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Wodzeck
Wodzeck ist der zweite Spielfilm von Oliver Herbrich und eine filmische Adaption des Dramenfragmentes Woyzeck von Georg Büchner. Der Film lief 1985 im …
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Film und Grundidee
Wodzeck ist ein deutscher Spielfilm von Oliver Herbrich aus dem Jahr 1984. Der 82 Minuten lange, deutschsprachige Film ist ab 12 Jahren freigegeben. Er ist Herbrichs zweiter Spielfilm und eine freie filmische Adaption des unvollendeten Dramas Woyzeck von Georg Büchner. Herbrich führte Regie und schrieb das Drehbuch nach Motiven Büchners; die Titelrolle spielte Detlef Kügow.
Der Film überträgt Büchners Geschichte in die damalige Gegenwart und in die industrielle Arbeitswelt des Ruhrgebiets. Im Mittelpunkt steht ein psychisch kranker Fabrikarbeiter, der unter monotoner Arbeit, sozialer Kälte, Einsamkeit und Eifersucht zerbricht. Statt die literarische Vorlage Szene für Szene umzusetzen, deutet der Film ihren Stoff neu: Moderne Formen von Entfremdung, großstädtischer Anonymität und Verlust der Individualität ersetzen beziehungsweise ergänzen die offen sichtbare Unterdrückung bei Büchner.
Wodzecks Weg in die Katastrophe
Franz Wodzeck arbeitet als „Fertigmacher“ im Akkord und wohnt in einem Arbeiterwohnheim der Autofabrik. Er leidet unter Wahnvorstellungen und erzählt seinem Bettnachbarn Andres davon, doch dieser kann ihm nicht helfen. Etwas Ruhe findet Wodzeck nur, wenn er ins Freie läuft, besonders an Orten, an denen die Zivilisation in eine beschädigte Natur übergeht. Nach der Arbeit trifft er gewöhnlich Maleen, eine Kassiererin in einem Kaufhaus.
Die belastende Arbeit und sein trostloses Leben verschlechtern Wodzecks Zustand. Der Werksarzt interessiert sich nicht für seine seelische Not, sondern nur für den Erhalt seiner Arbeitskraft. Während einer Pornofilmvorführung im Wohnheim berichten Kollegen, Maleen habe Kontakt zu einem Werksleiter, der sie bei der betrieblichen Weihnachtsfeier zum Tanz aufgefordert hatte. Wodzeck will ihnen zunächst nicht glauben. Maleen erklärt ihm jedoch, sie wolle etwas von ihrem Leben haben, ohne zu erkennen, wie sehr sie ihn damit trifft.
Wodzeck lässt sich daraufhin ziellos mit einem Taxi durch die Stadt fahren. Nachts verfolgen ihn Traumvisionen aus seiner früheren Tätigkeit als Leichenwäscher. Seine Versuche, Maleen wieder näherzukommen, scheitern, während er erneut unterirdische Stimmen hinter dem ständigen Geräusch der Stadt hört. Als er Maleen abends mit ihrem neuen Begleiter tanzen sieht, brennen sich die von Stroboskoplicht zerhackten Bewegungen in seine Wahrnehmung ein.
Am nächsten Morgen überlässt Wodzeck Andres seine Habseligkeiten und kauft in einem Eisenwarenladen ein Messer. Er ersticht Maleen, ohne hinzusehen, bis ihre Schreie verstummen. Als ihm bewusst wird, dass er die von ihm geliebte Frau getötet hat, verliert er endgültig den Verstand. Er wird später verwirrt auf der Straße aufgegriffen und nach mehreren psychologischen Gutachten für unzurechnungsfähig erklärt. In der psychiatrischen Anstalt empfindet er schließlich weder Angst noch Verlangen und lebt teilnahmslos weiter.
Neuinterpretation von Büchners Drama
Die erste Drehbuchfassung sah Berlin als Schauplatz vor, das damals noch von der Berliner Mauer umgeben war. Weil das Bundesland Nordrhein-Westfalen den Film förderte, wurde er schließlich im Ruhrgebiet verwirklicht. Auch die Filmförderungsanstalt (FFA) und der Bayerische Rundfunk waren an der Finanzierung beteiligt.
Büchners rund 150 Jahre alter, unvollendeter Woyzeck war 1879 nach dem Tod des Autors veröffentlicht worden und entwickelte sich zu einem wichtigen Werk des Vormärz. Der fragmentarische Aufbau regte unter anderem den Komponisten Alban Berg sowie die Regisseure Max Reinhardt, Georg Klaren und Werner Herzog zu eigenen Bearbeitungen an.
Herbrich wollte den Stoff zeitgemäß aktualisieren. Die sozialen Ungerechtigkeiten, die Büchner beispielhaft zeigt, seien inzwischen weniger offen sichtbar. Dafür treten moderne Folgen der Industrialisierung hervor: entfremdete Arbeit, Anonymität in der Großstadt und der Verlust menschlicher Individualität. An die Stelle eines einzelnen bedrängenden Doktors oder Hauptmanns tritt eine Vielzahl von Ärzten und Vorgesetzten. Der Film versteht sich deshalb als Neuinterpretation und nicht als werkgetreue szenische Übertragung.
Drehorte und Gestaltung
Die Bilder sollten kalt und farbentsättigt wirken. Deshalb entstanden die Außenaufnahmen im November 1983 im damaligen Industrierevier Ruhrgebiet. Gedreht wurde ausschließlich an Originalschauplätzen: in Duisburg-Ruhrort mit Straßenzügen, die durch die Kupferproduktion rot schimmerten, an einer qualmenden Kokerei in Bottrop und im vorweihnachtlich beleuchteten Essen. Die Lichtwochen ermöglichten nächtliche Fahraufnahmen mit vorhandenem Licht („available light“). Weitere Motive zeigten Übergänge von Industrieanlagen zu Abraumhalden oder Naturlandschaften, hinter denen weiterhin Schornsteine rauchten.
Die Innenaufnahmen des Stahlwerks entstanden dagegen in der Achsschmiede von MAN-Nutzfahrzeuge in München, die im Betriebsjargon „unsere Hölle“ hieß. Der MAN-Pressesprecher war Germanist, kannte Büchners Werk und erkannte die Bezüge der Adaption zum Originaltext; dadurch ermöglichte er die Dreharbeiten. Hauptdarsteller Detlef Kügow arbeitete einen Tag lang an der Stanze, um die Tätigkeit bei den Aufnahmen routiniert und abgeklärt darstellen zu können. Kurz vor Weihnachten 1983 waren die Dreharbeiten abgeschlossen. Die Musik komponierte Andreas Hofner, die Kamera führte Ludolph Weyer, und Romy Schumann war für den Schnitt verantwortlich.
Veröffentlichung und Beurteilung
Büchner verwendet in seinem Fragment wiederholt Zitate aus Volksmusiken. Entsprechend sollte Andreas Hofner für den Film Schlager mit deutschen Texten schreiben. Obwohl er den Auftrag nur widerwillig annahm, war das Ergebnis erfolgreich: 1986 gelangte er damit bis in die deutsche Endausscheidung des Grand Prix Eurovision de la Chanson.
Wodzeck wurde 1984 bei den 18. Internationalen Hofer Filmtagen uraufgeführt. 1985 nahm der Film am Wettbewerb des 14. Internationalen Filmfestivals Moskau teil. Detlef Kügow erhielt dort den „Preis für die beste männliche Hauptrolle“; anschließend kam der Film auch in der Sowjetunion heraus. Insgesamt wurde er auf 20 nationalen und internationalen Filmfestivals gezeigt.
Die Kritiken fielen unterschiedlich aus. Der Fischer Film Almanach 1986 urteilte, die vereinfachte Geschichte lasse selbst einen wohlmeinenden Zuschauer so kalt zurück wie die erzeugte Atmosphäre. Peter Paul Huth lobte dagegen die moderne Umsetzung, die ungewöhnlichen Bilder und die Farbdramaturgie sowie die Verbindung zwischen klassischer Vorlage und Eifersuchtsdrama. Hans Günther Pflaum sah Wodzeck sowohl an der Kälte der Leistungsgesellschaft als auch an seiner psychischen Verfassung scheitern; die Fabrik werde als Ort unausweichlicher seelischer Zerstörung gezeigt. Die Ruhr Nachrichten bewerteten die Aktualisierung, den Bezug zum Industrierevier und besonders Detlef Kügows Darstellung positiv.
In Deutschland übernahm endfilm Christian Meinke den Verleih; Meinke spielte zugleich den Taxifahrer. 2017 wurde der 35-mm-Film digital restauriert und in der Fiction – Non-Fiction Film Edition neu veröffentlicht. Er gilt inzwischen auch als Zeitdokument, weil er die rauchenden Schlote der inzwischen vergangenen Schwerindustrie festhält.