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Totes Gebirge
Das Tote Gebirge ist eine Gebirgsgruppe der Nördlichen Kalkalpen in der nördlichen Steiermark und im südlichen Oberösterreich. Es erreicht seinen höchsten …
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Überblick und Lage
Das Tote Gebirge ist eine Gebirgsgruppe der Nördlichen Kalkalpen in der nördlichen Steiermark und im südlichen Oberösterreich. Es ist ein Kalkkarststock und Plateaugebirge, besteht überwiegend aus Dachsteinkalk und umfasst etwa 1.125 km². Sein höchster Gipfel ist der Große Priel mit 2515 m ü. A. Wegen seiner Größe gilt es als das flächenmäßig größte Kalkkarstgebiet Mitteleuropas.
Der Name bezieht sich auf die Wasserarmut und Pflanzenarmut des Zentralplateaus: Dort fehlen viele Quellen und oberirdische Bäche, weil Regen- und Schmelzwasser im Kalk versickern. Früher wurde der innerste Bereich auch „Boandlland“ genannt, weil helle Kalkbänke wie Knochen aus der kahlen Landschaft hervortreten.
Nach der Alpenvereinseinteilung der Ostalpen trägt das Tote Gebirge die Nummer 15. Es reicht ungefähr von Bad Ischl im Westen bis zum Pyhrnpass im Osten und misst dort etwa 55 km; von Norden nach Süden sind es etwa 28 km. Verwaltungsmäßig liegt es in den Bezirken Gmunden, Kirchdorf und Liezen. Traditionell gehört der westliche Teil zum Salzkammergut. Wichtige Verkehrsachsen liegen an den Rändern, darunter die Pyhrn Autobahn, die Pyhrnpass Straße, die Pyhrnbahn, die Salzkammergutstraße, die Salzkammergutbahn und die Ennstalbahn. Mehrere Mautstraßen erschließen hoch gelegene Bereiche wie den Loser, die Tauplitzalm und die Hutterer Böden.
Aufbau, Gipfel und Landschaft
Die Hauptmasse des Toten Gebirges wird in drei Gruppen gegliedert. Im Westen liegt die Schönberggruppe, in der Mitte die Prielgruppe und im Osten die Warscheneckgruppe. Die Schönberggruppe ist durch die Wildenseelinie von der Prielgruppe getrennt, die Warscheneckgruppe durch die Salzsteiglinie. Beide Linien sind tektonische Störungen, also Bruch- oder Verschiebungszonen im Gestein.
Zur Schönberggruppe gehören unter anderem Schönberg (2093 m), Rinnerkogel (2012 m), Bräuningzinken (1899 m), Hohe Schrott (1839 m) und Loser (1837 m). Die Prielgruppe enthält die höchsten Gipfel: Großer Priel (2515 m), Spitzmauer (2446 m), Schermberg (2396 m), Rotgschirr (2270 m) und Großes Tragl (2179 m). In der Warscheneckgruppe liegen Warscheneck (2388 m), Hochmölbing (2336 m), Almkogel (2116 m), Angerkogel (2114 m) und Rote Wand (1872 m).
Typisch ist ein großes Kalkkarst-Plateau mit Hochgebirgs- und Mittelgebirgscharakter. Die Nordabstürze sind sehr steil und felsig; am Schermberg erreicht die Nordwand 1400 m und ist nach der Watzmann-Ostwand die zweithöchste Wand der Ostalpen. Das Gebirge enthält mehrere markante Kämme, etwa den Prielkamm und den etwa 15 km langen Stoderkamm. Nach Süden und Südwesten fallen die Wände unter anderem zum Stodertal, Ausseer Becken und Grundlseebecken ab.
Die meisten Gewässer entwässern nach Norden oder Westen über Traun und Steyr. Beide Flüsse entspringen im Toten Gebirge. Ein Teil entwässert nach Süden in die Enns. In den Hochlagen gibt es wegen des Karsts nur wenige ganzjährig wasserführende Bäche. Am Rand und in Tallagen liegen Seen wie Almsee, Offensee, Gleinkersee, Altausseer See, Grundlsee und Toplitzsee; in Hochlagen kommen abflusslose Bergseen wie Wildensee, Lahngangseen, Elmsee und die Seen der Tauplitzalm vor.
Gestein, Karst und Höhlen
Geologisch besteht das Tote Gebirge vor allem aus Kalken und Dolomiten der Trias und des Jura, die vor rund 210 bis 135 Millionen Jahren abgelagert wurden. Besonders wichtig ist der Dachsteinkalk, der bis zu 1000 m mächtig wird und große Teile der Wände und Hochflächen aufbaut. Daneben treten unter anderem Haselgebirge, Werfen-Formation, Gutenstein-Formation, Wettersteindolomit, Lunzer Schichten, Hauptdolomit, Hierlatzkalk, Oberalm-Formation und Plassenkalk auf. Salzführendes Haselgebirge ist die Grundlage für Salzvorkommen wie bei Altaussee und Bad Ischl.
Das Gebirge wurde während der Alpidischen Orogenese, also der Gebirgsbildung der Alpen, in Schollen zerbrochen und von Störungen durchzogen. Eine besonders wichtige Störung ist die Salzsteiglinie, an der die Totengebirgsdecke von der Warscheneckdecke überschoben wurde. Sie trennt zugleich Prielgruppe und Warscheneckgruppe.
Karst entsteht, wenn lösliches Gestein wie Kalk durch Wasser angegriffen und ausgewaschen wird. Im Toten Gebirge versickert daher ein großer Teil des Regen- und Schmelzwassers in Spalten und Dolinen. Dolinen sind trichter- oder schüsselförmige Hohlformen; sie können sehr groß sein, etwa die Riesendoline des Kuhntals mit über 500 m Durchmesser. Die Augstwiese ist mit 3 km Länge, 1,2 km Breite und 180 m Tiefe die größte trockene Hohlform im Karst der Ostalpen. Kleinformen des Karsts sind Karren, also Rillen, Rinnen oder andere Lösungsformen im Kalk.
Die tiefgründig verkarsteten Kalke leiten Wasser meist unterirdisch weiter. Wasserstauende Schichten wie Werfener Schichten und Haselgebirge erzwingen Quellaustritte. Wichtige Karstquellen sind die Wallerquelle im Almsee mit durchschnittlich 1000 bis 1500 l/s und der Pießling-Ursprung mit durchschnittlich 2.200 l/s. Das Tote Gebirge ist deshalb auch für Trinkwasser bedeutend und wurde 1984 als Wasserschongebiet ausgewiesen.
Mit Stand 2022 sind im Österreichischen Höhlenverzeichnis 2800 Objekte im Toten Gebirge erfasst. Das Schönberg-Höhlensystem ist mit 155.018 m vermessener Länge die längste Höhle Österreichs. Weitere große Systeme sind das Schwarzmooskogel-Höhlensystem mit 135.159 m und die Verborgene Höhle mit 30.342 m. In der Salzofenhöhle und der Ramesch-Knochenhöhle wurden Steinwerkzeuge des Moustérien aus der Würm-Kaltzeit zwischen 65.000 und 31.000 v. Chr. gefunden. Bedeutend sind auch Eishöhlen; die Schneevulkanhalle im Schwarzmooskogel-Höhlensystem gilt als größte bekannte mit Eis erfüllte Halle der Erde.
Klima, Eiszeiten und Natur
Das Klima entspricht den Nördlichen Kalkalpen: Die Sommer sind kühl und niederschlagsreich, die Winter niederschlagsärmer. Die Jahresniederschläge liegen etwa zwischen 1200 und über 2500 mm. Sie nehmen mit der Höhe zu und von West nach Ost ab. Am Großen Priel werden Maximalwerte erreicht. West- und Nordwestwinde bringen häufig Niederschlag; am Nordrand kommt es oft zu Wolkenstau. Die Schneebedeckung dauert auf 1500 m Höhe etwa 180 Tage, über 2500 m Höhe etwa 300 Tage. Die durchschnittliche Jahrestemperatur reicht von 8,3 °C in Bad Ischl (469 m ü. A.) bis 2,1 °C am Großen Priel. In Tälern und Hohlformen sind Inversionswetterlagen wichtig: Dabei kann kalte Luft unten liegen, während es darüber milder ist.
Während der Eiszeiten war das Tote Gebirge immer vergletschert. Das Plateau diente als Nährgebiet, also als Sammelraum für Schnee und Eis, aus dem Eisströme in die Täler flossen. Große Eismassen erfüllten die Täler und reichten bis etwa 1700 m ü. A.; nur die höchsten Gipfel ragten als Nunatakker aus dem Eis. Gletscher formten Kare, Trogtäler, übertiefte Becken und heutige Seen wie Altausseer See und Grundlsee.
Die Böden sind wegen Kalkgestein, Karst und früherer Vergletscherung oft jung und flachgründig. Häufig sind Rendzinaböden, also humus- und mineralreiche Kalkböden. In geschützten Mulden kommen ältere Böden wie Kalksteinbraunlehm oder Rotlehm vor. Solche Böden sind wichtig, weil sie Wasser stauen und damit Almwirtschaft auf dem sonst trockenen Karstplateau ermöglichen.
Die Vegetation folgt den Höhenstufen. Bis etwa 1400 m ü. A. prägen Fichten-Tannen-Buchen-Wälder die montane Stufe. Darüber wechseln Fichten-Lärchen-Bestände, Latschenkiefergebüsche, Hochstaudenfluren, Rasen und alpine Vegetation. Die Waldgrenze liegt etwa bei 1800 m ü. A. In höheren Lagen dominieren Latschenkiefer, Zwergstrauchheiden und alpine Rasen. Besonders wertvoll sind die Bergkiefer-Hochmoore Unteres und Oberes Filzmoos auf der Wurzeralm; sie gelten als die höchstgelegenen der Nordalpen. Viele endemische Pflanzenarten der Nordostalpen kommen hier vor, zum Beispiel Alpen-Nelke, Sauters Felsenblümchen und Österreichische Wolfsmilch. Moose sind in trockenen Karstlagen seltener, aber Moore und Quellbereiche besitzen artenreiche Moosgesellschaften. Flechten profitieren von hoher Luftfeuchtigkeit, Felsen und naturnahen Wäldern.
Die Tierwelt umfasst Gämsen, Rothirsche, Rehe, Schneehasen, Rotfüchse, Hermeline und Mauswiesel. Die Braunbär-Population gilt seit 2011 als erloschen. Amphibien wie Alpensalamander, Bergmolch, Gelbbauchunke, Erdkröte und Grasfrosch kommen vor; bei den Reptilien sind Bergeidechse, Blindschleiche, Ringelnatter und Kreuzotter vertreten. In Hochlagenseen leben unter anderem Seesaiblinge und Elritzen. Häufige oder wichtige Vogelarten sind Alpendohle, Kolkrabe, Alpenschneehuhn, Birkhuhn, Haselhuhn, Auerhuhn, Alpenbraunelle, Schneefink und Steinadler. Der Pseudoskorpion Neobisium aueri ist eine endemische Höhlenart und gilt als Tertiärrelikt.
Schutz, Nutzung und Tourismus
Große Teile des Toten Gebirges stehen unter Naturschutz. In der Steiermark wurden 1991 die Naturschutzgebiete Totes Gebirge West mit 154,6 km² und Totes Gebirge Ost mit 78,17 km² ausgewiesen. 2006 folgte das Europaschutzgebiet Totes Gebirge mit Altausseer See als Teil von Natura 2000. In Oberösterreich stehen große Teile der Warscheneckgruppe unter Schutz, darunter Warscheneck Nord, Warscheneck Süd-Purgstall-Brunnsteiner Kar, Warscheneck-Süd-Stubwies und Warscheneck-Süd-Wurzeralm - Stubwies. Seit 2020 ist auch ein 327 ha großer Bereich In der Röll nach der FFH-Richtlinie ausgewiesen. Pläne zur Verbindung von Skigebieten, etwa Hinterstoder mit der Wurzeralm oder Vorderstoder, wurden kontrovers diskutiert und teils aufgegeben.
Für den Bergsport ist das Tote Gebirge gut erschlossen. Das markierte Wegenetz wird größtenteils vom Österreichischen Alpenverein betreut. Der Weg 201 quert das Gebirge von Ost nach West und ist Teil des Nordalpenwegs, des Europäischen Fernwanderwegs E4 und des Violetten Wegs der Via Alpina. Wichtige Hütten sind unter anderem Loserhütte, Prielschutzhaus, Welser Hütte, Pühringerhütte, Albert-Appel-Haus, Dümlerhütte und Hochmölbinghütte. Seit 2020 gibt es mit dem Welser Höhenweg eine ausgewiesene Durchquerung von Priel- und Schönberggruppe. Klettertechnisch sind vor allem Spitzmauer, Schermberg und Großer Priel wichtig. Heute existieren Routen bis zum XI. Schwierigkeitsgrad sowie mehrere Klettersteige, darunter der Bert-Rinesch-Klettersteig auf den Großen Priel, seit 2019 der längste Klettersteig Österreichs.
Wintersport spielt wirtschaftlich eine große Rolle. Heute gibt es vier Skigebiete: Loser/Altaussee mit 8 Liftanlagen und 35 km Piste, Tauplitz / Bad Mitterndorf mit 15 Liftanlagen und 43 km Pisten, Hinterstoder-Höss mit 12 Liftanlagen und 40 Pistenkilometern sowie Wurzeralm mit 6 Liftanlagen und 22 Pistenkilometern. Das Gebirge eignet sich außerdem für Schneeschuh- und Skitouren; die Durchquerung vom Loser bis zum Prielschutzhaus ist die längste Skitour des Gebiets.
Wichtige Wirtschaftszweige sind Tourismus, Almwirtschaft, Forstwirtschaft, Jagd, Bergbau und Trinkwassernutzung. Die Almwirtschaft beschränkt sich heute meist auf Galtvieh; im oberösterreichischen Teil werden 22 Almen mit etwa 720 Rindern bewirtschaftet, im steirischen Salzkammergut 26 von 51 Almen mit etwa 830 Rindern. Die Wälder wurden jahrhundertelang stark für die Salzgewinnung genutzt; seit 1523 regelte die Ausseer Hallamtsordnung den Holzeinschlag. Heute verwalten unter anderem die Österreichischen Bundesforste große Waldflächen, daneben gibt es private Großgrundbesitzer. Bedeutende Bergbaubetriebe sind das Salzbergwerk Altaussee, die größte Salzgewinnungsstätte Österreichs, sowie der Gips- und Anhydrit-Etagentagebau Wienern. Die Hochlagen sind kaum dauerhaft besiedelt; es gibt vor allem Berghöfe, Almen, Hütten und touristische Streusiedlungen wie auf der Tauplitzalm.