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Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Hurenkind und Schusterjunge

Ein Hurenkind ist die alleinstehende letzte Zeile eines Absatzes, die oben auf einer Seite zu finden ist; ein Schusterjunge ist die alleinstehende erste Zeile …

Inhalt4 Abschnitte
  1. 1. Definition und Bedeutung
  2. 2. Satzregeln und Sonderfälle
  3. 3. Merksätze zur Unterscheidung
  4. 4. Vermeidung im Satz

Definition und Bedeutung

Hurenkind und Schusterjunge sind zwei verwandte Satzfehler in der Typografie. Sie entstehen, wenn ein Seiten- oder Spaltenumbruch eine einzelne Zeile von ihrem Absatz trennt. Beide stören den Lesefluss und das Erscheinungsbild des Satzspiegels, also der bedruckten Fläche einer Seite.

Ein Hurenkind, auch „Witwe“ oder „Witwenzeile“ genannt, ist die letzte Zeile eines Absatzes, wenn sie allein oben auf der folgenden Seite oder in der folgenden Spalte steht. Beim Aufschlagen der neuen Seite erscheint dadurch ein Satzfragment, dessen Zusammenhang zunächst unklar bleibt.

Ein Schusterjunge, auch „Waise“ oder „Waisenzeile“ genannt, ist die erste Zeile eines neuen Absatzes, wenn sie allein unten auf einer Seite oder am Ende einer Spalte steht und der übrige Absatz erst auf der Folgeseite weitergeht.

Das Hurenkind gilt als der schwerere handwerkliche Fehler. Besonders störend ist es auf der Rückseite eines Blattes: Das aufgeschlagene Buch beginnt dann mit einem aus dem Zusammenhang gerissenen Satzfragment, und der Kontext lässt sich nur durch Zurückblättern erkennen. Der Schusterjunge ist weniger gravierend, weil er in Leserichtung am Seitenende steht. Optisch fällt er besonders auf, wenn Absätze mit Einzug gesetzt sind.

Satzregeln und Sonderfälle

Die Hurenkinderregelung verlangt, dass die letzte Zeile eines Absatzes niemals allein am Anfang einer Buchseite steht. Die entsprechende Schusterjungenregelung verhindert, dass die erste Zeile eines Absatzes allein am Ende einer Seite bleibt. Je nach Schrift- und Satzbild genügt es nicht immer, nur einzelne Zeilen zu vermeiden: Auch zwei oder drei Zeilen können am Seitenanfang oder Seitenende „verwaist“ wirken, etwa bei Absätzen mit Zeilendurchschuss, also einem größeren Abstand zwischen den Zeilen. Die Regeln müssen deshalb an Schrift und Satzbild angepasst werden.

Besonders schwer wiegen beide Fehler, wenn die abgetrennte Zeile nur wenige Wörter, ein einziges Wort oder sogar nur eine Silbe enthält. Allgemeine Regeln für den Zeilenumbruch können eine Mindestzahl von Zeichen oder Wörtern nach einem Umbruch verlangen. Diese Regeln vermindern extreme Fälle, können Hurenkinder und Schusterjungen allein aber nicht vollständig verhindern.

Merksätze zur Unterscheidung

Die Lage und Funktion der beiden Fehler lassen sich mit Merksätzen unterscheiden:

• „Ein Hurenkind weiß nicht, wo es herkommt, ein Schusterjunge nicht, wo er hingeht.“ Das Hurenkind steht oben und gehört zum vorherigen Absatz; der Schusterjunge steht unten und sein Absatz wird erst auf der nächsten Seite fortgesetzt.

• „Eine Witwe hat keine Zukunft und eine Waise keine Vergangenheit.“ Die Witwe ist die letzte Zeile eines Absatzes, die Waise dessen erste Zeile.

• „Ein Schusterjunge muss unten im Keller arbeiten, ein Hurenkind steht oben verloren auf der Straße.“ Dies verbindet die Begriffe mit ihrer räumlichen Position: Schusterjunge unten, Hurenkind oben.

Vermeidung im Satz

Im traditionellen Typensatz mussten Setzer solche Fehler früh erkennen und den umliegenden Text anpassen. Dazu veränderten sie den Zeilenumbruch oder die Laufweite durch Wortzwischenräume, Sperren und Zeilendurchschuss, also Wort-, Buchstaben- und Zeilenabstände. Ziel war es, die problematische Einzelzeile zu beseitigen und zugleich den Satzspiegel zu erhalten.

Heute übernehmen Layoutprogramme und Textverarbeitungen diese Aufgabe meist über eine „Absatzkontrolle“. Funktionen wie „Zeilen nicht trennen“, „Alleinstehende Zeilen verhindern“, „Zeilen zusammenhalten“ oder Einstellungen für Hurenkinder und Schusterjungen sorgen dafür, dass am Seitenanfang und Seitenende eine festgelegte Mindestzahl zusammengehöriger Zeilen stehen bleibt. Solche Möglichkeiten bieten unter anderem Adobe InDesign, Apple Pages, Microsoft Word beziehungsweise Microsoft Office, Open-/LibreOffice Writer, QuarkXPress, Scribus, TextMaker und WordPerfect.

Bei LaTeX werden dafür die Parameter \widowpenalty und \clubpenalty verwendet. In der Webtypografie legen die CSS-Eigenschaften orphans und widows fest, wie viele Zeilen eines Absatzes vor beziehungsweise nach einem Seitenumbruch mindestens stehen müssen. Dies ist vor allem für Druckversionen von Webseiten relevant.

Wenn sich das Problem nicht automatisch lösen lässt, können Fachleute Wort- oder Zeichenabstände verändern; die Anpassung der Zeichenabstände heißt Spationierung. Weitere Möglichkeiten sind eine veränderte Unterschneidung, andere Einstellungen für die Silbentrennung sowie Änderungen an Zeilenzahl oder Spaltenbreite. Als letztes Mittel kann ein Lektor oder Autor den Absatz verlängern oder kürzen, was von Typografen allerdings kritisiert wird.

Besonders schwierig sind Texte mit vielen kurzen Absätzen. Eine Änderung kann dort ganze Serien neuer Hurenkinder und Schusterjungen hervorrufen. Bei einfachen DTP-Systemen müssen die Regeln häufig großzügiger eingestellt werden, weil feine Veränderungen von Zeilendurchschuss und Sperrung nicht immer möglich sind. Zu großzügige Regeln können jedoch besonders im Blocksatz übertriebene oder gehäufte Wortzwischenräume oberhalb oder unterhalb der betroffenen Stelle erzeugen.

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