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L’Éducation sentimentale
L'Éducation sentimentale, Histoire d'un jeune homme, ist der Titel des letzten vollendeten und 1869 publizierten Romans des französischen Schriftstellers …
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Roman und Grundkonflikt
L’Éducation sentimentale, Histoire d’un jeune homme, ist Gustave Flauberts letzter vollendeter Roman. Er erschien 1869 und gilt heute als einer der einflussreichsten Romane des 19. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt steht Frédéric Moreau, ein junger Mann aus der französischen Provinz. Er zieht nach Paris, um Jura zu studieren, gesellschaftlich aufzusteigen und das elegante Leben der Großstadt zu genießen. Statt seine Ziele zu erreichen, schwankt er jedoch dauernd zwischen beruflichen Plänen, Geldinteressen und wechselnden Gefühlen.
Der Roman zeichnet ein Bild der Pariser Gesellschaft der 1840er Jahre, besonders vor, während und nach der Februarrevolution 1848. Gesellschaftsszenen enthalten satirische Elemente; private Schicksale wirken oft tragisch-melancholisch oder nur scheinbar idyllisch. Frédéric bewegt sich zwischen drei Milieus: der journalistisch-künstlerischen Szene mit systemkritischen, reformerischen oder revolutionären Positionen, den großbürgerlichen Kreisen von Bankiers, Kaufleuten und Juristen sowie der zwielichtigen Demimonde. In dieser Halbwelt treffen die anderen Gruppen in ihrer Doppelmoral zusammen.
Frédéric kann sich den Regeln dieser Kreise schnell anpassen, bleibt aber unentschlossen. Anders als die Hauptfiguren vieler Entwicklungsromane erreicht er weder gesellschaftlichen Erfolg noch persönliches Glück. Besonders hindert ihn seine hoffnungslose Liebe zu Marie Arnoux, der verheirateten Frau des Geschäftsmanns Jacques Arnoux. Am Ende hat er den größten Teil seines Vermögens verloren und lebt wieder kleinbürgerlich.
Frédérics Weg nach Paris
1840 verlässt der 18-jährige Frédéric Moreau Nogent-sur-Seine, um in Paris Jura zu studieren. Seine Mutter besitzt wegen der Schulden ihres früh verstorbenen Mannes nur geringe Mittel. Sie verkauft Besitzungen, um sein Studium zu bezahlen, und hofft auf seine Karriere als Advokat oder Richter, auf eine reiche Heirat und auf ein Erbe. Frédéric selbst träumt dagegen sprunghaft davon, Minister, berühmter Künstler oder Schriftsteller zu werden. Er beginnt ein Romanprojekt, komponiert, nimmt Malstunden, besucht mit Freunden das Quartier Latin und das Tanzlokal Alhambra und gibt Geld für Kleidung aus, die er später wieder unter Wert verkauft.
Er besteht das Examen erst beim zweiten Versuch mit Hilfe seines armen Schulfreundes Charles Deslauriers. Dieser ist Kanzleigehilfe, strebt ebenfalls nach sozialem Aufstieg und rät Frédéric, Verbindungen zum Bankier und Spekulanten Dambreuse aufzubauen. Frédéric unterbricht solche Chancen aber immer wieder. Viel stärker zieht ihn Jacques Arnoux an, ein undurchsichtiger Kunsthändler und Verleger, und vor allem dessen Frau Marie. Er hat sie auf der Rückreise von Le Havre kennengelernt und kauft in Arnoux’ Geschäft „Kunst und Gewerbe“ Bilder, Kleidung und Geschenke, um ihr nahe zu sein.
Seine Leidenschaft für Marie wird zur Obsession. Weil sie ihn freundlich, aber distanziert behandelt, erklärt er ihr seine Liebe nicht. Das Pariser Leben macht ihn deshalb nicht glücklich; sein Weltschmerz steigert sich bis zu psychotischen Grenzzuständen. Ein Aufenthalt in Nogent hilft nur vorübergehend. Als sein Onkel stirbt und er reich erbt, plant Frédéric sofort die Rückkehr nach Paris und eine neue Annäherung an Marie.
Liebe, Revolution und Scheitern
1845 kommt Frédéric mit großem Vermögen nach Paris zurück. Er kauft einen Wagen mit Pferd, ein Haus für Feste und eine kostspielige Einrichtung. Sein Kapital schmilzt rasch. Arnoux ist inzwischen wirtschaftlich gescheitert, stellt Fayencen her und hat Eheprobleme. Marie Arnoux erscheint Frédéric nun weniger als elegante Dame, aber als Mutter und Hausfrau menschlich besonders anziehend. Ihre Gegenfigur ist Rosanette, die „Marschallin“, eine Kurtisane, also eine Frau der Halbwelt mit wohlhabenden Liebhabern. Frédéric bewegt sich zugleich in der revolutionären Bohème um Sénécal und Deslauriers sowie bei den konservativen, schwer durchschaubaren Dambreuses.
Um Arnoux zu helfen und Marie zu beeindrucken, leiht Frédéric ihm fünfzehntausend Franken. Das als Sicherheit gegebene Grundstück ist jedoch mit Hypotheken belastet. Dasselbe Geld hatte er auch Deslauriers für eine Zeitung und Dambreuse für Aktien in Aussicht gestellt. Wieder verspricht er mehreren Personen Hilfe, ändert dann seine Pläne und enttäuscht sie. Marie weist sein Liebesgeständnis zurück: Sie liebt ihn zwar heimlich, fühlt sich aber ihrer Familie verpflichtet. Frédéric wendet sich Rosanette zu, spekuliert mit seinem Geld und zögert auch bei einer möglichen Verlobung mit Louise Roque, der Tochter eines reichen Nachbarn aus Nogent. Er hält Louise für nicht gebildet und nicht großstädtisch genug und kann ihre Liebe nicht erwidern.
Im Februar 1848 sympathisiert Frédéric mit der Republik. Er versäumt jedoch sowohl die Werbung um Louise als auch die revolutionären Kämpfe, weil er mit Marie eine kurze Liebesidylle in Auteuil erlebt. Ein geplantes Treffen scheitert, weil Marie die Krankheit und Rettung ihres Sohnes Eugène als göttliche Warnung vor Ehebruch deutet. Nach Beginn der Revolution schreibt Frédéric einen politischen Artikel und versucht erfolglos, für Nogent als Abgeordneter zu kandidieren. Während des Juni-Aufstands verbringt er mit Rosanette glückliche Tage im Wald von Fontainebleau, abgeschottet von den politischen Ereignissen.
Danach lebt Frédéric mit der schwangeren Rosanette, beginnt aber zugleich eine Affäre mit Madame Dambreuse. Nach dem Tod ihres Mannes will diese ihn heiraten; er stimmt zunächst zu, weil er auf ein reiches Leben hofft. Das Vermögen erbt jedoch nicht sie, sondern die uneheliche Tochter Cécile. Rosanettes und Frédérics Sohn stirbt bald nach der Geburt an einer Infektionskrankheit. Frédéric führt ein Doppelleben, übernimmt Rosanettes Schulden und verstrickt sich in Ausreden und Lügen.
Der Bankrott Arnoux’ beendet seine Pariser Illusionen. Frédéric leiht sich von Madame Dambreuse Geld, um Arnoux vor Bestrafung zu bewahren, erreicht ihn aber nicht mehr. Er trennt sich von Rosanette und kurz darauf auch von Madame Dambreuse, als sie bei einer Versteigerung gegen seinen Einspruch Maries Renaissance-Silberschatulle ersteigert. Dies geschieht am Tag vor dem Staatsstreich vom 2. Dezember 1851, dem Ende der Republik. Frédéric geht nach Nogent und sieht dort Louise im Brautkleid: Sie heiratet Deslauriers. In Paris erschießt der frühere revolutionäre Dogmatiker Sénécal, inzwischen Polizist, den Republikaner Dussardier.
Nach 16 Jahren begegnen sich Frédéric und Marie erneut. Beide gestehen: „Wir haben uns doch sehr geliebt!“ und „Ohne dass wir einander angehörten!“ Zur Zeit des Zweiten Kaiserreichs Napoleons III. treffen Frédéric und Deslauriers wieder zusammen. Sie erkennen, dass beide ihr Leben „verpfuscht“ haben: Frédéric durch seinen Traum von wahrer Liebe, Deslauriers durch Machtträume. Andere Jugendfreunde machten dagegen durch Anpassung an die politischen Verhältnisse Karriere.
Deutung und Wirkung
Der Titel ist ironisch. Frédéric wird durch Marie Arnoux nicht wirklich in Liebe oder Sexualität „erzogen“. Er hat zwar Affären mit Rosanette und Madame Dambreuse, doch seine Gefühle für sie bleiben ebenso unbestimmt wie seine schwärmerische, unerfüllte Liebe zu Marie. Deutsche Ausgaben tragen deshalb unterschiedliche Titel, unter anderem Die Erziehung der Gefühle, Die Schule der Empfindsamkeit und Lehrjahre des Gefühls. Elisabeth Edls Neuübersetzung von 2020 heißt Lehrjahre der Männlichkeit. Geschichte einer Jugend; der Begriff „Männlichkeit“ soll zunächst Erwartungen wecken, die der Roman dann kritisch auseinandernimmt.
Flaubert schrieb 1864, er wolle die „moralische Geschichte der Menschen meiner Generation“, genauer die „Geschichte ihrer Gefühle“, darstellen: ein Buch über Liebe und Leidenschaft, aber über eine „untätige“ Leidenschaft. Frédéric steht für die „Quarante-huitards“, die von der Februarrevolution 1848 begeistert waren und später politisch enttäuscht wurden. Seine Beziehung zu Arnoux und seine Liebe zu Marie haben offenbar autobiographische Bezüge zu Élisa Foucault, Flauberts großer Liebe, und ihrem Mann, dem Verleger Maurice Schlesinger.
Zwei Vorläufer erschienen erst nach Flauberts Tod: Memoires d’un fou von 1838 und L’Éducation sentimentale von 1845. Die zweite Fassung überarbeitete Flaubert ab 1864; sie erschien 1869. Zeitgenossen kritisierten den Roman meist wegen seiner desillusionierenden Tendenz. Erst im 20. Jahrhundert erkannte man seine Bedeutung als Vorläufer des modernen Romans. Es gibt mehrere Verfilmungen und Fernsehbearbeitungen, darunter Alexandre Astrucs Film von 1962 mit Jean-Claude Brialy als Frédéric Moreau, sowie eine BBC-Miniserie von 1970. Die deutsche Übersetzungsgeschichte reicht von Der Roman eines jungen Mannes von Alfred Gold und Alphonse Neumann (1904) bis zu Elisabeth Edls Übersetzung von 2020.