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Musikvideo
Ein Musikvideo ist ein Kurzfilm, der ein Musikstück eines zeitgenössischen Künstlers filmisch umsetzt, meist mit dem Zweck, einen Auftritt des Künstlers im …
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Definition, Zweck und Gestaltung
Ein Musikvideo ist ein Kurzfilm, der ein Musikstück eines zeitgenössischen Künstlers filmisch umsetzt. Ursprünglich ersetzte es vor allem einen persönlichen Fernsehauftritt des Künstlers. Heute dient es meist dazu, ein Musikstück und den dazugehörigen Künstler bekannt zu machen und den Verkauf beziehungsweise die Nutzung der Musik zu fördern.
Musikvideos werden gewöhnlich von einer Plattenfirma, dem sogenannten Label, in Auftrag gegeben und von spezialisierten Filmproduktionsgesellschaften hergestellt. Meist sind sie genau so lang wie das Musikstück und verwenden dieses als einzige Tonquelle. Häufig zeigen sie den Künstler bei einer inszenierten Darbietung. Auch bei Instrumentalstücken treten die Musiker oft selbst auf, weil das Video zugleich ihr Image und ihren Bekanntheitsgrad fördern soll.
Musikvideos können jedoch über eine bloße Darstellung der Musiker hinausgehen. In manchen Produktionen bilden Musik und Bilder gleichwertige Bestandteile eines Gesamtkunstwerks, ähnlich wie in Oper, Operette oder Musical. Andere funktionieren als eigenständige Kurzfilme: Ihre Handlung muss keinen direkten Bezug zur Musik haben, dauert aber mindestens so lange wie das Stück. Beispiele sind I Wish It Would Rain Down von Phil Collins, Tonight, Tonight von The Smashing Pumpkins und All I Want Is You von U2. Auch solche Videos sind offizielle, von einer Plattenfirma zur Verkaufsförderung beauftragte Produktionen.
Frühe Vorformen
Die Vorformen des Musikvideos reichen bis 1890 zurück. In amerikanischen Theatern wurden damals illustrierte Lieder, sogenannte Sound Slides, gezeigt. Handkolorierte Bilder auf Glasplatten wurden auf eine Leinwand projiziert, während Sänger live auftraten. Die Musikindustrie nutzte diese Aufführungen bereits zur Vermarktung von Liedern.
Weitere technische Entwicklungsschritte waren:
- 1900 wurde auf der Pariser Weltausstellung durch Phono-Cinéma-Théâtre mit einer Verbindung von Ton, Film und Theater experimentiert.
- Das 1906 erfundene Chronophon synchronisierte Film und Ton mithilfe einer Walze, später einer Platte.
- Mit Vitaphone konnten ab 1924 Bild und Ton erstmals gleichzeitig aufgezeichnet werden.
- George Pal produzierte 1938 gemeinsam mit Ambrose & his Orchestra technisch und gestalterisch moderne animierte Werbefilme.
Von 1941 bis 1947 entstanden in den USA zahlreiche Soundies, die vielfach als erste Musikvideoclips gelten. Diese kurzen Musikfilme konnten in Restaurants und Bars nach Geldeinwurf auf etwa zwei Tonnen schweren Panoram-Geräten angesehen werden. Sie zeigten Musikaufführungen aus Bereichen wie irischer Folklore, Country und Jazz, später aber auch humoristische Szenen oder patriotische Aussagen. Aufgrund solcher kleinen Handlungen gelten sie als frühe erzählende Musikclips.
Ende der 1950er Jahre verbreiteten sich in französischen Cafés und Bars die Scopitones, jukeboxartige Geräte zur Wiedergabe von Musik und Film. Ähnliche Systeme hießen in Italien Cinebox und in den USA Color-Sonic. In den 1960er Jahren traten zwar zunehmend Schlagerstars im Fernsehen auf, doch das Radio blieb zunächst das wichtigste Medium in den meisten Haushalten.
Entstehung des klassischen Musikvideos
Welches Werk das erste Musikvideo im klassischen Sinn war, lässt sich nicht eindeutig bestimmen. Kurze Werbefilme, Aufzeichnungen von Live-Auftritten und ausdrücklich als Musikvideo gestaltete Filme können nicht klar voneinander getrennt werden.
Zu den frühen Beispielen gehört ein Schwarz-Weiß-Video zum Instrumentalstück Apache von The Shadows aus dem Jahr 1960. Ab Mitte der 1960er Jahre verbanden sich Musikfilme zunehmend mit experimenteller Musik, Medienkunst und anderen Kunstströmungen. Nico drehte 1965 zu I'm not sayin' einen Schwarz-Weiß-Kurzfilm auf den Straßen Londons und am Themse-Ufer. Als weitere Kandidaten gelten I Got You Babe von Sonny & Cher und Bob Dylans Subterranean Homesick Blues, beide ebenfalls von 1965.
Die Beatles drehten 1966 und 1967 Kurzfilme zu Paperback Writer, Rain, Strawberry Fields Forever und Penny Lane. Darin trat das bloße Zeigen der Musiker an ihren Instrumenten zugunsten schauspielerischer Inhalte zurück. Auch der 1966 veröffentlichte Promo-Film der Kinks zu Dead End Street inszenierte den Liedtext, statt hauptsächlich die Musiker beim Spielen zu zeigen.
Häufig wird Queens Video zu Bohemian Rhapsody als erstes Musikvideo bezeichnet. Es wurde am 10. November 1975 innerhalb von vier Stunden gedreht und in fünf weiteren Stunden zusammengestellt. Das Video nutzte charakteristische Gestaltungsmittel wie die Heroisierung der Musiker, unterschiedliche Schnittgeschwindigkeiten für verschiedene Abschnitte des Stücks sowie Ein- und Ausblendungen. Obwohl frühere Beispiele existieren, gilt es in der Fachwelt als erstes Popvideo, das den Erfolg einer Single deutlich begleitete, und damit als Beginn der Musikvideo-Ära.
ABBA produzierte seit dem internationalen Durchbruch 1974 Videos, um besonders in weit entfernten Ländern zu werben. Das Video zu Mamma Mia löste 1975 in Australien und Neuseeland eine lang anhaltende Begeisterung aus. Von Ende der 1970er bis Mitte der 1980er Jahre folgte eine kreative Blüte. Neue Stilrichtungen wie Punk, New Wave und Elektropop nutzten das Format, während die Musikindustrie mit Videos sinkenden Plattenverkäufen entgegenwirken wollte. Bedeutende Beispiele waren Michael Jacksons 15-minütige Originalfassung von Thriller aus dem Jahr 1983, The Wild Boys von Duran Duran mit Produktionskosten von mehr als einer Million US-Dollar und Take On Me von a-ha aus dem Jahr 1985.
Musikfernsehen und technische Entwicklung
In den 1980er Jahren steigerten reine Musiksender wie MTV die Bedeutung des Musikvideos erheblich. Das erste bei der US-Eröffnung von MTV ausgestrahlte Video war Video Killed the Radio Star von The Buggles. Madonna und Michael Jackson gehörten zu den wichtigsten Stars dieses neuen Musikfernsehens. Ein erfolgreiches Video konnte einen Platz in den amerikanischen Musik-Charts fördern. Inhaltlich reichten Videos von Konsumverherrlichung bis zu Gegenkultur und politischer Kritik; die Hip-Hop-Kultur verwendete sie beispielsweise als Sprachrohr gegen soziale Missstände.
MTV Europe begann 1987 mit Money for Nothing von Dire Straits und konnte bis zu 340 Millionen europäische Haushalte erreichen. Im selben Jahr wurden erstmals die MTV Video Music Awards, kurz VMAs, vergeben. In Deutschland startete 1983 mit Formel Eins die erste weitgehend auf Videoclips beruhende Musiksendung. Musicbox und Music Box folgten 1984, waren aber hauptsächlich über das damals wenig verbreitete Kabel- und Satellitenfernsehen erreichbar.
Gegen Ende der 1980er Jahre geriet das Format in eine Krise. Sender reduzierten ihre Clip-Sendungen, Labels kürzten die Budgets, und aufwendige Produktionen wurden seltener. Typisch waren nun kostengünstige Aufnahmen aus einer festen Frontalperspektive oder mit Blue-Box-Technik, bei der Hintergründe nachträglich eingesetzt werden.
Zu Beginn der 1990er Jahre erlebte das Musikvideo eine Wiederbelebung. MTV Europe verbreitete sich stärker, Ende 1993 begann der deutschsprachige Sender VIVA. VIVA und die WDR-Sendung Hit Clip unterstützten gezielt einheimische Künstler und förderten dadurch eine deutsche Videoclip-Szene. Neue Musikrichtungen wie Grunge, Techno und House kamen hinzu. MTV Unplugged zeigte Musiker in kleiner, wohnzimmerähnlicher Umgebung mit akustischen Instrumenten.
Die digitale Bild- und Videobearbeitung ermöglichte aufwendige Effekte, die zuvor vor allem Hollywood-Filmen vorbehalten waren. Ein frühes Beispiel ist das Morphing in Michael Jacksons Black or White von 1991, bei dem Bilder fließend ineinander umgewandelt werden. Musiker konnten mit professioneller Software zunehmend selbst Videos produzieren. Das 1998 mit VJamm hergestellte Timber von Coldcut & Hexstatic wurde mehrfach neu gemischt und kam als erstes Musikvideo dieser Art ins Guinness-Buch der Rekorde. In den 1990er Jahren wurden Musikvideos zu einem zentralen Mittel für Single-Verkäufe, Imageaufbau und Künstlervermarktung.
Internetzeitalter und Verbreitung
Seit 2002 führte die Krise der Musikindustrie in Deutschland zu stark sinkenden Musikvideobudgets. Statt auf meist 16-mm-Film wurde zunehmend auf kostengünstigerem HD-Video gedreht. Sinkende Single-Verkäufe, niedrigere Budgets, weniger attraktive Videos und ein rückläufiger Musikanteil bei den Sendern verstärkten sich gegenseitig. Nur wenige der zuvor ungefähr fünfzehn eigenständigen deutschen Musikvideoproduktionsfirmen überstanden diesen Einbruch.
Auch die Musiksender veränderten sich. VIVA Zwei und VH-1 Deutschland wurden eingestellt. MTV verschob Musikvideos in vielen Landesversionen in die frühen Morgenstunden und strich sie in der britischen und US-amerikanischen Version ganz. 2010/11 verschwand weltweit der Zusatz „Music Television“ aus dem MTV-Logo; seit 2011 war MTV in Deutschland nicht mehr frei empfangbar.
In den 1990er Jahren fehlten dem Internet noch leistungsfähige Videokompression, geeignete Portale und ausreichend schnelle, bezahlbare Anschlüsse. Seit Mitte der 2000er Jahre änderte sich dies durch Breitbandanschlüsse und Flatrates. Die 2005 gegründete und später von Google übernommene Plattform YouTube machte das Internet zu einer echten Alternative zum Fernsehen.
Anders als das feste Broadcast-Programm des Fernsehens bietet das Internet Video-on-Demand: Nutzer wählen selbst aus, was und wann sie sehen möchten. Musikvideos werden heute vor allem über Social-Video-Portale wie YouTube und Dailymotion verbreitet, teilweise allerdings durch private Uploads unter Missachtung des Urheberrechts. Interaktive Online-Musikvideokanäle verbinden einen fortlaufenden Clip-Strom mit Playlists, in die Nutzer eingreifen können.
Das Internet erlaubt Produzenten, Videos ohne Auswahl durch einen Fernsehsender direkt hochzuladen. Abrufzahlen und Kommentare liefern unmittelbares Feedback. Auch Nischenproduktionen können über den sogenannten Long Tail ihr spezielles Publikum erreichen, ohne für ein Massenpublikum geeignet sein zu müssen. Dadurch sind weltweite Erfolge möglich: Psys Gangnam Style von 2012 war das erste YouTube-Musikvideo mit mehr als einer Milliarde Aufrufen. Trotz neuer Formen übernimmt das Internet vor allem die frühere Aufgabe des Musikfernsehens als weitgehend kostenlose Abspielstation für den klassischen linearen, ungefähr dreieinhalb Minuten langen Clip.
Wirtschaftliches System und Auszeichnungen
Für die Entwicklung von Musikvideos waren drei wirtschaftliche Voraussetzungen entscheidend: das Vermarktungsinteresse der Musikindustrie, ein auf Videos ausgerichtetes Senderumfeld und die Mitwirkung der Filmindustrie.
Musikvideos sind gewöhnlich keine selbstständigen Verkaufsprodukte, sondern Marketinginstrumente. Sie sollen in erster Linie eine Single bewerben, außerdem das Image des Künstlers aufbauen und den Verkauf des Albums fördern. Das Label finanziert die Produktion zunächst, kann die Kosten je nach Vertrag aber teilweise über den Anteil des Künstlers an den Verkaufserlösen zurückholen. Weil Labels häufig nur kleine Budgets anbieten und selbst nicht über die nötige Filmkompetenz verfügen, erhalten Produktionsfirmen und Regisseure teilweise große gestalterische Freiheiten. Dadurch können trotz des Werbezwecks eigenständige Gesamtkunstwerke entstehen.
Das klassische System benötigt kostenlose Abspielmöglichkeiten. Würden Labels für die Ausstrahlung dieselben Gebühren wie für Werbespots zahlen, könnten die Single-Einnahmen diese Kosten nicht decken. Sender wie MTV oder VIVA erhielten die Musikvideos deshalb kostenlos und nutzten sie als attraktives Programmumfeld für bezahlte Werbung anderer Unternehmen. Musikvideos besitzen damit eine wirtschaftliche Doppelrolle: Sie sind zugleich Werbung und Programminhalt, der Werbeeinnahmen erzeugt.
Bei einem Überangebot entscheiden Sender, welche Videos sie zeigen. Dabei zählen Bekanntheit und Chart-Erfolg eines Künstlers meist stärker als die filmische Qualität: Ein wenig interessantes Video eines Stars hat bessere Chancen als ein besonders gut gemachtes Video eines unbekannten Musikers. Im Internet fällt diese Auswahlbarriere teilweise weg, weil Hersteller das Publikum direkt erreichen können.
Für die Filmindustrie sind Musikvideos trotz niedriger Budgets und hohen Zeitdrucks ein wichtiges Übungs- und Arbeitsfeld. Besonders junge Regisseure und Produzenten können damit Erfahrungen sammeln, Kontakte knüpfen, ein Portfolio aufbauen und sich für besser bezahlte Bereiche wie Werbung empfehlen. In Deutschland bestand bis 2002 eine eigene Szene spezialisierter Produktionsfirmen; dauerhaft allein von Musikvideos zu leben war jedoch kaum möglich.
Als wichtigste Auszeichnungen gelten die Grammy Awards in den Kategorien Best Music Video – Long Form und Best Music Video – Short Form sowie die international anerkannten MTV Video Music Awards. Zu den international bedeutenden Regisseuren gehören Chris Cunningham, Michel Gondry, Mark Romanek, Stéphane Sednaoui und Spike Jonze. In Deutschland widmet sich außerdem das Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe den Kunstvideos.
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