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Vollgeld-System

Ein Vollgeld-System ist ein theoretisches Modell eines Währungssystems, welches umfassend Geld als gesetzliches Zahlungsmittel eines Währungsraums vorsieht.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundidee
  2. 2. Entstehung der Idee
  3. 3. Funktionsweise bei Banken und Krediten
  4. 4. Geldmenge und Systemwechsel
  5. 5. Beispiele und politische Diskussion

Grundidee

Ein Vollgeld-System ist ein theoretisches Modell eines Währungssystems, in dem Geld umfassend als gesetzliches Zahlungsmittel eines Währungsraums vorgesehen ist. Vollgeld umfasst nicht nur Bargeld, also Münzen und Banknoten, sondern auch Buchgeld auf Konten. Dieses Buchgeld würde in einem Vollgeld-System ebenfalls von der Zentralbank in Umlauf gebracht.

Der wichtigste Unterschied zum heutigen System besteht darin, dass heutiges Buchgeld auf Konten von Bankkunden, das sogenannte Giralgeld, kein vollwertiges gesetzliches Zahlungsmittel ist. Es ist nur ein Anspruch auf solches Geld. In einer reinen Vollgeld-Ordnung wäre Geldschöpfung jeder Art der Zentralbank vorbehalten. Geschäftsbanken könnten kein eigenes Buchgeld mehr durch Kreditvergabe schaffen.

Zur schrittweisen Einführung wurden auch Modelle vorgeschlagen, bei denen unbares Vollgeld neben bisherigem Giralgeld weiterbesteht. Mehrere Zentralbanken prüfen außerdem digitales Zentralbankgeld, auf Englisch Central Bank Digital Currency (CBDC). CBDC wäre nach der im Artikel genannten Definition neben Bargeld ebenfalls Vollgeld. Zunächst wird es als Zahlungsmittel für Geschäftsbanken und Nichtbank-Finanzinstitutionen wie Versicherungen diskutiert, später eventuell auch allgemein für Bankkunden als Retail CBDC.

Entstehung der Idee

Die Idee hängt mit Analysen der Weltwirtschaftskrise ab 1929 zusammen. US-Ökonomen wie Irving Fisher sahen eine zu hohe Giralgeldschöpfung der Geschäftsbanken während des vorherigen Wirtschaftsaufschwungs als wichtige Ursache der Krise. Fisher entwickelte daraufhin Vorstellungen zum sogenannten 100-%-Geld. Danach sollten Geschäftsbanken Kredite nur vergeben dürfen, wenn dafür Zentralbankgeld hinterlegt ist.

Auch Milton Friedman, Träger des Ökonomie-Nobelpreises, unterstützte die Grundidee, dass Geschäftsbanken bei der Kreditvergabe nicht einfach neues Geld in Umlauf bringen sollten. Ein Geldinstitut sollte nach dieser Vorstellung nur dann ein Darlehen vergeben dürfen, wenn es im gleichen Umfang Bargeldreserven besitzt.

Der deutsche Wirtschaftswissenschaftler und Bundesbank-Direktoriumsmitglied Rolf Gocht schlug 1975 eine neue Geldordnung vor, die Geldschöpfung durch Geschäftsbanken verhindern sollte. Anders als Fisher und Friedman zielte Gochts Vorschlag darauf, dass alles Geld nur von der Zentralbank ausgegeben wird. Joseph Huber entwickelte dieses System weiter und bezeichnete es als Vollgeld-System.

Richard A. Werner entwickelte verwandte Vorschläge für ein weniger krisenanfälliges Geldsystem. Er stellte fest, dass vor Krisen die Kreditvergabe der Geschäftsbanken für spekulative Zwecke stark anstieg. Nach seiner Untersuchung zeigt die Mittelverwendung, ob Kreditvergabe übertrieben und spekulativ ist: Werden Kredite hauptsächlich für unproduktive Ziele genutzt, liegt eine Fehlentwicklung vor. Werner wollte deshalb, dass die Zentralbank über das gesamte Kreditvolumen und die Empfänger neu geschaffener Mittel entscheidet. Gemeinsam ist diesen Vorschlägen, dass die Geldschöpfung der Geschäftsbanken zugunsten der Zentralbank eingeschränkt oder abgeschafft werden soll.

Funktionsweise bei Banken und Krediten

In einem Vollgeld-System würde die Zentralbank Vollgeld in dem Umfang ausgeben, den die Wirtschaft des Währungsraums benötigt. Geschäftsbanken könnten danach weiterhin wirtschaftliche Aktivitäten finanzieren, etwa durch Kredite, Wertpapiere oder die Vermittlung von Kapitalbeteiligungen. Auch Dienstleistungen wie Geldwechsel, Zahlungsverkehr und Vermögensverwaltung blieben Aufgabe der Banken.

Entscheidend ist jedoch, dass Vollgeld auf Girokonten außerhalb der Bankbilanzen zirkulieren würde. Es wäre nicht nur eine Kundenforderung gegen die Bank und zugleich eine Bankverbindlichkeit gegenüber dem Kunden. Die Bank müsste im Umfang der Kundenforderung Zentralbankgeld, also Reservegeld oder Vollgeld, als Sicherheit halten. Der Zahlungsverkehr bestünde nicht mehr nur aus Verrechnungen von Bankverbindlichkeiten, sondern aus einem tatsächlichen Fluss liquider Aktiva. Banken würden dadurch zu Intermediären, also Kreditvermittlern.

Zinslose Kundeneinlagen auf Girokonten würden von Geschäftsbanken treuhänderisch verwaltet. Bei einem Ausfall der Bank wären diese Kundengelder nicht gefährdet, weil ein entsprechendes Guthaben bei der Zentralbank bestehen müsste. Die Zentralbank müsste dabei nicht zwingend selbst individuelle Kundenkonten führen, sondern könnte diese Aufgabe an Geschäftsbanken delegieren.

Daneben könnten Kunden einer Bank weiterhin Geld auf Sparkonten überlassen, etwa gegen einen von der Bank festgelegten Zins. Diese Gelder dürfte die Bank für Ausleihungen nutzen. In diesem Fall bestünde aber weiterhin ein Gegenparteirisiko gegenüber der Geschäftsbank.

Kredite könnten Geschäftsbanken nur mit Geld vergeben, das sie sich bei der Zentralbank geliehen haben, das ihnen Kunden auf verzinsten Konten überlassen haben oder das ihnen über den Kapitalmarkt zugeflossen ist. Jede Bank würde weiterhin selbst entscheiden, wem sie zu welchen Bedingungen Kredite gibt, und sie würde das Risiko allein tragen. Falls eine Bank durch schlechte Kreditvergabe in Schwierigkeiten gerät, wäre ihre Abwicklung nach dem Modell einfacher, weil Girokonten außerhalb der Bankbilanz liegen und der Zahlungsverkehr erhalten bleiben könnte.

Geldmenge und Systemwechsel

Die Zentralbank hätte in einem Vollgeld-System die Kontrolle über die gesamte bereitgestellte Geldmenge. Eine antizyklische Steuerung wäre möglich: Die Zentralbank könnte also versuchen, konjunkturelle Schwankungen auszugleichen. Damit Wirtschaftswachstum möglich bleibt, könnte sie bei Bedarf zusätzliches Geld in die Wirtschaft einspeisen. Genannt werden drei Wege: Abgabe an staatliche Organe, Verteilung an alle Einwohner, zum Beispiel als „Helikoptergeld“ oder Grundeinkommen, oder zusätzliche verzinsliche Darlehen der Zentralbank an Geschäftsbanken.

Der Wechsel von einem Mindestreserve-System zu einem Vollgeld-System könnte durch ein einmaliges Ersetzen des vorhandenen Buchgeldes durch Vollgeld geschehen. Die bisherigen Verbindlichkeiten der Geschäftsbanken gegenüber ihren Kunden würden dann in Verbindlichkeiten der Zentralbank gegenüber den Bankkunden umgewandelt. Sie würden nicht mehr in den Bilanzen der Geschäftsbanken erscheinen, sondern zum Beispiel von Geschäftsbanken im Auftrag der Zentralbank auf Treuhandkonten geführt.

Wenn nach dem Systemwechsel bestehende Bankkredite zurückgezahlt würden, leiteten Banken die Tilgungszahlungen ihrer Kunden an die Zentralbank weiter. Das würde zunächst die Geldmenge verringern. Dadurch könnte eine zuvor aufgeblähte Geldmenge reduziert werden. Alternativ könnte die Zentralbank neues Vollgeld schöpfen. Diese sogenannte Umtauschgeldschöpfung könnte zur Verringerung von Staatsschulden genutzt werden.

Gegenüber Mindestreserve- und Vollreserve-Systemen liegt der Unterschied darin, dass vollständig eingeführtes Vollgeld real- und finanzwirtschaftlich das einzige umlaufende Geld wäre. Im Mindestreserve-System ist Giralgeld der Banken nur durch eine kleine Reserve an Zentralbankgeld unterlegt. Im Vollgeld-System entfiele die Unterscheidung zwischen Giralgeld als Bankengeld und Reserven als Zentralbankgeld. Es gäbe nur noch Vollgeld der Zentralbank, das über verschiedene Medien umläuft: Bargeld, Bankkonto, Zentralbankkonto oder elektronisches Geld.

Beispiele und politische Diskussion

In der Schweiz wollte der Verein Monetäre Modernisierung mit der Vollgeld-Initiative eine Verfassungsänderung erreichen. Danach sollte nur noch die Schweizerische Nationalbank für die Versorgung der Gesellschaft mit Bargeld und Buchgeld zuständig sein. Die Initiative wurde am 10. Juni 2018 abgelehnt.

In Island wurde die Vollgeld-Idee nach der Finanzkrise Islands 2008–2011 geprüft. Das isländische Bankensystem war 2012 beinahe zusammengebrochen. Eine parlamentarische Motion mit Eingaben, davon neun unterstützend und drei kritisch, verlangte eine Prüfung. Ende März 2015 legte Frosti Sigurjónsson, Abgeordneter der Fortschrittspartei und Vorsitzender des Wirtschafts- und Handelsausschusses, im Auftrag des Premierministers den Bericht „Monetary reform: A better monetary system for Iceland“ vor.

Kritik am Vollgeld-System wurde im deutschsprachigen Raum besonders durch die Schweizer Volksinitiative breiter diskutiert. Ein Einwand lautet, ein Vollgeld-System mache ein nationales Finanzsystem nicht automatisch umfassend stabiler. Banken könnten in einer neuen Finanzsystemkrise trotzdem untergehen oder staatliche Hilfe benötigen. Neu wäre jedoch die Möglichkeit, durch die Zentralbank gesicherte Zahlungsverkehrskonten zu halten.

Weitere Kritik betrifft die Machtverschiebung von Geschäftsbanken zur Zentralbank. Kritiker bezweifeln, dass eine Zentralbank die für eine Volkswirtschaft nötige Geldmenge besser bestimmen kann als kundennähere Geschäftsbanken. Außerdem wird politische Einflussnahme auf Zentralbankentscheidungen befürchtet. Umgekehrt wird im Artikel auch als Argument genannt, dass die Schaffung soliden Geldes eine Kernaufgabe des Staates sei und nicht weitgehend an profitorientierte private Geschäftsbanken abgegeben werden solle.

Weitere Einwände nennen Umgehungsmöglichkeiten, etwa durch andere Währungen oder das Schattenbankensystem, den Wegfall von Einnahmequellen der Geschäftsbanken durch eingeschränkte Zinsdifferenzgeschäfte und Fristentransformationen sowie Risiken der Umstellung, weil praktische Erfahrungen fehlen. Ungewiss sei zum Beispiel, was mit den Wechselkursen der betreffenden Währung geschehen würde. Die britische Wirtschaftswissenschaftlerin Ann Pettifor kritisierte 2018 in „Die Produktion des Geldes“, die Übertragung des Rechts zur Kreditschaffung von Banken an die Zentralbank könne Macht auf ein kleines Gremium an der Spitze einer Zentralbank konzentrieren und sei nach ihrem Dafürhalten ein Schritt in Richtung Autokratie.

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