Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Sozialwissenschaftliche Aspekte des Klimawandels
Sozialwissenschaftliche Aspekte des Klimawandels betreffen psychosoziale Ursachen und Folgen der globalen Erwärmung. Im Zentrum sozialwissenschaftlichen …
Inhalt5 Abschnitte
Gegenstand und Ursachen
Sozialwissenschaftliche Aspekte des Klimawandels untersuchen psychosoziale Ursachen und Folgen der globalen Erwärmung. Dazu gehören Risikowahrnehmung, Informationsverarbeitung, Einstellungen, Kommunikation, Konsumverhalten sowie psychische und gesellschaftliche Auswirkungen. Beteiligt sind unter anderem Psychologie, Kommunikationswissenschaften, Soziologie und Wirtschaftswissenschaften.
Menschliches Verhalten gilt mit extrem hoher Wahrscheinlichkeit als Hauptursache der aktuellen globalen Erwärmung. Aktivitäten wie das Verbrennen fossiler Energieträger, Zementproduktion und veränderte Landnutzung erhöhen die Konzentration von Treibhausgasen wie Kohlenstoffdioxid in der Atmosphäre. Dadurch verändert sich der Strahlungsantrieb der Erde, was seit Beginn der Industrialisierung zu steigenden globalen Temperaturen führte und führt.
Der menschliche Einfluss wird in verschiedenen Modellen besonders durch Pro-Kopf-Konsum und Bevölkerungszahl erklärt. Länder mit höherem Konsum pro Person und größerer Bevölkerung weisen höhere CO2-Emissionen auf. Klimaforscher betonen, dass zur Vermeidung einer Entwicklung hin zu einem Treibhausklima sowohl die Bevölkerungszahl begrenzt als auch der Konsum pro Kopf nachhaltig gestaltet werden müsse, besonders bei Gruppen mit hohem Verbrauch.
Konsum und Bevölkerung
Konsum kann monetär-ökonomisch als ausgegebenes Geld oder über seine Umweltwirkung verstanden werden. Die APA-Task-Force beschrieb ein Modell mit sechs Ebenen: Kontext, individuelle Faktoren, ökonomischer Konsum, Auswirkungen auf die Umwelt, Treibhausgasemissionen und Klimawandel. Kontext meint etwa Infrastruktur, Gesetze, Medien, Werbung, soziale Normen und lokale Umweltbedingungen. Individuelle Faktoren umfassen demografische Merkmale wie Alter, Einkommen und Haushaltsgröße sowie psychologische Faktoren wie Bedürfnisse, Ziele, Einstellungen, Weltanschauungen und wahrgenommene soziale Normen.
Konsumverhalten kann nach Kempton et al. in Investition in Ausstattung und Technologie, Management beziehungsweise Umgang damit sowie Intensität der Nutzung eingeteilt werden. Diese Bereiche betreffen Transport, Heizen und Kühlen von Gebäuden sowie Haushaltsgeräte und Elektronik. Außerdem wird zwischen Verhalten mit direkter Wirkung, etwa Fahrradfahren statt Autofahren, und indirekter Wirkung unterschieden, etwa der Abgabe recyclebaren Materials. Investitionen wie Wärmedämmung erfordern oft nur eine einmalige Handlung und sparen meist mehr Energie als fortlaufende Nutzungsänderungen, haben aber größere finanzielle und praktische Hindernisse.
Wichtige Kontextfaktoren sind Klima, Infrastruktur, Gesetze, Warenverfügbarkeit, Marketing und soziale Normen. Konsumerismus bezeichnet nach Zhao und Belk ein Glaubens- und Wertsystem, in dem Konsum und Anschaffung zur Quelle von Selbst-Identität, Lebenssinn, Statussuche und menschlichen Beziehungen werden. Kultur beeinflusst, was als notwendig oder Luxus gilt: In den USA hielten 1996 32 % einen Mikrowellenherd für notwendig, 2006 waren es 68 %. Die Bevölkerungszahl ist in den vergangenen 100 Jahren exponentiell gestiegen, regional aber sehr unterschiedlich. Afrika hat die höchsten Zuwachsraten, zugleich die niedrigsten Pro-Kopf-CO2-Emissionen. Der Zusammenhang zwischen Bevölkerungszahl und CO2-Emissionen ist daher nicht linear.
Wahrnehmung und Kommunikation
Die Bereitschaft zum Klimaschutz hängt stark davon ab, wie Menschen Risiken des Klimawandels wahrnehmen. Klima ist im Unterschied zum Wetter schwer durch persönliche Erfahrung zu erkennen, weil es über statistische Durchschnittswerte und Varianzen über lange Zeiträume beschrieben wird; ein häufiger Richtwert sind 30 Jahre. Menschen verwechseln oft Klima und Wetter, überinterpretieren einzelne Wetterereignisse oder erkennen langfristige Veränderungen nicht. Auch natürliche Schwankungen wie El Niño oder die Pazifische Dekaden-Oszillation werden oft stärker wahrgenommen als langfristige Änderungen.
Robert Ornstein und Paul R. Ehrlich stellten 1989 die Hypothese auf, dass das menschliche Gehirn eher an Gefahren des Pleistozäns angepasst sei als an neue globale Gefahren wie den Klimawandel. Forschung deutet darauf hin, dass Risikowahrnehmung stark durch assoziative und affektive Prozesse geprägt ist, also durch schnelle emotionale Eindrücke. Beim Klimawandel meldet das analytische System eine ernste Bedrohung, während das affektive System oft kein starkes Warnsignal sendet. Der „Local Warming“-Effekt beschreibt, dass Einschätzungen zum Klimawandel von der aktuellen lokalen Tagestemperatur beeinflusst werden können.
Informationen zum Klimawandel erhalten viele Menschen über Medienberichte, politische Debatten und Gespräche. Wissenschaftliche Ergebnisse sind komplex und enthalten statistische Irrtumswahrscheinlichkeiten. Zu komplexe Darstellungen können als unsicher missverstanden werden, zu starke Vereinfachungen können Angriffe von Klimaskeptikern erleichtern. Naomi Oreskes nannte drei Kommunikationsprobleme: wissenschaftliche Detailorientierung, eine organisierte Desinformationskampagne zur Erzeugung von Misstrauen und die lange Annahme, Forschungsergebnisse müssten nur an Politik und Wirtschaft weitergegeben werden.
Psychische und soziale Folgen
Die psychosozialen Folgen der globalen Erwärmung können direkt oder langfristig auftreten. Sie betreffen unter anderem psychische Gesundheit, Ressourcenkonflikte, hitzebedingte Gewalt, Umsiedlung, soziale Ungerechtigkeit und den Verlust stabilisierender Umweltbedingungen. Menschen mit niedrigerem sozioökonomischem Status sind mit höherer Wahrscheinlichkeit betroffen. Ob psychische Folgen entstehen, hängt unter anderem von persönlicher Nähe zu Ereignissen, Vulnerabilität oder Resilienz, sozialen Normen, Umweltidentität, Risikoeinschätzungen, Verantwortungszuschreibungen und Medienberichten ab.
Craig Anderson kam nach verschiedenen Studien zu dem Schluss, dass es eine kausale Beziehung zwischen Hitze und Gewalt gibt. Feldstudien zeigten, dass in den USA im Sommer die Zahl der Morde um 2,6 % steigt und heiße Sommer mehr Morde aufweisen als kühlere. Aggressionen und Gewalttaten treten an heißen Tagen, Monaten, Jahreszeiten und Jahren häufiger auf. Gruppenkonflikte können entstehen, wenn knappe Ressourcen Konkurrenz auslösen oder Menschen durch Umweltschäden zur Migration gezwungen werden. Ein Einfluss des Klimawandels auf zwischenstaatliche Kriege gilt derzeit als eher unwahrscheinlich; der Zusammenhang mit innerstaatlichen Gewaltkonflikten ist umstritten. Das IPCC schätzte im vierten Sachstandsbericht, dass 2030 42 % der Weltbevölkerung in Ländern mit unzureichender Wasserversorgung leben werden.
Naturkatastrophen wie Wirbelstürme, Fluten, Feuer, Dürren oder Tsunamis können akute oder posttraumatische Belastungsstörungen, komplizierte Trauer, Depressionen, Angststörungen, somatoforme Störungen, Substanzmissbrauch, höhere Suizidraten, mehr Kindesmissbrauch und erhöhte Vulnerabilität bei Menschen mit vorherigen psychischen Erkrankungen auslösen. Auch die allgemeine Bedrohung durch die globale Erwärmung kann Zukunftsängste, Verzweiflung, Machtlosigkeit oder Apathie hervorrufen. Wichtig ist die Unterscheidung zwischen pathologischer Angst und angemessener Sorge: Sorge kann helfen, sich auf künftige Bedrohungen vorzubereiten, kann aber auch belastend und unkontrollierbar werden.
Anpassung und Handlungsbarrieren
Anpassung an die globale Erwärmung, auch Adaptation genannt, umfasst geplante oder spontane Reaktionen auf tatsächliche oder erwartete Klimaveränderungen und ihre Folgen. Forschung bezieht sich häufig auf strukturelle Maßnahmen wie Bauvorhaben oder Trinkwasserversorgung; psychologische Anpassung wurde bisher weniger untersucht. Psychologische Adaptation umfasst intrapsychische Prozesse wie Einschätzung, Gefühle und Motivation sowie soziale Prozesse wie Sinnfindung, soziale Vergleiche und Verstärkung von Risikowahrnehmung.
Die APA-Task-Force beschrieb ein Modell der psychologischen Anpassung mit Stressoren, Reaktionen, Bewältigung und Folgen. Auslöser können direkte, indirekte oder vermittelte Erfahrungen mit Klimafolgen sein. Danach folgen Bedrohungseinschätzungen, etwa Wahrscheinlichkeit, Schwere, Vulnerabilität und Resilienz, sowie Bewältigungseinschätzungen wie Selbstwirksamkeit, erwartete Ergebnisse, Kosten und Nutzen, Einschränkungen und Stärke der Gemeinschaft. Mögliche Bewältigungsreaktionen sind Informationssuche, soziale Unterstützung, Veränderung des Lebensraums, Klimaschutz oder gemeinschaftliches Handeln.
Verhaltensänderungen werden durch viele psychische Barrieren erschwert. Eine Studie unter Beteiligung des Potsdam-Institutes für Klimafolgenforschung nannte unter anderem den Unwillen, Komfort und konsumbezogenen Lebensstil aufzugeben, den Verweis auf die Allgemeinheit im Sinne einer „tragedy of the commons“, die Erwartung, eine höhere Instanz werde handeln, sowie Misstrauen gegenüber der Regierung. Robert Gifford beschrieb sieben Barrieren: begrenzte kognitive Fähigkeiten, Ideologien, Vergleiche mit anderen, Abwägen von Investitionen, Abwertung, wahrgenommene Risiken und Verhalten. Dazu gehören etwa Unwissenheit, Unsicherheit, Optimismus, mangelnde Selbstwirksamkeit, soziale Normen, finanzielle Kosten, Verleugnung, Reaktanz, Tokenism und Rebound-Effekte.