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Großer Bruder
Der Große Bruder (englisch Big Brother) ist eine Gestalt aus George Orwells Roman 1984, die niemand je zu Gesicht bekam und bei der es sich nur um die …
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Figur und Funktion im Roman
Der Große Bruder (englisch Big Brother) ist eine Gestalt aus George Orwells Roman 1984. Niemand bekommt ihn je zu Gesicht. Er scheint vor allem die Kollektivherrschaft der sogenannten Inneren Partei zu personifizieren, die knapp zwei Prozent der Bevölkerung des totalitären Staates „Ozeanien“ umfasst. Die Mitglieder dieser Partei sind Brillenträger.
Der Große Bruder erscheint als oberste Figur der Hierarchie: Von allgegenwärtigen Plakaten blickt er auf die Bevölkerung herab, die verpflichtet ist, ihn zu lieben. Ob er tatsächlich existiert oder nur eine symbolische Ikone ist, bleibt ungeklärt. Seine Funktion besteht darin, libidinöses Verlangen – also sexuelles oder begehrendes Verlangen – auf sich zu richten und die vollständige Einheit der herrschenden Kaste auszudrücken.
Überwachung, Krieg und Herrschaft
In Orwells Gesellschaft werden alle Menschen vollständig von Behörden überwacht, bis in ihr Privatleben und ihre Sexualität hinein. Der Propaganda-Slogan „Der Große Bruder sieht dich“ (englisch „Big Brother is watching you“) erinnert sie ständig daran.
Die Superstaaten führen fortwährend Kriege gegeneinander, an denen jeweils nur ein kleiner Teil der Bevölkerung beteiligt ist. Es geht dabei nur um geringe Vorteile und Gewinne; die Existenz der Staaten steht nicht auf dem Spiel. Drohende oder tatsächliche Niederlagen erzeugen Angst, Hasskampagnen hetzen gegen den jeweiligen Feind auf, und einzelne Siege schaffen Erfolgserlebnisse. Dadurch identifiziert sich die Bevölkerung mit der Partei und überlässt der kleinen Führerkaste Macht. Zugleich glaubt sie an die halb-göttlichen Fähigkeiten eines Führers, des Großen Bruders.
Die Kriege dienen als „Vorwand für jede Art von Tyrannei und Ungleichheit“. Nach dem im Artikel zitierten Text herrscht Big Brother in den Herzen der Menschen, weil er sie vor eingebildeten Gefahren bewahrt und ihrer Eitelkeit durch imaginäre Siege schmeichelt: Statt Freiheit erhalten sie ein Gefühl der Errettung, statt physischen Wohlergehens militärischen Ruhm.
Bedeutung in der Gegenwart und Vorbilder
Heute bezeichnet „Großer Bruder“ in Anlehnung an Orwell einen staatlichen oder privaten Überwachungsapparat, dem Menschen machtlos gegenüberstehen. Das Bild eines einzigen großen Bruders passt nicht immer vollständig, weil persönliche Daten selten an nur einer Stelle zusammenlaufen und besonders ihre Vernetzung als problematisch gilt. Auch im Roman steht der Große Bruder jedoch für staatliche Kontrolle, nicht zwingend für eine nachweislich reale Person.
Seit 1998 werden in vielen Ländern „Big Brother Awards“ an Behörden, Firmen, Organisationen und Personen vergeben, die die Privatsphäre nachhaltig beeinträchtigen oder persönliche Daten Dritten zugänglich machen. Die 1999 geschaffene Fernsehshow Big Brother greift den Begriff auf: Eine Gruppe lebt vollständig videoüberwacht und von der Außenwelt abgeschnitten.
Als wichtigstes Vorbild der Figur diente Orwell der sowjetische Diktator Josef Stalin. Außerdem orientierte er sich offenbar an einem Poster vom Beginn des Ersten Weltkriegs, auf dem der britische Kriegsminister Lord Kitchener mit suggestivem Blick zum Kriegsdienst auffordert, sowie an einer Werbefigur eines Fernlehrinstituts der 1930er Jahre mit dem Slogan „Let Me Be Your Big Brother“.