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Zellengefängnis Nürnberg

1945 beschlagnahmten die Amerikaner das Zellengefängnis für die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse. Geschichte während der Nürnberger Prozesse 1945 bis 1949.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und Lage
  2. 2. Bauform und ursprüngliche Funktion
  3. 3. Entstehung bis 1945
  4. 4. Nutzung während der Prozesse
  5. 5. Nachkriegszeit und Abrisse
  6. 6. Heutiger Zustand

Bedeutung und Lage

Das Nürnberger Zellengefängnis ist ein Gefängnisgebäude, das von 1865 bis 1868 zur Zeit des Königreichs Bayern erbaut wurde. Teile davon befinden sich heute noch auf dem Gelände der Justizvollzugsanstalt Nürnberg des Freistaats Bayern, unmittelbar hinter dem Justizpalast Nürnberg.

Weltweite Bekanntheit erhielt das Gebäude, weil dort zwischen 1945 und 1949 Angeklagte und Zeugen der Nürnberger Prozesse inhaftiert waren. Diese Prozesse befassten sich mit nationalsozialistischen Kriegsverbrechen und anderen Verbrechen der deutschen Führung. Besonders wichtig ist das Gebäude deshalb als historischer Ort der Justizgeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg.

Bauform und ursprüngliche Funktion

Das Zellengefängnis bestand ursprünglich aus vier Zellenflügeln mit je drei Ebenen. Diese Flügel waren sternförmig von einer Zentralhalle aus nach Osten, Nordosten, Nordwesten und Westen ausgerichtet. Ein fünfter Flügel zeigte nach Süden; dort lagen Schul- und Verwaltungsräume sowie die Gefängniskirche.

Das Gebäude ist nicht mit der heutigen Frauenhaftanstalt im Nordwesten oder der Untersuchungshaftanstalt im Osten des Geländes zu verwechseln. Es war ein eigenes historisches Gefängnisgebäude innerhalb des Nürnberger Justizareals.

Entstehung bis 1945

Das Zellengefängnis wurde nach Plänen von Alberth von Voit errichtet. Es folgte dem Prinzip eines Isoliergefängnisses. Das bedeutet: Gefangene wurden nicht in Gemeinschaftsunterkünften, sondern in Einzelzellen untergebracht. Dadurch sollten sie vom negativen Einfluss anderer Gefangener abgeschirmt werden. Dieses Prinzip galt seit den 1840er Jahren als modern, wird heute aber als überholt angesehen.

Der Justizpalast wurde erst später vor das Gefängnis gebaut und 1916 eingeweiht. Deshalb gilt das Zellengefängnis als Keimzelle des Nürnberger Justizareals an der Fürther Straße.

Bis 1933 diente es der Inhaftierung gewöhnlicher Gefangener. Zwischen 1933 und 1945 wurden dort neben Kriminellen wohl auch Verfolgte des Naziregimes festgehalten. Nach der Reichspogromnacht wurden jüdische Bürger aus der Region im Zellengefängnis inhaftiert. 1945 beschlagnahmten die Amerikaner das Gebäude für die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse.

Nutzung während der Prozesse

Ab 1945 wurden im Zellengefängnis Angeklagte des Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozesses und der Nachfolgeprozesse untergebracht. Außerdem waren dort zahlreiche Zeugen inhaftiert, darunter Militärangehörige, Ministerialbeamte, hohe NSDAP-Mitglieder und andere Teile der deutschen Führung.

Angeklagte und Zeugen wurden grundsätzlich in verschiedenen Flügeln festgehalten. Während des Hauptkriegsverbrecherprozesses diente der Ostflügel als „Criminal Wing“ für die Angeklagten. Er war durch einen provisorischen Holzgang mit dem Ostbau des Justizpalastes verbunden, in dem im Saal 600 der Prozess stattfand. Die Angeklagten waren normalerweise in Einzelhaft. Soldaten beobachteten sie ständig durch Luken in den Zellentüren, um Selbstmorde zu verhindern.

Die Zeugen konnten sich tagsüber in ihrem Zellenflügel frei bewegen; während des Hauptkriegsverbrecherprozesses war das der Nordostflügel. Männer und Frauen waren getrennt. Im Zeugenflügel waren Zellen oft mehrfach belegt. Die Inhaftierten bereiteten Aussagen vor, spielten Karten oder hielten Vorträge für andere Gefangene, zum Beispiel über amerikanische Geschichte. Wachsoldaten waren dort kaum eingesetzt.

Während der Nachfolgeprozesse wurden Angeklagte und Zeugen auch im Nordwestflügel und im heute noch erhaltenen Westflügel untergebracht. Im südlichen Kirchenflügel befand sich die Gefängniskirche. Während des Hauptkriegsverbrecherprozesses war sie nur für Zeugen zugänglich. Während der Nachfolgeprozesse fanden regelmäßig Gottesdienste statt, an denen Angeklagte und Zeugen teilnehmen konnten. Gespräche waren streng verboten, doch Inhaftierte veränderten deutsche Kirchenlieder, um singend Informationen auszutauschen, etwa über Inhalte von Aussagen.

Nordöstlich des Ostflügels stand die Sporthalle des Gefängnisses. Dort wurden die zum Tode verurteilten Hauptkriegsverbrecher durch Hängen hingerichtet. Nach dem Ende der Nürnberger Prozesse 1949 räumten die Amerikaner das Zellengefängnis nach und nach.

Nachkriegszeit und Abrisse

1952 wurde das Gebäude dem Freistaat Bayern übergeben und wieder für den normalen Strafvollzug genutzt. Zwischen 1980 und 1986 wurden wichtige Teile des alten Gefängnisses abgerissen: der Ostflügel, in dem die Hauptkriegsverbrecher inhaftiert gewesen waren, sowie der Nordost- und der Nordwestflügel.

Auch die Sporthalle, in der die Hinrichtungen der Hauptkriegsverbrecher vollzogen wurden, wurde abgerissen und existiert heute nicht mehr. Seit 1995 wird der Westflügel nicht mehr zur dauerhaften Unterbringung von Gefangenen genutzt. Viele Neubauten haben inzwischen Teile des alten Zellengefängnisses ersetzt.

Heutiger Zustand

Heute sind noch die Zentralhalle, der Westflügel und der Kirchenflügel erhalten. Der Westflügel ist der letzte noch original erhaltene Zellentrakt, der während der Nürnberger Prozesse genutzt wurde. Viele Zellen und Zellentüren mit Beobachtungsklappen sind noch weitgehend im Originalzustand. Dadurch vermittelt das Gebäude einen authentischen Eindruck von der Unterbringung der Kriegsverbrecher und Zeugen.

Der Westflügel wurde für Dreharbeiten des 2005 erschienenen Spielfilms „Speer und Er“ über Albert Speer genutzt. Die Zellen stehen meist leer und werden nur vereinzelt als Wartezellen genutzt. Im Keller befindet sich die Kleiderkammer der Justizvollzugsanstalt Nürnberg.

Die Kirche im südlichen Flügel dient heute als Lagerraum. Der Altar ist nicht mehr vorhanden, auf der Empore steht noch eine kleine Orgel.

Da das Zellengefängnis auf dem Gelände der JVA Nürnberg liegt, kann es nur mit Genehmigung der Anstaltsleitung besichtigt werden. Das denkmalgeschützte Gebäude ist in schlechtem baulichem Zustand. Ob es erhalten werden kann, ist unklar. In der Lokalpolitik gibt es Überlegungen, es als Museum im Rahmen eines Weltkulturerbes nutzbar zu machen.

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