Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Sprachbuch

Deutlich wird das bis heute an der Terminologie: Attribut = Beifügung, Konjunktion = Bindewort, Präposition = Verhältniswort u. v. a. m. Und auch die …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Aufgabe
  2. 2. Grammatik als Ausgangspunkt
  3. 3. Sprache und Sachwissen
  4. 4. Muttersprachliche Bildung
  5. 5. Linguistik und Kommunikation
  6. 6. Integrative Sprachbücher heute

Begriff und Aufgabe

Ein Sprachbuch ist ein Lehr- und Übungsbuch. Es dient entweder dem Erlernen einer fremden Sprache oder der Erweiterung der eigenen Sprachkompetenz durch Reflexion über die eigene Sprache. Es entwickelte sich aus der Schulgrammatik, die seit der Antike überwiegend auf den Erwerb der Schriftsprache ausgerichtet war. Je nach pädagogischem Ansatz stehen dabei grammatische Formen, Sachinhalte, Kommunikation oder die Verbindung verschiedener Arbeitsbereiche im Deutschunterricht im Vordergrund.

Grammatik als Ausgangspunkt

Die europäische Entwicklung des Sprachbuchs begann im Lateinunterricht des Mittelalters, vor allem an Klosterschulen. Nationalsprachen wie Deutsch, Englisch oder Französisch hatten dort zunächst wenig Bedeutung. Sprachbücher waren Grammatiken mit Formen und Regeln des Lateinischen. Wichtige mittelalterliche Grammatiken stammten von Aelius Donatus aus dem 4. Jhd. und von Priscianus Caesariensis (Priscian) aus dem frühen 6. Jhd. Donatus’ „Ars Grammatica“ wurde als vereinfachte „Ars Minor“ bis in die Neuzeit im Anfangsunterricht Latein verwendet. Ein besonders schönes Exemplar dieses Typs ist ein etwa 1466 für den ungefähr siebenjährigen späteren Kaiser Maximilian I. geschaffenes Lehrbuch.

Nach der Erfindung des europäischen Buchdrucks im 15. Jhd. wurde die „Ars minor“ gedruckt. Nach ihrem Prinzip entstanden ab etwa 1600 deutsche Grammatiken, darunter Johannes Kromayers „Deutsche Grammatica“ (1618), Justus Georg Schottelius’ „Von der Teutschen HaubtSprache“ (1663), Johann Christoph Gottscheds „Grundlegung einer Deutschen Sprachkunst“ (1748) und Johann Christoph Adelungs „Deutsche Sprachlehre für Schulen“ (1781). Sprachbetrachtung sollte zum richtigen Sprechen und Schreiben führen.

Dazu wurden lateinische Begriffe und Regeln eingedeutscht. Die deutsche Grammatik wurde dadurch weitgehend nach lateinischem Vorbild beschrieben, etwa mit Attribut = Beifügung, Konjunktion = Bindewort und Präposition = Verhältniswort. Auch die Tempora Präsens, Imperfekt/Präteritum, Perfekt, Plusquamperfekt, Futur I und Futur II stammen aus der lateinischen Grammatik. Das Futur II, die vollendete Zukunft, ist zum Beispiel in „Ich werde bis Juni mein neues Fahrrad gekauft haben.“ grammatisch korrekt, wird in der Standardsprache aber kaum so gebildet.

Karl Ferdinand Beckers „Deutsche Sprachlehre“ (1827) und Raimund Jakob Wursts „Praktische Sprachdenklehre für Volksschulen und die Elementarklassen der Gymnasial- und Real-Anstalten“ (1836) verbreiteten diesen Ansatz stark. Die Annahme, lateinische Grammatik fördere logisches und formales Denken, wurde unter Berufung auf Herder und Kant vertreten, hat aber keine wissenschaftliche Grundlage. Inhalt war in solchen Sprachbüchern der Form untergeordnet; oft wurden wenig sinnvolle Beispielsätze wegen eines zu übenden grammatischen Phänomens aneinandergereiht. Die Methode war deduktiv: zuerst die Regel, dann ihre Anwendung.

Sprache und Sachwissen

Johann Amos Comenius betonte in seiner „Didactica Magna“ (1657) die Bedeutung der Muttersprache für die Entwicklung des Menschen. Deshalb sollte sie neben Latein besonders gefördert werden. Sein „Orbis Sensualium Pictus“ (1658) war ein zweisprachiges Sprachbuch von etwa 300 Seiten, das die Welt von Gott über Tiere und Pflanzen bis zu Handwerksberufen und Tätigkeiten vorstellte. Meist standen sich auf zwei Seiten ein nummeriertes Bild und zweisprachige Erklärungen gegenüber; der lateinische Text und die Übersetzung in die Sprache des jeweiligen Erscheinungslandes waren in zwei Spalten angeordnet.

Comenius nahm an, dass Wörter und Texte eins zu eins aus dem Lateinischen in andere Sprachen übersetzt werden könnten. Diese Annahme gilt als wenig tragfähig, weil Sprachen nicht deckungsgleich übersetzbar sind: Das deutsche Wort „Himmel“ kann etwa „heaven“ oder „sky“ entsprechen, die unterschiedliche Bedeutungen haben; „Fleisch“ kann mit „meat“ oder „flesh“ übersetzt werden, die ebenfalls nicht bedeutungsgleich sind. Wichtig war sein Ansatz dennoch, weil Lernende Sprache und Wissen über Gegenstände und Sachverhalte zugleich erwarben.

Mitte des 19. Jahrhunderts griff Rudolf Hildebrand diese Idee wieder auf. In „Vom deutschen Sprachunterricht in der Schule und von etlichem ganz Anderen, das doch damit zusammenhängt.“ (1867) forderte er, Sprachunterricht solle mit der Form der Sprache immer auch ihren Inhalt vermitteln.

Muttersprachliche Bildung

Die starke Betonung der Inhalte führte zu Beginn des 20. Jahrhunderts teilweise dazu, dass Sprachunterricht zu reinem Sachkundeunterricht zu werden drohte. Sprachliche Formen und Grammatik kamen dann zu kurz, obwohl Sprache das Kernthema des Sprachunterrichts ist. Als Kompromiss sollten sprachliche Formen mit inhaltlich bedeutsamen Situationen verbunden werden. Nach 1945 prägte besonders Leo Weisgerber in der Bundesrepublik Deutschland das Konzept der muttersprachlichen Bildung, das auf einem inhaltbezogenen Sprachverständnis beruhte.

Sprachbücher dieser Zeit, etwa Thiels „Unsere Muttersprache“, zeichneten jedoch häufig eine eher agrarische als moderne industrielle Lebenswelt. Ein Beispiel ist „Der Bauernhof erwacht“ für das 5. Schuljahr von 1963. Dies wurde massiv kritisiert, weil es historisch und gesellschaftlich nicht der Realität entsprach. Außerdem klammerten Sprach- und Lesebücher der 1950er und 1960er Jahre die Zeit von 1933 bis 1945 weitgehend aus; sie wurde nur rudimentär behandelt, beispielsweise durch Kurzgeschichten von Wolfgang Borchert.

Linguistik und Kommunikation

In den frühen 1970er Jahren fand die von Noam Chomsky entwickelte generative Linguistik in Europa große Resonanz. Ihre Kernthese lautet, dass Sprechende aller Sprachen mit einer begrenzten Anzahl sprachlicher Mittel unendlich viele Sätze generieren können. Sprachbücher wie „Sprache und Sprechen“ konzentrierten sich daraufhin wieder fast ausschließlich auf Grammatik, also die Formseite der Sprache. Wolfgang Boettcher und Horst Sitta entwickelten als Reaktion die „Grammatik in Situationen“: Grammatik sollte ohne festes Sprachbuch anhand spontan auftretender sprachlicher Phänomene behandelt werden. Der Ansatz bewährte sich nicht, weil ein von Situationen abhängiger Zufallsunterricht keinen systematischen Unterricht sicherstellte. Später verwendete man fiktive Situationen, was der ursprünglichen Idee eines rein situativen Unterrichts widersprach.

Mitte der 1970er Jahre rückte durch die kommunikativ-pragmatische Wende die sprachliche Handlungsfähigkeit der Lernenden in den Mittelpunkt. Sprachbücher sollten kommunikativ relevante Situationen enthalten und zu erfolgreichen kommunikativen Handlungen führen. Lernende sollten durch mündlichen oder schriftlichen Sprachgebrauch auf ihre Lebenswirklichkeit Einfluss nehmen können. Sprachliche Elemente wurden dabei nach Form und Funktion untersucht; daraus sollte situationsangemessener Sprachgebrauch entstehen.

Ausgangspunkt war nun der Text statt eines einzelnen, oft sinnentleerten Übungssatzes, weil Sprache immer in mündlichen oder schriftlichen Texten vorkommt. Der kommunikative Ansatz ist mit dem funktionalen Ansatz verbunden: Sprachliche Mittel werden gezielt nach ihrer Funktion ausgewählt. Passivformen können beispielsweise gewählt werden, wenn das handelnde Subjekt nicht im Vordergrund stehen soll: „Die Suppe wurde versalzen.“ statt „Peter hat die Suppe versalzen.“.

Integrative Sprachbücher heute

Seit Mitte der 1980er Jahre wird Sprach- und Literaturunterricht stärker als Einheit verstanden. Auch die Trennung von Rechtschreibung, Grammatik und Schreiben/Aufsatz gilt als künstlich, weil diese Bereiche außerhalb der Schule miteinander vernetzt sind. Integrative Sprachlehrwerke verbinden deshalb Bereiche innerhalb des Fachs Deutsch und können außerdem fachübergreifend arbeiten, etwa Deutsch mit naturwissenschaftlichen Themen verbinden. Kritisiert wird, dass Lernende dabei mitunter nicht mehr erkennen, worum es im Unterricht thematisch geht.

Integrative Sprachbücher prägen den Deutschunterricht weiterhin. Unterrichtsleitende Sprachbücher geben curricular Themen für ein oder mehrere Schuljahre vor; in der Sekundarstufe I betrifft dies in der Regel die Klassen fünf bis zehn. Unterrichtsbegleitende Sprachbücher werden dagegen punktuell eingesetzt, wenn bestimmte sprachliche Phänomene behandelt werden. Häufig gehören sie zu Lehrwerkspaketen mit Arbeitsbüchern und/oder digitalen Medien. Wie andere Schulbücher müssen sie von den Kultusbehörden der einzelnen Länder für den Schulgebrauch genehmigt werden. Deshalb existieren oft unterschiedliche Ausgaben für einzelne Bundesländer der Bundesrepublik Deutschland sowie für Österreich und die Schweiz.

Weiterlesen