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Neuropsychoanalyse
Neuropsychoanalyse (NPSA) (früher: Neuro-Psychoanalyse) ist eine von Neurowissenschaftlern zur Zeit der Jahrtausendwende etablierte Forschungsdisziplin, …
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Gegenstand und Ziel
Neuropsychoanalyse (NPSA), früher Neuro-Psychoanalyse, ist eine um die Jahrtausendwende etablierte interdisziplinäre Forschungsdisziplin. Sie verbindet Erkenntnisse der Neurowissenschaften mit psychoanalytischen Konzepten. Ihr Ziel ist es, das in der mehr als 100-jährigen Geschichte der Psychoanalyse entwickelte Verständnis der menschlichen Seele und der Entstehung von Denken, Fühlen und Verhalten auf neurobiologische Grundlagen zu beziehen und diese Grundlagen wissenschaftlich zu überprüfen.
Im Mittelpunkt steht damit die Frage, wie psychische Vorgänge im Gehirn verwirklicht sind, ohne die psychoanalytische Perspektive vollständig durch biologische Erklärungen zu ersetzen. Sigmund Freud war bereits früh davon überzeugt, dass psychische Vorgänge eine materielle Grundlage besitzen. Die Neuropsychoanalyse untersucht, ob neurowissenschaftliche Befunde psychoanalytische Annahmen bestätigen, absichern oder widerlegen können. Sie gilt bisher als junge Fachwissenschaft, nicht jedoch als eigenständige medizinische Fachdisziplin.
Verhältnis der Disziplinen
Das Verhältnis zwischen Psychoanalyse und Neurowissenschaft ist umstritten. Befürworter hoffen, dass neurowissenschaftliche Forschung die als unwissenschaftlich kritisierte Psychoanalyse aufwerten kann. Kritiker warnen dagegen vor einer Vorherrschaft naturwissenschaftlicher Erklärungen über geistes- und sozialwissenschaftliche Zugänge sowie vor einer zu starken Betonung biologischer Vererbung gegenüber sozialer Entwicklung und Kultur.
August Ruhs betont, die Psychoanalyse verstehe die Menschwerdung als lebensgeschichtlichen Entwicklungsprozess mit kultureller Prägung. Der Mensch sei gegenüber anderen Lebewesen unausgereift und instinktarm; kulturelle Einflüsse könnten diesen „Mangel an Natur“ ausgleichen. Auch Freud hielt seine Kulturtheorie für besonders bedeutsam. Als Therapie sei die Psychoanalyse eine von mehreren Möglichkeiten, ihre Kulturtheorie unterscheide sie jedoch von anderen Ansätzen.
Ein methodisches Problem besteht darin, psychoanalytische Befunde so zu operationalisieren, dass sie mit der Methodologie der Neurowissenschaften vereinbar sind. Operationalisierung bedeutet, theoretische Begriffe in beobachtbare und messbare Merkmale zu übersetzen. Nach Ansicht von Kritikern kann eine unpassende Operationalisierung zu verzerrten Effekten führen. Mauro Mancia fasste den grundlegenden Unterschied so zusammen: Die Neurowissenschaften folgen vor allem einer Logik des Erklärens, die Psychoanalyse einer Logik des Verstehens.
Befürworter verweisen unter anderem auf empirische Forschung zum Unbewussten. Nach Arbeiten von Heather Berlin gibt es für das Unbewusste keinen einzelnen Ort im Gehirn; vielmehr läuft ein großer Teil der Hirntätigkeit unbewusst ab, wobei viele Netzwerke beteiligt sind. Outcome-Studien, also Untersuchungen von Behandlungsergebnissen, zeigen außerdem, dass sich durch Psychotherapie Anomalien der Hirnfunktion normalisieren können. Zugleich bleibt die Einschränkung bestehen, dass das Subjektive nicht auf das Objektive reduziert werden kann.
Entstehung und wissenschaftliche Etablierung
Die Wurzeln der Neuropsychoanalyse liegen bei Sigmund Freud. In seiner 1920 verfassten Schrift Jenseits des Lustprinzips erklärte Freud, dass die Psychoanalyse wegen der Unsicherheit ihrer Spekulationen auf biologische Wissenschaften angewiesen sei. Er erwartete von der Biologie künftig Antworten, die den gesamten Aufbau psychoanalytischer Hypothesen bestätigen oder verändern könnten.
Obwohl einzelne Forscher früh eine Verbindung von Psychoanalyse und Neurowissenschaften forderten, etablierte sich eine systematische Zusammenarbeit erst ungefähr 20 Jahre nach Eric Kandels Forderung von 1979, die Psychoanalyse müsse sich neurowissenschaftlichen Einsichten stellen, wenn sie in Psychotherapie, Psychiatrie und der Erforschung menschlichen Verhaltens weiterhin eine produktive Rolle spielen wolle.
Eine zentrale Rolle bei der Gründung der modernen Neuropsychoanalyse spielte Mark Solms. 1999 gründete er die zweimal jährlich bei Routledge erscheinende Fachzeitschrift Neuropsychoanalysis und gab neurowissenschaftliche Arbeiten Freuds in englischer Sprache heraus. 2000 war Solms Gründungspräsident der internationalen Fachgesellschaft und verband die Zeitschrift mit ihr als offiziellem Organ. Den Vorsitz übernahm er gemeinsam mit Cristina Alberini.
Die Einordnung der Neuropsychoanalyse bleibt umstritten. August Ruhs bezeichnete sie als „Modeerscheinung“. Stephan Doering sieht sie dagegen aufgrund ihrer eigenen wissenschaftlichen Gemeinschaft, Fachgesellschaft, internationalen Kongresse und Fachzeitschrift als eigenständige translationale wissenschaftliche Disziplin. Translational bedeutet in diesem Zusammenhang die Verbindung verschiedener Forschungsbereiche mit dem Ziel, Erkenntnisse zwischen Grundlagenforschung und Anwendung zu übertragen. Die translationale Medizin ist ebenfalls ein junges Fach; in Deutschland wird sie seit 2018 in Bayern durch zwei Elitestudiengänge an der Universität Würzburg gefördert: Translational Medicine und Translational Neuroscience.
Methoden und Untersuchungsansätze
Die Methoden der Neuropsychoanalyse stammen aus zwei unterschiedlichen Bereichen: den neurowissenschaftlichen Untersuchungsverfahren und den psychoanalytischen Verfahren. In der Psychoanalyse werden je nach Indikation unter anderem analytische Kurztherapie, Fokaltherapie, Gruppenanalyse, ein tiefenpsychologisch fundiertes Verfahren und die analytische Langzeittherapie als Standardverfahren eingesetzt.
Die Neuropsychoanalyse befindet sich weiterhin im Stadium der Grundlagenforschung. Zu ihren frühen Ansätzen gehörte die psychoanalytische Untersuchung und Behandlung von Patienten mit bereits diagnostizierten neurologischen Erkrankungen. Aus den Reaktionen dieser Patienten wurden Rückschlüsse auf Hirnfunktionen gezogen. Ein Beispiel sind die Clinical Studies of Neuro-Psychoanalysis des Ehepaars Solms aus dem Jahr 2000. Die zugrunde liegende Studie hatte 14 Jahre gedauert und untersuchte Patienten mit verschiedenen Hirnläsionen.
Heute gehören elektrophysiologische, neuropsychopharmakologische und neurobildgebende Verfahren zu den bevorzugten Methoden. Elektrophysiologische Verfahren untersuchen elektrische Vorgänge des Nervensystems, neuropsychopharmakologische Verfahren den Zusammenhang zwischen psychischen oder neuronalen Vorgängen und Wirkungen von Arzneimitteln. Neurobildgebende Verfahren machen Strukturen oder Funktionen des Gehirns sichtbar. Eingesetzt werden unter anderem die Magnetresonanztomografie (MRT) und das Elektroenzephalogramm (EEG), beispielsweise in einer Langzeitstudie von Buchheim und anderen.
Forschungsfragen und Organisation
Die Neuropsychoanalyse untersucht ein breites Spektrum: Entwicklungspsychologie, einzelne psychische Funktionen und Psychopathologie, also die wissenschaftliche Untersuchung psychischer Störungen. Außerdem wurden Marker für Persönlichkeitsstörungen gefunden. Diese beruhen auf psychoanalytischen Konzepten der Persönlichkeitsstruktur und wurden in die DSM-5-Klassifikation psychischer Erkrankungen aufgenommen.
Ein wichtiges Forschungsbeispiel ist die Hanse-Neuro-Psychoanalyse-Studie. Sie begann 2007 an der Universität Innsbruck, ihr Forschungsdesign wurde 2008 veröffentlicht, und 2010 wurde sie abgeschlossen. Untersucht wurde, ob die Behandlung chronisch depressiver Patienten durch erfahrene Psychoanalytiker messbare Erfolge zeigt. Die Patienten erhielten eine umfangreiche klinische Diagnostik und anerkannte psychometrische Verfahren, unter anderem die Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik (OPD). Die Behandlung umfasste zwei oder mehr Sitzungen pro Woche.
Weitere Projekte befassten sich mit dem Verhältnis von Freud und den Naturwissenschaften, mit Empathie und mit Schmerz. Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Projekt Neuro-Psychoanalyse und Schmerz lief seit 2014 am Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung und sollte 2019 abgeschlossen werden. Es untersuchte besonders das Spannungsfeld zwischen geistes- und naturwissenschaftlichen Verfahren der Datenerhebung sowie zwischen Deuten und Messen.
Organisatorisch ist die NPSA ein internationales Netzwerk von Non-Profit-Organisationen. Es besteht aus der International Neuropsychoanalysis Society, regionalen und spezialisierten Gruppen sowie dem Dachverband Neuropsychoanalysis Association. Die Fachgesellschaft wurde im Juni 2000 gegründet; ihr Sitz ist London, ihr Zweck die Förderung der Zusammenarbeit von Neurowissenschaften und Psychoanalyse. 2012 wurden Organisationseinheiten in London, New York und Kapstadt förmlich zur Neuropsychoanalysis Association zusammengeführt. Eine Stiftung mit Sitz in New York ermöglichte internationale Forschungsförderprogramme. Seit 2015 organisiert die Association eigene Kongresse und wissenschaftliche Tagungen.