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Organtransplantation in China
Nicht alle hingerichteten Gefangenen sind geeignet. · Organe müssen zum Empfänger passen. · Organe zur Transplantation waren bis 2013 nur lokal verwendbar.
Inhalt6 Abschnitte
Bedeutung und Entwicklung der Transplantationsmedizin
China begann in den 1960er-Jahren mit Organtransplantationen. 1972 wurde die erste Nierentransplantation mit Lebendspende durchgeführt, 1981 die erste erfolgreich verlaufende allogene Knochenmarkstransplantation. Die erste verifizierbare Lebertransplantation von einem Lebendspender erfolgte 1995.
Ab dem Jahr 2000 stieg die Zahl der Transplantationen sprunghaft an. 2004 wurden nach offiziellen Angaben mehr als 13.000 Organtransplantationen durchgeführt; 2005 sank die Zahl offiziell auf unter 11.000. Zwischen 2000 und 2016 fanden an 712 Leber- und Nierentransplantationszentren jährlich zwischen 60.000 und 100.000 Transplantationen statt. Gleichzeitig verfügte China nach Darstellung des Artikels über kein funktionsfähiges Organspendesystem.
China entwickelte außerdem fortgeschrittene chirurgische Verfahren. Dazu gehörten 2006 eine Gesichtstransplantation mit Wange, Oberlippe, Nase, Muskeln und Knochen sowie im September 2006 die erste erfolgreiche Penistransplantation. Letztere musste nach 15 Tagen rückgängig gemacht werden, weil der Patient und seine Ehefrau ein psychologisches Trauma erlitten. Die Entwicklung des Immunsuppressivums Cyclosporin A verbesserte die Möglichkeit, Abstoßungsreaktionen bei Transplantaten zu unterdrücken.
Organquellen und ethische Grundsätze
Freiwillige Organspenden stießen in China lange auf starke Zurückhaltung. Als Gründe werden traditionelle Vorstellungen genannt, nach denen der Leichnam unversehrt bestattet werden soll und Nieren und Herzen eine symbolische Lebenskraft besitzen. Organhandel ist nach chinesischem Gesetz offiziell verboten.
Seit den frühen 1970er-Jahren verwendete China jedoch Organe von hingerichteten Häftlingen. 1984 wurde die Organentnahme bei verurteilten Straftätern legalisiert, wenn der Betroffene oder seine Familie zustimmte oder niemand Anspruch auf die Leiche erhob. 2005 bestätigte der stellvertretende Gesundheitsminister Huang Jiefu, dass diese Praxis weit verbreitet sei. 2009 berichtete China Daily, etwa 65 % der transplantierten Organe stammten noch von Insassen des Todestraktes. Huang bezeichnete diese Quelle zugleich als ungeeignet.
2007 wurden der kommerzielle Organhandel und Organentnahmen ohne schriftliches Einverständnis verboten. Der Chinesische Ärzteverband erklärte, Gefängnisinsassen sollten ihre Organe nur noch direkten Angehörigen spenden dürfen. 2013 stimmte Huang Jiefu Organspenden von Todeskandidaten zu, sofern sie in ein computerbasiertes Verteilungssystem aufgenommen würden. 2014 kündigte er an, ab Januar 2015 keine Organe hingerichteter Gefangener mehr zu verwenden. Kritiker, darunter Gosteli Hauser von Amnesty International, Norbert Paul und Huige Li, verwiesen jedoch darauf, dass die Entnahme gesetzlich weiterhin nicht eindeutig verboten war.
Der Weltärztebund verurteilte bereits 1985 in Brüssel den Handel mit menschlichen Organen und 1987 in Madrid die Verwendung von Organen exekutierter Häftlinge. Grund war insbesondere, dass eine freiwillige und aufgeklärte Zustimmung von Gefangenen nicht zuverlässig festgestellt werden könne. 2006 bekräftigte der Weltärztebund diese Forderung. Die 1991 verabschiedeten WHO-Leitsätze zur menschlichen Organtransplantation hatten dagegen keinen Gesetzescharakter.
Vorwürfe des Organraubs und Untersuchungen
Seit 2006 gibt es Vorwürfe, dass Falun-Gong-Praktizierende als Gewissensgefangene wegen ihrer Organe getötet würden. David Kilgour und David Matas untersuchten die Herkunft von 41.500 Organen aus den Jahren 2002 bis 2005, die nicht erklärt werden konnte. Sie kamen zu dem Schluss, dass in großem Stil unfreiwillige Organentnahmen bei Falun-Gong-Praktizierenden stattgefunden hätten und weiterhin stattfänden. Ethan Gutmann schätzte, dass zwischen 2002 und 2008 etwa 64.000 Falun-Gong-Praktizierende wegen ihrer Organe getötet worden seien.
Der gemeinsame Bericht von Kilgour, Matas und Gutmann vom 22. Juni 2016 („Bloody Harvest / The Slaughter — An Update“) wertete mehr als 2.300 Quellen aus, darunter Krankenhausdaten, Ärzteinterviews, Medienberichte, medizinische Fachzeitschriften und Datenbanken. Er schätzte die Zahl der Transplantationen seit 2000 bis 2016 auf jährlich 60.000 bis 100.000 und insgesamt auf annähernd 1,5 Millionen. Nach dem Bericht stammten die Organe von getöteten Uiguren, Tibetern, Hauschristen und hauptsächlich Falun-Gong-Praktizierenden. Diese Schlussfolgerungen sind umstritten; die chinesische Regierung weist die Vorwürfe zurück.
Gutmann vermutete außerdem, die Organentnahme politischer Gefangener habe in den 1990er-Jahren in Xinjiang begonnen. Als dort die Entnahmen ab 1999 zurückgegangen seien, sei landesweit die Verfolgung von Falun Gong intensiviert worden. Später wurden auch Vorwürfe gegen die Behandlung von Uiguren, Tibetern, Muslimen und Christen erhoben.
Als Indizien werden besonders kurze Wartezeiten, der starke Anstieg der Transplantationszahlen und Angebote lebender jüngerer Spender genannt. 2006 bot das China International Transplantation Network Assistance Center unter anderem Nieren für 62.000 US-Dollar, Lebern für 98.000 bis 130.000 US-Dollar und Herzen für 130.000 bis 160.000 US-Dollar an. Die angegebene Wartezeit betrug für eine Niere eine Woche bis höchstens einen Monat und für eine Leber einen bis höchstens zwei Monate. Eine BBC-Recherche berichtete 2006, ein Krankenhaus in Tianjin habe Lebern innerhalb von drei Wochen beschaffen können und erklärt, die Organe stammten von exekutierten Gefangenen.
Reformen und widersprüchliche Angaben Chinas
China kündigte wiederholt Reformen an, die Transplantationen auf zugelassene Einrichtungen begrenzen und freiwillige Spenden fördern sollten. 2006 wurden vorläufige Bestimmungen und eine Kommission zur klinischen Anwendung von Transplantationstechnologien geschaffen. 2007 trat eine Verordnung gegen Organhandel und Entnahmen ohne schriftliches Einverständnis in Kraft. Die Zahl zugelassener Transplantationseinrichtungen sank von über 600 im Jahr 2007 auf 87 im Oktober 2008; 77 Krankenhäuser erhielten eine vorläufige Zulassung.
2010 begann ein Pilotprojekt für ein posthumes Organspendesystem in zehn Regionen, darunter Tianjin, Wuhan und Shenzhen. Spender konnten ihre Entscheidung im Führerschein vermerken. Finanzielle Unterstützung für Angehörige wurde ebenfalls vorgesehen, was nach WHO-Standards nicht erlaubt ist. Von 1977 bis 2009 gab es offiziell nur 130 freiwillige Organspenden, während in derselben Zeit 120.000 Organe transplantiert wurden.
Die Angaben zur Nutzung von Gefangenenorganen änderten sich mehrfach. Huang Jiefu erklärte 2005, bis zu 95 % der Transplantate stammten aus Hinrichtungen. 2010 sagte er, zwischen 1997 und 2008 seien über 100.000 Transplantationen durchgeführt worden, deren Organe zu über 90 % von exekutierten Häftlingen stammten. 2014 und 2015 wurden Gefangenenorgane dagegen als „freiwillige Organspenden“ von Bürgern bezeichnet. 2016 fanden Huige Li und andere keine nachprüfbaren Gesetzesänderungen, die ihre Verwendung tatsächlich verboten.
2019 analysierte BMC Medical Ethics chinesische Spendedaten von 2010 bis 2018 und berichtete von Beweisen für „vom Menschen gesteuerte Datenherstellung und -manipulation“. Die angebliche Wachstumsrate freiwilliger Spenden entsprach nahezu genau einer mathematischen Formel. Chinesische Behörden wiesen die Kritik zurück.
2021 berichteten UN-Experten über glaubwürdige Informationen zu erzwungenen Organentnahmen bei inhaftierten ethnischen, sprachlichen und religiösen Minderheiten. Genannt wurden Nieren, Lebern, Herzen und Augenhornhäute sowie Falun-Gong-Praktizierende, Uiguren, Tibeter, Muslime und Christen. China bezeichnete diese Vorwürfe als Verleumdung und Desinformation.
Internationale Reaktionen und politische Auseinandersetzungen
1995 untersuchte ein Ausschuss des US-Senats den Handel mit menschlichen Körperteilen in China. Amnesty International, die BBC und Harry Wu legten dazu Beweise vor. Wu veröffentlichte 2001 die Aussage des Chirurgen Wang Guoqi, der nach eigenen Angaben bei mehr als 100 hingerichteten Häftlingen Haut, Hornhäute und andere Gewebe entnommen hatte. Wang erklärte, mindestens ein Gefangener habe während der Entnahme noch geatmet. Seine Aussage wurde von Wu und Kongressangehörigen als glaubwürdig eingeschätzt.
1998 wollten der Weltärztebund, die Koreanische Ärztevereinigung und die Chinesische Ärzteorganisation die Praktiken gemeinsam untersuchen; China beendete die Zusammenarbeit im Jahr 2000. Im Dezember 2006 stoppten zwei große Krankenhäuser in Queensland die Ausbildung chinesischer Transplantationschirurgen und gemeinsame Forschungsprogramme, nachdem China nicht zu den Vorwürfen Stellung genommen hatte. UN-Sonderberichterstatter forderten China 2006, 2007 und 2008 wiederholt auf, Organquellen, kurze Wartezeiten und den Zusammenhang zwischen Transplantationsanstieg und Falun-Gong-Verfolgung zu erklären.
2017 wurde im Vatikan eine Konferenz zum internationalen Organhandel und Transplantationstourismus abgehalten, an der Huang Jiefu teilnahm. Huang erklärte, China habe das Problem 2015 beseitigt. Medizinethiker und Menschenrechtsanwälte kritisierten jedoch mangelnde Transparenz und forderten unabhängige Untersuchungen. Eine Abschlusserklärung verurteilte weltweit die Nutzung von Organen hingerichteter Gefangener und Zahlungen an Spender oder Angehörige.
Auf einer Transplantationskonferenz in Kunming 2017 lobten einzelne internationale Teilnehmer Chinas Reformmodell. Andere kritisierten dies, weil die Vorwürfe des Organraubs nicht unabhängig untersucht worden seien. Huang kündigte außerdem an, innerhalb von fünf Jahren zu 173 lizenzierten Krankenhäusern weitere 300 Transplantationszentren hinzuzufügen.
Wartezeiten und Einordnung
Der Artikel stellt die chinesischen Wartezeiten als außergewöhnlich kurz dar. Für internationale Patienten konnten Operationen im Voraus geplant werden. Der Untersuchungsbericht wertet dies als Hinweis darauf, dass Organe nach Bedarf bereitgestellt wurden und Spender möglicherweise auf Abruf verfügbar waren.
Zum Vergleich werden durchschnittliche Wartezeiten von sechs Monaten bis vier Jahren in Australien, drei bis fünf Jahren in Großbritannien, 4,5 Jahren für Nieren in den Vereinigten Staaten, sechs Jahren in Kanada, vier bis acht Jahren in Deutschland und zwei bis sechs Jahren in Österreich genannt.
Der Artikel verbindet die großen, offiziell widersprüchlich erklärten Transplantationszahlen, die Verwendung von Organen hingerichteter Gefangener, kurze Wartezeiten und Vorwürfe gegen Gewissensgefangene zu einer grundlegenden ethischen und menschenrechtlichen Kontroverse. Als Dokumentarfilm zum Thema wird „State Organs: Unmasking Transplant Abuse in China“ von Raymond Zhang und Cindy Song aus dem Jahr 2024 genannt.