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Netzwerkökonomik
Ähnliches gilt für Netzwerkeffekte in der Produktion. Netzwerkeffekte spielen insbesondere für die Nachfrage nach Telekommunikationsdienstleistungen eine …
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Grundidee und Gegenstand
Netzwerkökonomik, auch Netzökonomie oder Netzwerkökonomie, ist eine interdisziplinäre Wissenschaft, die wirtschaftliche Aspekte von Netzwerken untersucht. Sie verbindet unter anderem Graphentheorie, theoretische Informatik, Betriebswirtschaftslehre, Industriebetriebslehre und Volkswirtschaftslehre. Ihr Gegenstand sind Netze oder Netzwerke: Verbindungen, sogenannte Kanten, zwischen Netzknoten. Diese Verbindungen dienen als Übertragungswege für Energie, Waren, Informationen, Personen oder Nachrichten.
Unterschieden werden Verteilnetze und interaktive Netze. Verteilnetze beliefern Verbraucher, zum Beispiel Stromnetze, Gasnetze, Wassernetze oder Kabelnetze. Andere Netze dienen dem Austausch oder Transport, etwa Straßen-, Schienen- und Wasserstraßennetze. Interaktive Netze, besonders Telekommunikationsnetze, ermöglichen den Austausch von Nachrichten. Auch Transport- und Kommunikationsnetzwerke gehören dazu.
Die Digitalisierung hat die Bedeutung der Netzwerkökonomik verstärkt, weil Akteure, Objekte und Infrastrukturen zunehmend global vernetzt sind. Zu den Kernthemen gehören Netzwerkeffekte auf die Nachfrage, Kompatibilität und Standardisierung, technologischer Fortschritt in vernetzten Industrien, zweiseitige Märkte, Informationsnetzwerke, geistiges Eigentum und soziale Netzwerke. Abzugrenzen ist die Netzwerkökonomik von der Netzwerkökonomie als Wirtschaftsstruktur, in der Netzwerke das Hauptmerkmal sind, und von der Informationsökonomik, die den Einfluss von Informationen oder Informationsmangel auf wirtschaftliche Prozesse untersucht.
Entwicklung und Untersuchungsgebiete
Die Netzwerkökonomik hat eine längere Tradition innerhalb der Volkswirtschaftslehre, wurde aber erst in den 1990er Jahren stärker zu einer eigenständigen akademischen Disziplin. Ihre Entwicklung hängt eng mit neuen Technologien, netzwerkbasierten Produkten und Netzwerkdienstleistungen zusammen, zum Beispiel Mobile-Banking. Wann ihr Beginn angesetzt wird, hängt davon ab, ob man auch Verkehrsnetze einbezieht oder den Begriff enger auf Telekommunikationsnetze oder digitale Netzwerke beschränkt.
Wichtige Bezugspunkte sind Fritz Machlup, der 1962 den Begriff der Informationsökonomie einführte, Kevin Kelly, der 1998 neue ökonomische Fragestellungen durch Vernetzung in der Informationstechnik beschrieb, und der Begriff der Internet-Ökonomie, der 1999 für eine Wirtschaft auf Grundlage digitaler Netze verwendet wurde. Adelheid von Saldern unterschied historisch Familien- und Verwandtennetzwerke, lokale und regionale Governance-Netzwerke sowie regionale und überregionale Branchennetzwerke.
Untersuchungsgebiete sind insbesondere Netzwerk-Märkte, Personen-, Güter- und Nachrichtenverkehr, Preisstrategien und Marktregulierung. Netzwerk-Märkte sind Märkte, auf denen Wirtschaftsobjekte mithilfe eines Netzwerks getauscht oder transportiert werden, etwa Energiemärkte für Gas- oder Stromnetze. Im Verkehr untersucht die Netzwerkökonomik zum Beispiel Absatzketten, Lieferketten und Transportketten. Außerdem betrachtet sie Netzwerkeffekte und Feedback-Effekte, also selbst verstärkende Rückwirkungen innerhalb eines Systems.
Netzwerkeffekte und Nachfrage
Ein Netzwerkeffekt liegt vor, wenn der Nutzen eines Gutes oder Netzes davon abhängt, wie viele andere es nutzen. Positive Netzwerkeffekte bedeuten: Der Nutzen eines Konsumenten steigt, je mehr Konsumenten dieselbe oder eine kompatible Marke verwenden. Negative Netzwerkeffekte bedeuten: Der Nutzen sinkt mit steigender Nutzerzahl. Ähnliche Effekte gibt es auch in der Produktion.
Besonders wichtig sind Netzwerkeffekte bei Telekommunikationsdiensten. Der Anreiz, einem Netz beizutreten, steigt mit der Zahl möglicher Gesprächspartner, die dieselbe Entscheidung treffen. Ökonomisch kann das zu mehreren Konsumentengleichgewichten und zu Koordinationsproblemen führen. Die Netzwerkeffekt-Hypothese wurde in verschiedenen Zusammenhängen empirisch geprüft, unter anderem durch Gandal, Economides und Himmelberg sowie Brynjolfsson und Kemerer.
Direkte Netzwerkeffekte entstehen, wenn der Nutzen eines Kunden unmittelbar mit der Zahl der Netzwerkmitglieder wächst. Beispiele sind Internet mit E-Mailverkehr, Mobilfunknetz und Telefonnetz. Bei WhatsApp hätte ein einziges Mitglied keinen Nutzen, weil es keine Kontakte erreichen könnte. Indirekte Netzwerkeffekte entstehen, wenn mehr Nutzer die Entstehung von Komplementärgütern fördern oder Lerneffekte und selbsterfüllende Prophezeiungen auslösen. Komplementärgüter sind ergänzende Güter, die gemeinsam mit einem anderen Gut nützlich sind.
Indirekte Effekte können mit Lock-in-Effekten verbunden sein: Ein Wechsel zu einem anderen System verursacht hohe Wechselkosten. Als Beispiel nennt der Artikel Apple, wo wegen des Betriebssystems auch passende Anwendungen erworben werden müssen. Weil der Nutzen bei den Benutzern entsteht, handelt es sich zugleich um nachfrageseitige Skaleneffekte. Das Metcalfesche Gesetz besagt, dass der Nutzwert eines Netzwerks ungefähr im Quadrat zur Zahl möglicher Verbindungen beziehungsweise Teilnehmer wächst, während die Kosten nur linear mit der Teilnehmerzahl steigen. Ab einer kritischen Masse, dem Tipping-Point, übersteigt der Nutzen die Kosten.
Kompatibilität, Standards und Innovation
Kompatibilität bedeutet, dass konkurrierende Marken über einen gemeinsamen Standard betrieben werden können. Für die Analyse von Kompatibilität und ihrem Einfluss auf den Konsumentennutzen gibt es drei Ansätze: den Netzwerkexternalitäten-Ansatz, den Komponenten-Ansatz und den Software-Ansatz. Netzwerkexternalitäten sind Wirkungen einer Nutzung auf andere, die nicht vollständig im Preis enthalten sind.
Die Netzwerkökonomik untersucht, wie kompatible oder inkompatible Produkte unter Netzwerkeffekten funktionieren. Bei inkompatiblen Produkten kann das Unternehmen mit der größeren Nutzerbasis einen höheren Preis verlangen und höhere Gewinne erzielen. Die Unterschiede bei Gleichgewichtspreisen und Gewinnen nehmen zu, wenn Konsumenten größere Netzwerke stärker bevorzugen. Gleichzeitig kann stärkerer Preiswettbewerb entstehen, weil Unternehmen ihre Preise senken, um ihr Kundennetzwerk zu vergrößern.
Beim technologischen Fortschritt fragt die Netzwerkökonomik, ob eine neue Technologie von Konsumenten oder Industrie angenommen wird, obwohl schon viele die alte Technologie nutzen. Dabei geht es um die Stärke technologischer Netzwerkeffekte. Behandelt werden unter anderem spieltheoretische Modelle strategischen Technologiewandels, der Zeitpunkt eines technologischen Übergangs, Standardisierung, Sponsorisierung neuer Technologien und internationale Standardisierung. Besonders wichtig ist der Fall, dass eine verbesserte Technologie mit einer älteren Technologie inkompatibel ist. Außerdem gibt es Versuche, Schumpeters Innovationstheorie netzwerkökonomisch zu deuten, weil technologischer Fortschritt in Unternehmen dort eine Schlüsselrolle spielt.
Märkte, Informationen und soziale Netzwerke
Zweiseitige Märkte verbinden zwei Märkte für Komplementärgüter. Ihre Theorie analysiert Nachfrage- und Angebotsüberschüsse zwischen diesen Märkten und beschreibt selbst verstärkende Netzwerkeffekte. Solche Effekte wurden empirisch unter anderem für die Gelben Seiten, Werbung in Magazinen und Kreditkartenverbünde nachgewiesen. Rysman (2009) weist jedoch darauf hin, dass die Literatur zu zweiseitigen Märkten mit ihrem Fokus auf Preisstrukturen thematisch von der Literatur zu Netzwerkeffekten getrennt ist.
Auch die Verbreitung von Informationen kann als Netzwerk verstanden werden. Dabei sind die Eigenschaften der Informationen und die verwendete Technologie wichtig. Bei der Vervielfältigung von Informationen spielt die Technologie eine noch größere Rolle, weil verschiedene Kopiertechnologien unterschiedliche Kopienqualität erzeugen können. Das kann die Preisstruktur von Informationen beeinflussen. Anwendungsgebiete sind der neutrale bis positive Einfluss von Bibliotheken auf Gewinne von Buchhandlungen und Verlagen sowie neutrale bis positive wirtschaftliche Folgen von Kopieren und Software-Raubkopien und die Wirksamkeit verschiedener Schutzmethoden.
Die Ökonomik sozialer Netzwerke liegt an der Schnittstelle von Ökonomie und Soziologie. Sie wird mit den Begriffen Konformität, Eitelkeit und Snobismus beschrieben. Konformität gegenüber sozialen Konventionen kann soziale und wirtschaftliche Verhaltensweisen, soziale Standards und Tauschverhalten beim Schenken erklären. Harvey Leibenstein nennt drei externe Effekte: Mitläufereffekt und Herdenverhalten, Nonkonformität und Snobeffekt sowie Veblens Geltungskonsum, den Veblen-Effekt. Herdenverhalten beschreibt, wie Individuen ohne bestimmte Führung gemeinsam in einer Gruppe handeln. Ökonomisch kann es als Gleichgewicht verstanden werden, in dem jeder Entscheidungsträger seinem eigenen Signal oder vorherigen Entscheidungen folgt. Snobismus bedeutet, dass der Nutzen eines Konsumenten sinkt, je mehr andere Konsumenten dasselbe Produkt kaufen.
Straßennetz, Marktversagen und Kritik
Am Straßennetz zeigt der Artikel, wie Netzwerkökonomik auf Verkehrsnetze angewendet wird. Das Straßennetz ist für Verkehrsteilnehmer ohne besonderen Netzzugang nutzbar. Niemand wird ausgeschlossen, und grundsätzlich können mehrere Personen es gleichzeitig nutzen. Deshalb gehören Verkehrsnetze zu den öffentlichen Gütern. Im Regelfall ist die Nutzung kostenlos; Maut ist eine Ausnahme und schwer zu überwachen.
Je mehr Verkehrsteilnehmer unterwegs sind, desto größer wird die Gefahr von Netzstörungen durch Staus. Staus können durch Unfälle oder Hauptverkehrszeiten entstehen. Netzwerkökonomisch sind sie negative externe Effekte, weil sie Nutzungskosten oder Staukosten verursachen. Ab einer kritischen Netzlast behindern sich Verkehrsteilnehmer gegenseitig, und die Grenzkosten der Nutzung steigen von fast „Null“ auf deutlich positive Werte. Sichtbar wird das durch Verspätungen. In der deutschen Verkehrsökonomie wird allerdings überwiegend bestritten, dass Staukosten externe Kosten sind, weil Verursacher und Betroffene des Staus oft dieselben sind. Der Artikel nennt dennoch Gründe für externe Kosten: zusätzliche Umweltbelastung, Belastung der Gesamtbevölkerung und Folgen von Verspätungen außerhalb des Straßennetzes. Marktversagen entsteht, weil solche externen Kosten bei Entscheidungen der Marktteilnehmer nicht berücksichtigt werden. Eine Lösung besteht darin, externe Kosten dem physischen Verursacher anzulasten, etwa Unfallkosten dem Unfallverursacher.
Die Beseitigung von Engpässen in Verkehrsnetzen ist sinnvoll, wenn ein Investitionsplan künftigen Nutzen und Kosten ausreichend korrekt abbildet. Stauverspätungen können als Dominoeffekt andere Netzwerke wie Lieferketten und Transportketten stören und bis zu Betriebsunterbrechungen führen, besonders bei Just-in-time-Produktion.
Kritik an der Netzwerkökonomik betrifft vor allem vernachlässigte Probleme der Netzwerkbildung. Teilnahme an Netzwerken kann freiwillig oder quasi erzwungen sein. Der Wunsch vieler Entrepreneure nach Unabhängigkeit passt nicht immer zu Druck oder faktischem Zwang, einem Netzwerk beizutreten. Druck kann von Verbänden, Kammern, Banken, Auftraggebern oder Wirtschaftsförderern ausgehen. Außerdem gibt es keine eindeutige empirische Evidenz dafür, ob starke oder schwache Beziehungen in Netzwerken überlegen sind. Die Unterscheidung strong ties und weak ties ist seit Mark Granovetter wichtig, aber schwer zu messen. Kosten und Risiken der Netzwerkarbeit werden laut Kritik eher unterschätzt; genannt wird eine Studie zu türkischstämmigen Unternehmern in London, die auf Risiken durch Kopie von Geschäftskonzepten verweist.