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Mann mit der eisernen Maske

ALTERNATIVNAMEN, Eiserne Maske ; KURZBESCHREIBUNG, Staatsgefangener von Ludwig XIV. ; GEBURTSDATUM, vor 1669 ; STERBEDATUM, 19. November 1703.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Der unbekannte Staatsgefangene
  2. 2. Haftweg und Bewachung
  3. 3. Verwandtschaftstheorien
  4. 4. Wichtigste alternative Identitäten
  5. 5. Forschungsstand und kulturelle Wirkung

Der unbekannte Staatsgefangene

Der „Mann mit der eisernen Maske“ war ein unbekannter Staatsgefangener des französischen Königs Ludwig XIV. Er wurde von 1669 bis zu seinem Tod am 19. November 1703 gefangen gehalten. Seine Identität ist bis heute ungeklärt. Der Fall ist bedeutsam, weil der Gefangene streng abgeschirmt wurde, der König und sein Kriegsminister sich persönlich mit ihm befassten und zugleich ungewöhnlich hohe Ausgaben für seine sichere, aber vergleichsweise bequeme Unterbringung anfielen.

Die Bezeichnung ist teilweise irreführend: Nach späteren Aussagen trug der Gefangene eine Maske aus schwarzem Samt, möglicherweise mit Stahlteilen, die ihm das Essen erlaubten. Voltaire verbreitete dagegen die Vorstellung einer eisernen Maske. Ebenso unsicher ist, ob alle überlieferten Berichte tatsächlich dieselbe Person betreffen. Bereits Pierre Roux-Fazillac schlug 1801 vor, dass Gerüchte und Tatsachen über verschiedene Gefangene Ludwigs XIV. miteinander vermischt worden sein könnten.

Haftweg und Bewachung

Am 24. August 1669 wurde der Gefangene in der Festung Pinerolo, französisch Pignerol, im Piemont inhaftiert. Kriegsminister Louvois hatte ihn in einem Brief vom 19. Juli als Diener namens Eustache Dauger und als Gefangenen von höchster Bedeutung angekündigt. Er sei aus Dünkirchen zu bringen, war damals aber noch nicht verhaftet. Ein großer Teil des Briefwechsels zwischen Louvois und dem Gefängnisdirektor Bénigne Dauvergne de Saint-Mars fehlt, weil Louvois ihn stark zensieren ließ; etwa 90 Prozent sind nicht erhalten.

In Pignerol saß Dauger zusammen mit bedeutenden Staatsgefangenen wie Nicolas Fouquet und dem Marquis de Lauzun. Zeitweise diente er Fouquet, wenn dessen eigener Diener La Rivarol krank war. Als Fouquet 1678 mehr Freiheit verlangte, machte der König seine Entscheidung davon abhängig, was Dauger La Rivarol anvertraut hatte. Nach einer zufriedenstellenden Antwort erhielt Fouquet Hafterleichterungen. Nach Fouquets Tod 1680 entdeckte man ein Loch zwischen dessen Zelle und Lauzuns Zelle. Dauger und La Rivarol wurden daraufhin streng von Lauzun getrennt.

1681 brachte man Dauger und La Rivarol in die 26 Kilometer entfernte Alpenfestung Exilles. 1682 wurden die Haftbedingungen erneut verschärft; bis zu La Rivarols Tod 1687 blieben beide getrennt. Wegen militärischer Bedrohung der Festung wurde Dauger am 3. Mai 1687 auf die Insel Sainte-Marguerite vor Cannes verlegt. Im September 1698 kam er schließlich in die Bastille in Paris, wo er 1703 starb. Saint-Mars wechselte jedes Mal mit ihm den Dienstort und wurde 1698 Gouverneur der Bastille.

Der Gefangene musste beim Hofgang und im Kontakt mit Fremden eine Maske tragen. Niemand durfte sein Gesicht sehen, seine Stimme hören oder mit ihm sprechen. Mitwissern drohte die Todesstrafe. Beim Transport nach Sainte-Marguerite saß er in einem mit Wachstuch verschlossenen Sänftenstuhl und wäre beinahe erstickt. Als Träger wurden Italiener aus Turin eingesetzt.

Trotz dieser Geheimhaltung erhielt er Vergünstigungen: eine möblierte Zelle, einen Diener, Bücher, zweimal wöchentlich frische Wäsche, ärztliche Versorgung und die Möglichkeit, Laute zu spielen. Für seine und seines Dieners Verpflegung bekam Saint-Mars täglich 12 Livres. Die Zelle auf Sainte-Marguerite kostete 5.000 Livres. In Pignerol schützten drei hintereinanderliegende Türen sowie doppelt vergitterte, von außen nicht einsehbare Fenster vor Beobachtung und Belauschung. Saint-Mars bediente ihn persönlich; angeblich nahmen Offiziere in seiner Gegenwart den Hut ab. Schon 1687 soll der Gefangene graue Haare gehabt haben.

Verwandtschaftstheorien

Voltaire erklärte den Gefangenen zum Zwillingsbruder Ludwigs XIV.; Alexandre Dumas machte diese Vorstellung später berühmt. Nach dieser Theorie sei der zweite Zwilling verborgen aufgewachsen, weil er die Thronfolge gefährdet hätte. Marcel Pagnol nahm ebenfalls einen auf dem Land und später in England erzogenen Zwillingsbruder an, der sich an einer Verschwörung gegen den König beteiligt habe. Als wichtiges Indiz wertete er die Anweisung, der Gefangene dürfe auch Jahrzehnte nach seiner Festnahme von niemandem „gesehen und erkannt“ werden.

Andere Hypothesen machten den Gefangenen zu einem unehelichen Sohn Annas von Österreich und etwa Kardinal Mazarins, des Herzogs von Buckingham oder François de Cavoyes. Wieder andere hielten ihn für den leiblichen Vater Ludwigs XIV., einen Halbbruder des Königs oder einen Sohn Ludwigs XIV. und Louise de La Vallières. Auch François de Vendôme, Herzog von Beaufort, wurde als möglicher Vater des Königs und damit als Gefangener vorgeschlagen. Er galt jedoch nach der Schlacht bei Candia auf Kreta am 25. Juni 1669 offiziell als gefallen.

Die zusammenfassende Bewertung des Artikels spricht deutlich gegen eine königliche Verwandtschaft. Anna von Österreich stand unter strenger gesellschaftlicher Überwachung, war während ihrer Ehe mehrfach schwanger, und Geburten im Königshaus fanden öffentlich statt. Bei der Geburt Ludwigs XIV. waren mehrere hundert Menschen anwesend; eine Zwillingsgeburt hätte sich kaum verheimlichen lassen. Ein unehelicher Sohn der Königin hätte nach dem Salischen Erbrecht zudem keinen Thronanspruch gehabt, weil nur die legitime männliche Linie des Königshauses zählte. Auch die zeitweilige Verwendung des Gefangenen als Diener spricht fast sicher gegen eine hohe Geburt.

Wichtigste alternative Identitäten

Lange galt der italienische Graf Ercole Antonio Mattioli, geboren 1640, als wichtiger Kandidat. Als Minister des Herzogs von Mantua hatte er die Übergabe der Festung Casale an Frankreich für 100.000 Scudi ausgehandelt; der Vertrag wurde am 6. Dezember 1678 in Paris geschlossen. Danach verriet er das Geschäft an Savoyen, Österreich, Spanien und Venedig. Ludwig XIV. ließ ihn 1679 entführen und in Pignerol einsperren. Gegen seine Identität mit dem Maskierten spricht jedoch, dass Mattioli bereits 1694 starb und offenbar fast bis zu seinem Tod in Pignerol blieb. Für eine Verbindung spricht nur, dass der 1703 gestorbene Gefangene unter dem Namen „Marchioly“ beerdigt worden sein soll. Wahrscheinlich wurden hier zwei Häftlinge verwechselt oder Mattioli diente als falsche Spur.

1893 wurde eine verschlüsselte militärische Korrespondenz entziffert. Darin befahl Ludwig XIV. am 24. August 1691, General Vivien Lallé de Bulonde wegen seines als feige bewerteten Verhaltens bei der Belagerung von Cuneo einzusperren und ihm eine Maske aufzusetzen. Bulonde starb allerdings erst 1709. Außerdem waren Haftgrund und Identität bekannt, weshalb er kaum der geheimnisvolle Gefangene von 1669 gewesen sein kann.

Die unmittelbarsten Quellen nennen Eustache Dauger oder d’Auger beziehungsweise d’Oger, über den sonst fast nichts bekannt ist. Andrew Lang identifizierte ihn mit Martin, einem Diener des französischen Hugenotten Roux de Marsilly. Marsilly plante in London einen Aufstand gegen Ludwig XIV., wurde verraten, aus der Schweiz entführt und am 22. Juni 1669 in Paris öffentlich gerädert. Sein Diener könnte Staatsgeheimnisse gekannt haben. John Noone und Jean-Christian Petitfils hielten den Maskierten ebenfalls für einen Diener oder zufälligen Mitwisser. Nach ihrer Deutung übertrieb Saint-Mars die Bedeutung und Geheimhaltung des Gefangenen, um seine eigene Stellung oder die Bedeutung seiner Festung zu erhöhen.

Als mögliches Geheimnis gelten auch die Verhandlungen zwischen Ludwig XIV. und Karl II. von England über den Vertrag von Dover im Jahr 1669. Ein Bote, Diener oder anderer Mitwisser könnte zum Schweigen gebracht worden sein. Weitere vorgeschlagene Identitäten umfassen James de la Cloche, einen englischen Jakobiten, den Herzog von Monmouth, einen Sohn Oliver Cromwells, den Verschwörer de Harmoises, Nicolas Fouquet, einen Giftmischer und den armenischen Patriarchen Avetik von Tokat. Viele dieser Vorschläge scheitern an unpassenden Haft- oder Todesdaten. Avetik etwa wurde erst 1706 eingesperrt und 1711 freigelassen.

Auch spätere Könige gaben keine eindeutige Auskunft. Ludwig XV. bezeichnete den Mann einmal als unbedeutende Person, die aus ihrer Ähnlichkeit mit dem König Nutzen gezogen habe, und nannte gegenüber Madame de Pompadour die Mattioli-Version. Ludwig XVI. äußerte sich ähnlich. Ludwig XVIII. behauptete, die Nachfolger Ludwigs XIV. hätten einen Eid abgelegt, das Geheimnis zum Schutz seiner Ehre nicht zu verraten.

Forschungsstand und kulturelle Wirkung

Nach mehr als 200 Jahren Forschung gelten fast alle Identitätshypothesen als widerlegt oder nur schwach belegt. Die beiden großen Gruppen von Erklärungen haben jeweils ein Grundproblem: Gegen einen Verwandten des Königs sprechen die gut dokumentierten Verhältnisse am Hof und die Dienertätigkeit des Gefangenen. Gegen einen einfachen Diener sprechen der hohe Aufwand, die Vergünstigungen und das persönliche Interesse Ludwigs XIV. Ein gewöhnlicher Mitwisser wäre nach dieser Einschätzung wahrscheinlich eher getötet worden. Pagnol deutete die Bezeichnung „Diener“ deshalb als Täuschung und die Arbeit für Fouquet eher als Sekretärstätigkeit und Vergünstigung nach langer Einzelhaft.

Als letzter sicherer Kenner des Geheimnisses gilt möglicherweise der Kriegsminister Chamillart. Nach einer Überlieferung Voltaires nahm er die Lösung trotz der Bitten seines Schwiegersohns 1721 mit ins Grab. Eine verlässliche Identifizierung ist daher nicht möglich.

Der Stoff wurde vielfach literarisch verarbeitet. Besonders einflussreich war Alexandre Dumas’ zwischen 1847 und 1850 in Fortsetzungen erschienener Roman „Le Vicomte de Bragelonne ou Dix ans plus tard“, dessen dritter Teil die Geschichte der eisernen Maske behandelt und die Zwillingsbruder-Erzählung verbreitete. Auch Victor Hugo, Marcel Pagnol und weitere Autoren griffen das Rätsel auf. Die bekannten Verfilmungen – darunter Produktionen von 1923, 1929, 1939, 1963, 1977, 1979 und 1998 – beruhen auf Dumas’ Roman und nicht auf einer historisch gesicherten Identität. 2023 erschien zudem die Vertonung „The Man in the Iron Mask“ von The Samurai of Prog.

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