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Marcel Cohen (Linguist)
Marcel Samuel Raphaël Cohen (* 6. Februar 1884 in Paris; † 5. November 1974 in Cugand, Département Vendée) war ein französischer Linguist, Äthiopist, …
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Profil und wissenschaftliche Bedeutung
Marcel Samuel Raphaël Cohen (* 6. Februar 1884 in Paris; † 5. November 1974 in Cugand, Département Vendée) war ein französischer Linguist, Äthiopist, Semitist und Romanist. Er arbeitete zu äthiopischen Sprachen, zur vergleichenden Semitistik, zu den heute afroasiatischen Sprachen genannten „hamito-semitischen“ Sprachen sowie zur Sprachgeschichte und Linguistik des Französischen, zur Sprachsoziologie und zur Kindersprache.
Cohen war Professor für Amharisch an der École nationale des langues orientales und hatte an der École pratique des hautes études (EPHE) den Lehrstuhl für Äthiopistik und das alte Südarabien inne. Als vergleichender Sprachwissenschaftler trug er maßgeblich zum Nachweis der Verwandtschaft der „hamito-semitischen“ Sprachen bei; deshalb wird er teilweise sogar als deren „Erfinder“ bezeichnet. 1931 gründete er die Groupe linguistique d’études chamito-sémitiques (GLECS).
Ausbildung und akademischer Werdegang
Cohen besuchte das Lycée Condorcet. An der EPHE studierte er Romanistik bei Mario Roques, vergleichende indoeuropäische Sprachwissenschaft und Semitistik bei Antoine Meillet, Sanskrit bei Sylvain Lévy sowie Altäthiopisch und Altsüdarabisch bei Joseph Halévy. An der Sorbonne lernte er bei Ferdinand Brunot Linguistik des Französischen. Zusätzlich studierte er gesprochenes Arabisch an der École des langues orientales und Amharisch bei Casimir Mondon-Vidailhet (1847–1910).
1908 bestand Cohen die Agrégation de grammaire, 1909 erwarb er ein Diplom in maghrebinischem Arabisch. Seine Abschlussarbeit an der EPHE behandelte den arabischen Dialekt der Juden in Algier, den er vor Ort erforscht hatte. Die Arbeit wurde mit dem Prix Volney ausgezeichnet.
1910–11 forschte Cohen im Auftrag des französischen Bildungsministeriums 14 Monate lang ethnographisch und linguistisch in Äthiopien. Danach übernahm er als Nachfolger Mondon-Vidailhets den Lehrauftrag für Amharisch an der École nationale des langues orientales; ab 1916 führte er den Titel eines Professeur-adjoint. Im Ersten Weltkrieg diente er als Maschinengewehrschütze auf dem Balkan, zuletzt im Rang eines Leutnants. Er wurde verwundet und erhielt das Croix de guerre.
Ab 1919 war Cohen Directeur d’études, also Professor, für äthiopische Studien an der EPHE. Dort lehrte er vor allem die altäthiopische Sprache Ge’ez und übernahm später zusätzlich den Lehrstuhl für das antike Südarabien. 1924 habilitierte er sich in Paris mit Le Système verbal sémitique et l’expression du temps und Couplets amhariques du Choa. 1926 wurde er Professor für Amharisch an der École nationale des Langues Orientales vivantes und blieb dies bis 1950. Von 1926 bis 1954 lehrte er außerdem deskriptive Linguistik am Institut für Ethnologie der Universität von Paris (Sorbonne). Zu seinen Schülern gehörten Marcel Griaule und Wolf Leslau.
Wegen der antisemitischen Regeln während der deutschen Besetzung verlor Cohen im Dezember 1940 seinen Lehrstuhl. Nach der Befreiung erhielt er ihn im Oktober 1944 zurück. Maxime Rodinson löste ihn 1955/56 auf dem Lehrstuhl für äthiopische und südarabische Studien an der EPHE ab; Cohen lehrte dort jedoch noch bis 1967.
Politisches Engagement und Widerstand
Cohen bewunderte die Russische Revolution und schloss sich bei der Spaltung der französischen Sozialisten im Jahr 1920 der Parti communiste français an. In den 1930er Jahren gehörte er zu den Mitbegründern der französischen Hochschulgewerkschaft und der Arbeiterhochschule.
Als Antifaschist engagierte er sich gegen die italienische Besetzung Äthiopiens im Abessinienkrieg. 1941 ging er wegen der Rassengesetze des Vichy-Regimes in den Untergrund. Bei der Befreiung von Paris gehörte er dem Stab von Henri Rol-Tanguy an.
Arbeiten zur französischen Sprache
Als Romanist untersuchte Cohen besonders Geschichte, Gebrauch und gesellschaftliche Bedingungen des Französischen. 1947 veröffentlichte er die soziologisch ausgerichtete Geschichte der französischen Sprache Histoire d’une langue, le français. Des lointaines origines à nos jours (Paris 1947; 4. Auflage 1973, 1987). Aus Gründen der Volksnähe verzichtete er darin auf den Gebrauch des Passé simple.
Für die kommunistische Tageszeitung L’Humanité verfasste Cohen regelmäßig Sprachglossen zum Französischen. Diese erschienen gesammelt in Regards sur la langue française (1950), Nouveaux regards sur la langue française (1963), Encore des regards sur la langue française (1966), Toujours des regards sur la langue française (1970) und Une fois de plus des regards sur la langue française (1972).
Gemeinsam mit Maurice Davau und Maurice Lallemand gab er das innovative Dictionnaire du français vivant (Paris 1972, 1975, 1979) heraus. Weitere romanistische Arbeiten waren Le Français en 1700 d’après le témoignage de Gile Vaudelin (Paris 1946), Grammaire française en quelques pages (Paris 1948, 1964), Grammaire et style 1450–1950. Cinq cents ans de phrase française (Paris 1954), Notes de méthode pour l’histoire du français (Moskau 1958) und Le Subjonctif en français contemporain. Tableau documentaire (Paris 1965).
Semitistik, Allgemeine Linguistik und Ehrungen
Zu Cohens semitistischen und allgemein linguistischen Hauptwerken zählen Le parler Arabe des juifs d’Alger (Paris 1912, 559 S.), Rapport sur une mission linguistique en Abyssinie (1910-1911) (Paris 1912), Etudes d’éthiopien méridional (Paris 1931), Documents sudarabiques en autocopie (Paris 1934), Traité de langue amharique. Abyssinie (Paris 1936, 1970, 1995), Nouvelles études d’éthiopien méridional (Paris 1939) und Essai comparatif sur le vocabulaire et la phonétique du chamito-sémitique (Paris 1947, 1969).
Zur allgemeinen Sprachwissenschaft veröffentlichte er unter anderem, gemeinsam mit Antoine Meillet, Les langues du monde (Paris 1924, 1952, 1981, 2000), außerdem Instructions d’enquête linguistique. Instructions pour les voyageurs (Paris 1928, 1950, 1952), Linguistique et matérialisme dialectique (Vortrag an der Sorbonne vom 7. April 1948), Le Langage. Structure et évolution (Paris 1950), L’écriture (Paris 1953), La Grande Invention de l’écriture et son évolution (2 Bde., Paris 1958) sowie Pour une sociologie du langage (Paris 1956) und Matériaux pour une sociologie du langage (2 Bde., Paris 1971, 1978; spanisch 1974).
Cohen war Ehrendoktor der Universitäten Warschau, Manchester und Prag.