Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Gleichnis vom Nadelöhr
Das Gleichnis vom Nadelöhr (auch Gleichnis vom Kamel und vom Nadelöhr) ist ein Gleichnis Jesu, das durch ein Adynaton die Aussage unterstreicht, …
Inhalt5 Abschnitte
Kernaussage und Überlieferung
Das Gleichnis vom Nadelöhr, auch Gleichnis vom Kamel und vom Nadelöhr genannt, ist ein Gleichnis Jesu über Reichtum und den Zugang zum Reich Gottes. Es verwendet ein Adynaton, also einen bildhaften Vergleich mit einem unmöglichen Vorgang, um zu zeigen, dass es für einen reichen Menschen unmöglich beziehungsweise äußerst schwer ist, in das Reich Gottes zu gelangen.
Die bekannteste Formulierung lautet: „Leichter geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt.“ Das Gleichnis steht in allen drei synoptischen Evangelien, also bei Markus 10,25, Lukas 18,25 und Matthäus 19,24. Diese drei Evangelien stimmen in der Kernaussage überein. Außerdem erscheint das Gleichnis im apokryphen, das heißt nicht in den biblischen Kanon aufgenommenen, Nazaräerevangelium: „Simon, Johannis Sohn, es ist leichter, daß ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, denn ein Reicher ins Himmelreich.“
Kamel als ursprüngliche Lesart
In der Forschung gilt überwiegend „Kamel“ als ursprüngliche Lesart. Der starke Gegensatz zwischen einem sehr großen Tier und der winzigen Öffnung einer Nadel veranschaulicht die Unmöglichkeit besonders deutlich. Das Kamel wird dabei als typisches nahöstliches Bild verstanden. Vergleichbare Übertreibungen verwenden in der talmudischen Tradition einen Elefanten. Die Verbindung eines großen Tieres mit einem äußerst kleinen Durchlass bildet das Adynaton.
Eine ältere Erklärung bezog das „Nadelöhr“ auf eine angeblich so genannte enge Gasse oder ein kleines Tor in Jerusalem. Ein Kamel habe dieses Tor demnach nur kniend und ohne umfangreiche Last passieren können. Diese Vermutung wird heute allgemein verworfen. Das Nadelöhr ist in dieser Deutungstradition daher nicht als nachgewiesenes Stadttor zu verstehen.
Eine direkte sprachliche Herkunft des Gleichnisses aus dem Aramäischen gilt ebenfalls als ausgeschlossen, weil keines der Evangelien ursprünglich auf Aramäisch verfasst wurde. Für das historische Umfeld bleibt dennoch wichtig, dass Jesus Aramäisch sprach.
Alternative Lesart: Seil
Neben der Lesart „Kamel“ gibt es die Auffassung, ursprünglich sei ein „Seil“ oder „Schiffstau“ gemeint gewesen. Grundlage ist die Ähnlichkeit der griechischen Wörter κάμιλος (kamilos: „Schiffstau“, „Seil“) und κάμηλος (kámêlos: „Kamel“, auch „Karawane“). Durch den Itazismus, bei dem verschiedene griechische Laute gleich ausgesprochen wurden, könnte das eine Wort mit dem anderen verwechselt worden sein.
Die Seil-Lesart ist in heutigen Bibelausgaben eher selten und war der Textkritik lange kaum bekannt. Inzwischen sind jedoch zahlreiche Belege dafür bekannt, darunter die armenische und die georgische Bibelübersetzung sowie verschiedene Handschriften. Die älteste Quelle, die auf dem griechischen kamilos beruht, findet sich in der syro-aramäischen Peschitta-Bibel, deren Übersetzung ab etwa 145 n. Chr. entstand. Als einzige erhaltene nichtbiblische Quelle verweist die Suda auf die sprachliche Ähnlichkeit.
Diese Belege lassen grundsätzlich auch die Deutung zu, „Seil“ könne die ursprüngliche Form gewesen sein und „Kamel“ eine spätere Veränderung darstellen. Die Forschung hält dennoch überwiegend die Kamel-Lesart für ursprünglich. Unabhängig davon bleibt das Bild ähnlich: Ein Kamel oder ein dickes Schiffstau kann nicht durch ein gewöhnliches Nadelöhr gelangen.
Bedeutung im Zusammenhang der Evangelien
Der Zusammenhang bei den synoptischen Evangelien schränkt eine rein absolute Auslegung ein. In Markus 10,23–27 erklärt Jesus zunächst, wie schwer Menschen mit viel Besitz in das Reich Gottes gelangen. Die Jünger fragen erschrocken: „Wer kann dann noch gerettet werden?“ Jesus antwortet: „Für Menschen ist das unmöglich, aber nicht für Gott; denn für Gott ist alles möglich.“ Reiche sind daher nicht grundsätzlich vom Reich Gottes ausgeschlossen. Aus menschlicher Kraft erscheint ihre Rettung unmöglich, Gottes Handeln kann sie aber ermöglichen.
Das Gleichnis ist Teil einer breiteren Warnung Jesu vor Reichtum, die auch in anderen überlieferten Aussprüchen vorkommt, etwa in Aussagen über den Mammon. „Reichtum“ kann in diesem Zusammenhang weiter gefasst werden: Gemeint kann alles sein, was ein glaubender Mensch wichtiger nimmt als seine Beziehung zu Gott. Der Artikel nennt als Beispiele Bildung und familiäre Bindungen.
Im Nazaräerevangelium fehlt dagegen die abschließende Aussage über Gottes Möglichkeiten. Dadurch verschiebt sich der Sinn: Die Aufforderung, den Besitz den Armen zu geben, erscheint nicht nur als Rat auf dem Weg zur Vollkommenheit, sondern als notwendige Folge des Liebesgebots. Ihre Missachtung führt nach dieser judenchristlichen Überlieferung zum Ausschluss vom Himmelreich. Insgesamt verbindet das Nazaräerevangelium die Teilhabe am Heil stärker mit sozialer Solidarität.
Parallele im Islam
Ein ähnliches Bild erscheint im Koran. Dort wird über Menschen gesprochen, die Gottes Zeichen für Lüge erklären und sich hochmütig von ihnen abwenden. Ihnen würden die Pforten des Himmels nicht geöffnet, und sie gelangten nicht ins Paradies, „ehe denn ein Kamel durch ein Nadelöhr geht“. Auch hier bezeichnet der Vergleich eine unerfüllbare Bedingung und unterstreicht den Ausschluss der angesprochenen Sünder vom Paradies.