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Netzwerkforschung
Mit Netzwerkforschung beschäftigen sich zahlreiche wissenschaftliche Disziplinen, z. B. Politikwissenschaft, Soziologie, Psychologie und Informatik.
Inhalt5 Abschnitte
Grundidee und Bedeutung
Netzwerkforschung untersucht Zusammenhänge, Beziehungen und Interaktionen zwischen Akteuren oder Objekten. Sie ist interdisziplinär: Unter anderem Politikwissenschaft, Soziologie, Psychologie und Informatik beschäftigen sich damit. Weil diese Fächer unterschiedliche Fragen stellen, unterscheidet die Netzwerkforschung verschiedene Analyse- und Aggregationsebenen.
Akteure können Einzelpersonen, Gruppen oder Organisationen sein. Die Analyseebenen klären, welche Art von Akteur im Mittelpunkt steht: Individuum, Organisation oder Beziehungen zwischen Organisationen. Die Aggregationsebenen klären, wie viele Akteure betrachtet werden: zwei, drei, mehrere oder alle Akteure eines Netzwerks. Die Historische Netzwerkforschung untersucht speziell die Vernetzung und Interaktion historischer Personen.
Informatik und soziale Netzwerke
In der Informatik befasst sich vor allem ein Teil der Graphentheorie mit Netzwerktheorie. Ein Graph ist dabei ein Modell, mit dem Zusammenhänge zwischen untersuchten Objekten dargestellt und analysiert werden. Anwendungen gibt es in vielen Bereichen, etwa Biologie, Wirtschaftswissenschaften und Soziologie. Untersucht werden zum Beispiel logistische Probleme, das World Wide Web, Protein-Protein-Interaktionen und soziale Netzwerke.
In sozialen Netzwerken steht die Frage im Mittelpunkt, welche fördernden Wirkungen soziale Beziehungen haben. Die Netzwerk- und soziale Unterstützungsforschung begann in den 1970er Jahren und entwickelte seitdem eigene Theorien. Sie untersucht empirisch, welche integrativen Funktionen und Schutzfunktionen soziale Netzwerke für Menschen übernehmen. Soziale Unterstützung kann Stressbewältigung fördern und dazu beitragen, Gesundheit und Wohlbefinden zu erhalten und weiterzuentwickeln. Forschungsergebnisse zeigen, dass Menschen Lebensumstände besser bewältigen, wenn sie Zugang zu sozialer Unterstützung haben.
Soziale Netzwerke können wie ein soziales Immunsystem wirken; soziale Unterstützung wird dabei als Stresspuffer beschrieben. Gleichzeitig haben Beziehungssysteme nicht nur fördernde Seiten, sondern auch regulative, kontrollierende und konflikthafte Dimensionen. Ein Ziel der Forschung ist es, soziale Unterstützung dort zu fördern, wo sie nicht entwickelt ist. Daraus sollen neue Interventionsstrategien und -konzepte für klinisch-psychologisches und gemeinde-psychologisches Handeln entstehen, verbunden mit Gesundheitswissenschaften, Sozialer Arbeit und Sozialpädagogik.
Analyseebenen
Die Netzwerkforschung unterscheidet drei Analyseebenen: Mikroebene, Mesoebene und Makroebene.
Auf der Mikroebene steht das Individuum als Akteur innerhalb eines Netzwerks im Mittelpunkt. Untersucht werden einzelne Personen und ihre Beziehungen zu anderen Personen, zum Beispiel innerhalb einer Familie oder in Arbeitsgruppen. In der organisationellen Netzwerkforschung heißt diese Ebene intraorganisationelles Netzwerk.
Auf der Mesoebene, auch organisationelles Netzwerk genannt, werden Organisationen, Unternehmen, Behörden oder Gemeinden betrachtet. Der Fokus liegt auf Gruppen als Akteuren, nicht auf Einzelpersonen. Ein Mesosystem umfasst die Wechselbeziehungen zwischen Lebensbereichen, an denen eine Person aktiv beteiligt ist. Ereignisse in einem oder mehreren Lebensbereichen können beeinflussen, was im Lebensbereich einer sich entwickelnden Person geschieht.
Auf der Makroebene geht es um Beziehungen zwischen Organisationen, also um interorganisationelle Netzwerke. Beispiele sind strategische Allianzen, Weltgesellschaft, Bund-Länder-Beziehungen oder zwischenstaatliche Beziehungen. Zwischen den Ebenen gibt es wechselseitige Beeinflussung: Einflüsse von Individuen und Gruppen auf Organisationen heißen Mikroeinflüsse, Einflüsse von Organisationen auf Individuen heißen Makroeinflüsse.
Aggregationsebenen
Aggregationsebenen beschreiben, ob zwei, mehrere oder alle Akteure eines Netzwerks untersucht werden. Dabei können Akteure Einzelpersonen, Gruppen oder Organisationen sein.
Eine Dyade ist die Beziehung zwischen zwei Akteuren. Sie gilt als Basiseinheit jeder Netzwerkanalyse. Eine Triade betrachtet die Beziehung zwischen drei Akteuren.
Ein egozentrisches Netzwerk umfasst alle Beziehungen aus der Perspektive eines bestimmten Akteurs. Dieser zentrale Akteur heißt Ego. Die anderen Akteure, zu denen Ego Beziehungen hat, heißen Alters.
Bei der Gruppe liegen egozentrische Daten mehrerer Akteure vor. Beim Gesamtnetzwerk sind alle Beziehungen zwischen einem abgegrenzten Satz von Akteuren Untersuchungsgegenstand.
Untersuchungsperspektiven
In der Netzwerkforschung gibt es zwei wissenschaftliche Untersuchungsperspektiven: die strukturelle und die relationelle Perspektive.
Die strukturelle Perspektive betrachtet Muster von Beziehungen. Verhalten, Einstellungen, Überzeugungen und andere Outcome-Variablen werden dabei der Netzwerkform zugeschrieben, also der Position eines Akteurs in seinem eigenen Netzwerk. Strukturelle Informationen erhält man über Fragen, deren Antworten Namen erzeugen, sogenannte name generators. Ein Beispiel ist: „Liste die Personen auf, die du bei deiner Arbeit um Rat fragst.“
Die relationelle Perspektive betrachtet dagegen die Inhalte von Beziehungen, zum Beispiel Freundschaft oder Verwandtschaft. Relationelle Informationen erhält man über Fragen, deren Antworten inhaltliche Erkenntnisse erzeugen, sogenannte name interpreters. Ein Beispiel ist: „Wie oft sprichst du mit den von dir genannten Personen“.