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Stammbaumtheorie
Schleicher ging davon aus, dass verwandte Sprachen analog zu Arten in der Biologie immer eine gemeinsame Vorgängersprache haben und dass eine Gruppe verwandter …
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Grundidee
Die Stammbaumtheorie ist ein Modell der Linguistik, das die Verwandtschaft von Sprachen als Abstammung aus einer gemeinsamen Vorgängersprache darstellt. Sie wurde von August Schleicher entwickelt, der 1861 einen Stammbaum der indogermanischen Sprachzweige veröffentlichte. Schleicher nahm an, dass verwandte Sprachen ähnlich wie Arten in der Biologie eine gemeinsame Ursprache oder Protosprache haben. Aus dieser Ursprache spalten sich nach dem Modell neue Sprachzweige ab, die in einem Stammbaum sichtbar gemacht werden können.
Die Theorie ist besonders wichtig für die vergleichende Sprachwissenschaft. Diese untersucht Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen verwandten Sprachen, um Rückschlüsse auf frühere Sprachstufen zu ziehen. Im Fall der indogermanischen Sprachen gelang es bereits im 19. Jahrhundert, wesentliche Teile der indogermanischen Ursprache zu rekonstruieren.
Anwendung und Grenzen
Schleicher ging davon aus, dass zwischen der indogermanischen Ursprache und späteren Einzelzweigen mehrere hierarchische Verzweigungen anzusetzen sind. Erst nach solchen Zwischenstufen gelangt man nach diesem Modell etwa zur Aufspaltung in „eranisch“ (= iranische Sprachen) und „indisch“ (= indoarische Sprachen). Auch einige neuere Modelle sehen solche Zwischenstufen vor. Die genaue Zahl der hierarchischen Aufspaltungen ist jedoch bis heute unklar.
Heute werden Zweige wie Germanisch, Italisch, Keltisch oder Indoiranisch meist als Primärzweige des Indogermanischen behandelt, also als direkte Hauptzweige der Sprachfamilie. Das unterscheidet sich von Schleichers älterer Darstellung.
Das Stammbaummodell setzt grundsätzlich voraus, dass abgespaltene Sprachen getrennt bleiben. Deshalb eignet es sich am ehesten für frühe Sprachzustände, in denen es wenig Mobilität und wenig Sprachkontakt gab. Unter dieser Einschränkung werden Stammbäume bis heute verwendet, um Abstammungsverhältnisse von Sprachen übersichtlich darzustellen.
Sprachkontakt und Wellentheorie
Je mehr Sprachkontakt es gibt, desto stärker können Austausch, Vermischung und gegenseitige Beeinflussung zwischen Sprachen werden. Deshalb ist die Stammbaumtheorie kein gutes Modell für die Sprachgeographie, die sich mit heute gesprochenen Dialekten beschäftigt.
Sprachkontakte gab es aber auch schon vor Jahrtausenden zwischen alten indogermanischen Sprachzweigen. Darauf weisen auffällige Gemeinsamkeiten hin, zum Beispiel zwischen dem Griechischen und den italischen Sprachen oder zwischen den italischen und den keltischen Sprachen. Johannes Schmidt erklärte solche Gemeinsamkeiten durch Sprachkontakte, die im reinen Stammbaummodell nicht vorgesehen sind. Daraus entwickelte er die Wellentheorie.
Divergenz bedeutet hier die Auseinanderentwicklung von Sprachen durch Aufspaltung. Konvergenz bedeutet eine Annäherung durch Sprachkontakte. Beide Vorgänge wirken in unterschiedliche Richtungen, schließen sich aber nicht aus. Deshalb kann man in einen Stammbaum zusätzliche Linien einzeichnen, die wichtige Sprachkontakte darstellen. Die Wellentheorie kann so als notwendige Ergänzung der Stammbaumtheorie verstanden werden. Später ermöglichten die Erkenntnisse der Junggrammatiker zum Lautwandel genauere Konzepte als die einfachen Modelle von Stammbaumtheorie und Wellentheorie.
Baumartige Darstellungen
Nicht jede baumartige Darstellung von Sprachen ist ein Stammbaum im Sinne von Schleichers Theorie. Man muss zwischen echten Stammbaumdarstellungen und hierarchischen Gliederungen unterscheiden, die nur ähnlich aussehen. Ein Beispiel sind die deutschen Großdialekte: Sie werden häufig in Niederdeutsch und Hochdeutsch eingeteilt, Hochdeutsch wiederum in Mitteldeutsch und Oberdeutsch. Dabei geht es nicht um Abstammung durch Sprachteilung, sondern um bestimmte Dialektmerkmale, zum Beispiel um Spuren der zweiten Lautverschiebung.
Auch Diagramme der indogermanischen Sprachen können wie Stammbäume aussehen, ohne dem Prinzip eines genetischen Stammbaums vollständig zu entsprechen. Manche Darstellungen zeigen nicht überall Verzweigungen in jeweils zwei Abkömmlinge, sondern mehrere Abkömmlinge gleichrangig nebeneinander oder blockweise untereinander. Teilweise richtet sich die Reihenfolge der Abzweigungen nicht nach dem Zeitpunkt der sprachgeschichtlichen Abspaltung, sondern nach dem Alter des jeweils frühesten Sprachzeugnisses. So können hellenische Sprachen und Armenisch in einem Diagramm als zweite und sechste Abzweigung erscheinen, obwohl sie genetisch eher als Ergebnis einer einzelnen Verzweigung dargestellt würden, etwa im Zusammenhang mit Balkanindogermanisch.