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Homosexualität im antiken Griechenland

Die gleichgeschlechtliche Liebe im antiken Griechenland wird oftmals als Musterbeispiel für Toleranz gegenüber Homosexualität im Allgemeinen zitiert.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundzüge und Quellenlage
  2. 2. Päderastie und soziale Regeln in Athen
  3. 3. Andere Poleis und überlieferte Beziehungen
  4. 4. Makedonien
  5. 5. Entwicklung von der Archaik bis zum Hellenismus
  6. 6. Weibliche Homosexualität

Grundzüge und Quellenlage

Für Homosexualität im antiken Griechenland gibt es zahlreiche Belege, doch sie zeichnen kein einheitliches Bild einer allgemeinen Toleranz. Besonders die Knabenliebe, also die erotisch-sexuell konnotierte Beziehung eines älteren Mannes zu einem pubertierenden Jungen, war gesellschaftlich akzeptiert und teilweise gefördert. Beziehungen zwischen Partnern gleichen Alters und gleicher sozialer Stellung wurden in der unter athenischem Einfluss stehenden Poliswelt dagegen eher als unerwünscht angesehen, anscheinend aber toleriert.

Die Quellen zur männlichen Homosexualität sind deutlich reichhaltiger als jene zur weiblichen. Sie umfassen Gedichte aus spätarchaischer und frühklassischer Zeit, attische Komödien, Platons Schriften, die Rede des Aischines Gegen Timarchos und hellenistische Gedichte. Hinzu kommen Urkunden sowie bildliche Darstellungen, besonders Vasenmalereien. Klassische Quellen stammen sämtlich aus Athen, während vorklassische und hellenistische Zeugnisse aus verschiedenen Teilen der griechischen Welt vorliegen. Aus hellenistischer und römischer Zeit sind viele Gedichte zur Knabenliebe erhalten, darunter Werke Stratons von Sardis in der griechischen Anthologie.

Päderastie und soziale Regeln in Athen

Im archaischen und frühklassischen Athen galt die Beziehung eines älteren Mannes zu einem Jungen in der Pubertät als legitim. Der ältere Partner hieß erastes, der jüngere, halbwüchsige Partner eromenos. Vasendarstellungen zeigen sowohl sexuelle Handlungen als auch das Werben des älteren Partners mit Geschenken. Die klassisch-hellenische Päderastie hatte vermutlich auch einen pädagogischen Anspruch: Der jüngere Partner sollte aretä erwerben, also „Mannestugend“ im antik-griechischen Sinn. Dazu zählten Kriegstüchtigkeit, Mut, gesellschaftliches Ansehen sowie Kenntnisse in Rhetorik, Mythologie und Geschichte.

Nach Erich Bethe wurde diese institutionalisierte Knabenliebe hauptsächlich in der Oberschicht praktiziert; eromenoi waren meist 12 bis 18 Jahre alt. Gleichgeschlechtliche Beziehungen zwischen erwachsenen athenischen Bürgern galten dagegen als unehrenhaft, wurden anscheinend jedoch nicht strafrechtlich verfolgt. Besonders negativ bewertet wurde die sexuelle Passivität eines freien erwachsenen Bürgers. Solche Männer wurden als kinaidoi bezeichnet, ein abwertender Ausdruck im Sinn von „weibisch“, „schandhaft“ oder „schamlos“. Wer Männer begehrte, die dem Alter eines eromenos entwachsen waren, konnte ebenfalls als weibisch verspottet werden.

Aischines’ erste Rede gegen Timarchos ist hierfür ein zentraler Beleg. Timarchos wurde vorgeworfen, sich in jungen Jahren prostituiert und dabei vor allem die passive Rolle übernommen zu haben. Ein athenischer Bürger durfte sich nicht prostituieren; dies konnte zum Verlust bürgerlicher Rechte und politischer Einflussmöglichkeiten führen. Metöken und Sklaven konnten die passive Rolle gesellschaftlich eher ohne solche Repressalien übernehmen; viele männliche Prostituierte in Athen waren daher Fremde oder Sklaven. Prostituierten Metöken war jedoch verboten, Ämter zu bekleiden sowie im Rat oder in der Volksversammlung zu sprechen.

Als männlich galt vor allem der aktive Partner. Idealtypisch war der ältere Partner aktiv und der jüngere passiv. Um die Ehre des jüngeren freien Polisangehörigen zu schützen, wurde offiziell eher Schenkelverkehr als Analverkehr bevorzugt. Die Quellen zeigen jedoch, dass dies nicht unbedingt der Praxis entsprach: Vasenmalereien stellen überwiegend Schenkelverkehr dar, Komödien behandeln auch Analverkehr, oft zur moralischen Bloßstellung. Gleichaltrige pubertierende Epheben oder adoleszente Jünglinge konnten offenbar toleranter beurteilt werden als erwachsene Bürger.

Andere Poleis und überlieferte Beziehungen

Für Sparta, Korinth und Kreta ist die Quellenlage schwieriger als für Athen. Die überlieferten, oft aus Athen stammenden Berichte können besonders Sparta in einem negativen Licht darstellen. Für die dorischen Städte deuten die Quellen dennoch auf eine weitergehende Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Beziehungen auch unter gleichaltrigen Männern hin. Zugleich wurde dort offenbar ebenfalls Päderastie praktiziert. In Sparta spielte Knabenliebe vermutlich in der agoge, der Erziehung und Ausbildung jugendlicher Spartiaten, eine wichtige Rolle. Wolfgang Schuller bezeichnete sie für den spartanischen und kretischen Gesellschaftsaufbau sogar als „konstitutiv“.

Schwarzfigurige Vasen zeigen teilweise einen älteren Mann, der von einem jüngeren penetriert wird. Damit stehen diese Bilder im Gegensatz zur in schriftlichen Quellen propagierten Rollenverteilung und belegen andere Vorstellungen. In Theben wurde um 378 v. Chr. die Heilige Schar gebildet, eine militärische Elitetruppe aus männlichen Liebespaaren. Sie bestand bis 338 v. Chr. und wurde in der Schlacht von Chaironeia von Philipp II. von Makedonien und Alexander bis auf 46 Mann vernichtet. Auch hier bestanden die Paare jeweils aus einem älteren und einem jüngeren Partner.

In Kreta konnte der erastes auch philetor heißen; der junge Geliebte wurde parastathes genannt. Zum dortigen Brauch gehörte ein Knabenbrautraub: Die Angehörigen des oikos, des Haushaltsverbandes, wurden mindestens drei Tage vorher über die geplante Entführung informiert. Hielten sie den Mann für tugendhaft, verfolgten sie ihn nur zum Schein; hielten sie ihn für ungeeignet, nahmen sie den Jungen zurück. Danach verbrachten beide zwei Monate auf dem Land. Anschließend schenkte der Liebhaber dem Jugendlichen ein Rind und eine Kriegsausrüstung; das Rind wurde Zeus geweiht und im Kreis des oikos gegessen.

Achilles und Patroklos verbindet in der Ilias eine tiefe emotionale Beziehung, die dort nicht ausdrücklich als sexuell bezeichnet wird. Platon sprach als Erster von ihnen als Liebespaar. In der homerischen Dichtung sind beide gleichberechtigt; in klassischer Zeit versuchte man dagegen, einen von ihnen als älteren und den anderen als jüngeren Partner einzuordnen. Andere Überlieferungen sahen sie schlicht als gute Freunde. Bei Euripides und Agathon sowie bei Alexander dem Großen und Hephaistion werden gleichgeschlechtliche Paare überliefert; die Beziehung Alexanders und Hephaistions wird in der historischen Forschung vereinzelt bestritten.

Makedonien

Das antike Makedonien wird wegen seiner starken hellenischen Einflüsse seit spätestens dem 5. Jahrhundert v. Chr. und seiner engen Verbindung zur griechischen Geschichte seit Philipp II. und Alexander dem Großen in die Geschlechtergeschichte des antiken Griechenlands einbezogen. Gleichgeschlechtliche Liebe zwischen Männern war dort verbreitet und weitgehend akzeptiert. Wie im griechischen Kernland bestanden emotionale Bindungen erwachsener Männer zu Knaben, unabhängig davon, ob sie eine sexuelle Komponente hatten.

Päderastie zwischen einem freien erwachsenen Mann und einem freien Epheben war in Makedonien vom 6. bis 3. Jahrhundert v. Chr. geläufig. Anders als in Athen wurden daneben auch Liebesbeziehungen zwischen erwachsenen freien Männern geschätzt und akzeptiert. Diese Beziehungen betrafen vor allem die Oberschicht. In den hetairoi, männerbündisch organisierten Gefolgschaften um Könige oder Stammesfürsten, konnten gleichgeschlechtliche Sexualbeziehungen den Zusammenhalt fördern. Gleichgeschlechtliche Prostitution, extreme Promiskuität und gleichgeschlechtliche Vergewaltigung galten hingegen als ehrenrührig.

Die Forschung ist weitgehend der Ansicht, dass Philipp II. neben Beziehungen zu Frauen auch sexuelle Kontakte zu Männern hatte. Spätere griechische und lateinische Autoren berichten außerdem von Liebesverhältnissen Alexanders mit Hephaistion und dem persischen Höfling Bagoas. Die Mehrheit der gegenwärtigen Forschung hält diese Beziehungen trotz einzelner Gegenstimmen für wahrscheinlich. Philipp und Alexander hatten zugleich mehrere Ehefrauen und weibliche Geliebte; Polygamie war in der makedonischen Oberschicht verbreitet und wohl legitim. Seit dem frühen 3. Jahrhundert v. Chr. wurden akzeptierte Beziehungen zwischen freien Männern und die klassische Päderastie zunehmend durch tolerierte sexuelle Kontakte zwischen Herren und männlichen Sklaven ersetzt.

Entwicklung von der Archaik bis zum Hellenismus

Nach William A. Percy etablierte sich die griechische Päderastie um circa 650 v. Chr., vielleicht von Kreta ausgehend. In ihrer „traditionellen“ oder „klassischen“ sexuellen Form war sie in Athen, Sparta, Korinth und Theben bis in die erste Hälfte des 5. Jahrhunderts v. Chr. verbreitet. Nach Thomas K. Hubbard wurde diese Form in Athen nach dem endgültigen Durchbruch der Demokratie nach 462 v. Chr. aus dem öffentlichen Leben weitgehend verdrängt. Mittel- und Unterschichten verbanden sie mit der zuvor mächtigen aristokratischen Oberschicht und deren oligarchischer Politik. Hubbard spricht deshalb für die zweite Hälfte des 5. und das frühe 4. Jahrhundert v. Chr. von einer Marginalization of Pederasty.

Percy betont jedoch, dass keine rechtliche Kriminalisierung und kein vollständiger Abbruch eintraten. Päderastische Gepflogenheiten wurden vielmehr in das Privatleben der Oberschicht, besonders in Symposion und Lyrik, verlagert. Seit etwa 380 v. Chr. setzte nach Hubbard mit Platons Symposion eine „Rehabilitation“ ein. Platon überführte das Verhältnis von erastes und eromenos dabei in das Ideal der platonischen Liebe: eine emotional-geistige, pädagogisch-kulturelle Beziehung ohne genitale Sexualität. Diese „platonisch-keusche“ Päderastie wurde in Athen und der attisch beeinflussten Kulturzone zum Ideal des 4. und frühen 3. Jahrhunderts v. Chr. In Platons spätem Werk Nomoi sollte die sexuell ausgelebte traditionelle Päderastie allerdings aus dem idealen Gemeinwesen ausgeschlossen sein; diese politische Utopie hatte keine konkreten rechtlichen oder politischen Folgen.

Nach Alexanders Tod veränderten sich die Verhältnisse erneut. Seit Beginn des 3. Jahrhunderts v. Chr. gingen sowohl die traditionelle Päderastie als auch die in Makedonien und teilweise im dorischen Bereich tolerierten Beziehungen zwischen erwachsenen freien Männern zurück. Zunehmend toleriert wurden dagegen sexuelle Beziehungen zwischen freien hellenistischen Herren, also Sklavenhaltern oder Kunden versklavter Prostituierter, und männlichen Sklaven beziehungsweise versklavten Lustknaben. Diese Entwicklung betraf sowohl die hellenistischen Diadochenreiche als auch das griechische Kernland.

Weibliche Homosexualität

Zur weiblichen Homosexualität gibt es nur wenige Quellen. Für Sparta sind erotische Beziehungen älterer zu jüngeren Frauen belegt. Sie könnten im Erziehungssystem für weibliche Heranwachsende eine Rolle gespielt haben, die mit der agoge männlicher Jugendlicher vergleichbar war. In Athen wurde das Thema anscheinend eher ignoriert oder möglicherweise tabuisiert.

In den Gedichten Sapphos von der Insel Lesbos finden sich zahlreiche Belege für gleichgeschlechtliche Liebe unter Frauen. Auch dort ging es um Beziehungen einer etwas älteren Frau zu jüngeren Frauen. Diese Beziehungen wurden offensichtlich akzeptiert. Erst in klassischer Zeit unter athenischem Einfluss wurden sie anscheinend eher negativ dargestellt.

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