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Nachrichtenwert

In der Nachrichtenforschung stehen meist Politik-Nachrichten im Zentrum, deren Verbreitung die jeweiligen nationalen Politiker interessiert. In den …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff, Bedeutung und Untersuchungsweise
  2. 2. Grundlegende Nachrichtenfaktoren
  3. 3. Journalistische Zuschreibung nach Schulz
  4. 4. Neuere Ansätze und Digitalisierung
  5. 5. Internationaler Nachrichtenfluss

Begriff, Bedeutung und Untersuchungsweise

Der Nachrichtenwert bezeichnet Kriterien, nach denen etwas als berichtenswert gilt. Dazu gehört stets der Aufmerksamkeitswert, also die Fähigkeit einer Nachricht, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Was berichtenswert erscheint, hängt jedoch von den Journalisten, dem Medium, dem Publikum sowie von Umfang und Aufmachung der Berichterstattung ab. Deshalb gelten etwa in Frauenzeitschriften, Sportmedien, der Prominentenberichterstattung und der politischen Berichterstattung unterschiedliche Maßstäbe.

Die Nachrichtenwert-Theorie untersucht die Auswahl von Nachrichten. Inhaltsanalysen erfassen Merkmale bereits berichteter Ereignisse, die sogenannten Nachrichtenfaktoren. Umfang, Platzierung und Aufmachung eines Beitrags dienen als Indikatoren für den zugeschriebenen Nachrichtenwert. Aus dem statistischen Zusammenhang zwischen Nachrichtenfaktoren und Nachrichtenwerten sollen journalistische Auswahlkriterien erschlossen und zukünftige Auswahlentscheidungen vorhergesagt werden.

Ein Grundproblem besteht darin, dass Ereignismerkmale und journalistische Selektionskriterien lange vermischt wurden. Untersucht wird gewöhnlich nur das Ergebnis, der Medieninhalt. Im Kausal-Modell erscheint journalistisches Handeln dadurch als bloße Reaktion auf Ereignismerkmale. Joachim Friedrich Staab folgerte 1990, die Theorie beschreibe möglicherweise eher Strukturen der Medienrealität, als dass sie die Nachrichtenauswahl erkläre. Hans Mathias Kepplinger forderte 1998 daher eine stärkere Trennung der beiden Komponenten. Da sich Auswahlkriterien nicht allein am Medieninhalt erkennen lassen, sollen sie durch Korrelation und Regression zwischen Nachrichtenfaktoren und Nachrichtenwerten erschlossen werden. Die daraus gebildeten Indizes der „Nachrichtenwerte der Nachrichtenfaktoren“ können nach Kepplinger (2000) zur Prognose späterer Auswahlentscheidungen dienen.

Grundlegende Nachrichtenfaktoren

Walter Lippmann legte 1922 die erste Studie zum Nachrichtenwert vor und prägte den Ausdruck „news value“. Er nannte zehn Elemente: Überraschung, Sensationalismus, Etablierung, Dauer, Struktur, Relevanz, Schaden, Nutzen, Prominenz und Nähe. Warren ergänzte beziehungsweise ordnete 1934 ähnliche Eigenschaften: Neuigkeit, Nähe, Tragweite, Prominenz, Dramatik, Kuriosität, Konflikt, Sex, Gefühle und Fortschritt.

Einar Östgaard beschränkte seinen Katalog 1965 zunächst auf Vereinfachung, Identifikation, Sensationalismus und Schwellenwert. Johan Galtung und Mari Holmboe Ruge formulierten ebenfalls 1965 zwölf Nachrichtenfaktoren. Acht davon verstanden sie als kulturunabhängig:

• Frequenz: Ein Ereignis wird eher zur Nachricht, wenn sein zeitlicher Ablauf zur Erscheinungsperiodik des Mediums passt. • Schwellenfaktor: Ein Ereignis muss eine bestimmte Auffälligkeit überschreiten, um registriert zu werden. • Eindeutigkeit: Überschaubare und klar deutbare Ereignisse werden eher ausgewählt. • Bedeutsamkeit: Große Tragweite, Relevanz oder persönliche Betroffenheit erhöhen den Nachrichtenwert. • Konsonanz: Ein Ereignis wird eher zur Nachricht, wenn es vorhandenen Vorstellungen und Erwartungen entspricht. • Überraschung: Überraschendes hat besonders gute Chancen, sofern es innerhalb eines erwartbaren Rahmens überrascht. • Kontinuität: Was bereits als Nachricht gilt, wird wahrscheinlich weiterhin beachtet. • Variation: Ein Ereignis wird leichter berücksichtigt, wenn es das gesamte Nachrichtenbild ausbalanciert oder abwechslungsreicher macht.

Vier weitere Faktoren galten als kulturabhängig:

• Bezug zu Elite-Nationen und Elite-Personen erhöht den Nachrichtenwert überproportional. • Personalisierung bedeutet, dass ein Ereignis eher ausgewählt wird, wenn es sich als Handeln oder Schicksal einzelner Personen darstellen lässt. • Negativität erhöht die Beachtung, wenn ein Ereignis mit Konflikt, Kontroverse, Aggression, Zerstörung oder Tod verbunden ist.

Nach Galtung und Ruge wirken die Faktoren additiv und komplementär: Je mehr Faktoren zutreffen, desto publikationswürdiger ist ein Ereignis; zugleich kann ein Faktor das Fehlen eines anderen ausgleichen. Kritisiert wurde, dass die Forschung angeblich Ereignismerkmale misst, tatsächlich aber Medieninhalte untersucht. Zudem sind die Faktoren theoretisch nicht immer überzeugend hergeleitet und teilweise nicht unabhängig voneinander, was ihre Messbarkeit erschwert.

Journalistische Zuschreibung nach Schulz

Winfried Schulz verband die Nachrichtenwert-Theorie 1976 mit einer konstruktivistischen Sichtweise. Er erweiterte die Zahl der Nachrichtenfaktoren auf 18, ordnete sie sechs Dimensionen zu und führte vierstufige Skalen ein, die ein quasi-metrisches Skalenniveau ermöglichten.

Entscheidend war seine Auffassung der Nachrichtenfaktoren als „journalistische Hypothesen von Realität“. Ereignisse werden demnach nicht wegen feststehender Eigenschaften automatisch veröffentlicht. Journalisten und Redakteure schreiben ihnen vielmehr publikationswürdige Eigenschaften zu und verleihen ihnen durch die Auswahl Nachrichtenwert. Auch die redaktionelle Linie, Verleger und die werbetreibende Wirtschaft beeinflussen, ob ein Ereignis zu einem bestimmten Zeitpunkt als passend und interessant gilt. Ein unveröffentlichtes Ereignis behält seine Merkmale und könnte zu einem anderen Zeitpunkt dennoch ausgewählt werden.

Schulz unterschied die sechs Dimensionen Zeit, Nähe, Status, Dynamik, Valenz und Identifikation. Dazu gehören unter anderem Dauer und Thematisierung; räumliche, politische und kulturelle Nähe sowie Relevanz; regionale und nationale Zentralität, persönlicher Einfluss und Prominenz; Überraschung und Struktur; Konflikt, Kriminalität, Schaden und Erfolg; schließlich Personalisierung und Ethnozentrismus. Ethnozentrismus bezeichnet dabei, in welchem Maß ein Ereignis die Bevölkerung des Landes betrifft, in dem das Medium erscheint.

Neuere Ansätze und Digitalisierung

Neuere Ansätze schreiben Journalisten eine größere, instrumentelle Rolle bei der Konstruktion von Nachrichten zu. Im Finalmodell können Nachrichtenfaktoren dazu dienen, Auswahlentscheidungen nachträglich zu legitimieren: Ereignismerkmale werden entweder ausdrücklich überhöht oder gezielt ausgewählt. Eine funktionale Nachrichtenwert-Theorie muss diese aktive Verwendung der Faktoren berücksichtigen.

Auch die Rezipienten, also Leser, Hörer und Zuschauer, rücken in den Mittelpunkt. Nach Christiane Eilders liefern Nachrichtenfaktoren bei der Rezeption Schemata der Relevanz. Sie beeinflussen damit, welchen Meldungen Menschen Aufmerksamkeit schenken und wie sie deren Informationen verarbeiten.

Für den praktischen Journalismus besitzt ein Ereignis Nachrichtenwert, wenn es sowohl Neuigkeitswert als auch Informationswert hat. Beim Informationswert werden drei Formen unterschieden: Wissens- und Orientierungswert, Gebrauchswert sowie Unterhaltungs- und Gesprächswert. Ereignisse mit Neuigkeits- und Informationswert gelten als aktuell. Fehlt der erforderliche Wert, können Nachrichtenagenturen eine angekündigte Meldung später mit dem Hinweis zurückziehen, sie entfalle „mangels Nachrichtenwert“.

Durch digitale soziale Medien können nicht mehr nur Verleger und professionelle Journalisten, sondern auch frühere Nachrichtenadressaten Inhalte selbst zur Nachricht machen. Als wissenswert gelten dabei besonders Nachrichten, die an vorhandenes Wissen anknüpfen und zugleich wichtiges Neues bieten. Unterhaltsam wirken Meldungen vor allem, wenn sie als Konflikte zwischen Personen darstellbar sind und Emotionen auslösen. Dadurch verschieben sich die Kriterien des Nachrichtenwerts.

Für die digitale Nachrichtenproduktion sind außerdem drei Gesichtspunkte wichtig: Suchmaschinenoptimierung soll Online-Inhalte möglichst gut auffindbar machen. Die Social-Media-Performance zeigt sich unter anderem an Likes, Shares und Kommentaren und kann die Nutzung eines Artikels fördern. Beim Finanzierungskonzept wird grob zwischen kostenlosen und kostenpflichtigen Inhalten unterschieden. Kostenlose Angebote werden verstärkt auf möglichst viel Traffic durch Suchmaschinenoptimierung ausgerichtet; kostenpflichtige Inhalte werden eher als wertvoll und ressourcenaufwendig gestaltet.

Internationaler Nachrichtenfluss

Ein besonderer Forschungsbereich untersucht den internationalen Nachrichtenfluss: Aus welchen Ländern werden welche Ereignisse in nationalen Medien gemeldet? Galtung und Ruge betonten, dass Medien bei internationalen Ereignissen häufig die einzige Informationsquelle des Publikums sind. Deshalb ist bedeutsam, welche Länder und Geschehnisse ausgewählt oder übergangen werden.

Vor allem zwischen 1975 und 1985 wurde diskutiert, ob der Nachrichtenfluss verzerrt ist und dadurch Ungleichgewichte im internationalen Machtgefüge verstärkt. Seit den späten 1990er Jahren erhielt die Frage im Zusammenhang mit der vermeintlichen Globalisierung der Medien erneut Aufmerksamkeit. Neueste Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass der Status eines Landes entgegen zwischenzeitlichen Annahmen nicht die entscheidende Rolle für die Auslandsberichterstattung spielt. Größere Bedeutung besitzt vielmehr das jeweilige Ereignis selbst.

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