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Kaminfegerkinder
Kaminfegerkinder wurden ab dem 16. Jahrhundert jene Kinder genannt, die aus wirtschaftlichen Gründen gezwungen waren, ihr familiäres Umfeld zu verlassen, …
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Begriff und historische Entwicklung
Als Kaminfegerkinder wurden ab dem 16. Jahrhundert Kinder bezeichnet, die aus wirtschaftlicher Not ihr familiäres Umfeld verlassen mussten, um als Schornsteinfeger durch Europa zu ziehen. Sie stammten vor allem aus armen und strukturschwachen Gegenden des Alpenraums. Besonders bekannt waren die Kinder aus dem Tessin und dem italienischen Val Vigezzo, wo sie rüsca genannt wurden, aus den Tälern Cannobina und Orco (gògn), dem Aostatal (gâillo) und dem italienischsprachigen Teil Tirols (stoinoti).
Die ersten Schornsteinfeger werden im 16. Jahrhundert aus dem Valle Vigezzo im Piemont erwähnt. Aegidius Tschudi schrieb 1538, die Menschen im Val Vigezzo zögen als Kaminfeger nach Neapel, Sizilien, Frankreich und Deutschland. Johannes Stumpf bezeichnete das Tal 1548 als „Kämifegertal“. In diesen frühen Quellen werden Kaminfegerjungen nicht ausdrücklich genannt.
Die systematische Ausbeutung von Kindern als Kaminfeger entwickelte sich vor allem infolge der Industrialisierung in der Poebene in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und um 1900. In den wachsenden Städten mussten zahlreiche Fabrikschlote und Hauskamine gereinigt werden. Das Tessin verbot 1873, Kinder unter 14 Jahren, später unter 12 Jahren, als Kaminfeger ins Ausland zu bringen. Das Verbot wurde jedoch kaum beachtet. Im Tessin endete die Ausbeutung der kleinen rüsca mit dem Ersten Weltkrieg, als die Grenzen geschlossen wurden. In Italien dauerte sie bis etwa zur Mitte des 20. Jahrhunderts, als moderne Heizungsanlagen die rußigen Kamine zunehmend ersetzten.
Armut und Einsatzgebiete
Die Ursache der Kinderarbeit waren die harten Lebensbedingungen in den Tälern des Kantons Tessin, des Piemonts und des Aostatals. Landwirtschaft und Viehzucht reichten für die oft armen kinderreichen Familien nicht aus. Karge Äcker, lange kalte Winter mit wenig Sonne und Hunger erschwerten das Überleben. Weil Holz zu den wichtigsten Exportgütern gehörte, wurden die Wälder stark abgeholzt. Dadurch entvölkerten sich ganze Täler, und es gab nur wenige Arbeitsmöglichkeiten. Viele Menschen mussten auswandern; zwischen 1850 und 1930 verließen rund 50.000 Tessiner ihre Heimat wegen Armut und Arbeitslosigkeit.
Der Beruf des Schornsteinfegers versprach Arbeit. Für die Reinigung enger Kamine waren kleine Jungen besonders wichtig, weil sie mit ihrer schmächtigen Gestalt in die Schächte passten. Betroffen waren vor allem die Täler des Locarnese, darunter Onsernone, Verzascatal, oberes Maggiatal und Centovalli, außerdem das Val Vigezzo, Val Cannobina, Valle Orco und das Aostatal, besonders das Val de Rhêmes.
Ziele waren unter anderem Mailand, Turin, Pavia, Novara, Saronno und Voghera sowie deren ländliche Umgebung. Der Einsatz dauerte gewöhnlich von Ende Oktober bis April, manchmal länger. In Holland, Frankreich oder dem österreichischen Kaiserreich blieben die Jungen teilweise mehrere Jahre. Sie wurden im Winter fortgeschickt, damit die Familie in den härtesten Monaten ein Familienmitglied weniger ernähren musste.
Rekrutierung und Reise
Im Sommer zogen ältere Kaminfeger aus Italien durch die Täler und suchten arme kinderreiche Familien auf. Sie wählten die schmächtigsten Knaben aus, weil diese am besten in enge Kamine steigen konnten. Für jedes Kind wurde ein Vertrag abgeschlossen, der Name, Arbeitsdauer und Entgelt festlegte. Weitere Einsätze in den folgenden Jahren wurden häufig brieflich vereinbart. Die padroni, also die Arbeitgeber oder Meister, hatten wegen des großen Angebots eine starke Auswahlmöglichkeit.
Je nach Alter erhielten die Jungen 5 bis 10 Franken monatlich. Wurden Kinder für fünf Jahre verpflichtet, bekamen die Eltern 170 bis 400 Franken. Die Zahlung erfolgte erst nach Ablauf der Vertragszeit, damit die Kinder nicht vorzeitig zurückkehrten. Zum Vergleich: 100 Franken aus dem Jahr 1875 entsprächen gemessen an der Entwicklung der Konsumentenpreise heute ungefähr 860 Franken.
Für 1853 sind aus den Tälern des Sopraceneri 432 Kaminfeger-Emigranten nachgewiesen, 1870 waren es 450, die meisten aus Intragna. Knapp die Hälfte war jünger als 15 Jahre, viele sogar jünger als 10. 1934 reisten aus dem Verzascatal noch 110 Kinder ins Ausland; aus dem Centovalli kamen weitere 80.
Teilweise wurden Waisen, Findelkinder und Kinder armer Familien auf der Piazza grande in Locarno versteigert. Am 19. September 1891 verkaufte die Gemeinde Vogorno zwei verwaiste Jungen aus dem Verzascatal für jeweils 134 Franken, um nicht weiter für ihren Lebensunterhalt aufkommen zu müssen.
Die Eltern brachten die Kinder meist nach Locarno oder Cannobio, wo die padroni warteten. Manche Jungen waren erst sechs oder sieben Jahre alt, besaßen keine Wechselkleidung und trugen monatelang dieselben Sachen. Vor dem Eisenbahnbau reisten sie auf Booten über den Lago Maggiore. In der Nacht zum 4. November 1832 sank vor Cannobio ein solches Boot; 22 Kinder ertranken. Danach ging die Reise weiter zu Fuß. Die Jungen trugen oft nur hölzerne Zoccoli und fürchteten sich vor den häufig rücksichtslosen padroni.
Arbeit und Lebensbedingungen
Die Arbeit bestand darin, enge, stickige Kamine von innen zu reinigen. Die Kinder arbeiteten sich mit Knien, Fersen und Ellbogen nach oben. In einer Hand hielten sie eine Raspel, mit der sie den Ruß von den Kaminwänden kratzten; in der anderen einen Reisigbesen. Zusätzlich konnten ein Stoßbesen mit strahlenförmig angeordneten Stahllamellen oder ein Seil mit einer Kugel zum Herablassen des Besens verwendet werden. Eine caprüzsa, eine geschlossene Mütze mit einem Stofffilter vorne, sollte die Atemwege schützen und zugleich begrenztes Sehen ermöglichen.
Oben mussten die Jungen den Kopf oder einen Arm aus dem Kamin strecken und „spazzacamin“ rufen. Beim Abstieg mussten sie die Wand reinigen, an die sie sich beim Aufstieg angelehnt hatten. Pro Tag waren rund 20 Kamine zu schaffen. Manche padroni entzündeten unten ein kleines Feuer, um die Kinder zum schnelleren Arbeiten zu zwingen. Die hohen Fabrikschlote verschärften die Belastung zusätzlich, weil sich dort giftige Industriedämpfe ablagerten.
Die Kaminwände waren scharfkantig und verursachten offene Wunden. Eitrige Entzündungen blieben häufig unbehandelt. Kinder mussten auch in gefährlich heißen Kaminen arbeiten: Der ehemalige Kaminfeger Gentile Di Pietro berichtet, dass ihn ein padrone nach nur einer Viertelstunde in den noch heißen Kamin einer Bäckerei schickte. Er kam am ganzen Körper verbrannt heraus und wurde trotz seiner Verletzungen weiter eingesetzt.
Viele Kinder mussten ihren Schlafplatz selbst finden. Sie übernachteten im Freien, in Hinterhöfen oder, wenn sie Glück hatten, in Ställen. Als Decke diente oft nur der Rußsack. Durchnässte Kleidung und Schuhe trockneten kaum. Ärztliche Hilfe erhielten sie praktisch nie. Die Jungen wurden zudem zum Betteln gedrängt; padroni behielten Einnahmen und Almosen häufig für sich. Körperliche und psychische Misshandlungen waren verbreitet. Gelegentlich wurden die rußverschmierten Kinder in wohlhabende Familien eingeladen und dort als Glücksbringer vorgeführt.
Krankheiten, Hilfe und Erinnerung
Ruß, kalte Feuchtigkeit, Hunger und die Arbeit bis zur Erschöpfung führten zu schweren gesundheitlichen Problemen. Genannt werden Lungenentzündungen sowie Nieren- und Blasenerkrankungen. Der dauernde Hunger verursachte Magenprobleme. Wenn ein rüsca nicht mehr arbeiten konnte, ließ ihn der padrone oft zurück; meist kümmerten sich die Kinder untereinander um die Kranken.
1861 wurde der zehnjährige Michele Rusconi aus dem Verzascatal bei Como von seinen zwei Arbeitgebern zu Tode geprügelt. Die Täter wurden festgenommen und verurteilt. Faustino Cappini (1917–1931) starb mit 13 Jahren, als er sich oben aus einem Kamin hinauslehnte und mit seiner Raspel ein Hochspannungskabel berührte. Wie viele Kinder erstickten, bei Unfällen starben oder an Misshandlungen und Verletzungen zugrunde gingen, ist unbekannt. Sicher ist, dass nicht alle in ihre Heimattäler zurückkehrten.
Unterstützung kam von barmherzigen Privatpersonen, einzelnen Ärzten und katholischen Hilfswerken. Die Opera Pia Spazzacamino in Mailand sowie die Pia Opera di Istruzione e Beneficienza Spazzacamini in Turin und Mailand ermöglichten wöchentliche Bäder, Abendschulunterricht und Mahlzeiten an Weihnachten und Ostern. Kirchliche Organisationen verteilten sonntags teilweise Minestrone. Um 1870 gründeten der Arzt Carl Kramer und der Seidenhändler Alexander Andre eine Heimstätte, die auch obdachlose Kinder aufnahm.
Die Jungen entwickelten mit dem taróm di rüsca eine eigene Verständigungssprache. Sie stärkte ihr Gemeinschaftsgefühl, ermöglichte gegenseitige Warnungen und schuf Solidarität. Wegen der unterschiedlichen Herkunftsdialekte gab es für denselben Begriff verschiedene Wörter. Im Centovalli hieß beispielsweise „Ruß“ tencia, im Val Verzasca rüfa; „Bett“ lautete patüm beziehungsweise stòzz. Ein Beispiel für die Sprache ist „Rüschela sölia er péscia, chi i scaglia er bosóna e el cobi“ („Bürste den Kamin sauber, hier geben sie dir eine Suppe und lassen dich schlafen“).
An das Schicksal der Kinder erinnern das Museo dello spazzacamino in Santa Maria Maggiore, das seit 1983 besteht, und das Museo di Val Verzasca in Sonogno. Die Geschichte wurde außerdem in Gedichten, Liedern und literarischen Werken aufgegriffen, darunter Lisa Tetzners Erzählung „Die schwarzen Brüder“, Charles Dickens’ „Oliver Twist“ und Ignazio Cantùs Lied „Lo spazzacamino“. Ab Mitte der 1930er Jahre sank die Zahl der Kaminfegerkinder deutlich; nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war diese Form der Ausbeutung beendet.