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Stilpluralismus
Stilpluralismus bezeichnet ein gleichzeitiges Vorhandensein verschiedener Stilrichtungen in einer Epoche oder Phase in ein und demselben gesellschaftlichen …
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Grundbegriff
Stilpluralismus bedeutet, dass in einer Epoche oder Phase mehrere Stilrichtungen gleichzeitig vorhanden sind, und zwar im selben gesellschaftlichen Kontext. Der Begriff wird verwendet, um Entwicklungen in Architektur, Malerei, Musik, darstellender Kunst, zeitgenössischer Kleidermode und anderen Moden zu beschreiben.
Wichtig ist dabei nicht die Vermischung in einem einzelnen Werk, sondern das Nebeneinander verschiedener Stile in derselben Zeit und Umgebung. Besonders geläufig ist der Begriff für das ausgehende 19. und beginnende 20. Jahrhundert sowie für die Postmoderne.
Beispiele für gleichzeitige Stile
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich ein Stilpluralismus unter anderem aus Historismus, Fin de Siècle, Jugendstil, Impressionismus, Symbolismus und Moderne. Diese Richtungen bestanden nicht einfach nacheinander, sondern teilweise gleichzeitig.
Der Kunsthistoriker Wilhelm Pinder sprach in diesem Zusammenhang von einer „Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen“. Damit meinte er, dass unterschiedliche künstlerische Entwicklungen zur selben Zeit auftreten können, obwohl sie stilgeschichtlich verschieden wirken. Für den Beginn des 20. Jahrhunderts formulierte er: „Von da aus mag das Chaos vielleicht auch Späteren noch Kennzeichen sein.“
Entwicklung in der Kunstgeschichte
Wilhelm Pinder wandte sich gegen das „Vorurteil“ klar abgegrenzter und einander ablösender Stilepochen. In der Kunstwissenschaft setzte zugleich eine immer stärkere Differenzierung von Stilphasen und Stilströmungen ein.
Josef Adolf Schmoll genannt Eisenwerth stellte 1977 in seiner Schrift „Stilpluralismus statt Einheitszwang“ die Entwicklung des Begriffs dar und diskutierte Pinders Positionen kritisch. Er verwies darauf, dass unter anderem Hermann Beenken, Hans Sedlmayr, Jan Bialostocki, Meyer Schapiro, Ernst H. Gombrich, Richard Hamann, Klaus Lankheit und Hans Gerhard Evers zur genaueren Klärung stilgeschichtlicher Phänomene des 19. Jahrhunderts beitrugen. Schmoll forderte, sich von „einengenden Vorurteilen reiner Stilepochen-Einheit“ zu lösen.
Historische Hinweise und Beispiel Barcelona-Pavillon
Schmoll sah Stilpluralismus nicht nur in der Moderne. Er verwies auf zahlreiche Beispiele aus der Gotik, auf Wendel Dietterlins „Architectura“ von 1598 als „wahre Musterkollektion“ und darauf, dass Carl Gotthard Langhans und Karl Friedrich Schinkel in zwei Stilen bauten.
Ein besonders anschauliches Beispiel ist der Barcelona-Pavillon von Mies van der Rohe auf der Weltausstellung Barcelona 1929. Für die Ausstattung wählte Mies van der Rohe nicht eine Figur oder einen Brunnen seines befreundeten Bildhauers Rudolf Belling in einem konstruktivistischen, technoiden Stil, der seiner Architektur entsprochen hätte. Stattdessen entschied er sich für eine Bronzestatue von Georg Kolbe, weil sie für ihn das „Menschliche“ verkörperte und bewusst in einem stilistischen Gegensatz zur Architektur stand.
Abgrenzung zu ähnlichen Begriffen
Stilpluralismus ist von Mischungen verschiedener Stilrichtungen oder Stilzitaten innerhalb eines einzelnen Werks zu unterscheiden. Wenn in Kunst und Architektur verschiedene Stile in einem Werk kombiniert oder zitiert werden, spricht man zum Beispiel von Eklektizismus.
Im Bereich der Neuen Musik wird für entsprechende Verfahren der Begriff Polystilistik verwendet. Stilpluralismus bezeichnet dagegen vor allem das gleichzeitige Bestehen verschiedener Stilrichtungen in einer Epoche oder Phase.