des Beginns sinkender Emissionen um zehn Jahre und anschließend etwa 3 % jährlicher Reduktion kann die endgültige Erwärmung um etwa 0,5 °C höher ausfallen. WBGU-Schätzungen von 2009 zufolge wären bei einer Trendwende erst 2015 jährliche Minderungen bis zu 5 %, bei einer Trendwende 2020 bis zu 9 % erforderlich gewesen. Eine weitere Studie forderte eine Stabilisierung und leichte Verminderung fossiler CO₂-Emissionen bis 2030 auf 28–32 Gt/a und eine Reduktion auf 16 Gt bis 2050.
Erreichbarkeit und Unsicherheiten
Nach Einschätzung der Max-Planck-Gesellschaft von 2015 war das Zwei-Grad-Ziel mit den damals vorhandenen Mitteln erreichbar. Verzögerungen verteuern den Klimaschutz und erhöhen den Bedarf an risikobehafteten Technologien. Fatih Birol bezeichnete die erforderlichen Emissionsminderungen 2011 dennoch als „praktisch ausgeschlossen“. Laut UNEP wäre bei Umsetzung aller bis 2020 offiziell eingereichten nationalen Ziele eine Erwärmung von etwa 3,2 °C bis zum Ende des Jahrhunderts am wahrscheinlichsten.
Eine Faustformel von Wissenschaftlern um Johan Rockström aus dem Jahr 2017 lautet: Die weltweiten CO₂-Emissionen müssten alle zehn Jahre halbiert werden, was einer jährlichen Reduktion von etwa 7 % entspricht. Gleichzeitig müsste sich der Anteil erneuerbarer Energien am Gesamtenergiebedarf alle fünf bis sieben Jahre verdoppeln; zusätzlich müsste CO₂ aus der Atmosphäre entfernt werden. Der Internationale Währungsfonds nannte für 2030 einen CO₂-Preis von 50–100 USD pro Tonne.
Eine Studie von 2022 errechnete bei genauer Umsetzung der in Glasgow 2021 zugesagten Minderungen eine Wahrscheinlichkeit von 48–58 %, das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen. Eine Prognose von 2023 hielt eine Verfehlung sogar unter bestmöglichen Annahmen des Szenarios SSP1-2.6 für möglich. Der Emissions Gap Report 2023 erwartete, dass die weltweiten Emissionen vor 2030 ihren Höhepunkt erreichen und danach sinken, das Zwei-Grad-Ziel aber nicht eingehalten wird. Anfang 2024 erwarteten in einer Guardian-Umfrage mehr als 77 % von mehreren hundert Klimaforschern eine Erwärmung von mindestens 2,5 °C.
Die Anforderungen hängen stark von der angestrebten Eintrittswahrscheinlichkeit ab: Eine Zielerreichung mit 10 %, 50 % oder 90 % Wahrscheinlichkeit verlangt jeweils sehr unterschiedliche Maßnahmen. Weitere Unsicherheiten entstehen durch die Klimasensitivität, also die langfristige Erwärmung bei einer bestimmten Treibhausgaskonzentration. Eine Verdoppelung der vorindustriellen CO₂-Konzentration von 280 ppm könnte nach heutigem Forschungsstand eine Erwärmung von 2–4,5 °C bewirken. Daraus ergeben sich vorgeschlagene zulässige CO₂-Konzentrationen zwischen 330 und 700 ppm. Deshalb gilt das Zwei-Grad-Ziel teilweise als normativ begründbar, technisch aber nur eingeschränkt als genaue Vorgabe.
Kritik und das 1,5-Grad-Ziel
Viele Wissenschaftler und auch der IPCC halten das Zwei-Grad-Ziel für nicht ausreichend. Eine Erwärmung um 2 °C könnte für viele indigene Völker die Zerstörung von Kultur und Lebensweise bedeuten und zum fast vollständigen Verlust der Korallenriffe führen. Nach einer Studie von 2012 liegt die Schwelle für ein Abschmelzen der grönländischen Eismassen zwischen 0,8 und 3,2 °C. Eine Studie von 2013 kam zu dem Ergebnis, dass bereits 1,5 °C starkes Auftauen des sibirischen Permafrostbodens bis zum 60. Breitengrad auslösen könnten. Dadurch könnten große Mengen Methan und CO₂ freigesetzt werden.
Das 1,5-Grad-Ziel soll besonders gefährliche Folgen stärker begrenzen. Für seine Einhaltung wurde 2015 erwartet, dass die Nettotreibhausgasemissionen rasch sinken und zwischen 2045 und 2060 null erreichen müssten. In der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts wäre zusätzlich die künstliche Entfernung eines Teils des zuvor ausgestoßenen CO₂ nötig. Ob negative Emissionen in diesem Umfang technisch und politisch möglich sind, ist umstritten; Klimapolitik sollte daher nicht voraussetzen, dass diese Technik langfristig in großem Maßstab verfügbar ist.
James E. Hansen bezeichnete zwei Grad 2011 als „Rezept für eine Katastrophe“. Andere Stimmen sehen die Grenze als Kompromiss zwischen wissenschaftlich Notwendigem und wirtschaftlich Günstigem. Jedes zusätzliche Zehntelgrad erhöht demnach das Risiko, Kippelemente des Klimasystems auszulösen und eine „Heißzeit“ anzustoßen. 2024 war die Einschätzung, dass das 1,5-Grad-Ziel noch eingehalten werden kann, unter Klimaforschern eine extreme Minderheitenposition.