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Guggisberglied
Nach Untersuchungen von John Meier soll der Kehrreim des Guggisberglieds von einem Spottlied auf die Guggisberger stammen, das sich mit einem Liebeslied aus …
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Bedeutung und Kerngeschichte
Das Lied vom Vreneli ab em Guggisberg, kurz Guggisberglied und auch Guggisbergerlied oder Altes Guggisbergerlied genannt, gilt vermutlich als das älteste noch bekannte Schweizer Volkslied. Es wurde erstmals 1741 erwähnt; die älteste erhaltene Textvariante stammt von 1764.
Im Mittelpunkt steht Vreneli, schweizerdeutsch für Verena, aus Guggisberg. Es sehnt sich nach seinem Geliebten, «Simes Hans-Joggeli», also Simons Hans-Jakob, der jenseits des Berges lebt. Vreneli erklärt, dass es nur mit diesem einen Menschen zusammen sein möchte und vor Kummer sterben werde, falls es ihn nicht bekommen könne. Das unablässig mahlende Mühlrad wird zum Sinnbild seiner treuen, ausharrenden Liebe.
Text, Aufbau und zentrale Bilder
Wegen der langen mündlichen Überlieferung existieren mehrere Textvarianten. Eine wichtige Fassung veröffentlichte Otto von Greyerz 1912 im Schweizerischen Archiv für Volkskunde. Der Text ist berndeutsch und enthält nach den meisten kurzen Strophen den Kehrreim mit «Simelibärg», dem Vreneli aus Guggisberg und Simes Hans-Joggeli jenseits des Berges.
Die Liedhandlung entfaltet sich in mehreren Bildern:
- Vreneli bekennt seine ausschließliche Liebe zu Hans-Joggeli und seinen großen Kummer.
- Im Garten des Geliebten stehen zwei Bäumchen. Eines trägt «Muschgate» – Muskaten –, das andere Nelken. Vreneli gibt beides seinem Liebsten, damit er es nicht vergisst.
- Es erklärt, den Geliebten nie vergessen und seit zwei Jahren stets an ihn gedacht zu haben.
- In der Tiefe steht ein Mühlrad, das Tag und Nacht «nichts als Liebe» mahlt.
- In der zusätzlichen Schlussstrophe 10a zerbricht das Mühlrad; damit endet auch das Leid.
Ludwig Tobler und Otto von Greyerz hielten die Strophen 2a über Vrenelis Tod und Begräbnis sowie 10a über das zerbrochene Mühlrad für nachträgliche Ergänzungen, weil sie nicht in das sonstige Reimsystem passen. Von Greyerz betrachtete auch den Kehrreim als jünger.
Melodie
Die ursprüngliche Melodie ist eine schlicht-feierliche Mollweise. Sie geht auf evangelische Choräle des 16. Jahrhunderts zurück und macht das Guggisberglied zu einem der seltenen Schweizer Volkslieder in Moll. Besonders eng verwandt ist die Melodie des Emmentaler Hochzeittanzliedes «Bin alben e wärti Tächter gsy».
Eine Mollvariante ist in einer handschriftlichen Niederschrift von 1803 aus Habkern im Berner Oberland erhalten. Gedruckt erschien die Melodie erstmals 1818 in Gottlieb Jakob Kuhns Sammlung Schweizerischer Kuhreihen. Im 19. Jahrhundert wurde daneben eine Dur-Melodie nach Hans Nydegger gebräuchlich; Karl Munzinger setzte sie 1890 für Männerchor.
Überlieferung und Entstehung
Die Strophenpaare 1 und 2, 3 und 4, 5 und 6, 7 und 8 sowie 9 und 10 bilden jeweils eine vierzeilige Einheit, deren Zeilen durch Reime oder Assonanzen – ähnlich klingende Vokale – verbunden sind. Die Strophen 3 bis 6 und 9 bis 10 gehören zum gemeinsamen Bestand der deutschen Volkspoesie und kommen als sogenannte Wanderstrophen auch in zahlreichen anderen alten Volksliedern vor. Nach John Meier könnte der Kehrreim aus einem Spottlied über die Guggisberger stammen, das später mit einem aus Wanderstrophen zusammengesetzten Liebeslied verschmolz.
Die erste bekannte Erwähnung steht 1741 in Franz Ludwig Steigers Einladungsgedicht «Reime über das Käsmahl zu Wimmis A° 1741». Darin werden das Vreneli vom Guggisberg und Simes Hans-Joggeli ausdrücklich als Liedfiguren genannt. Die Liebesgeschichte «Die schöne Alpmeyerin oder das Verenichen ab dem Guggisberge» von 1756 zeigt, dass das Lied damals offenbar auch in Basel und Umgebung allgemein bekannt war. Ein in Sissach entstandener Flugblättersammelband aus der Zeit von etwa 1750 bis 1780 enthält eine frühe hochdeutsche Fassung der ersten beiden Strophen.
Weitere Veröffentlichungen folgten durch Karl Spazier 1790, Achim von Arnim in «Des Knaben Wunderhorn» von 1805 bis 1808, Gottlieb Jakob Kuhn 1812, K. Ruckstuhl 1823 und Johann Rudolf Wyss 1826. Kuhns Fassung war bereits 1802 handschriftlich notiert worden.
Inhalt und Melodie galten als besonders gefühlvoll. Verschiedene Quellen berichten, bei Schweizer Regimentern in fremden Kriegsdiensten habe früher die Todesstrafe auf dem Singen des Liedes gestanden, weil es Heimweh – damals auch «Schweizerkrankheit» genannt – ausgelöst oder verstärkt habe. Der Artikel gibt dies als überlieferte Behauptung wieder, nicht als eindeutig gesicherte Tatsache.
Motive und möglicher realer Hintergrund
Der «Simeliberg» hat wahrscheinlich nichts mit dem gleichnamigen Berg aus Märchen der Brüder Grimm zu tun. Der Name dürfte vielmehr vom Personennamen Simon abgeleitet sein. In Guggisberg existiert bis heute ein Hof namens «s Simelis», also das Gut des Simon. Nach Otto von Greyerz bezeichnete Simeliberg den nördlichen Ausläufer einer nahe gelegenen Hügelkette. Im Register der Volkszählung von 1715 erscheint außerdem ein «Jakob Bingelli – Simes Hansjaggi». Ein Guggisberger Lokalhistoriker nimmt deshalb an, dass Hansjoggeli wirklich gelebt habe; für die historische Existenz Vrenelis gebe es dagegen keinen entsprechenden Beleg.
Die Muskaten- und Nelkenstrophen sind bereits im erstmals 1536 belegten Bergreihen «Bei meines Buhlen Haupte» fast wortgleich enthalten. Eine ähnliche Stelle steht im Lied «Es ist ein Schnee gefallen», dessen Mundartfassung aus Davos-Sertig als «Es het es Schneeli gschniied» bekannt ist und bis ins 15. Jahrhundert zurückreichen soll. Muskat und Nelken werden hier mit Liebe und Stimmung verbunden; beide galten als Bestandteile eines Liebestranks.
Auch das zerbrechende Mühlrad erscheint schon 1536 in «Bei meines Buhlen Haupte» und fast wortgleich im Lied «Mei Schatz, wei Chrieseli gwünne» aus dem Luzerner Hinterland. Im Guggisberglied steht das ständig kreisende Rad für die beständige Liebe der jungen Frau.
Bearbeitungen und moderne Fassungen
Das Guggisberglied wurde in Theater, Kunstmusik und populärer Musik vielfach weiterverarbeitet. 1937 führte das Stadttheater Basel Ernst Kunz’ Stück «Vreneli ab em Guggisbärg» mit einem Libretto von Oskar Wälterlin auf. Es war als «musikalisches Volksdrama» im Sinne der Geistigen Landesverteidigung gedacht; die Uraufführung wurde im Radio übertragen. Spätere Aufführungen sind nicht bekannt.
In Rolf Liebermanns «Suite über 6 schweizerische Volkslieder» von 1947 bildet das Lied den fünften Satz. Weitere Bearbeitungen sind David Philip Heftis «2. Streichquartett (Guggisberg-Variationen)» von 2008, der zweite Satz aus Urs Joseph Flurys Trio für zwei Violinen und Viola von 2008/09, Jonas Martis «Doppelfuge» von 2017 und Paul Gigers 19-minütige Fassung auf dem Album «ars moriendi» von 2022.
Moderne Interpretationen stammen unter anderem von Stephan Eicher, Christine Lauterburg, den Geschwistern Pfister, Fräkmündt, Steff la Cheffe, verschiedenen Volkschören und der Schweizer Black-Metal-Band Ungfell. Es gibt zudem Übersetzungen oder Neuinterpretationen auf Englisch, Russisch und Türkisch. Paul Etterlins englische Version «If ever», aufgenommen mit Angelheart, erreichte 2001 den ersten Platz der Hörercharts von SRF 1.