Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Pitztal
Das Pitztal ist ein etwa 40 km langes, südliches Seitental des Inntals, das bei Imst einmündet. Es liegt im Bezirk Imst des Bundeslandes Tirol in Österreich …
Inhalt6 Abschnitte
Überblick und Lage
Das Pitztal ist ein etwa 40 km langes südliches Seitental des Inntals in Tirol, Österreich. Es mündet bei Imst in das Inntal, liegt vollständig in den Ötztaler Alpen und gehört politisch zum Bezirk Imst. Durch das Tal fließt die Pitze, auch Pitzbach genannt, die zwischen Arzl im Pitztal und Karres in den Inn mündet. Das Tal ist ein wichtiges Beispiel für ein inneralpines Hochtal, dessen Naturraum, Siedlung, Landwirtschaft und Tourismus stark von Gebirge, Klima und Gletschern geprägt sind.
Das Pitztal verläuft in Nord-Süd-Richtung. Westlich liegt das Kaunertal, östlich das Ötztal; beide verlaufen ungefähr parallel. Über das Pillertal und die Pillerhöhe besteht eine Verbindung in den obersten Teil des Tiroler Inntales. Verkehrlich ist das Tal über die Inntalautobahn, den Bahnhof Imst-Pitztal der Arlbergbahn und die Pitztaler Landesstraße angebunden. Diese Straße führt über die 1983 eröffnete Pitztalbrücke über den Inn nach Mittelberg und überwindet dabei etwa 1000 m Höhenunterschied. Seit 1982 errichtete Galerien schützen an mehreren Stellen vor Lawinen.
Zum Pitztal gehören die vier Gemeinden Arzl im Pitztal, Wenns, Jerzens und St. Leonhard im Pitztal. Zusammen bilden sie den Planungsverband Pitztal mit 7723 Einwohnern (Stand 1. Jänner 2026) und einer Fläche von 313 km², davon 26,1 km² Dauersiedlungsraum. Die Bevölkerung ist seit 1961 von 5.127 Bewohnern kontinuierlich gewachsen; der Zuwachs beruht vor allem auf Zuwanderung, während Geburten- und Sterbesaldo nur wenig beitragen.
Talform, Klima und Geologie
Der äußere Teil des Pitztals ist breit und besitzt ausgeprägte Talterrassen, weshalb er Mittelgebirgscharakter hat. Hier liegen Arzl und Wenns. Die Pitze hat sich schluchtartig eingeschnitten und bildet die Pitzeklamm, die an manchen Stellen bis zu 100 m tief ist. Weiter südöstlich, ab Jerzens, wird das Tal enger. Im inneren Pitztal bei St. Leonhard ist der Talboden nur schmal ausgebildet und wird von steilen Hängen begleitet. Im Westen begrenzt der Kaunergrat das Tal gegen das Kaunertal, im Osten der Geigenkamm gegen das Ötztal. Bei Mittelberg teilt sich das Tal in Mittelbergtal und Taschachtal. Am Talschluss liegen mit Mittelbergferner und Taschachferner große Gletscherflächen an der Wildspitze. 2024 waren 6.965 ha als Landschaftsschutzgebiete und 5.803 ha als Ruhegebiete ausgewiesen.
Klimatisch ist das Pitztal ein inneralpines Trockental und gehört zu den niederschlagsärmsten Gebieten Tirols. Ursache ist die Barrierewirkung der umliegenden Gebirgsketten. Die alpine Lage bringt kühle Sommer und kalte Winter mit sich; das Wetter kann rasch wechseln. In St. Leonhard im Pitztal auf 1454 m ü. A. lag die mittlere Temperatur von 1991 bis 2020 bei 4,6 °C, der mittlere Jahresniederschlag bei 950,4 mm. Die meisten Niederschläge fallen im Sommer, besonders im Mai, Juni und Juli.
Der Klimawandel wird für das Pitztal mehrere Folgen haben: Die Outdoor-Saison kann sich durch höhere Temperaturen in Frühling und Herbst verlängern. Die Vegetationsperiode wird sich voraussichtlich um rund 4 Wochen verlängern, zugleich steigt das Risiko von Dürren. Der Jahresniederschlag bleibt tendenziell ähnlich, verteilt sich aber anders: längere Trockenphasen können sich mit Starkregen abwechseln. Außerdem werden häufigere Gewitter mit Hagel, Bodenerosion, Überschwemmungen, Massenbewegungen und Windwurf erwartet. Die Zahl der Tage mit Naturschneebedeckung soll markant sinken, mit einem Minus von 20 %.
Geologisch schneidet das Pitztal den Gebirgsstock der Ötztaler Alpen, das Ötztal-Stubai-Kristallin. Dieses gehört zur mittelostalpinen Decke und besteht hier großteils aus Gneisen, die schon vor der Alpenbildung metamorph umgewandelt wurden. Morphologisch lassen sich drei Abschnitte unterscheiden: der sanftere Talausgang um Arzl-Wenns, ein enges Kerbtal oder V-Tal ab dem Talknick gegen Südosten bis etwa Zaunhof und ein durch Gletscher geformtes Trogtal oder U-Tal.
Naturraum und Tierwelt
Die Vegetation des Pitztals ist ein typisches inneralpines Fichtenwaldgebiet. Die Waldgrenze liegt ungefähr bei 2100 bis 2200 m und wird oft durch Lawinenbahnen unterbrochen. Sie wird vor allem von Zirbelkiefer, gewöhnlicher Fichte und einigen Beständen der Europäischen Lärche gebildet. An steilen Hängen und in Lawinenstrichen wachsen Grün-Erle, Moor-Birke und verschiedene Weidenarten. Die Bergkiefer, auch Latsche genannt, kommt im Pitztal selten vor.
Über dem Wald liegt ein breiter Gürtel aus Zwergsträuchern. Dort dominieren Alpenrosen, Heidelbeeren, Rauschbeeren, Preiselbeeren, Krähenbeeren, Gemeiner Wacholder und Gämsheide. Viele Flächen der Zwergstrauchheide wurden früh in Almen umgewandelt. Oberhalb schließen alpine Grasheiden an. Große Flächen bestehen aus nackten Felsen, Geröllhalden mit Pioniervegetation, also Erstbesiedlern auf rohem Untergrund, sowie Gletschern. Jüngere Moränen und Gletschervorfelder tragen fast keine Pflanzendecke.
Die Vegetation um den Rifflsee ist besonders interessant, weil dieses Gebiet zum Einzugsgebiet des Gletscherskigebiets gehört und Erweiterungspläne wiederholt aus Naturschutzgründen abgelehnt wurden. Das Gebiet liegt im Übergang vom subalpinen zum alpinen Bereich. Obwohl im Westen des Sees Feuchtgesellschaften vorkommen, bildet sich dort kein Moor, weil die Vegetationsperiode zu kurz ist und mineralisches Material immer wieder abgelagert wird.
Im Pitztal leben viele typische alpine Wildtiere. Besonders wichtig ist die Steinbockpopulation rund um das Tal, eine der größten in den Ostalpen. Steinböcke waren ursprünglich heimisch, wurden aber im 16. Jahrhundert fast überall in ihrem Verbreitungsgebiet ausgerottet, auch im Pitztal. Von 1953 bis 1956 wurden 11 Geißen und 6 Böcke wiederangesiedelt. In freier Wildbahn wuchs die Gruppe stark: 1966 wurden 70 Tiere gezählt, 1983 bereits 550. Stand 2024 wird ein Bestand von rund 1200 Tieren in mehreren Herden angenommen. Gemsen und Rehe waren durchgehend im Gebiet vorhanden; die Zahl der Gemsen ist jedoch durch Verdrängung durch die Steinböcke gesunken.
Geschichte und Sprache
Funde zeigen, dass das vordere Pitztal schon früh besiedelt war. 1992 wurde auf der Pillerhöhe ein prähistorisches Heiligtum entdeckt, das auf eine Besiedelung in der Bronzezeit hinweist. Auch der Schalenstein von Wenns dürfte bronzezeitlich sein. Der erste bekannte Volksstamm waren die Breonen, die zu den Rätern gerechnet werden. Die Römer eroberten 15 v. Christus das Alpengebiet; das Pitztal kam später zur Provinz Rätien. Ab etwa 600 erfolgte die entscheidende Besiedelung durch Bajuwaren und wahrscheinlich in geringerem Ausmaß durch Alemannen.
Seit dem Ende des 6. Jahrhunderts standen Inntal und Pitztal unter der Herrschaft des Herzogtums Bayern. Im 9. Jahrhundert kamen sie zum Fränkischen und danach zum Römisch-Deutschen Kaiserreich. 1363 kam das Pitztal mit Tirol zu den Habsburgern. Zwischen dem 11. und 14. Jahrhundert wurde durch Brandrodung Weide- und Ackerland geschaffen. In höheren Lagen zwischen 1200 m und 2000 m entstanden Schwaighöfe, also auf Viehwirtschaft ausgerichtete Höfe, deren Abgaben oft in Naturalien geleistet wurden.
Weil die im Tal übliche Erbteilung die Hofeinheiten immer stärker zersplitterte, konnten viele Familien von der Landwirtschaft allein nicht leben. Im 17. Jahrhundert suchten Bewohner Nebenverdienste, im 19. Jahrhundert arbeiteten viele als Saisonarbeiter im Ausland, darunter auch sogenannte Schwabenkinder. Der im 19. Jahrhundert einsetzende Alpintourismus brachte Nebenerwerb als Träger, Bergführer und Hüttenwirte. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand Wohlstand durch Tourismus im Pitztal später als in anderen Tiroler Tälern. Erst besonders durch den Bau der Pitztaler Gletscherbahn verbesserten sich die wirtschaftlichen Verhältnisse deutlich.
Der Name Pitztal leitet sich wahrscheinlich von lateinisch puteus ab, „Brunnen“ oder „Grube“. Eine andere Deutung verweist auf den rätoromanischen Begriff Piz für „spitzer Berggipfel“. Erstmals wurde der Name 1265 als Puzzental in der Starkenberger Urkunde erwähnt. Sprachlich gehört das Pitztal zum Bairischen Dialektraum. Der lokale Dialekt ist unter anderem vom Inntal beeinflusst und unterscheidet sich vom Ötztaler Dialekt, etwa durch harte Konsonanten und bestimmte Vokalaussprachen.
Wirtschaft und Tourismus
Die Wirtschaft des Pitztals war bis 1960 vor allem agrarisch geprägt. Seit den 1960er Jahren veränderte sie sich stark: Landwirtschaft und Forstwirtschaft spielen nur noch eine untergeordnete Rolle, während Dienstleistungen und Bauwesen wichtige Wirtschaftszweige wurden. Insgesamt gibt es heute mehr Arbeitsplätze als vor 1960. Gleichzeitig pendeln viele Menschen: 2022 hatten 2631 Bewohner des Tales einen Arbeitsplatz außerhalb des Pitztals, während 1054 Erwerbstätige im Tal wohnten, aber nicht im Pitztal ansässig waren.
In der Landwirtschaft zeigt sich der Strukturwandel besonders deutlich. 1960 gab es noch 589 Betriebe mit 1282 Beschäftigten im Haupterwerb. 1999 bestanden noch 445 Höfe, aber die Zahl der hauptberuflichen Bauern war stark gesunken: 1971 waren es 355, 2001 nur noch 64. 2020 wurden nur noch 52 Betriebe im Haupterwerb geführt, 214 dagegen im Nebenerwerb. Viele Betriebe liegen in Gebieten mit erschwerten Bedingungen. Der Schwerpunkt liegt, außer in Arzl, vor allem auf Viehwirtschaft und Zuchtvieh; zuletzt nahm auch die Schafhaltung zu. Die Almwirtschaft ist weiterhin wichtig, nicht nur für Futterflächen, sondern auch für Landschaftspflege, Erosionsschutz und den Verkauf hochwertiger Produkte.
Der Tourismus wurde durch die Pitztalbrücke, die bessere Verbindung zum Inntal und die Erschließung des Mittelberggletschers gefördert. In den Jahren 2020 und 2021 sanken die Übernachtungszahlen wegen coronabedingter Schließungen, erholten sich aber ab 2022. 2024 wurden in Arzl im Pitztal 132.088, in Jerzens 244.138, in Wenns 158.370 und in St. Leonhard im Pitztal 544.331 Übernachtungen gezählt. Im ganzen Tal stehen rund 5000 Gästebetten zur Verfügung. Arzl und Wenns sind eher zweisaisonal ausgerichtet, während in Jerzens und St. Leonhard der Wintertourismus überwiegt. Bis Mitte der 1980er Jahre war der Sommertourismus stärker; bereits 2001 war der Wintertourismus nahezu doppelt so stark wie der Sommertourismus.
Bergsport und Skigebiete
Das Pitztal ist wegen seiner Lage am Rand des Alpenhauptkamms, seiner hohen Berge, Gletscher und touristischen Infrastruktur ein bedeutendes Gebiet für Alpinismus und Bergsport. Im Sommer sind Wandern, Bergsteigen, Klettern und Klettersteige wichtig, im Winter Skifahren, Skilanglauf, Winterwandern und Schneeschuhgehen. Seit etwa 2010 sind auch im Sommer wieder mehr Sportler im Pitztal aktiv.
Beim Wandern reicht das Angebot von leichten Familienwanderungen bis zu sehr anspruchsvollen Touren. Einige Routen können mit Seilbahnen kombiniert werden. Beispiele sind die Rundtour durch den Zirbenpark oder Wanderungen zu Schutzhütten wie Braunschweiger Hütte, Riffelseehütte und Taschachhaus. Im Winter gibt es ausgeschilderte Winterwanderungen und rund 80 km Schneeschuhrouten.
Für Klettersteige gab es Stand 2024 zwei Gebiete. In der Steinwand über Arzl liegen Varianten von maximal B bis D+, etwa 100 Höhenmeter und rund 1,5 bis 2 Stunden Aufstieg. Am Pitztaler Gletscher in 1900 m Höhe gibt es vier Klettersteige: den Erlebnisklettersteig bis B+, den Murmeltier-Klettersteig bis C, die Gamssteig-Variante mit D- und die Steinbock-Route mit D+ und 300 m Länge. Beim Klettern bestehen Stand 2025 fünf Klettergebiete mit Routen verschiedener Schwierigkeiten, meist kurze Einseillängenrouten.
Im Winter werden rund 108 km Loipen präpariert, darunter eine beleuchtete Nachtloipe in Stillebach und ab Herbst 2025 eine Snowfarming-Loipe in Mandarfen. Das wichtigste Skigebiet ist Pitztaler Gletscher-Rifflsee. Es gehört zu den höchstgelegenen Skigebieten Österreichs, reicht bis 3440 m ü. A. und wurde 1983 in Betrieb genommen. Es besitzt 40,6 km Pisten: 33 % einfach, 51 % mittelschwer, 16 % schwer und 7 % Skirouten. Der Gletscherexpress führt als Standseilbahn im Tunnel vom Talboden zum Gletscher, die Wildspitzbahn bis zum Hinteren Brunnenkogel auf 3440 m ü. A.
Der Ausbau der Gletscherskigebiete ist umstritten, weil Infrastruktur und Bauarbeiten stark in die hochalpine Landschaft und empfindliche Gletscher-Ökosysteme eingreifen. Ein Umweltverträglichkeitsgutachten vom 30. Mai 2016 sah untragbare Auswirkungen auf Landschaftsbild und Erholungswert sowie wesentliche Beeinträchtigungen von Tieren und Pflanzen. Eine Volksbefragung im Juli 2022 ergab eine knappe Ablehnung durch die örtliche Bevölkerung, worauf die Pitztaler Gletscherbahnen das Vorhaben absagten. 2023 wurde eine neue Erweiterung bekannt; der Verwaltungsgerichtshof entschied im Dezember 2025, dass auch dafür eine Umweltverträglichkeitsprüfung notwendig ist.