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Theorie der kognitiven Entwicklung nach Piaget
Die Theorie der kognitiven Entwicklung nach Piaget ist eine umfassende Theorie über die Natur und Entwicklung menschlicher Intelligenz.
Inhalt6 Abschnitte
Grundidee der Theorie
Piagets Theorie der kognitiven Entwicklung beschreibt, wie sich menschliche Intelligenz, Wissen und Erkenntnis entwickeln. Kinder sind nach Piaget keine „kleinen Erwachsenen“, die nur weniger wissen, sondern denken und sprechen grundsätzlich anders. Kognitive Entwicklung bedeutet eine fortschreitende Reorganisation geistiger Prozesse. Sie entsteht aus dem Zusammenspiel biologischer Reifung und Erfahrungen mit der Umwelt.
Kinder bauen ein Verständnis ihrer Welt auf. Wenn neue Erfahrungen nicht zu ihren bisherigen Vorstellungen passen, entsteht ein Ungleichgewicht. Daraufhin passen sie ihre Vorstellungen und Denkstrukturen an. Piaget sah die kognitive Entwicklung als zentral für den menschlichen Organismus an; Sprache hängt für ihn von dem durch die kognitive Entwicklung erworbenen Wissen und Verständnis ab.
Assimilation, Akkommodation und Anpassung
Die beiden grundlegenden Prozesse der Anpassung (Adaptation) heißen Assimilation und Akkommodation. Assimilation ist die kognitive Integration von Sinneswahrnehmungen in bereits vorhandene Denk- oder Handlungsschemata. Akkommodation bezeichnet die Differenzierung und Veränderung dieser Schemata, wenn neue Erfahrungen nicht in sie passen.
Assimilation zeigt sich beispielsweise darin, dass ein Kind einen Gegenstand in ein vorhandenes Greifschema einordnet. Ein zunächst zufällig berührter Gegenstand wird als „Greifobjekt“ erfasst, jedoch noch nicht als Objekt mit allen seinen sensorisch erfassbaren Eigenschaften. Das Kind übt dieses Greifschema wiederholt. Da ein Spielzeugauto anders gegriffen werden muss als eine Rassel, wird das Schema angepasst. Beim Versuch, Wasser zu greifen, entsteht aus dem Greifschema eine Schöpfbewegung. Die Eingliederung des Greifschemas auf eine Reihe verschiedener Gegenstände nennt Piaget generalisierende Assimilation.
Assimilation und Akkommodation bilden die Grundlage für die Entwicklung eines Modells der Umwelt und damit für das Weltbild von Kindern und Erwachsenen. Sie passen sowohl das eigene Verhalten an die Außenwelt an, etwa beim Nachahmen der Eltern, als auch die Umwelt im symbolischen Spiel an das eigene Verhalten an, etwa in der Rollenverteilung „Ich wäre jetzt die Mutter und du wärst jetzt das Baby …“.
Entstehung von Identität
Piaget betrachtet den Menschen als ein offenes System. Ein offenes System ist ein Organismus, der sich wandelt, auf Umwelteinflüsse reagiert, sich anpasst und zugleich seine Umwelt beeinflusst. Das System gliedert seine Welt, bleibt aber offen. Seine Möglichkeiten sind dennoch durch Grenzen, etwa die biologische Grenze, eingeschränkt. Zu diesem System gehören auch Denkstrukturen und Gefühle, die andere Menschen nicht ohne Weiteres erkennen können.
Menschen streben nach einem Äquilibrium, also einem Ausgleich ihres Verständnisses der Umwelt. Ein Zustand empfundener Unzulänglichkeit beim Verstehen der Umwelt heißt Desäquilibrium. Durch Assimilation oder Akkommodation wird dieses Ungleichgewicht bearbeitet. Das Streben nach Erkenntnis und nach der Auflösung von Desäquilibrium führt zur Weiterentwicklung des offenen Systems. Identität entsteht nach Piaget daher durch das ständige Streben nach Gleichgewicht.
Das Stadienmodell
Piaget unterscheidet vier aufeinanderfolgende Entwicklungsstadien:
- Sensomotorische Intelligenz (0–2 Jahre): Erwerb sensomotorischer Koordination, praktischer Intelligenz und Objektpermanenz, zunächst noch ohne interne Repräsentation.
- Präoperationale Intelligenz (2–7 Jahre): Erwerb von Vorstellungs- und Sprechvermögen; typisch sind Realismus, Animismus und Artifizialismus, die zusammen mit dem Egozentrismus genannt werden.
- Konkret-operationale Intelligenz (7–12 Jahre): logisches Denken über konkrete tatsächliche oder vorgestellte, aber nicht hypothetische Sachverhalte.
- Formal-operationale Intelligenz (ab 12 Jahre): hypothetisches logisches Denken und die Fähigkeit, konkrete logische Operationen auf andere solche Operationen anzuwenden.
Die Stadien werden in einer festen Reihenfolge durchlaufen; jedes Stadium muss abgeschlossen sein, bevor das nächste folgt. Nach Piaget kommen sie in allen Kulturen vor. Die Entwicklung kann sich in verschiedenen Aufgabenbereichen unterschiedlich schnell vollziehen. Dieses Phänomen heißt décalage horizontal. Vor dem vierten Stadium bleiben kognitive Fähigkeiten häufig an bestimmte Inhalte gebunden. Die Stadien unterscheiden sich qualitativ, nicht nur durch eine größere Menge an Wissen. Assimilation und Akkommodation verbessern die Anpassung an die Umwelt. Angeregt werden sie durch Reifung, Erfahrung und Erziehung.
Merkmale der vier Entwicklungsstufen
In der sensomotorischen Phase entwickeln sich die Fähigkeiten schrittweise: Von 0–1 Monat stehen angeborene Reflexmechanismen wie Saugen, Blickfolgen, Händeschließen und Strampeln im Mittelpunkt. Von 1–4 Monaten entstehen durch zufällige Kombinationen primäre Kreisreaktionen, etwa das Verbinden von Zappeln und Saugen. Von 4–8 Monaten bilden sich sekundäre Kreisreaktionen; das Kind wirkt auf die Umwelt ein, wobei Sehen und Greifen noch nicht koordiniert sind. Von 8–12 Monaten entstehen zielgerichtete Handlungen und Objektpermanenz. Außerdem tritt die Acht-Monat-Angst („fremdeln“) auf. Von 12–18 Monaten folgen tertiäre Kreisreaktionen mit gerichteten Versuchen, Hilfsmitteln und zielgerichtetem Versuch-und-Irrtum-Verhalten. Von 18–24 Monaten entwickelt das Kind mentale Vorstellungen und kann Bewegungen zunehmend symbolisch repräsentieren.
In der präoperationalen Phase werden sensomotorische Aktivitäten zunehmend durch verinnerlichte geistige Aktivitäten wie Sprache und Bildvorstellungen ersetzt. Das Denken ist noch egozentrisch: Das Kind sieht sich als Zentrum und nimmt an, dass andere Menschen dieselbe Perspektive, Gefühle und Wünsche haben. Es kann sich noch nicht ausreichend in andere hineinversetzen. Animismus bedeutet, dass Dinge oder Vorstellungen wie Bilder und Träume als real und belebt gelten. Der Animismus durchläuft vier Formen: Zunächst kann jeder Gegenstand mit Zweck oder bewusster Aktivität verbunden sein; danach gelten sich bewegende Objekte wie Wolken als lebendig, anschließend nur spontan und aus eigener Kraft bewegte Objekte und schließlich nur Pflanzen und Tiere. Artifizialismus ist die Vorstellung, Menschen hätten Naturerscheinungen wie Sterne, Berge und Flüsse geschaffen. Raumzeitlich zusammen auftretende Vorgänge werden fälschlich kausal verbunden, etwa „der Donner macht den Regen“. Auch die Sprache ist egozentrisch: Das Kind erzählt Geschichten nicht verständlich für unwissende Zuhörer und führt Monologe oder kollektive Monologe. Lew Wygotski setzte sich kritisch mit diesem Konzept auseinander und entwickelte einen Gegenentwurf.
In der konkret-operationalen Phase kann das Kind logisch mit konkreten Objekten oder Vorstellungen operieren. Dezentrierung korrigiert die einseitige, unmittelbare Wahrnehmung. Reversibilität ist die Fähigkeit, gedankliche Operationen umzukehren, etwa Addition und Subtraktion. Invarianz bedeutet, dass Eigenschaften trotz einer Veränderung des Aussehens erhalten bleiben: Substanz, Gewicht, Volumen, Länge oder Anzahl. Die Anzahl bleibt etwa gleich, wenn die Anordnung von 3·4 zu 2·6 verändert wird. Seriation ist das Ordnen nach Größe, Aussehen oder einem anderen Merkmal. Klassifikation bedeutet, Objekte nach einem Merkmal zu Gruppen zusammenzufassen; dazu gehört auch, dass eine Klasse eine andere Klasse beinhalten kann.
Ab dem formal-operationalen Stadium kann der junge Mensch „mit Operationen operieren“. Er denkt nicht nur über konkrete Dinge, sondern auch über Gedanken nach und zieht logische Schlussfolgerungen aus bloßen Hypothesen.
Experimente und Kritik
Piaget untersuchte seine Annahmen durch Beobachtungen und empirische Aufgaben, teilweise mit seinen eigenen Kindern. Wird ein Gegenstand vor den Augen des Kindes verdeckt und behandelt es ihn so, als sei er verschwunden, deutet Piaget dies als fehlende Objektpermanenz. Beim Umschütten von Wasser aus einem breiten Gefäß A in ein schmaleres, höheres Gefäß B zeigt die Antwort „mehr Wasser“ eine noch fehlende Invarianz des Volumens. Bei der Umformung einer Kugel aus Knetmasse zu einer Wurst wird eine Veränderung der Masse angenommen; Piaget erklärt dies mit fehlender Reversibilität und der Zentrierung auf nur eine Dimension. Fährt Auto A schneller als Auto B, können Kinder trotz gleichzeitigen Anhaltens meinen, A sei länger gefahren, weil sie Zeit (t) und Distanz (s) verwechseln. Bei gleich vielen Spielsteinen wird eine Reihe mit größeren Abständen oft als zahlenmäßig größer eingeschätzt; auch Abzählen oder das Hinzufügen eines Spielsteins zur kürzeren Reihe änderte in Ginsburgs Erweiterung nichts an dieser Antwort. Im Drei-Berge-Versuch wählt das Kind bei der Frage nach der Perspektive einer anderen Position weiterhin seine eigene Perspektive. Piaget deutete dies als fehlende Perspektivenübernahme und Egozentrismus.
Die Kulturhistorische Schule kritisierte früh, dass die Theorie möglicherweise nicht für alle Kulturen gilt. Formal-operationales Denken werde demnach besonders in Kulturen erreicht, in denen die Bevölkerung beschult wird. Der Übergang vom anschaulich-situativen zum logisch-begrifflichen Denken vollziehe sich durch die Aneignung wissenschaftlicher Begriffe in der Schule, während das anschaulich-situative Denken im Alltag verbleibe. Lurija und seine Arbeitsgruppe verglichen dazu in den Jahren 1931 und 1932 in Usbekistan und Kirgisien ungeschulte Bauern, wenig beschulte Krankenschwesternschülerinnen und beschulte Fachkräfte. Bei den Bauern zeigte sich außerdem nicht die als kulturunabhängig angenommene Tendenz, unvollständige geometrische Figuren zu einem Ganzen zu ergänzen; sie verglichen solche Figuren eher mit Alltagsgegenständen.