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Heinrich Christoph Jussow
Heinrich Christoph Jussow (* 9. Dezember 1754 in Kassel; † 26. Juli 1825 ebenda) war ein deutscher klassizistischer Architekt und Gartengestalter.
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Bedeutung und Tätigkeit
Heinrich Christoph Jussow (9. Dezember 1754 in Kassel – 23. beziehungsweise 26. Juli 1825 in Kassel) war ein deutscher klassizistischer Architekt und Gartengestalter. Seine wichtigste Wirkungsstätte war Kassel. Dort plante er bedeutende Schloss- und Parkanlagen, verband Architektur mit Landschaftsgestaltung und leitete später das Hofbau-, Land-, Chaussee- und Wasserbauwesen. Zu seinen Hauptwerken zählen der Mittelbau von Schloss Wilhelmshöhe, die neugotische Löwenburg und die Gestaltung des Bergparks Wilhelmshöhe.
Herkunft und Ausbildung
Jussow war der einzige Sohn des Architekten und landgräflichen Oberbaumeisters Johann Friedrich Jussow (1701–1779) und dessen Ehefrau Katharina Elisabeth, geborene Stoffregen (1715–1779). Er hatte zwei Schwestern, blieb unverheiratet und hatte keine Nachkommen.
Mit sieben Jahren kam er auf die Lateinschule in Kassel, die er nach zehn Jahren erfolgreich abschloss. 1771 wechselte er an das Collegium Carolinum in Kassel. Besonders prägte ihn dort der Mathematikprofessor Johann Matthias Matsko. Auf Druck seiner Eltern begann Jussow Ostern 1773 an der Philipps-Universität Marburg ein Jurastudium. Nach zwei Jahren kehrte er zum Collegium Carolinum zurück und widmete sich wieder der Mathematik.
1776 setzte er das Jurastudium an der Georg-August-Universität Göttingen fort, interessierte sich dort aber stärker für die Vorlesungen des Mathematikprofessors Abraham Gotthelf Kästner. Die schwere Erkrankung seiner Eltern zwang ihn Ostern 1778 nach Kassel zurück. Seine Mutter starb im März 1779, sein Vater im Juli 1779. Um seinen Lebensunterhalt zu sichern, entschied sich Jussow für die Architektur. Er bildete sich im Zeichnen selbstständig weiter und erhielt im Oktober 1778 eine Assistentenstelle im landgräflichen Baudepartement. Dort übernahm er zunächst untergeordnete Aufgaben, studierte Architekturtheorie, besonders des Barocks, und beschäftigte sich mit dem vom Palladianismus geprägten Werk seines Vorgesetzten Simon Louis du Ry.
Studienreisen und Einflüsse
1781 wurde Jussow Architekturlehrer an der 1777 aus dem Collegium Carolinum hervorgegangenen Kasseler Kunstakademie. Im selben Jahr lernte Landgraf Friedrich II. in Paris den frühklassizistischen Hofarchitekten und Stadtplaner Charles de Wailly kennen. De Wailly wurde Ehrenmitglied der Kasseler Kunstakademie und erhielt den Auftrag, den Umbau und die städtebauliche Einbindung des Landgrafenschlosses in Kassel zu planen. 1782 kam er nach Kassel und legte seine Entwürfe vor.
Jussow erhielt daraufhin ein Reisestipendium und eine Empfehlung an de Wailly. 1783 reiste er nach Paris und besuchte dort zwei Jahre lang die Königliche Bauakademie. De Wailly beeinflusste ihn stark. Anschließend hielt sich Jussow längere Zeit in Italien auf, vor allem in Rom, Neapel und auf Sizilien. Dort studierte er die Architektur und die bildende Kunst der Antike. Auf der Rückreise besuchte er Oberitalien, Triest und Wien.
Auf Wunsch des seit November 1785 regierenden Landgrafen Wilhelm IX., des Sohnes Friedrichs II. und der englischen Prinzessin Maria, reiste Jussow anschließend über Hamburg nach England. Als zum Gartenarchitekten des Landgrafen ernannter Fachmann sollte er dort herrschaftliche Landsitze besichtigen und die damals moderne Garten- und Cottage-Architektur der Ornamental Farm kennenlernen.
Hofbaumeister und Gartenarchitekt in Kassel
Nach seiner Rückkehr wurde Jussow wieder im Baudepartement angestellt. Landgraf Wilhelm IX., der später als Kurfürst Wilhelm I. regierte, beauftragte ihn unter anderem mit dem Mittelbau von Schloss Wilhelmshöhe und mit der Umgestaltung des Bergparks Wilhelmshöhe. Simon Louis du Ry hatte bereits den Weißensteinflügel fertiggestellt; der Kirchflügel befand sich im Bau. Jussow entwarf den freistehenden Mitteltrakt. Sein Bau begann 1792 und war 1798 beendet.
Im Bergpark arbeitete Jussow eng mit dem Brunnen- und Wasserkunstinspektor Carl Steinhöfer und dem Garteninspektor Daniel August Schwarzkopf zusammen. Er errichtete unter anderem den Apollo-Tempel, das Felseneck und die Halle des Sokrates, entwickelte den Schlossteich, den heutigen Lac, weiter und erweiterte die Wasserspiele. Dazu gehören der Fontänenteich (1789/90), die Jussow-Kaskade sowie die Teufelsbrücke mit dem Höllenteich (1792/93).
Jussow entwarf außerdem den Aquädukt (1788–1792), die Nachbildung einer verfallenen römischen Wasserleitung. Von dort stürzt das Wasser in eine 34 Meter tiefer gelegene Schlucht. Zu seinen weiteren Aufgaben gehörte der Um- und Ausbau des 1762 errichteten großen Marstalls beim Schloss Wilhelmshöhe in den Jahren 1790/91. 1791 bezog Jussow eine Wohnung im neuen Obergeschoss des Marstalls, nachdem er die sogenannte Bagatelle für die Aufenthalte des Landgrafen im Bergpark freimachen musste. Die zwischen 1793 und 1798 errichtete Löwenburg, eine künstliche Ruine in neugotischer Form, gilt neben dem Schlossmittelbau und der Parkgestaltung als eines seiner Hauptwerke.
Nach du Rys Tod 1799 wurde Jussow dessen Nachfolger als Oberkammerrat und Oberhofbaudirektor. Damit war er für das Hofbau-, Land-, Chaussee- und Wasserbauwesen zuständig. Außerdem wurde er Direktor der Architekturabteilung der Kunstakademie. Er arbeitete häufig an mehreren Projekten gleichzeitig und entwarf neben Gebäuden auch Betten, Stühle, Tische, Öfen, Stuckornamente und Wandverkleidungen.
Während des napoleonischen Königreichs Westphalen unter Jérôme Bonaparte blieb Jussow von 1807 bis 1813 als „Direktor der Krongebäude und Generalinspekteur der Brücken, Chausseen und öffentlichen Gebäude“ im Amt. 1809 trat er der Kasseler Freimaurerloge Hieronymus Napoleon zur Treue bei, die bis Juli 1807 „Friedrich von der Freundschaft“ geheißen hatte. Nach dem Ende des Königreichs Westphalen und der Aufhebung des Logenverbots wurde daraus 1814 die Loge „Wilhelm zur Standhaftigkeit“.
Nach der Rückkehr Kurfürst Wilhelms I. Ende 1813 erhielt Jussow seine Stellung als Oberhofbaudirektor zurück. Am 27. Juni 1820 ernannte ihn der Kurfürst zum Kommandeur II. Klasse des Hausordens vom Goldenen Löwen.
Nach dem teilweisen Brand des Kasseler Stadtschlosses im Jahr 1811 ließ der Kurfürst 1816 nicht nur den nahezu zerstörten Nordwestflügel, sondern auch die drei beschädigten, noch stehenden anderen Flügel abreißen. Jussow wurde mit dem Entwurf einer neuen, monumentalen Residenz beauftragt: der „Chattenburg“. Ihr Grundstein wurde 1820 gelegt. Für den Bau wurden im März 1820 zusätzlich Maurergesellen aus den Garnisonen Kassel, Hersfeld, Marburg und Ziegenhain angefordert. 200 weitere Arbeiter kamen hinzu; insgesamt arbeiteten etwa 1200 Männer auf der Baustelle. Nach dem Tod Wilhelms I. 1821 wurden die Arbeiten eingestellt, als erst das erste Stockwerk im Rohbau stand.
Das Auetor in Kassel gilt als Jussows letzte Arbeit. Sein Nachfolger Johann Conrad Bromeis führte sie 1825 für ihn aus. Das Auetor wurde 1876 zu einem Kriegerdenkmal umgestaltet, 1896 wegen des Theaterbaus auf den Schlossplatz versetzt, im Zweiten Weltkrieg zerstört und schließlich abgerissen.
Tod und Nachwirkung
Jussow starb nach langer Krankheit im Alter von 71 Jahren. Das Artikeldatum nennt dafür den 23. Juli 1825; in der Einleitung und bei den Personendaten wird dagegen der 26. Juli 1825 angegeben. Bestattet wurde er an der Südseite des Altstädter Friedhofs, vor dem von ihm selbst entworfenen Mausoleum der 1820 verstorbenen Gemahlin Kurfürst Wilhelms I., Wilhelmine Karoline von Dänemark.
Zur Person und zu seinen Bauten verweisen die Literaturangaben unter anderem auf den „Neuen Nekrolog der Deutschen“, die „Allgemeine Encyklopädie der Wissenschaften und Künste“, die Neue Deutsche Biographie sowie auf Veröffentlichungen zu Schloss Wilhelmshöhe, zur Löwenburg und zum hessischen Klassizismus. Bild- und Zeichnungssammlungen werden unter anderem über den Bildindex der Kunst und Architektur, die Graphische Sammlung der Museumslandschaft Hessen Kassel und das Landesgeschichtliche Informationssystem Hessen zugänglich gemacht.