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Wirtschaftsingenieurwesen
Wirtschaftsingenieurwesen ist ein interdisziplinäres Studium, das aus ingenieur- und wirtschaftswissenschaftlichen Teilen besteht.
Inhalt6 Abschnitte
Kernidee und wissenschaftliche Einordnung
Wirtschaftsingenieurwesen ist ein interdisziplinäres Studium, das ingenieurwissenschaftliche und wirtschaftswissenschaftliche Teile verbindet. Es umfasst technisch-naturwissenschaftliche Inhalte, Betriebswirtschaft und häufig auch Rechtsinhalte. Nach Abschluss des Studiums darf der Absolvent die Bezeichnung Wirtschaftsingenieur führen.
Wissenschaftlich bildet das Fach eine Schnittstelle zwischen Betriebswirtschaft und Ingenieurwesen. Es befasst sich mit Betriebsabläufen, also mit Theorien, Methoden, Werkzeugen und intersubjektiv nachprüfbaren Erkenntnissen über wirtschaftliche, technische und rechtliche Zusammenhänge. Ziel ist es, Betriebsabläufe so zu optimieren, dass technische Prozesse gut funktionieren und zugleich Produktivität und Wirtschaftlichkeit möglichst hoch sind.
Typisch ist die Betrachtung komplexer Systeme. Wirtschaftsingenieurwesen beschäftigt sich mit Entwicklung, Implementierung, Realisierung, Optimierung und realem Betrieb solcher Systeme unter Beachtung rechtlicher Anforderungen und Vorschriften. Wirtschaftliche und technische Systeme werden dabei nicht isoliert betrachtet, sondern als ganzheitliche Systeme. Dazu nutzt das Fach unter anderem Systemtheorie, Statistik und Operations Research, um reale wirtschaftlich-technische Systeme zu modellieren und Anforderungen für Produktions-, Fertigungs-, Vermarktungs- und Informationssysteme abzuleiten.
Entwicklung und Studienaufbau
Das Studium kann an Universitäten, Fachhochschulen, Dualen Hochschulen oder Berufsakademien erfolgen. Es schließt an Hochschulen mit einem akademischen Grad ab. An den meisten Universitäten wird Wirtschaftsingenieurwesen eher ingenieurwissenschaftlichen Fakultäten zugeordnet, auch wenn es immer wirtschaftswissenschaftliche Bestandteile enthält.
Der genaue Aufbau unterscheidet sich je nach Hochschule, Schwerpunkt und Forschungsausrichtung. An technisch ausgerichteten Universitäten überwiegt meist der ingenieurwissenschaftliche Anteil. Andere Hochschulen und Fachhochschulen bieten auch Studiengänge mit wirtschaftswissenschaftlichem Schwerpunkt an. Später im Studium wählen Studierende häufig Wahlpflichtmodule und Vertiefungsrichtungen und beeinflussen dadurch selbst ihren Schwerpunkt. Als Beispiel nennt der Artikel das „Berliner Modell“.
In den ersten vier Semestern, bei Diplomstudiengängen im Grundstudium, werden technische und wirtschaftliche Grundlagen vermittelt. Wegen der Interdisziplinarität überschneiden sich die Inhalte stark mit anderen Studiengängen. Studierende besuchen daher normalerweise auch Vorlesungen aus Informatik, Betriebswirtschaftslehre, Maschinenbau, Bauingenieurwesen oder Elektrotechnik. Wie in vielen technischen Studiengängen werden im deutschsprachigen Raum zunehmend Vorlesungen auf Englisch gehalten; außerdem gibt es Kurse zu technischem Englisch. Praktika, häufig als Grund- und Fachpraktikum, gehören in der Regel ebenfalls dazu.
Seit der Bologna-Reform wird Wirtschaftsingenieurwesen meistens als Bachelor- und Masterstudiengang angeboten; die Lehrveranstaltungen sind in Module gegliedert. Der Master ist ein Aufbaustudium und setzt einen ersten Hochschulabschluss voraus. An wenigen Hochschulen bestimmter Bundesländer gibt es noch Diplomstudiengänge.
Studienformen und Studienmöglichkeiten
Der Regelfall ist das Simultanstudium. Dabei sind während der gesamten Studiendauer sowohl ökonomisch-rechtswissenschaftliche als auch technisch-naturwissenschaftliche Fächer im Stundenplan enthalten. Zusätzlich gibt es Veranstaltungen, die ausdrücklich auf die Verbindung von Wirtschaft und Technik eingehen. Das Studium umfasst vor allem Kernfächer der Betriebswirtschaft und des jeweiligen Ingenieurstudiums; auf manche Randdisziplinen, die reine Betriebswirte oder Ingenieure belegen müssen, wird teilweise verzichtet.
Ein Aufbaustudium richtet sich vor allem an Absolventen technischer Studiengänge, die ökonomisch-rechtswissenschaftliche Anteile nachholen möchten. Die Fernhochschule Hamburg bietet seit 2006 auch einen Aufbaustudiengang für Wirtschaftswissenschaftler an. Die Hochschule Mittweida bietet seit 2000 einen akkreditierten Fernstudiengang mit dem Abschluss Diplomwirtschaftsingenieur an.
In Deutschland wird Wirtschaftsingenieurwesen an 100 Fachhochschulen, 34 Universitäten und technischen Universitäten sowie in 55 Studiengängen an Berufsakademien angeboten. Ähnliche Studienmöglichkeiten gibt es in Österreich. In der Schweiz wird der Studiengang nur an Fachhochschulen angeboten. Auch im europäischen und nichteuropäischen Ausland existieren teilweise entsprechende Studienmöglichkeiten.
Das Fach gehört verschiedenen Statistiken zufolge zu den Studiengängen mit besonders vielen immatrikulierten Studierenden in Deutschland. Die Zuordnung unterscheidet sich je nach Statistik. Das Statistische Bundesamt unterscheidet Wirtschaftsingenieurwesen mit technischem und wirtschaftlichem Schwerpunkt. Im Wintersemester 2020/2021 gab es laut Tabelle 70.120 Studierende im Wirtschaftsingenieurwesen mit ingenieurwissenschaftlichem Schwerpunkt und 33.830 mit wirtschaftswissenschaftlichem Schwerpunkt.
Abschluss und akademische Grade
Zum Abschluss des Studiums muss eine Abschlussarbeit verfasst werden: je nach Studiengang eine Diplomarbeit, Bachelorarbeit oder Masterarbeit. Je nach Studienordnung wird sie in einem Kolloquium verteidigt. In manchen Studiengängen, besonders in Diplomstudiengängen, ist vorher zusätzlich eine Abschlussprüfung zu bestehen.
Ein Diplomstudiengang endet im Regelfall mit dem akademischen Grad „Diplom-Wirtschaftsingenieur“, abgekürzt „Dipl.-Wirtsch.-Ing.“, „Dipl.-Wirt.-Ing.“ oder „Dipl.-Wi.-Ing.“; bei Fachhochschulen gegebenenfalls mit dem Zusatz „(FH)“. Wenn der technisch-naturwissenschaftliche Teil nicht in einem Ingenieurfach absolviert wurde, kann die Berufsbezeichnung an einzelnen Hochschulen anders enden, zum Beispiel „Diplom-Wirtschaftsinformatiker“. Vereinzelt gibt es auch „Dipl.-Ing. oec.“ oder, in der DDR, „Diplom-Ingenieurökonom“.
Bachelorstudiengänge enden mit „Bachelor of Engineering“ (B.Eng.) oder „Bachelor of Science“ (B.Sc.). Häufig wird ein erklärender Zusatz genannt, etwa „Wirtschaftsingenieurwesen“, „Business Administration and Engineering“ oder „Economics and Engineering“. Konsekutive Masterstudiengänge schließen mit „Master of Engineering“ (M.Eng.) oder „Master of Science“ (M.Sc.) ab. Fachhochschulen vergeben häufig den M.Eng., aber auch den M.Sc.; Universitätsabschlüsse enden nicht mit M.Eng. Nicht-konsekutive Masterstudiengänge enden häufig mit „Master of Business and Engineering“ (MBE) oder „Master of Business Administration & Engineering“ (MBA&E). Eine Promotion im Bereich Wirtschaftsingenieurwesen führt zu einem von der jeweiligen Hochschule festgelegten Doktorgrad.
Berufsfelder
Wirtschaftsingenieure arbeiten meist in technisch-wirtschaftlichen Querschnittsfunktionen. Gemeint sind Aufgabenbereiche, in denen technisches Verständnis und wirtschaftliches Denken zusammen gebraucht werden. Beispiele sind logistische oder planerische Aufgaben, etwa im Fertigungsbereich, technisches Marketing, Vertrieb oder Einkauf technischer Produkte, Projektmanagement und Qualitätssicherung.
Häufige Einsatzbereiche sind Maschinenbau, Elektrotechnik, Fahrzeugbau, Bauwesen und Beratungsgesellschaften. Wegen ihrer breiten Wissensbasis werden Wirtschaftsingenieure zunehmend auch bei Versicherungen, Kreditinstituten, im Einzelhandel und in der Informatik eingesetzt.
Konkrete Tätigkeitsfelder sind unter anderem Vertrieb, Produktentwicklung, Instandhaltung, Produktion, Logistik, Einkauf, Finanzen und Verwaltung, Unternehmensführung beziehungsweise Unternehmensleitung, Qualitätsmanagement, Umweltmanagement, Controlling und Consulting.
Bezeichnungen, Organisationen und Übersetzungen
Für Wirtschaftsingenieurwesen gibt es im Englischen keine allgemeingültige Übersetzung. Um den Inhalt des Studiums wiederzugeben, werden unter anderem „Business Administration and Engineering“, „Engineering and Business Administration“, „Engineering, Economics and Management (EEM)“, „Engineering Management“, „Industrial Engineering“ und „Management Engineering“ verwendet.
Einige Übersetzungen können international missverständlich sein. Besonders „Industrial Engineering“ wird im angloamerikanischen Sprachraum öfter mit Arbeitswissenschaften gleichgesetzt. Der Verband Deutscher Wirtschaftsingenieure (VWI) weist darauf hin, dass „Industrial Engineer“ eher mit Produktions- und Fertigungsingenieuren vergleichbar sei und das komplexe, integrative deutsche Konzept des Studiums nicht verdeutliche. Der VWI empfiehlt deshalb den Zusatz „in Business Administration and Engineering“ zum akademischen Grad.
Weitere verwendete Bezeichnungen sind etwa „Industrial Engineering & Management (IEM)“, „Business and Engineering“, „Business Engineering“, „Business Engineering and Management“, „Management Engineering“, „Civil Engineering & Management“, „Product Engineering“ und „Technology Management“. Dabei ist zu beachten, dass „Business Engineering“ eigentlich nur Planung, Durchführung und Kontrolle von Geschäftsideen und Innovationen umfasst, während „Product Engineering“ nur Konstruktion und Planung neuer Produkte betrifft.
Genannte Verbände und Organisationen sind unter anderem der VWI – Verband Deutscher Wirtschaftsingenieure, der FFBT WI – Fakultäten- und Fachbereichstag Wirtschaftsingenieurwesen, die Vereinigung Wirtschaftsingenieure Schweiz, ESTIEM – European Students of Industrial Engineering & Management, der Bundesverband Deutscher Volks- und Betriebswirte, WING – Österreichischer Verband der Wirtschaftsingenieure und das IISE – Institute of Industrial and Systems Engineers.