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Kriegserklärung des Vereinigten Königreichs an Deutschland (1914)
Der britische Außenminister Edward Grey wollte während der Julikrise 1914 nach der Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand weder …
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Kernereignis und Bedeutung
Die Kriegserklärung des Vereinigten Königreichs an Deutschland erfolgte am 4. August 1914. Anlass war, dass Deutschland im Rahmen des Schlieffen-Plans das neutrale Belgien angegriffen hatte. Zuvor war ein britisches Ultimatum an Deutschland, die belgische Neutralität zu wahren, ohne Ergebnis verstrichen.
Der Vorgang war ein entscheidender Schritt in der Ausweitung der Julikrise zum Ersten Weltkrieg. Aus einem zunächst lokal erscheinenden Konflikt zwischen Österreich-Ungarn und Serbien wurde ein europäischer Krieg, in den neben Deutschland, Russland und Frankreich auch Großbritannien eintrat. Am 8. August 1914 erklärte Großbritannien außerdem Österreich-Ungarn den Krieg.
Wichtige Stationen der Eskalation waren: die Ermordung Erzherzog Franz Ferdinands in Sarajevo am 28. Juni 1914, das österreichische Ultimatum an Serbien am 23. Juli, die Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien am 28. Juli, deutsche Ultimaten an Frankreich und Russland am 31. Juli, die deutsche Kriegserklärung an Russland am 1. August, das deutsche Ultimatum an Belgien am 2. August, die deutsche Kriegserklärung an Frankreich am 3. August und schließlich das britische Ultimatum sowie die britische Kriegserklärung an Deutschland am 4. August.
Britische Ausgangslage
Das Vereinigte Königreich hatte im 19. Jahrhundert eine bündnisfreie Außenpolitik betrieben, die später als „Splendid Isolation“ bezeichnet wurde. Sie stützte sich auf britische See- und Kolonialmacht. Ein Grundsatz britischer Außenpolitik war es seit dem Elisabethanischen Zeitalter, zu verhindern, dass Frankreich oder Deutschland die Kontrolle über die Niederlande sowie das Mündungsgebiet von Rhein und Schelde erlangen könnten.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kam es zu Absprachen mit Frankreich und Russland, vor allem in Kolonialfragen. Diese drei Mächte verband die Furcht vor dem militant auftretenden Deutschen Kaiserreich. Deutschland war im Dreibund förmlich mit Österreich-Ungarn und Italien verbündet. Die deutsche Weltpolitik, das Flottenwettrüsten und die Marokkokrisen von 1905 und 1911 belasteten die deutsch-britischen Beziehungen. Russland und Frankreich waren seit 1894 in der Französisch-Russischen Allianz verbunden; zusammen mit Großbritannien bildeten sie die Triple Entente. Diese war aber kein formales Bündnis.
Während der Julikrise wollte Außenminister Edward Grey weder Deutschland zu sehr eine britische Neutralität zusichern noch Russland und Frankreich zu weiterer Kriegsbereitschaft ermutigen. Er strebte eine Konferenz der vier nicht direkt am serbischen Konflikt beteiligten Großmächte an: Deutschland, Frankreich, Italien und Großbritannien. In Großbritannien glaubte man lange, der Konflikt könne lokal begrenzt bleiben. Zugleich war die Innenpolitik stark von der Krise um die irische Home Rule bestimmt. Im Kabinett gab es zunächst weder großes Interesse noch einen Konsens über die britische Haltung.
Grey versuchte deshalb bis zuletzt, die britische Entscheidungsfreiheit zu bewahren. Nach der Darstellung des Artikels konnte Großbritannien in einem großen europäischen Krieg jedoch kaum neutral bleiben, wenn es seine Machtstellung und seine Interessen bei künftigen Friedensverhandlungen sichern wollte.
Schlieffen-Plan und deutsche Strategie
Das Deutsche Kaiserreich sah sich von den verbündeten Großmächten Frankreich und Russland umgeben. Für den Kriegsfall ging es davon aus, sich nur dann gegen beide behaupten zu können, wenn es zuerst Frankreich schnell besiegte, während Russland noch mobilisierte und seine Truppen aufstellte.
Der Schlieffen-Plan war der deutsche Militärplan für diesen Fall. Er sah vor, die französischen Grenzbefestigungen durch einen schnellen Vorstoß nach Nordfrankreich zu umgehen. Dafür sollte die Neutralität Luxemburgs und Belgiens verletzt werden. Besonders wichtig ist dabei, dass Deutschland selbst eine der Garantiemächte der belgischen Neutralität war.
Die enge Zeitplanung des Schlieffen-Plans ließ der deutschen Politik in der Julikrise nur wenig Spielraum. Nach der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien und der russischen Mobilmachung erklärte Deutschland Russland am 1. August 1914 den Krieg. Der Fall, dass Russland mobilmachte und dennoch ernsthaft verhandelte, passte nicht in den Plan. Da Frankreich zunächst zögerte, seinen Bündnisverpflichtungen gegenüber Russland nachzukommen, verbreitete Deutschland ab dem 2. August Falschmeldungen über angebliche französische Angriffe. Damit sollte Frankreich möglichst schnell unter einem Vorwand in den Krieg gezogen werden. Die deutsche Reichsregierung hoffte bis zuletzt, Großbritannien werde nicht eingreifen, wenn Deutschland am Schlieffen-Plan festhalte und die belgische Neutralität verletze.
Eskalation über Belgien
Das britische Kabinett war vor dem Krieg gespalten. Es gab eine große Gruppe Unentschiedener, eine Gruppe von Neutralitätsanhängern und eine kleinere Gruppe um Marineminister Winston Churchill und Außenminister Edward Grey, die eine Intervention auf der Seite Frankreichs befürwortete. Am 29. Juli unterstützten Premierminister Asquith, Haldane, Churchill und Crewe Greys Forderung nach einem Versprechen, Frankreich zu unterstützen. Die klare Mehrheit des Kabinetts lehnte dies jedoch ab. Auch am 31. Juli hatte sich diese Lage nicht grundlegend geändert. Asquith schätzte, etwa drei Viertel seiner Parlamentsfraktion trete für „absolutes Nichteingreifen um jeden Preis“ ein.
Grey erreichte am 31. Juli eine förmliche Anfrage an Frankreich und Deutschland, ob sie die im Londoner Vertrag von 1839 mitgarantierte Neutralität Belgiens wahren würden. Frankreich bestätigte dies am 1. August. Deutschland antwortete ausweichend. Am selben Tag wurde die deutsche Kriegserklärung an Russland bekannt, womit aus dem lokalen Konflikt ein europäischer Krieg geworden war.
Am 2. August einigte sich das britische Kabinett nach einer Rücktrittsdrohung Greys und in der Folge auch Asquiths auf einen Kompromiss. Zwei Fälle sollten zu einer britischen Intervention auf der Seite Frankreichs führen: ein Angriff von See auf Nordfrankreich oder ein Angriff auf Belgien, der dessen Unabhängigkeit gefährdete. Ein begrenzter deutscher Durchmarsch wäre danach noch kein casus belli gewesen. Casus belli bedeutet ein Kriegsgrund. Die Minister Burns und Morley blieben streng neutralistisch und traten zurück. Die Stimmung in Bevölkerung und Presse war inzwischen mehrheitlich für eine Unterstützung der Entente.
Ebenfalls am 2. August stellte Deutschland Belgien ein Ultimatum und verlangte freien Durchmarsch. Begründet wurde dies mit angeblichen französischen Angriffsplänen über Belgien. Laut Artikel hatte Frankreich seine militärischen Planungen aber bereits 1912 so geändert, dass die Neutralität Belgiens gewahrt bleiben sollte, und das deutsche Militär wusste dies. Frankreich hielt seine Truppen zudem etwa 10 Kilometer von der Grenze entfernt.
Am Morgen des 3. August lehnte Belgien das deutsche Ultimatum ab. Es hielt französische Angriffsabsichten über Belgien für unglaubwürdig und erklärte, jedem Angriff auf seine Neutralität kräftigen Widerstand entgegenzusetzen. Am selben Tag erklärte Deutschland Frankreich den Krieg, gestützt auf angebliche massive Grenzverletzungen französischer Truppen.
Am Morgen des 4. August erreichten das britische Kabinett zuverlässige Berichte über die deutsche Verletzung der belgischen Neutralität. Asquith und Grey beschlossen daraufhin ein Ultimatum an Deutschland. Als der britische Botschafter Goschen es dem deutschen Kanzler Bethmann Hollweg überreichte, sagte dieser, Großbritannien ziehe wegen eines „Fetzen Papier“ in den Krieg. Gemeint war der Londoner Vertrag von 1839. Eine förmliche Antwort Deutschlands auf das bis Mitternacht befristete Ultimatum erfolgte nicht. In der Nacht vom 4. auf den 5. August wurde die britische Kriegserklärung an den deutschen Botschafter Lichnowsky übergeben.
Militärische und politische Folgen
Der deutsche Vormarsch im Westen verlief nicht so schnell wie erhofft. Nach dem Artikel trugen besonders der unerwartete Widerstand Belgiens und das unerwartet frühe Eintreffen britischer Truppen auf dem Kontinent dazu bei, den schnellen deutschen Vorstoß auf Paris zu vereiteln. Dadurch kam der Bewegungskrieg im Westen zum Stillstand.
Großbritannien zahlte im Krieg einen sehr hohen Preis. Etwa 700.000 britische Soldaten fielen während des Krieges; für das gesamte Empire wird im Artikel etwa 1 Million genannt. Die Ober- und Mittelschicht erlitt prozentual die höchsten Verluste.
Das britische Militär hatte während der Krise nur geringen Einfluss auf politische Entscheidungen. Anders als in Deutschland, Russland und Österreich-Ungarn bestimmten in Großbritannien vor allem politische Akteure die Entscheidung. Churchill nutzte allerdings schon am 26. Juli das Ende des jährlichen Großmanövers der Royal Navy, um die Flotte vorsorglich in Kampfbereitschaft zu halten.
Spätere Einschätzungen
Die Rolle Großbritanniens und besonders Edward Greys wurde später unterschiedlich bewertet. Lloyd George warf Grey 1933 in seinen Memoiren vor, Deutschland nicht frühzeitig und deutlich genug klare Signale zur Eindämmung des Konflikts gesandt zu haben. Der Artikel weist zugleich darauf hin, dass gerade die Neutralisten um Lloyd George eine klare Erklärung zugunsten Frankreichs lange unmöglich gemacht hatten.
Der Historiker Urs Allemann betont, dass alle Entscheidungen und Maßnahmen in London, die zum Kriegseintritt führten, in eigener Regie von Grey, Haldane, Churchill und Asquith getroffen oder eingeleitet worden seien, ohne Kabinettsbeschluss. Ob Großbritannien ohne die Verletzung der belgischen Neutralität später im Ersten Weltkrieg interveniert hätte, bleibt nach dem Artikel unklar.
Zum hundertsten Jahrestag des Kriegsbeginns wurde die Kriegsschuldfrage erneut diskutiert, unter anderem durch die Werke von Christopher Clark („Die Schlafwandler“) und Herfried Münkler („Der große Krieg“). Dabei rückte auch die Rolle Londons stärker in den Blick. Einige deutsche Historiker behaupteten, Großbritannien habe das geringste Recht zum Krieg gehabt, weil der Ursprungskonflikt zwischen Österreich-Ungarn und Serbien die Interessen Londons nicht berührt habe. Der Artikel bewertet diese Deutung als revisionistisch und hält fest, dass dabei offenbleibe, warum Deutschlands Interesse an einem lokalen Krieg schwerer wiegen solle als Großbritanniens Interesse am Schicksal Belgiens und Frankreichs.