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Reizwort

Reizwort (englisch stimulus word, französisch mot-stimulus) ist eine Bezeichnung für Wörter oder Phrasen, die beim Rezipienten bestimmte emotionale …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundbegriff
  2. 2. Sprache und Literatur
  3. 3. Forschung mit Reizwörtern
  4. 4. Kreativität und Unterricht
  5. 5. Praktische Anwendung

Grundbegriff

Ein Reizwort ist ein Wort oder eine Phrase, die bei einem Rezipienten bestimmte emotionale Reaktionen, Assoziationen oder andere reflexartige mentale Prozesse auslöst. Der Begriff entspricht englisch stimulus word und französisch mot-stimulus. Wichtig ist: Ein Wort ist nicht automatisch und immer ein Reizwort. Seine Wirkung hängt stark davon ab, in welcher Situation es verwendet wird, welche Erfahrungen und Einstellungen die angesprochene Person hat und welche kulturellen sowie sprachlichen Konventionen gelten.

Heute versteht man Reizwort allgemein als „Emotionen auslösendes Wort“. Der Begriff kann positive, negative oder allgemein assoziative Wirkungen bezeichnen. Früher war die Bedeutung enger: Seit dem 16. Jahrhundert ist „Reizwort“, älter „Reitzwort“, im Deutschen belegt und meinte vor allem negativ provozierende „Schmäh-, Schelt-, Läster- oder Reizwörter“, die Widerspruch und Streit auslösen konnten. Seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert wurde die Bedeutung unter dem Einfluss der psychologischen Fachsprache erweitert.

Sprache und Literatur

In der Literaturwissenschaft wird untersucht, wie Wörter in Texten gezielt emotionale oder assoziative Reaktionen beim Leser hervorrufen können. Dabei können zum Beispiel klangliche Eigenschaften, wertende Konnotationen oder intertextuelle Bezüge eine Rolle spielen. Eine Konnotation ist eine Nebenbedeutung oder Wertung, die ein Wort zusätzlich zu seiner Grundbedeutung mitträgt. Intertextuelle Bezüge sind Anspielungen auf andere Texte.

Das Handbuch literarischer Fachbegriffe von Otto F. Best definiert Reizwort, ohne die jeweilige Situation besonders zu berücksichtigen, als ein „klanglich und assoziativ besonders aufgeladenes Wort, das Assoziationen aktiviert“. Danach spielt es „vor allem in Lyrik“ eine Rolle. Auch Wörter, die durch ihre Bildungsweise, Herkunft oder Geschichte anregend wirken, können als Reizwörter gelten.

In sprachsoziologischen Zusammenhängen wird Reizwort manchmal dem Schlagwort untergeordnet. Ein Schlagwort ist ein besonders einprägsamer Ausdruck, der in öffentlichen oder sozialen Zusammenhängen eine bestimmte Wirkung entfalten kann. Nach der älteren, engeren Bedeutung wird das Reizwort dabei als semantisch negativ besetztes Schlagwort vom „Leitwort“ abgegrenzt, das semantisch positiv besetzt ist.

Forschung mit Reizwörtern

In der experimentellen Psycholinguistik und in der psychologischen Assoziationsforschung werden Wörter gezielt als Reizwörter eingesetzt. Versuchspersonen oder Analysanden sollen darauf möglichst schnell mit einem „Reaktionswort“ antworten. Aus diesen Reaktionswörtern und aus den gemessenen Reaktionszeiten ziehen Forschende Rückschlüsse auf mentale Prozesse oder auf individuelle Störungen.

Das Reizwortverfahren wurde im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts von Francis Galton, Wilhelm Wundt und anderen als experimentelle Methode eingeführt. Später wurde es auch von Sigmund Freud und C. G. Jung aufgegriffen. Freud beschrieb 1916/17 das Assoziationsexperiment so: Einer Versuchsperson wird ein Reizwort zugerufen, und sie soll möglichst rasch mit einer beliebigen Reaktion antworten. Untersucht werden können dann das Zeitintervall zwischen Reiz und Reaktion, die Art der Antwort, mögliche Fehler bei einer späteren Wiederholung und ähnliche Merkmale.

Die Züricher Schule unter Eugen Bleuler und C. G. Jung ließ auffällige Reaktionen nachträglich durch weitere Assoziationen erläutern. Dabei zeigte sich nach ihrer Deutung, dass solche Reaktionen stark durch die Komplexe der Versuchspersonen bestimmt waren. Freud sah darin „die erste Brücke von der Experimentalpsychologie zur Psychoanalyse“. Heute gehören Verfahren nach der Reizwort-Methode auch zum Instrumentarium neurowissenschaftlicher Forschung, etwa bei der Erforschung von Dysphasie und Dyslexie sowie in klinischer Forschung zur Wirkung von Anästhetika.

Kreativität und Unterricht

In der Sprach- und Schreibdidaktik werden abgewandelte Reizwortmethoden zur Förderung von Kreativität verwendet. Vorgegebene Reizwörter dienen dabei als assoziative Anknüpfungspunkte, um das Schreiben eines Textes zu erleichtern. Ein typisches Beispiel ist die „Reizwortgeschichte“: Schülerinnen und Schüler erhalten bestimmte Wörter und entwickeln daraus eine Geschichte.

Die Reizwörter können zufällig gewählt werden oder zu einem bestimmten Thema passen. Ihr Zweck ist nicht, eine feste Lösung vorzugeben, sondern Ideen auszulösen. Ähnliche Verfahren gibt es im Innovationsmanagement als Sonderform des Brainstormings. Dabei sollen zufällig ausgewählte Reizwörter helfen, zu einem gegebenen Thema oder Problem über Assoziationen neue Ansätze zu finden.

Praktische Anwendung

In der angewandten Psychologie spielen Reizwörter besonders in der Werbe- und Verkaufspsychologie eine Rolle. Dort wird nach praktischen Regeln gesucht, wie das Verhalten von Rezipienten beeinflusst werden kann. Dazu gehört die Idee, negativ besetzte Reizwörter zu vermeiden und positiv besetzte Reizwörter zu verwenden.

Damit knüpft die angewandte Psychologie an den Grundgedanken des Begriffs an: Wörter können Reaktionen auslösen und dadurch Wahrnehmung, Bewertung oder Verhalten beeinflussen. Entscheidend bleibt aber auch hier, dass die Wirkung eines Reizworts von Situation, Person und kulturellem Zusammenhang abhängt.

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