Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Gewissenskonflikt

Der einem Gewissenskonflikt ausgesetzte Mensch wird sich ungeachtet seiner Entscheidung in den eigenen Augen oder denen anderer schuldig machen, während ihm …

Inhalt4 Abschnitte
  1. 1. Definition und Grundproblem
  2. 2. Recht, Ethik und Psychologie
  3. 3. Kulturanthropologische Deutung
  4. 4. Darstellung in der Literatur

Definition und Grundproblem

Ein Gewissenskonflikt ist ein innerer Zwiespalt: Ein Mensch gerät in eine Lage, in der er meint, gegen sein eigenes Gewissen handeln zu müssen. Ursachen können wirtschaftliche Not, gesellschaftlicher oder politischer Zwang, Erpressung oder der Befehl eines Vorgesetzten sein.

Der Konflikt kann außerdem aus einem ethischen Dilemma entstehen. Dabei widersprechen sich zwei Wertvorstellungen, die als gleichrangig gelten. Unabhängig von seiner Entscheidung kann sich der betroffene Mensch in den eigenen Augen oder nach dem Urteil anderer schuldig machen. Aber auch das Aufschieben der Entscheidung kann ihm als sittliche Unreife oder Feigheit vorgeworfen werden.

Recht, Ethik und Psychologie

In der Rechtslehre sind Gewissenskonflikte besonders bei einer Pflichtenkollision wichtig, also wenn gleichzeitig geltende Pflichten einander widersprechen. Eine solche Kollision kann die rechtliche Beurteilung von Straftaten beeinflussen. Die eng mit der Glaubensfreiheit verbundene Gewissensfreiheit soll dazu beitragen, Gewissenskonflikte zu vermeiden. In vielen modernen Demokratien führte dies beispielsweise zum Recht auf Kriegsdienstverweigerung und zur Arbeitsverweigerung aus Gewissensgründen.

Die praktische Philosophie behandelt Gewissenskonflikte als ethische Grenzfälle, insbesondere in der Kasuistik. Kasuistik bedeutet, moralische Fragen anhand konkreter Einzelfälle zu untersuchen. In der Psychologie erscheinen solche Konflikte vor allem als kognitive Dissonanzen, also als unangenehme Spannungen zwischen widersprüchlichen Überzeugungen, Einsichten oder Handlungen.

Gewissenskonflikte können grundsätzliche Mängel eines weltanschaulichen, rechtlichen oder sozialen Systems sichtbar machen. Sie können aber auch durch einen Gegensatz zwischen intuitiven und rationalen Einsichten entstehen.

Kulturanthropologische Deutung

Aus kulturanthropologischer Sicht kann ein Gewissenskonflikt als Zusammenstoß zweier Wertesysteme verstanden werden. Das erste System soll die „Ungleichheit unter den Menschen“ begrenzen. Es ist rückwärtsgewandt, an sozialen Normen orientiert und blind für geschichtliche Prozesse. Das zweite System richtet sich fortschrittlich gegen die „Ungleichheit im Menschen“. Es gibt der einzelnen Person Maßstäbe für ihr Handeln, bleibt jedoch blind für strukturelle Prozesse.

Eine einseitige Konzentration auf das Soziale führt dieser Darstellung zufolge zur Ideologie, eine einseitige Konzentration auf das Personale zur Utopie. Der Mensch gerät zwischen beide Seiten. Der „reine Pragmatiker“ kann darauf mit Aggression gegen sich selbst reagieren, etwa durch Depression oder Suizid, oder mit Aggression gegen die Gesellschaft, etwa durch Opposition oder Revolution. Der „reine Mythiker“ zieht sich dagegen in eine „innere Emigration“ in Ideologie und Utopie zurück und verzichtet damit vollständig auf verantwortungsvolles politisches Handeln.

Darstellung in der Literatur

Der Gegensatz zwischen dem eigenen Gewissen und sozialen Normen oder geltendem Recht ist ein häufiges Thema der belletristischen Literatur. Besonders geeignet ist der innere Monolog, weil er die Gedanken einer Figur unmittelbar wiedergibt. Er kann zu einem inneren Dialog werden, in dem verschiedene Gewissensgründe wie zwei miteinander streitende Stimmen erscheinen.

In Friedrich Schillers Drama „Wallenstein“ entstehen Gewissenskonflikte aus der gleichzeitigen Loyalität zum Kaiser und zum Heerführer. Max Piccolomini wird zusätzlich von seiner Liebe zu Thekla beeinflusst. Er weiß nicht, welcher Pflicht er folgen soll, und fragt nach einer verlässlichen „Stimme der Wahrheit“. Der Konflikt führt ihn schließlich zu selbstmörderischem Handeln.

Auch in Victor Hugos Roman „Die Elenden“ sowie in Fjodor Dostojewskis Romanen „Verbrechen und Strafe“ und „Die Brüder Karamasow“ geraten Figuren wiederholt in Gewissenskonflikte. Ihre Versuche, diese Konflikte zu lösen, setzen häufig die Handlung erst in Gang.

Weiterlesen