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Wortschatzdidaktik

Wortschatzdidaktik thematisiert die Inhalte, Ziele und Methoden zu Erwerb, Gebrauch und Vermittlung von ein- und mehrsprachigem Wortschatz.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Kern und Abgrenzung
  2. 2. Entwicklung im Deutschunterricht
  3. 3. Anlass durch Wortschatzdefizite
  4. 4. Ziele und Wortwissen
  5. 5. Methoden der Wortschatzarbeit
  6. 6. Grundwortschatz und Aufgabe aller Fächer

Kern und Abgrenzung

Wortschatzdidaktik befasst sich mit Inhalten, Zielen und Methoden des Erwerbs, Gebrauchs und der Vermittlung von ein- und mehrsprachigem Wortschatz. Sie ist eine Teildisziplin der Deutschdidaktik, ähnlich wie Rechtschreibdidaktik oder Aufsatzdidaktik. In der Fachliteratur wird sie häufig unter dem Begriff Wortschatzarbeit behandelt.

In Fremdsprachenfächern wie Englisch oder Französisch hatte Wortschatzdidaktik schon immer eine große Bedeutung: Ohne ausreichenden Wortschatz kann man eine fremde Sprache weder verstehen noch selbst sprechen oder Texte schreiben. Das sogenannte Vokabellernen prägte den Fremdsprachenunterricht lange Zeit und war ein zentraler Bestandteil der Grammatik-Übersetzungsmethode. Später wurde diese Methode durch kommunikative Ansätze abgelöst, bei denen kommunikative Handlungsfähigkeit im Mittelpunkt steht.

Entwicklung im Deutschunterricht

Im Deutschunterricht war Wortschatz lange Zeit eher wenig beachtet. Man nahm an, dass deutschsprachige Kinder durch natürlichen Spracherwerb automatisch einen altersangemessenen Wortschatz entwickeln und diesen während der Schulzeit weiter ausbauen.

Mit der Kommunikativen Wende in den frühen 1970er Jahren wurde deutlicher, dass nicht alle Kinder über einen vergleichbaren standardsprachlichen Wortschatz verfügen. Außerdem wurde erkannt, dass der erstsprachliche Spracherwerb mit dem Schuleintritt nicht abgeschlossen ist. Wortschatzerweiterung und Wortschatzvertiefung laufen nicht von selbst ab. Trotzdem wirkte sich diese Erkenntnis zunächst kaum auf Deutschdidaktik und Deutschunterricht aus; Wortschatz blieb weiterhin vor allem ein Thema der Fremdsprachendidaktik.

Anlass durch Wortschatzdefizite

Die erste PISA-Studie aus dem Jahr 2000 und die DESI-Studie aus den Jahren 2003/2004 zeigten deutliche Defizite deutschsprachiger Schülerinnen und Schüler der 9. Klassenstufe aller Schularten in Lesekompetenz und Wortschatz. Gleichzeitig sprechen heute viele Schülerinnen und Schüler in deutschen Schulklassen Deutsch nicht als erste Sprache, sondern als Zweitsprache, oder sie haben mehrere Sprachen gleichzeitig erworben.

Diese Entwicklungen führten dazu, dass sich die Wortschatzdidaktik innerhalb der Deutschdidaktik als eigene Teildisziplin etablierte. Ihr Ziel ist es, Unterrichtsprozesse zum Aufbau und Ausbau individueller Wortschatzkompetenz theoretisch zu begründen und praktisch zu erproben. Seit 2003/2004 ist Wortschatz beziehungsweise Wortschatzarbeit in den Nationalen Bildungsstandards für das Fach Deutsch verankert. Weiterhin problematisch bleiben Aussagen darüber, welche Qualität und Quantität des rezeptiven Wortschatzes, also des verstehend verfügbaren Wortschatzes, und des produktiven Wortschatzes, also des aktiv verwendbaren Wortschatzes, Lernende bestimmter Altersstufen haben sollten.

Ziele und Wortwissen

Empirische Forschung zu wirksamer und nachhaltiger Wortschatzarbeit liegt bisher nur ansatzweise vor. Wortschatzarbeit umfasst zwei Aufgaben: den Erwerb neuer Wörter und die Vertiefung des bereits vorhandenen Wortschatzes im mentalen Lexikon. Das mentale Lexikon bezeichnet den inneren Speicher, in dem Wörter mit ihren Bedeutungen, Formen und Verwendungsweisen verbunden sind.

Wortschatzarbeit soll nicht nur mit isolierten Wörtern oder Einzelsätzen arbeiten, sondern mit authentischen Texten. Auch im mentalen Lexikon stehen Wörter nicht wie in einem Wörterbuch unverbunden nebeneinander. Ziel ist ein fundiertes sprachliches Wissen, dessen wichtiger Bestandteil das Wortwissen ist.

Nach Steinhoff (2009, S. 37) besteht Wortwissen aus strukturellem Wissen und funktionalem Wissen. Zum strukturellen Wissen gehören phonetisch-phonologisches Wissen, also Wissen über Laute, graphematisch-orthografisches Wissen, also Wissen über Schrift und Rechtschreibung, sowie morphologisches Wissen, also Wissen über Wortformen und Wortbildung. Zum funktionalen Wissen gehören syntaktisches Wissen, also Wissen über Satzbau, semantisches Wissen, also Wissen über Bedeutungen, und pragmatisches Wissen, also Wissen über angemessenen Sprachgebrauch. Hinzu kommen allgemeines Wissen darüber, wann und in welchem Kontext Wörter passend verwendet werden, sowie sogenanntes Weltwissen.

Methoden der Wortschatzarbeit

Als methodisches Grundwerkzeug gilt der wortschatzdidaktische Dreischritt nach Kühn (2010, S. 1252ff.). Er besteht aus drei Teilschritten: Erstens werden Wörter und Wortverbindungen erkannt, isoliert und semantisiert, also in ihrer Bedeutung erschlossen; dies gehört zur Rezeption. Zweitens werden Wörter variiert und vernetzt, das heißt, sie werden zueinander in Beziehung gesetzt; dies gehört zur Reflexion. Drittens werden Wörter kontextuiert und reaktiviert, also in mündlichen und schriftlichen Texten angewendet; dies gehört zur Produktion.

Zur Semantisierung unbekannter Wörter eignen sich nicht-sprachliche Verfahren wie Bilder, Gegenstände, Gestik oder Mimik. Daneben gibt es sprachliche Verfahren wie Kontextualisierung, Paraphrasierung sowie Synonyme und Antonyme. Semantisierung kann auf Wortebene, Satzebene und Textebene stattfinden.

Auf der Wortebene arbeitet der Deutschunterricht häufig mit Wortfeldern und Wortfamilien. Ein Wortfeld umfasst Wörter mit verwandter Bedeutung; eine Wortfamilie umfasst Wörter mit gemeinsamer sprachlicher Herkunft oder gleichem Wortstamm. Auf Satz- und Textebene steht im Vordergrund, dass Wörter im Sprachgebrauch selten isoliert vorkommen, sondern meist in einem Kontext. Unbekannte Wörter in Texten werden daher zuerst isoliert und semantisiert, danach variiert und mit anderen Wörtern vernetzt und schließlich in neuen Kontexten reaktiviert.

Grundwortschatz und Aufgabe aller Fächer

In jüngerer Zeit wurde im Rahmen eines Rechtschreibwortschatzes der sogenannte Grundwortschatz für die Grundschule wiederbelebt. Nach Merten (2022, S. 82) war dieser lange umstritten, weil schwer zu entscheiden ist, welche Wörter aufgenommen werden sollen und wie umfangreich der Grundwortschatz sein soll.

Wenig umstritten ist, dass Grundschulkinder mündlich mehr Wörter beherrschen als schriftlich. Da es keine wissenschaftlich validen Aussagen zum Rechtschreibgrundwortschatz gibt, unterscheiden sich die Grundwortschätze der einzelnen Bundesländer zum Teil deutlich.

Wortschatzarbeit ist nicht nur Aufgabe des Deutschunterrichts. Sie soll ein grundlegender Bestandteil allen schulischen Lehrens und Lernens sein, weil jeder Unterricht zugleich sprachlicher Unterricht ist.

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