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Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Quodlibet (Alt-Wiener Volkstheater)

Sie verwendet verschiedenste Formen der klassischen Musik (Arie, Duett, Terzett, Ensemble, Rezitativ) und kombiniert sie mit einfachen, oft banalen Volksliedern …

Inhalt4 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und musikalische Form
  2. 2. Funktion in der Handlung
  3. 3. Quodlibet bei Johann Nestroy
  4. 4. Abgrenzung von der Opernparodie

Grundidee und musikalische Form

Das Quodlibet ist in der Alt-Wiener Volkskomödie des 18. und 19. Jahrhunderts eine Liedform. Der populäre Ausdruck „Durcheinander, Mischmasch“ verweist auf die Verbindung sehr unterschiedlicher musikalischer Elemente. Klassische Formen wie Arie, Duett, Terzett, Ensemble und Rezitativ werden mit einfachen, oft banalen Volksliedern, Schnaderhüpfeln, G’strampften und Märschen kombiniert. Aus dieser Mischung entsteht ein eigenständiges kleines Kunstwerk.

Der musikalische Reiz beruht vor allem auf dem Kontrast zwischen scheinbar unvereinbaren Elementen. Das Wiedererkennen einer bekannten Melodie kann zusätzlichen Spaß bereiten, ist aber keine Voraussetzung für die komische oder musikalische Wirkung.

Funktion in der Handlung

Das Quodlibet ist organisch in die Handlung eingebettet und setzt sie auf musikalischer Ebene fort. Die Figuren verlassen die Handlung nicht, um sie – wie im Couplet – von außen zu kommentieren. Stattdessen treiben sie die Handlung während des Singens weiter. Dabei können entscheidende Momente eintreten, die für den Fortgang und das Verständnis des Stücks unverzichtbar sind; mitunter entstehen sogar dramatische Situationen.

Häufig führt das Quodlibet eine Liebes- oder Eifersuchtsgeschichte fort. Es findet immer zwischen mehreren Figuren statt. Die Personen bleiben ihrem Charakter und ihrem sozialen Milieu treu. Gerade dadurch entsteht ein komischer Effekt: Sie drücken sich mit derselben Selbstverständlichkeit in schwierigsten musikalischen Formen aus wie sonst in ihrer Umgangssprache.

In der Regel gibt es pro Stück nur ein Quodlibet, meistens in der zweiten Hälfte des Stücks.

Quodlibet bei Johann Nestroy

Im Werk Johann Nestroys (1801–1862) gehört das Quodlibet zu den festen Bestandteilen der Wiener Lokalposse. Nestroy war selbst Opernsänger, seine Partnerin Marie Weiler kam vom Singspiel. Deshalb wurden die Quodlibets in Nestroys Stücken meist gezielt auf diese beiden Darsteller zugeschnitten. Nestroys Nähe zur Oper und besonders zu Mozart zeigt sich in musikalischen Zitaten: In Der Talisman (1840) erscheint ein Zitat aus La clemenza di Tito, in Höllenangst (1849) die Arie „Dies Bildnis ist bezaubernd schön“ aus der Zauberflöte und in Das Gewürzkrämerkleeblatt (1845) das Terzett der drei Knaben aus der Zauberflöte, das bei Nestroy von drei Gewürzhändlern gesungen wird. Eine seiner bekanntesten Opernpartien war Sarastro in Mozarts Zauberflöte.

Nestroys Quodlibets können einen dramatischen Handlungsverlauf besitzen. In Das Gewürzkrämerkleeblatt entdecken drei betrogene Ehemänner zu ihrer Beruhigung jeweils die Frau des anderen als Ehebrecherin. Auch in Umsonst! (1857) entwickelt sich die Handlung dramatisch.

In anderen Stücken stehen Liebesverwicklungen im Mittelpunkt. Dazu gehören Der böse Geist Lumpazivagabundus (1833), Zu ebener Erde und erster Stock (1835), Das Haus der Temperamente (1837), Höllenangst (1849) und Der Talisman (1840). In Zu ebener Erde und erster Stock findet ein Quodlibet zwischen vier Personen gleichzeitig auf zwei verschiedenen Ebenen statt; Das Haus der Temperamente nutzt ebenfalls eine Simultanbühne. Im berühmtesten Quodlibet aus Der Talisman wird Titus Feuerfuchs zwischen der Gänsehirtin Salome Pockerl und der Gärtnerin Flora Baumscher hin- und hergerissen.

Daneben schrieb Nestroy Quodlibets, die nach einem Vorspiel eigenständig aufgeführt wurden. Sie ermöglichten dem Publikum, beliebte Schauspieler in verschiedenen Rollen zu sehen, und boten den Schauspielern Gelegenheit, ihre besonderen Fähigkeiten zu zeigen. Solche Szenen- und Personen-„Durcheinander“ wurden vor allem bei Benefizvorstellungen gespielt, deren Einnahmen vollständig dem Benefizianten zugutekamen.

Im Artikel werden sechs überlieferte dramatische Quodlibets angekündigt, anschließend jedoch sieben Titel genannt: Der unzusammenhängende Zusammenhang (1830), Magische Eilwagenreise durch die Comödienwelt (1830), Zwei Schüssel voll Fasching Krapfen (1831), Humoristische Eilwagen-Reise durch die Theaterwelt (1832), Die Fahrt mit dem Dampfwagen (Uraufführung am 5. Dezember 1834 zum Vorteil von Wenzel Scholz), Die zusammengestoppelte Komödie (1840) sowie Das Quodlibet verschiedener Jahrhunderte nebst Vorspiel Die dramatischen Zimmerherrn, uraufgeführt am 12. Mai 1843 im Theater an der Wien. Die Zahlenangabe und die anschließende Aufzählung stimmen somit im Artikel nicht überein.

Abgrenzung von der Opernparodie

Quodlibets werden häufig fälschlicherweise als „Opernparodien“ eingeordnet. Im Quodlibet behalten die handelnden Personen jedoch ihre Identität. Während ihrer Darbietung werden sie nicht zu Figuren wie „Walküren“ oder „Heldentenören“; die musikalische Form verändert also nicht ihre Rolle und ihr Milieu.

Nestroy schrieb daneben tatsächlich eigenständige Opernparodien. Dazu zählen Tannhäuser und Lohengrin nach den gleichnamigen Werken Richard Wagners, Robert der Teuxel nach Giacomo Meyerbeers Robert le diable sowie Judith und Holofernes, eine Satire auf Friedrich Hebbels Drama Judith. Diese Werke sind von den Quodlibets zu unterscheiden.

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