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Scharia in Nigeria

Der Konflikt entzündete sich an der Forderung von muslimischer Seite, die Scharia als Hauptquelle der Gesetzgebung im gesamten Land einzuführen. Außer den zwölf …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Kernüberblick
  2. 2. Einführung in den Bundesstaaten
  3. 3. Religiöse Ausgangslage
  4. 4. Historische Entwicklung
  5. 5. Anwendung und bekannte Fälle
  6. 6. Konflikte und Gewalt

Kernüberblick

In Nigeria ist die Scharia in zwölf nördlichen Bundesstaaten eine wichtige Grundlage staatlicher Ordnung. Sie betrifft dort Legislative, Exekutive und Judikative, also Gesetzgebung, Regierungshandeln und Rechtsprechung. Die Wiedereinführung erfolgte zwischen 1999 und 2001 und wurde mit der in der nigerianischen Verfassung verankerten Religionsfreiheit begründet.

Der Konflikt entstand vor allem durch die Forderung muslimischer Gruppen, die Scharia im ganzen Land als Hauptquelle der Gesetzgebung einzuführen. Diese Forderung wurde jedoch außerhalb der zwölf nördlichen Staaten nicht erfüllt. Laut Statusangabe von 2008 gab es in Nigeria Gebiete, in denen die Scharia vollständig einschließlich Strafrecht angewendet wurde, Gebiete, in denen sie nur persönliche Angelegenheiten betraf, und Gebiete ohne Scharia.

Einführung in den Bundesstaaten

In neun Bundesstaaten wurde die Scharia eingeführt: Zamfara am 27. Januar 2000, Kano am 21. Juni 2000, Sokoto, Katsina, Bauchi im Juni 2001, Borno, Jigawa, Kebbi und Yobe.

In drei weiteren Bundesstaaten gilt die Scharia für Gebiete mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung: Kaduna, Niger seit dem 13. Januar 2000 und Gombe. Insgesamt erklärt dies, warum von zwölf nördlichen Bundesstaaten gesprochen wird, in denen die Scharia eine zentrale Rolle spielt.

Religiöse Ausgangslage

Die religiöse Zusammensetzung Nigerias ist für das Thema wichtig, weil die Scharia vor allem in mehrheitlich muslimischen Gebieten eingeführt wurde. Nach einer demografischen Schätzung machen Muslime über 50 % der Bevölkerung aus. Sie leben überwiegend im Norden des Landes, und die Mehrheit der nigerianischen Muslime sind Sunniten.

Christen sind nach dieser Schätzung die zweitgrößte religiöse Gruppe mit etwa 40 % der Bevölkerung. Sie sind vor allem in der Mitte und im Süden des Landes verbreitet. Anhänger anderer Religionen machen etwa 10 % aus. Das Pew Forum weicht davon ab und sieht Christen mit 50,8 % als sehr knappe absolute Mehrheit.

Historische Entwicklung

Ein historischer Ausgangspunkt des Scharia-Konflikts war die Außerkraftsetzung des Islamischen Rechts in Nordnigeria. Wichtige Schritte waren die Native Justice Ordinance von 1933 und der Penal Code von 1959, der bei der Unabhängigkeit Nigerias 1960 in den nördlichen Landesteilen eingeführt wurde.

Der Penal Code beruhte auf säkularem Recht, also nicht religiös begründetem Recht. Er wurde auch als Reaktion auf Sorgen der nicht-muslimischen Bevölkerung Nordnigerias eingeführt, die durch den Minorities Commission Report von 1956 stärkere Aufmerksamkeit erhalten hatten. Islamisches Recht blieb nur im personenstandsrechtlichen Bereich erhalten, also etwa bei persönlichen und familiären Rechtsfragen.

Seit den 1970er Jahren forderten Islamisten die Wiedereinführung der Scharia, unter anderem die Izala-Bewegung. Ab 1999 führten neun Bundesstaaten mit muslimischer Mehrheit sowie Provinzen von drei weiteren muslimisch geprägten Staaten die Scharia als wichtigen Teil des Zivil- und Strafrechts ein.

Anwendung und bekannte Fälle

Die praktische Anwendung der Scharia wurde international besonders durch Strafrechtsfälle bekannt. Im Jahr 2002 fand in Katsina die erste Hinrichtung eines Menschen unter der Scharia statt. Human Rights Watch und Amnesty International verurteilten diese Hinrichtung.

Ebenfalls 2002 wurde Amina Lawal, eine alleinerziehende Mutter in Katsina, wegen Ehebruchs angeklagt. Ein bundesstaatliches Scharia-Gericht verurteilte sie wegen der „Empfängnis eines Kindes außerhalb der Ehe“ zum Tod durch Steinigung. Der Vater wurde aus Mangel an Beweisen freigelassen. Das Urteil löste in Nigeria und im Westen Empörung aus. Viele nationale und internationale NGOs sowie die nigerianische Bundesregierung wollten das Urteil annullieren. Im Jahr 2004 hob ein Scharia-Berufungsgericht das Urteil auf.

Konflikte und Gewalt

Die Einführung und Umsetzung der Scharia war mit schweren Konflikten verbunden. Den Unruhen von 1999, 2000 und 2001 gingen Ausschreitungen zwischen Christen und Muslimen in Jos voraus. Anlass war die Ernennung des muslimischen Politikers Alhaji Muktar Mohammed zum örtlichen Koordinator eines Bundesarmutsbekämpfungsprogramms. Die Zusammenstöße begannen am 7. September, dauerten fast zwei Wochen und endeten am 17. September. Mehr als 1000 Menschen wurden getötet.

Ein besonderer Brennpunkt war die zentralnigerianische Provinz Plateau. Im Jahr 2001 kam es dort wiederholt zu Zusammenstößen, bei denen mehr als 1000 Menschen ums Leben kamen. Bis 2004 wurden insgesamt 10.000 Opfer verzeichnet. Erhard Kamphausen sprach 2004 von „geistlicher Kriegführung“ in muslimischen Kerngebieten. Bartholomäus Grill wies im selben Jahr auf zunehmende Missionstätigkeit fundamentalistischer Christen besonders im Norden hin, die die Spannungen ebenfalls erhöht habe.

Es gab zudem zahlreiche Unruhen über die Umsetzung der Scharia, die laut Artikel vor allem gegenüber nicht-muslimischen Minderheiten angewendet wurde. Bei einem weiteren Aufruhr wurden im Oktober 2001 im Kano State über 100 Personen getötet.

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