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Eselssatz
In der Sprachwissenschaft ist Eselssatz (englisch: donkey sentence) der Fachbegriff für eine Klasse von Sätzen, in denen Pronomen sich abweichend von …
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Kernproblem und Bedeutung
Ein Eselssatz ist in der Sprachwissenschaft ein Satz, in dem sich ein Pronomen anders verhält, als klassische Bindungstheorien erwarten lassen. Solche Sätze sind besonders für die formale Semantik wichtig, weil erklärt werden muss, wie sie trotz einer fehlenden syntaktischen Bindung verständlich werden und ihre Bedeutung erhalten.
Die problematische Verbindung besteht zwischen einer indefiniten Nominalphrase, etwa „einen Esel“, und einem späteren Pronomen wie „ihn“. Syntaktisch ist das Pronomen nicht durch diese Nominalphrase gebunden; semantisch verhält es sich jedoch wie ein gebundenes Pronomen.
Konstruktionen, Lesart und Beispiele
Eselssätze treten vor allem in zwei Konstruktionen auf:
- Konditionalsatz: „Wenn ein Bauer einen Esel besitzt, dann schlägt er ihn.“
- Relativsatz: „Jeder Bauer, der einen Esel besitzt, schlägt ihn.“
Beide Sätze erhalten typischerweise eine verallgemeinernde Lesart: Sie drücken aus, dass alle Bauern ihre Esel schlagen. Formal lässt sich diese Bedeutung mit einem Allquantor darstellen. Das ist erklärungsbedürftig, weil indefinite Nominalphrasen wie „einen Esel“ normalerweise mit einem Existenzquantor analysiert werden.
Zentrale Erklärungsansätze
Zur Erklärung von Eselssätzen gibt es zwei große Theoriefamilien: die dynamische Semantik und die E-type-Theorie. Beide sollen verständlich machen, wie ein Pronomen auf eine indefinite Nominalphrase bezogen werden kann, obwohl zwischen beiden keine klassische syntaktische Bindung besteht. Neuere Forschungen vertiefen und vergleichen diese Ansätze und untersuchen zusätzliches empirisches Material.
Dynamische Erklärung
Die dynamische Semantik geht auf Irene Heim und Hans Kamp zurück, die unabhängig voneinander zeitgleich ähnliche Analysen entwickelten. Anders als eine statische Semantik nimmt sie an, dass Sätze nicht nur von einem Kontext abhängen, sondern diesen Kontext zugleich verändern.
Dadurch kann der Existenzquantor, der zur indefiniten Nominalphrase gehört, das Pronomen auf der semantischen Ebene binden, obwohl es syntaktisch ungebunden bleibt. Das Problem wird somit durch eine neue Analyse indefiniter Nominalphrasen gelöst. Eine kompositionelle Variante der dynamischen Semantik, bei der die Bedeutung eines Gesamtausdrucks aus den Bedeutungen seiner Teile gebildet wird, entwickelten zuerst Groenendijk und Stokhof.
E-type-Erklärung
Die E-type-Theorie geht auf Robin Cooper und Gareth Evans zurück. Sie behandelt Pronomen als verdeckte definite Nominalphrasen, also als Ausdrücke, die inhaltlich einer bestimmten Beschreibung entsprechen. Auf diese Weise soll der Bezug des Pronomens auf den zuvor eingeführten Esel erklärt werden.
Die Theorie wurde zunächst von dynamischen Ansätzen abgelöst, durch Paul Elbournes moderne Interpretation jedoch wieder in die Diskussion eingebracht.
Erweiterte Lesarten und aktuelle Fragen
Eselssätze besitzen nicht nur Lesarten mit Allquantifikation. Sprachwissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass außerdem eine Reihe weiterer Lesarten möglich ist. Neuere Arbeiten untersuchen darüber hinaus die Interaktion von Eselssätzen mit Kontrafaktizität, also mit Aussagen über Situationen, die nicht tatsächlich bestehen.