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Schilf (Roman)
Schilf ist ein Kriminalroman der deutschen Schriftstellerin Juli Zeh, in dem zwei elitäre Physiker und ihre abstrakten Konzepte von Zeit und Wirklichkeit …
Inhalt4 Abschnitte
Roman und Handlung
„Schilf“ ist ein Kriminalroman von Juli Zeh. Er verbindet eine Entführung und einen Mord mit Fragen aus der theoretischen Physik: Zwei Physiker geraten mit ihren Vorstellungen von Zeit und Wirklichkeit in einen Konflikt, der Beziehungen zerstört und Schuld erzeugt.
Die Physiker Sebastian und Oskar kennen und lieben sich seit dem Studium in Freiburg im Breisgau. Sebastian lebt dort mit seiner Frau Maike, einer erfolgreichen Galeristin, und dem gemeinsamen Sohn Liam. Oskar arbeitet am CERN in der Schweiz an der Vereinigung von Quantenmechanik und allgemeiner Relativitätstheorie. Sebastian vertritt dagegen die Viele-Welten-Theorie, die Oskar ablehnt.
Auf dem Weg in ein Ferienlager wird Liam entführt. Ein Erpresser verlangt von Sebastian, den Arzt Dabbeling zu töten: „Dabbeling muss weg“. Dabbeling ist in einen Medizinerskandal verwickelt und mit Maike befreundet; daher ist Sebastian auch eifersüchtig auf ihn. Sebastian begeht den Mord. Der schwer kranke Kommissar Schilf übernimmt die Ermittlungen und verfolgt Spuren vom Krankenhaus über Sebastian bis nach Genf.
Dort erkennt Schilf den Irrtum: Oskar hatte nicht „Dabbeling muss weg“, sondern „Doublethink muss weg“ gefordert. Damit wollte er Sebastians Viele-Welten-Theorie kritisieren und zugleich seine Eifersucht auf Sebastians Liebe zu Liam ausdrücken. Schilf überführt Oskar, indem er den Mord an Dabbeling nachstellt und Oskar so mit seinem „inneren Richter“ konfrontiert.
Beobachtung, Wirklichkeit und Schuld
Das zentrale Motiv ist der Einfluss des Beobachters auf das Beobachtete. Der Roman greift damit eine Frage der Quantenphysik und den Konstruktivismus auf: Wirklichkeit erscheint nicht vollständig unabhängig von denjenigen, die sie wahrnehmen.
Vögel übernehmen häufig die Rolle von Beobachtern. Zwei Enten namens Bonnie und Clyde beobachten das Geschehen vor Sebastians Haus. Auch Rita Skura fühlt sich von Vögeln beobachtet und hält deshalb eine Katze als Vogelscheuche. Der wichtigste Beobachter ist jedoch eine Stimme in Schilfs Kopf, die seine Gedanken und Handlungen kommentiert. Sie erweist sich als mit einem Hirntumor verbunden, den Schilf als Vogelei deutet. Beim Tod Schilfs „schlüpft“ der Beobachter als Vogel und fliegt davon. Zusätzlich wird Sebastian vor dem Mord von einem Insektenkundler gesehen: Das Beobachtermotiv erscheint hier zugleich als klassisches Mittel des Kriminalromans.
Ein weiteres Hauptthema ist Schuld. Oskar stellt sich über Moral und trifft Entscheidungen nach einem mathematischen Kalkül. Sein geplantes menschliches Experiment löst jedoch Sebastians Mord und die Schuldverstrickungen aus. Sebastian handelt scheinbar aus Erpressung, um Liam zu retten; zugleich beeinflussen Eifersucht und seine Beziehung zu Dabbeling die Tat. Der Roman fragt damit, ob ein Vater für das Leben seines Kindes Unschuldige opfern darf und welche Verantwortung trotz Zwang und Missverständnis bleibt.
Besonders diskutiert wird die Viele-Welten-Interpretation der Quantenmechanik von Hugh Everett. Nach ihr entsteht für jede Möglichkeit des Universums eine eigene Welt: Jede mögliche Handlung geschieht und geschieht zugleich nicht. Der Medizinerskandal dient vor allem als falsche Fährte und wird am Ende nur beiläufig aufgeklärt.
Kriminalroman und Erzählweise
Der Roman nutzt die Form des Kriminalromans, um wissenschaftliche, moralische sowie kulturelle Fragen zu behandeln. Die Aufklärung des Verbrechens soll dabei ein gestörtes Gleichgewicht wiederherstellen. Der Mord erscheint zugleich als Experiment. Der todkranke, geniale Kommissar erinnert in diesem Zusammenhang an Friedrich Dürrenmatts „Der Richter und sein Henker“.
Kennzeichnend sind auffällige, bildhafte Beschreibungen, wertende Kommentare über das eigene Erzählen und grotesk überzeichnete Figuren. Freiburg wird etwa aus der Perspektive der Berge dargestellt; diese Perspektivwechsel passen zum Thema des Beobachtens. Die Physiker sind als Gegensätze angelegt: Oskar verkörpert eher „schwarze“ und verstandesbetonte Eigenschaften, Sebastian eher „helle“ und gefühlsbetonte. Die Polizisten Rita und Schilf sind dagegen als comicartige, groteske und satirische Figuren gestaltet.
Der sprachlich stark metaphorische Stil wurde unterschiedlich beurteilt. Einige Kritiken sahen die theoretischen Gespräche und die Konstruktion der Figuren als zu dominant; andere bewerteten gerade die komplexe Krimihandlung als gelungen.
Ausgaben und Adaptionen
Der Roman erschien 2007 bei Schöffling in Frankfurt (ISBN 3-89561-431-9), 2009 zudem als btb-Ausgabe in München (ISBN 978-3-442-73806-9). Das Hörbuch von 2007 wird von Tatja Seibt gelesen; es umfasst 6 CDs und erschien beim DAV in Berlin (ISBN 978-3-89813-687-7).
Eine Bühnenfassung wurde am 13. Dezember 2007 am Münchner Volkstheater uraufgeführt. Regie führte Bettina Bruinier, die Textfassung erarbeiteten Bruinier und die Dramaturgin Katja Friedrich. Die österreichische Erstaufführung folgte 2012 am Wiener Kosmos Theater unter der Regie von Esther Muschol.
Claudia Lehmann verfilmte den Roman im Mai und Juni 2011 in Weimar, Jena, Erfurt und Umgebung sowie in Genf. Mark Waschke und Stipe Erceg spielten die Hauptrollen. Der Film kam am 8. März 2012 in deutsche Kinos, wurde mit 800.000 Euro gefördert und erreichte 10.000 zahlende Besucher.